Marianne Faithfull zum Geburtstag Supergroupie, Superwoman

Sie war Mick Jaggers Freundin, Skandalnudel, It-Girl des Swinging London. Und ist mit 70 heute die Grande Dame des Rock'n'Roll. Marianne Faithfull gelang trotz aller Drogenexzesse ein Erfolg, mit dem niemand rechnete.

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Vor einiger Zeit saß Marianne Faithfull mal grimmig in einem dieser Pariser Bistros, die damit werben, dass schon viele berühmte Menschen dort einkehrten. In jenem elegant runtergerockten Laden nahe Faithfulls Wohnung tranken bereits F. Scott Fitzgerald, Ernest Hemingway, Pablo Picasso und ein gewisser Mick Jagger.

Wobei dessen Name in Marianne Faithfulls Gegenwart besser nicht erwähnt werden sollte. An den Rolling-Stones-Sänger, mit dem sie in den Sechzigerjahren sehr öffentlich liiert war, möchte sie keine Gedanken mehr verschwenden - nachdem sie ihre Affären als eine Art Supergroupie der Sechzigerjahre so lange so intensiv beplaudert hatte.

Es war das Jahr 2014, als ich Faithfull für ein Interview in Paris traf. Ich kannte ihren Ruf, eine sehr anstrengende Interviewpartnerin zu sein. Und trat dennoch voll ins Fettnäpfchen.

Ich lernte: Wer die ohnehin reizbare Britin wirklich zur Weißglut bringen will, muss sie nur eine "Überlebenskünstlerin" nennen. Das bringt sie augenblicklich auf die Zinne. Denn ihre Vergangenheit ist für Faithfull nur Schnee von vorgestern, höchstens. Nostalgie sei noch nie ihr Problem gewesen, fauchte sie mich damals im Bistro an.

Fragen nach dem Privatleben kann sie nicht ausstehen

Dummerweise wird Faithfull dieser Tage auch schon 70 Jahre alt, und viele der alten, ungeliebten Geschichten aus ihrem Leben werden aus diesem Anlass wieder hervorgekramt werden. Vermutlich wird sich die Künstlerin an ihrem Geburtstag allein in ihrer Wohnung im Zentrum von Paris verbarrikadieren und warten, bis der Rummel um ihre Person sich wieder verflüchtigt hat. Vielleicht schaut aber auch ihr Sohn Nicholas mit ihrer Enkelin vorbei, oder sie amüsiert sich irgendwo mit ihrem Lebensgefährten, falls es einen geben sollte.

Marianne Faithfull - As Tears Go By

Man wird es kaum erfahren. Fragen nach ihrem Privatleben kann Faithfull nicht ausstehen, was ihr gutes Recht ist, nach einem überwiegend im Rampenlicht gelebten Leben.

Zur Welt kam Marianne Faithfull am 29. Dezember 1946 im elegant verschlafenen Londoner Stadtteil Hampstead. Ihr Vater war ein britischer Armeeoffizier, ihre Mutter eine österreichische Adlige. Als Kind träumte Marianne davon, eine Schauspielschule in Wien zu besuchen oder eines Tages in einer Oper von Mozart mitzusingen.

Hauptqualität: Sie sah so umwerfend aus

Dann aber nahm ihre innig geliebte Großmutter sie eines Tages mit zu einer Aufführung des Musicals "Westside Story", wo wohl der Geist des Showbusiness in die tief beeindruckte Enkelin fuhr. Denn von jenem Tag an wollte sie nur noch Pop-Songs singen.

Tatsächlich in Fahrt kam ihre Karriere 1964, als sie acht Minuten lang Joan-Baez-Songs im Vorprogramm der Hollies klampfen durfte - ihr erster öffentlicher Auftritt überhaupt. Singen konnte sie ganz leidlich und sie beherrschte auch ein paar Gitarrengriffe. Aber vor allem sah sie damals so umwerfend aus, dass Zeitzeugen heute noch ganz verzückt sind.

Kein Wunder also, dass die hübsche junge Frau wenig später auf einer Party der Rolling Stones landete, wo sie Andrew Loog Oldham beeindruckte, den Manager der jungen Wilden. Er gilt seitdem als ihr "Entdecker". Nach dieser Party sei ihr Leben ein anderes geworden, so Faithfull.

Damals brachte Loog Oldham seine Klienten Jagger und Richards dazu, Faithfull den Song "As Tears Go By" zu überlassen. Sie sang ihn noch mit zarter Mädchenstimme, er wurde tatsächlich ein Hit und legte den Grundstein zu ihrer Karriere.

Mick und Marianne, das Glamour-Paar

Es folgten weitere erfolgreiche Songs, Schauspielunterricht und eine leidenschaftliche Affäre mit Mick Jagger. Für ihn verließ Faithfull ihren frisch angetrauten Gatten und den gemeinsamen Sohn, um sich lustvoll mit dem Sänger ins wilde Londoner Nachtleben zu stürzen. In den "Swingin' Sixties" wurden Mick und Marianne zum glamourösen Vorzeigepaar der Metropole und schienen alles im Übermaß zu genießen.

Dass Faithfull aber ebenso unbeschwert wie Jagger die Puppen tanzen ließ, kam in den Medien nicht gut an. Spätestens nach einer exzessiven Sause 1966 im Haus von Keith Richards in Sussex, bei der Polizisten die nur mit einem Pelz bekleidete Marianne Faithfull aufgabelten, galt sie in der Presse als "Schlampe" oder "Flittchen", die ihre Familie im Stich gelassen habe, um mit halbseidenen Typen auf den Putz zu hauen.

Marianne Faithfull - Sister Morphine (1989 live)

Nebenher inspirierte sie die Rolling Stones zu Songs wie "Sympathy For The Devil", "Wild Horses" oder "You Can't Always Get (What You Want)". Zum Drogensong "Sister Morphine" lieferte sie sogar den Text. Aber zum Ende der Sechzigerjahre hin wuchs ihr alles so über den Kopf, dass sie sich 1970 von Jagger trennte.

Es folgte der Absturz. Drogen und Alkohol trugen sie so aus der Bahn, dass Faithfull eine Weile obdachlos in den Straßen von Soho hauste. Das Sorgerecht für ihren Sohn war ihr längst entzogen worden. Ein Selbstmordversuch scheiterte knapp.

Ein Song für Ulrike Meinhof

Das sei natürlich alles nicht angenehm gewesen, grummelte sie 2014 beim Interview in Paris. Aber auch längst nicht so furchtbar, wie es sich Menschen ausmalten, die niemals in solchen Situationen waren. Wobei anzumerken wäre, dass Faithfull eben auch zäh und stark ist, sonst hätte sie ihre Abstürze kaum überstanden. Doch nach einigen Monaten ließ sie sich von Freunden helfen, absolvierte einen Entzug und kam wieder auf die

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Marianne Faithfull zum Geburtstag: "70 ist doch ganz schön alt, oder?"

Beine.

Als Erinnerung an diese finsteren Zeiten blieb Faithfull die brüchig gewordene, dunkle Stimme. Völlig überraschend gelang ihr 1979 ein spektakuläres Comeback mit dem Album "Broken English", das bis heute als ihr Meisterwerk gilt.

Kurzfilm zu Faithfulls Album "Broken English" (1979)

In dem von Ulrike Meinhof inspirierten Titelsong bündelte Faithfull all ihre aufgestaute Wut zu großer Kunst. Das brachte ihr nicht nur den Applaus von Kritikern, sondern auch Millionen verkaufte Platten. Ohne diesen Erfolg hätte sie die - finanzielle wie persönliche - Wende in ihrem Leben vermutlich nicht geschafft.

Seitdem hat Faithfull regelmäßig neue Alben veröffentlicht. Manche umwerfend, manche nicht. Sie ließ sich auf Konzertreisen feiern und beeindruckte obendrein als Schauspielerin in Filmen wie "Irina Palm" oder "Marie Antoinette". Trotz immer wiederkehrender finanzieller Probleme und ihrer lädierten Gesundheit.

Ob es ihr also passt oder nicht: Selbstverständlich ist Marianne Faithfull auch eine große Überlebenskünstlerin.

Jetzt aber mal Schluss mit den Tourneen

Nicht, dass sie nicht klagen würde. Ganz im Gegenteil: Faithfull ist eine Großmeisterin des beständigen Zeterns. Nur ist es kein Zetern über das Altern oder Gebrechen. Sondern mit Vorliebe darüber, dass sie völlig unterschätzt sei. Was ihre Musik angeht, hat sie sogar recht. Einige der Alben, die sie mit Größen wie Hal Willner oder Angelo Badalamenti einspielte, hätten ein sehr viel größeres Publikum verdient gehabt.

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Jetzt auch schon 70: Uschi Obermaier, Partygirl der Apo

Aber letztlich hat Marianne Faithfull keinen Grund zu jammern. Immerhin residiert sie zurzeit in einem der schöneren Viertel von Paris und nennt obendrein ein Cottage in Irland ihr Eigen.

Künftig wird sie mehr Zeit dazu haben, dort innezuhalten. Denn auf Tournee will sie künftig nicht mehr gehen, um ihre Gesundheit zu schonen: "70 ist doch ganz schön alt, oder?" Faithfulls ohnehin heisere Raspelstimme hatte auf Tour zuletzt nicht mehr die frühere Kraft; Auftritte absolvierte sie oft sitzend auf einer Art Thron, nachdem sie sich die Hüfte gebrochen hatte.

Schon beim Interview 2014 in Paris war sie angeschlagen, betrat das Bistro am Stock gehend. Sie habe wirklich genug erlebt und überlebt, sagte Marianne Faithfull. Wichtig sei letztlich nur: Sie schäme sich für nichts. Wirklich gar nichts.

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insgesamt 7 Beiträge
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Roland Reithinger, 29.12.2016
1. Hingeschluderter Artikel
Ist das wirklich alles was euch zu M.F. einfällt? Sie hätte wirklich mehr verdient. Die Bilderreihe = ein paar Bilder aus der Schachtel gezogen, gemischt und ohne chronoligischen Bezug aneinander gefügt. "Nackt unter Leder" mal mit englischem, mal mit deutschem Titel im Untertext beschrieben, gefühlt bei der Hälfte der Bilder vertreten - so bedeutend war der Streifen jetzt wirklich nicht, dann noch "Marie Antoinette" und das wars dann, daß da noch 19-20 Filme findet keine Erwähnung. Ihr reduziert sie praktisch auf wenige Monate in den `60ern. Soll das eine billige Racheaktion des Autors sein, nachdem sie ihn 2014 im Cafe so zusammengefaltet hatte? Tip: Nächstes Interview mit David Cassidy, der redet event. gerne über die Partridge Family oder eine Serie über die Bedeutung von Schottenkaros für Beziehungsstörungen mit den Ex BCRs.
Tina Hammer, 29.12.2016
2. Trauriger Artikel
Der Artikel wirkt komplett willkürlich, so als häte da jemand geschrieben, der Frau Faithfull nur wirklich als Groupie kennt und sich ansonsten nicht mit ihr beschäftigt hat. Das hätte aber nachgeholt werden können, wenn man sich schon befleißigt, ihr zum Geburtstag mit mehr als nur "alles Gute" zu gratulieren. Die Photostrecke ist ein Desaster - fast nur Mick Jagger und "Nackt...", dabei gäbe es viel mehr und auch gerade zu aktuelleren Projekten. Der herausragende Film "Irina Palm" findet überhaupt keine Erwähnung obgleich er ja nicht nur thematisch schon sehr speziell war und Frau Faithfull hier mehr als gute Kritiken erhielt. Auch das Stück "The Ballad of Lucy Jordan" wird nicht erwähnt oder gar die Kooperation mit Metallica in "The memory remains" (In den 1990er Jahren arbeitete sie auch mit jungen Musikern und Bands zusammen, u. a. mit Pulp und Metallica (bei dem Song The Memory Remains). 1994 erschien ihre Interpretation von Van Morrisons Madame George als Single (auch auf Van Morrisons No Prima Donna), 2004 ihr Album Before the Poison, auf dem sie u. a. mit Nick Cave und P. J. Harvey zusammenarbeitete. Im selben Jahr trat sie in 75 Vorstellungen von The Black Rider von Robert Wilson auf. ---> Auszug aus der Wikipedia). Da hätte FRau Faithfull wirklich Besseres verdient.
Robert Rimpfl, 29.12.2016
3. nun ja, die Sacher-Masochs
als österreichisch-ungarischen Adel zu bezeichnen, ist schon etwas daneben.Die gehörten zum typischen Beamtenadel, nur noch unterboten vom "Edlen".
Ronald Soll, 29.12.2016
4.
Ihre "Broken English" LP und die Autobiografie von 1995 haben mich seinerzeit nachhaltig beeindruckt. Seitdem habe ich sie immer auf dem Schirm. Ich bin beeindruckt, was Sie für eine Karriere hingelegt hat.
Wilfried Bergmann, 29.12.2016
5. Broken English
Einer der besten Songs meiner Jugend. Wir waren damals doch alle mehr oder weniger durchgeknallt. Wer es ins bürgerliche Leben schaffte, und nicht einer der Geier von MSB, KB, KBW war, der hatte schon viel Glück. Die Politprofis machten alle Karriere mit und im Kapitalsimus. Dagegen half dann diese wunderbare Musik, wenn man an die Verräter dachte, die dachten, das Wandern durch die Institutionen würden den Kapitlaismus besiegen. Pistekuchen, der Kapitalismus hat sie einfach korrumpiert und aufgesogen. Ich liebe Marianne Faithful!
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