Marathon in Berlin Der traurigste aller Olympiasieger

Sehen so Sieger aus? Der Koreaner Sohn Kee Chung gewann 1936 den Olympia-Marathon - für Japan. Mit der Goldmedaille unter falscher Flagge und falschem Namen haderte der Läufer sein Leben lang.

Son Kee Chung Stiftung Seoul

Er durchquert das Marathontor am Spätnachmittag des 9. August 1936. Die Sonne fällt warm ins Berliner Olympiastadion. Er trägt ein weißes Trikot, weiße Shorts, weiße Turnschuhe. Über 100.000 Zuschauer winken ihm zu. Noch 150 Meter, seine Füße trommeln die Aschenbahn hinunter, dann ist er Olympiasieger. Kurz reißt er die Arme hoch, trippelt weiter, jubelt, bis ein Betreuer ihm eine Decke bringt.

Unter Hitlers Augen steigt der Sieger eine Dreiviertelstunde später aufs Treppchen, die japanische Fahne auf weißem Sweatshirt. Der Läufer bekommt einen kleinen Eichenbaum in die Hände und wird mit einem Eichenblattkranz gekrönt. Zur japanischen Hymne werden die Nationalfahnen gehisst. Doch Sohn Kee Chung hält den Kopf gesenkt und blickt bedrückt zu Boden. Mit dem Eichenbaum versucht er, die japanische Flagge auf seiner Brust zu verdecken.

Auf der Anzeigetafel steht: Son Kitei, Japan, 2:29:19,2.
Aber es ist nicht sein Land.
Und auch nicht sein Name.

Dies ist die Geschichte eines großen Läufers, der nicht er selbst sein durfte. Im Norden Koreas wird Sohn Kee Chung 1912 geboren. Seit zwei Jahren herrscht das Kaiserreich Japan. Sohn wächst in ärmlichen Verhältnissen auf und verdient sein Schulgeld als Laufbote. Bald nimmt er an regionalen Wettbewerben teil, gewinnt in Seoul seinen ersten nationalen Lauf, wird in die Yonjeoun-Eliteschule aufgenommen.

1935 reist er nach Tokio: Der nationale Meiji-Wettkampf ist ein Vorentscheid für die Olympischen Spiele in Berlin. Sohn, 23, siegt überlegen in 2:26:42. Marathonweltrekord. Auch sein koreanischer Landsmann Nan Sung Yong schafft die Qualifikation. Zwei von drei Startplätzen in Japans Team besetzen nun Koreaner.

Trotz Tricks: Die Koreaner sind schneller

Dennoch gehen zwei Japaner neben Sohn und Nan auf die Olympia-Reise - 10.000 Kilometer mit der Transsibirischen Eisenbahn im Juni 1936. Am Bahnhof Friedrichstraße beschwert ein japanischer Botschafter sich gleich über die Koreaner. "Mit den ersten Worten zeigten sie uns ihre geballte Missbilligung", schrieb Sohn in seinen Erinnerungen. "Nach der langen anstrengenden Bahnreise waren wir nun endlich am Bahnhof von Berlin angekommen, und dann solch eine Begrüßung. Ohne es zu wollen, stiegen mir heiße Tränen empor."

Drei Wochen vor Olympia müssen die vier Läufer erneut gegeneinander antreten, 30 Kilometer auf einem Teil der Marathonstrecke durch den Grunewald. Der zweite Japaner findet eine Abkürzung und kann trotzdem Nan und Sohn nicht schlagen. Bei jedem Autogramm schreibt Sohn seinen koreanischen Namen und darunter sein Land Korea. Im Training weigert er sich, das Trikot mit dem roten Punkt auf weißem Grund zu tragen.

9. August 1936, 15 Uhr im Berliner Olympiastation, 56 Läufer an der Startlinie. Die Hakenkreuzflaggen wehen. Das olympische Feuer brennt, die Nazis haben sich diesen neuen Kult ausgedacht. Von Athen wurde quer die Flamme durch Europa weitergereicht, um bei der Eröffnung im Stadion das Feuer in der Schale zu entzünden.

Der Startschuss - Carlos Zapala, Olympiasieger von Los Angeles 1932, setzt sich an die Spitze und rennt als Erster durchs Marathontor. Mehr als eine Million Menschen stehen an der Strecke, über das Maifeld durch den Grunewald zur Avus, dort der Wendepunkt. Reporter kommentieren live. An der Seite des Briten Ernest Harper will Sohn beschleunigen, aber "Ernie" ruft: "Slow, slow".

Bei Kilometer 35 übernimmt Sohn die Führung, Zapala bricht ein. Schon sieht Sohn die Türme des Olympiastadions. In der Augustsonne fliegt sein langer Schatten über den Rasen des Maifelds, er biegt ins Stadion ein, die Zuschauer erheben sich. Deutlich unter zweieinhalb Stunden - Sohn läuft Olympischen Rekord. Und Nan Sung Yong, dessen Name ebenfalls japanisiert wurde (Nan Shoryu), wird Dritter hinter Ernie Harper.

"Ich lief für mein geschundenes Volk"

Bei der Siegerehrung blickt das Publikum auf Sohn. Die Nationalfahnen werden gehisst, Sohn senkt den Kopf. Fotografen halten diesen Moment fest. Auch Regisseurin Leni Riefenstahl schaut genau hin. Sie wird ihn noch fragen, warum er nicht strahlen konnte.

"Zum ersten Mal realisiere ich die japanische Flagge und die japanische Hymne", schrieb Sohn später. "Es ist mein Sieg. Aber was bedeutet diese Fahne? Was bedeuten dann die Übergriffe der Japaner auf meine Landsleute? Ich bin nicht für die Japaner gelaufen. Ich bin für mich gelaufen, und für mein geschundenes Volk."

Als Sieger ist Sohn ein gefragter Mann. Koreanische Exilanten laden ihn nach Schöneberg ein. In Japan wird er als Held gefeiert. Auf der Ehrentafel am Berliner Olympiastadion steht bis heute Japan hinter Sohns Namen. Weltweit berichten die Zeitungen, auch in Seoul erschallen Hurrarufe. Aber koreanische Journalisten erkennen die Symbolkraft von Sohns Blick auf dem Siegerpodest.

Die koreanischen Zeitungen unterliegen der Zensur. Dennoch entscheidet sich der leitende Redakteur eines Blattes in Seoul, die japanische Flagge auf Sohns Trikot weg zu retuschieren. Die Japaner schließen daraufhin die Zeitung. Der verantwortliche Redakteur Lee und seine Kollegen kommen ins berüchtigte Seodaemun-Gefängnis und erhalten Berufsverbot.

Brieffreundin Leni Riefenstahl

Als der Olympiasieger in Tokio ankommt, wird er noch stürmisch gefeiert, dann aber unauffällig nach Seoul geflogen. Im letzten Schuljahr an der Yonjeoun-Oberschule muss er sich von öffentlichen Veranstaltungen fernhalten und wird vom Geheimdienst überwacht. Koreanische Behörden raten ihm zum Studium in Japan. Sohn erlebt dunkle Zeiten: "Der Druck ist zu groß, am liebsten würde ich meinen Sieg zurückgeben." Er gibt nach und darf in Tokio an der privaten Meiji-Universität Jura studieren. Auflage: keine öffentlichen Wettkämpfe.

Dann greift das japanische Kaiserreich das chinesische Festland an; im September 1939 marschiert Deutschland in Polen ein. Die koreanischen Männer werden rekrutiert oder Zwangsarbeiter in der Kriegsindustrie, viele Frauen als Zwangsprostituierte in Frontbordelle verschleppt. Der Zweite Weltkrieg endet für Japan mit den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki. Nach 35 Jahren weht wieder die koreanische Nationalflagge über Seoul.

Sohn bleibt vom Krieg verschont und arbeitet nach seinem Studium, zurück in Seoul, als Bankangestellter. Er heiratet und bekommt zwei Kinder, doch nach wenigen Jahren stirbt erst seine Frau und kurz darauf seine Mutter. Später scheitern auch eine zweite Ehe und eine Karriere als Unternehmer.

Mit Mitte 30 wird Sohn nach dem Krieg für eine junge Nation zum Helden, als koreanischer Marathonsieger. Er beginnt, junge Läufer zu trainieren, mehrfach gewinnen seine Schützlinge beim Boston-Marathon. Nach dem Koreakrieg erhält Sohn weltweit Einladungen und kommt 1956 zum ersten Mal wieder nach Berlin. Dazu notiert er: "Wie ein Film läuft vor meinen Augen jener Lauf ab, diese 42,195 km, die ich mit der japanischen Flagge auf der Brust bewältigte."

Er trifft Leni Riefenstahl, die seine Erinnerungen in Bildern festhält. Ihr reger Briefkontakt wird Jahrzehnte überdauern. Regelmäßig treffen sich die beiden, etwa bei ihr in Garmisch-Partenkirchen oder zu Olympia 1972 in München. Riefenstahl schneidet ihm eine eigene gekürzte Version ihres Olympia-Films.

Endlich am Ziel

Sohn Kee Chung wurde 90 Jahre alt. Er starb 2002 an einer Lungenentzündung. Nach 1936 ist er nie wieder zu einem Wettkampf angetreten, nur ein einziges Mal noch öffentlich gelaufen. Sehr öffentlich. Weil die Olympischen Spiele 1988 in Südkorea stattfanden - Seoul hatte sich als Austragungsort ausgerechnet gegen Nagoya in Japan durchgesetzt.

17. September '88, zur Eröffnungsfeier marschieren die Nationen ein ins ausverkaufte Olympiastadion von Seoul. Die Reden sind gehalten, die Olympiafahne wird gehisst, weiße Tauben steigen auf. Fünf Flugzeuge malen die olympischen Ringe an den Himmel. Fanfaren.

Ein Mann läuft ins Stadion. Wieder trägt er weißes Trikot, weiße Shorts, weiße Socken in weißen Schuhen. Und diesmal in der rechten Hand die Fackel, mit weißen Handschuhen. Sein Haar ist auch weiß, sein Schritt etwas kürzer als 52 Jahre zuvor, dafür tänzelnd, links, rechts. Er reißt die Arme hoch, schwenkt unter Applaus die Fackel und atmet jeden Meter tief ein (siehe Fotostrecke).

In vielen Sprachen kündigt der Stadionkommentator den Läufer an: Sohn Kee Chung, Olympiasieger im Marathon von 1936, übergibt nach hundert Metern die Fackel. Endlich ist er angekommen.

Aber von einem echten koreanischen Olympiasieg, einem Marathonerfolg unter der Flagge Koreas - davon träumt Sohn weiter. Bis 1992. In Barcelona ist es wieder der 9. August, als ein Koreaner mit einem Kopf-an-Kopf-Rennen Sportgeschichte schreibt. Die letzten Kilometer kämpft Marathonläufer Yong Cho Hwang Seite an Seite mit dem Japaner Kichi Morishita, fast zehn Minuten lang. Bis der Koreaner davonzieht und Gold holt. Nach dem Lauf geht Hwang zu Sohn und hängt ihm die Medaille um den Hals.

Mitarbeit: Friedemann Hottenbacher, Autor der ZDF-Dokumentation "Sieg unter falscher Flagge - Olympia-Marathon 1936".

insgesamt 5 Beiträge
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Peter Janik, 23.09.2016
1. Es gibt zu dem Thema sogar einen Film
... der lose auf die Geschehnisse eingeht. http://www.imdb.com/title/tt1606384/?ref_=nm_flmg_act_4
Michael Udo, 23.09.2016
2. 2 Monate zu spät
Lief schon vor Monaten im Fernsehen ... rechtzeitig zu Olympia in Rio.
Michael Weber, 23.09.2016
3. Mal sehen
wann der erste kommt der den Fackellauf jetzt abschaffen will weil er so in der Form auf das Dritte Reich zurückzuführen ist. Aber schön zu sehen dass SPON solche Themen nicht nur anlässlich einer Olympiade bringt. Vergessene 'Helden' wie Sohn oder Schiff sind kleine Details die diese riesigen Ereignisse, für mich, erst begreifbar und wertvoll machen.
antitsch, 24.09.2016
4. @Michael Weber
Spon bringt diesen Bericht anlässlich der Olympiade. ansonsten hätte SPON ihn ja während der olympischen Spiele gebracht. Aber als Fan des unverzichtbaren Fackellaufs kennen sie ja den Unterschied zwischen Olympiade und olympischen Spielen
Justus Jonas, 24.09.2016
5. Stolz
Ruehrende Geschichte. Allerdings waer ICH an seiner Stelle fuer das Rennen wahrscheinlich garnicht erst angetreten.
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