Thatcher und die Wiedervereinigung Eisernes Misstrauen

Thatcher und die Wiedervereinigung: Eisernes Misstrauen Fotos
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Schimpftiraden, Warnungen vor deutscher Barbarei und konspirative Treffen mit Staatschefs: Mit allen Mitteln versuchte Margaret Thatcher, die deutsche Wiedervereinigung aufzuhalten. Sie scheiterte - weil ihre eigene Partei ihr in den Rücken fiel. Von

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Das Ritual hatte etwas von einem Kleinkrieg: Jeden Morgen, wenn vor der deutschen Botschaft im feinen Londoner Stadtteil Belgravia die Flaggen gehisst wurden, zogen die Deutschen zunächst das Sternenbanner der EU empor und danach erst die Bundesflagge. Die Reihenfolge sollte eine Nachbarin ärgern, die im Haus schräg gegenüber ihr Büro unterhielt: Margaret Thatcher, Britanniens ehemalige Regierungschefin. Über die dachte man eine Sache mit Sicherheit zu wissen: dass sie nämlich das Symbol eines vereinigten Europa mitten in London noch weitaus mehr ärgerte als die Präsenz der wenig geliebten Deutschen.

Sie hatte ihre Gründe, die Deutschen wenig zu lieben. Wegen der Nähe zu einem Stützpunkt der britischen Luftwaffe war ihre Heimatstadt Grantham ein häufiges Angriffsziel während des Zweiten Weltkriegs. Wenn die Bomben fielen, verschanzte sich Margaret mit ihren Hausaufgaben unter dem Esszimmertisch ihres Elternhauses. Und auch als junge Studentin in Oxford litt sie noch unter dem ständigen Sirenengeheul. Diese Erinnerungen saßen tief: Noch in einer Rede vor dem Beirat der britischen Juden im Februar 1990 betonte Thatcher, dass die deutsche Wiedervereinigung "bittere Erinnerungen an die Vergangenheit" auslösten.

Es gab einen deutschen Politiker, den sie ganz besonders wenig liebte: Helmut Kohl. Nicht, dass sie ihn als einen neuen Hitler betrachtete - sie verstand ihn einfach nicht als Politiker. Der Mann war in der Lage, für ein Fußballspiel der deutschen Nationalmannschaft wichtige Verhandlungen zu unterbrechen oder einen Termin mit ihr rasch und rüde zu beenden, um in einem Café den Nachmittag ohne ihre Belehrungen zu verbringen. War so einer ernst zu nehmen? Berühmt wurden ihre Worte an ihren außenpolitischen Berater und Intimus Christopher Powell, bei dem sie sich nach einem Treffen mit Kohl beklagte: "Christopher, der Mann ist so deutsch." Es hatte, bei ihm zu Hause in Ludwigshafen-Oggersheim, Saumagen gegeben.

Die beiden mögen sogar ganz klammheimlich einen gewissen Respekt voreinander gehabt haben, wie jeder seine Rolle ausfüllte – was Kohl nach ihrem Tode in bewegenden Worten auch beteuerte. Aber, so berichtet ihr Außenminister Douglas Hurd in seinen Memoiren, sobald sie im selben Raum gesessen hätten, seien beide einfach in schlechter Form gewesen. Dann spritzte Gift, dann konnte sie ihm etwa in der Frage der Modernisierung von taktischen Atomwaffen öffentlich "Feigheit" vorwerfen, dann hatte er von ihrem nervenden Ton die Nase so gestrichen voll, dass er nur noch abschätzig von "dieser Frau" sprach.

Als unter diesen ohnehin angespannten Voraussetzungen schließlich 1989 auch noch dass Thema Wiedervereinigung auftauchte, sollte eine sehr schwere Zeit für das deutsch-britische Verhältnis anbrechen.

"Entschieden gegen ein vereinigtes Deutschland"

Wie viele Engländer ihrer Generation, welche die Nazi-Zeit und den Krieg noch bewusst miterlebt hatten, war auch Thatcher zutiefst von der Ungerechtigkeit überzeugt, dass der ehemalige Feind wirtschaftlich so stark geworden war. Sie und ihre Parteifreunde saßen in einer politischen Zwickmühle: Der westliche Ansatz, Deutschland nach dem Krieg vermehrt einzubinden und alle eventuellen Hegemoniebestrebungen im Keim zu ersticken, war gleichzeitig auch der Weg zu einem immer enger zusammenarbeitenden Europa geworden. Die Unterstützung der Wiedervereinigung, für die Großbritannien als Nato-Mitglied und auch Thatcher selbst sich ein ums andere Mal ausgesprochen hatten, hatte sich aus Sicht der Premierministerin als Irrweg entpuppt: Entgegen ihrem Willen, so sah sie es, schwächte diese Strategie das Vereinigte Königreich und trug zu einem von Deutschland beherrschten Europa bei.

Das konnte, das durfte nicht sein. Von allen Siegermächten des Zweiten Weltkriegs wurde Großbritannien unter der Eisernen Lady zum entschiedensten Gegner der Wiedervereinigung. Noch während im Herbst 1989 Tausende Demonstranten durch die Innenstadt von Leipzig zogen, gab Margaret Thatcher bei einem Moskau-Besuch gegenüber dem sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow unumwunden zu: "Ich bin entschieden gegen ein vereinigtes Deutschland." Um ihr Ziel zu erreichen, sprach sie sich sogar dafür aus, die russischen Truppen möglichst lange in Ostdeutschland stehen zu lassen: "Vielleicht brauchen wir sie noch eines Tages, um ein vereintes Deutschland in Schach zu halten."

Ihre schlimmsten Befürchtungen werden bestätigt, als Helmut Kohl, gerade mal drei Wochen nach dem Fall der Mauer, ein Zehn-Punkte-Programm zur Wiedervereinigung vorlegt, das er zuvor weder mit seinem Koalitionspartner Hans Dietrich Genscher noch mit irgendeinem Verbündeten Deutschlands abgesprochen hat. Deren Empörung ist groß.

Wenige Tage später treffen sich viele von ihnen beim EU-Gipfel in Straßburg, und selbst Kohl muss – in seinen Erinnerungen – zugeben, dass die Atmosphäre noch nie so "angespannt und unfreundlich" gewesen sei. Maragaret Thatcher gibt den Ton vor: "Zweimal haben wir die Deutschen geschlagen. Jetzt sind sie wieder da." Heimlich trifft sie sich mit dem französischen Staatspräsidenten François Mitterrand, um zu beraten, wie die drohende Wiedervereinigung wenigstens noch zu verzögern ist. Kohl scheine "vergessen zu haben, dass die Teilung Deutschlands die Folge eines Krieges ist, den Deutschland angefangen hat", belehrt sie den Präsidenten.

Misstrauen gegenüber den "Hunnen"

Im März 1990 berichtet der französische Botschafter in London von einem Abendessen, auf dem die Premierministerin gesagt habe, angesichts der "deutschen Gefahr" bedürfe es eines "Gegengewichts" der beiden Nuklearmächte England und Frankreich. Nur so sei zu verhindern, dass die "kleineren Staaten des Ostens politisch und wirtschaftlich zu Satelliten" eines übermächtigen Deutschlands würden. "Kohl ist zu allem fähig", zitiert der Botschafter die britische Regierungschefin weiter, "er sieht sich als Herr der Dinge und führt sich auch so auf".

Berühmt und berüchtigt geworden ist ein Treffen von Thatcher mit fünf prominenten Historikern, allesamt ausgewiesene Deutschlandexperten, auf dem Landsitz Checkers. Wenige Tage zuvor hatte Thatchers Vertrauter Powell ihnen einen Fragenkatalog zum Wesen und zum Nationalcharakter der Deutschen vorgelegt, der vor allem das Misstrauen der Regierungschefin widerspiegelte: Haben sich die Deutschen wirklich verändert oder sind sie noch der alte aggressive Volksstamm geblieben, den Engländer so gerne mit dem Schimpfwort "Hunnen" belegen?

Es gab gut zu essen, reichlich und exquisit zu trinken, entsprechend lebhaft fielen die Gespräche aus. Im Protokoll listete Powell alphabetisch die Attribute auf, die im Laufe des Abends über die Deutschen gefallen waren: "Aggressivität, Angst, Minderwertigkeitskomplex, Rücksichtslosigkeit. Selbstgefälligkeit, Sentimentalität und Überheblichkeit."

Diese aus einzelnen Zitaten zusammengestellte Horrorliste entsprach jedoch sicher nicht dem Grundtenor des Abends. Wieder und wieder versuchten die Historiker, der Regierungschefin zu erklären, dass die Niederlage von 1945 wirklich ein entscheidender Einschnitt für die Deutschen gewesen sei. Und dass sie, zumindest im Westen, in den Folgejahren eine verlässliche Demokratie aufgebaut hätten.

Deutschland - in die Barbarei zurückgefallen?

Thatcher wollte davon wenig wissen. In einem halbstündigen Monolog ließ sie ihren Befürchtungen freien Lauf: Während der Nazi-Zeit habe das einstige Kulturvolk der Deutschen einen Absturz in die Barbarei zugelassen. Wer könne garantieren, dass sich das nicht wiederhole? Außenminister Douglas Hurd notierte am selben Abend in sein Tagebuch: Von den Experten habe "niemand ihr übertriebenes Misstrauen geteilt, aber dadurch schlug sie nur noch mehr um sich". Selbst Thatchers enger Vertrauter Powell fasste die Empfehlung der Experten so zusammen: "Seid nett zu den Deutschen."

Nett zu den Deutschen, das war die Premierministerin anschließend zwar immer noch nicht - dafür jedoch Hurd und seine Mitarbeiter im Außenministerium. Während der entscheidenden Verhandlungen zum Zwei-plus-vier-Abkommen der Siegermächte mit den beiden Deutschlands erwiesen sie sich als so kooperativ, dass der Eindruck entstand, sie kümmerten sich nicht weiter um die wütenden Blitze aus der Downing Street.

Der amerikanische Außenminister James Baker war schließlich derjenige, der in letzter Minute - in der Nacht vor dem Abschluss des Zwei-plus-vier-Vertrags am 12. September 1990 - auch die britischen Skeptiker zur Raison brachte. Um 12.45 Uhr Ortszeit wurde der Vertrag in Moskau unterzeichnet.

Dass sie in Wahrheit längst verloren hatte und den Lauf der Geschichte nicht aufhalten konnte, war niemandem klarer als Margaret Thatcher selbst. In ihren Memoiren gab sie zu, mit ihrer Deutschlandpolitik gescheitert zu sein.

Nicht dass sie’s nicht bis zuletzt versucht hätte: Noch in der Nacht vor der Unterschrift unter den Zwei-plus-vier-Vertrag bestanden die Briten auf dem Recht, künftig auch in der ehemaligen DDR Manöver abzuhalten.


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    Seite 1    
1.
Bernd E Scholz 09.04.2013
Man muss schon völlig geschichtsvergessen sein, um solch eine angelsächsische Gutsherrinnen-Arroganz ertragen zu können. Der totale 12-jährige politische Blackout der Deutschen von 1933 bis 1945 kam den um Schwächung der zentralen Kontinentalmächte Frankreich und Deutschland immer bemühten Briten gerade recht. Heute, 2013, ist es mit den britischen Weltherrschaftsphantasmen aus und vorbei. Und nicht nur mit diesen - mit allen. Kohl hat den Neuanfang der europäischen Politik vom Atlantik bis zum Ural zusammen mit anderen europäischen Politikern ins Werk gesetzt - im eigenen Land gegen den hinhaltenden Widerstand der Pygmäen aus den CDU-Landes- und Ortsverbänden, die sozusagen spiegelbildlich verkehrt wie die konservativen Landbesitzer hinter Margret Thatcher ihren alten deutschnationalen Irrtümern hinterhertrauerten. Vorbei ist das leider immer noch nicht, wie die vergangenen Euro-Krisen und das forsche Auftreten Berliner Politiker täglich neu beweisen. Es wäre gut, wenn Margret Thatcher auch diese Berliner Schwachheiten mit ins Grab hätte nehmen können.
2.
Wolfgang Jaschke 09.04.2013
Wo ist die Grenze zwischen "aus der Geschichte lernen" und "in der Geschichte gefangen sein"? Wo sich selbst viele Historiker verirren, konnte man von der eisernen Lady wohl keine bessere Sicht erwarten. Und natürlich kann Deutschland schnell wieder in die Barbarei verfallen; genau so wie alle anderen Staaten auch: Nicht nur die Moral kommt erst nach dem Fressen sondern auch die Vernunft.
3.
Georg Kreyerhoff 10.04.2013
"Im Protokoll listete Powell alphabetisch die Attribute auf, die im Laufe des Abends über die Deutschen gefallen waren: 'Aggressivität, Angst, Minderwertigkeitskomplex, Rücksichtslosigkeit. Selbstgefälligkeit, Sentimentalität und Überheblichkeit.'" Leserdiskussionen bei SPON bestätigen im Wesentlichen dieses Urteil.
4.
Christof Roscher 10.04.2013
"Aggressivität, Angst, Minderwertigkeitskomplex, Rücksichtslosigkeit. Selbstgefälligkeit, Sentimentalität und Überheblichkeit." Mit diesen Attributen hat Thatcher zumindest die Kehrseite des Deutschen Wesens doch sehr treffend analysiert. Auch wenn ich sie und ihre Politik zutiefst verachte war sie offensichtlich ein kluger Kopf!
5.
Martin Bitdinger 10.04.2013
Sind wir doch ehrlich: 95 % der Westdeutschen wünschten sich, daß Thatcher sich mit ihrer Ablehnung durchgesetzt hätte.
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