150. Geburtstag von Marie Curie Die Radium-Rebellin

Als Genie verklärt, als Ehebrecherin verteufelt: 1867 wurde mit Marie Curie der erste wissenschaftliche Weltstar geboren. Sie stürmte eine Männerbastion nach der anderen - und bezahlte ihre Entdeckung mit dem Leben.

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Der Mob scheint zu allem entschlossen. "Nieder mit der Fremden, nieder mit der Gattendiebin" skandieren die Menschen, die sich am Morgen des 23. November 1911 vor dem Haus von Marie Curie in Sceaux versammelt haben. Manche werfen Steine gegen die Fenster. Freunde eilen herbei, um Curie zu beschützen und in Sicherheit zu bringen. "Versteinert" und "weiß wie eine Statue", so beschreiben Augenzeugen die Wissenschaftlerin.

Was hat Marie Curie, die erste Nobelpreisträgerin, verwitwete Mutter zweier Mädchen, nur verbrochen?

Geliebt hat sie. Einen jüngeren, verheirateten Mann und vierfachen Vater: Paul Langevin, Schüler und Freund ihres 1906 von einem Pferdewagen überrollten Partners Pierre. Als die Affäre öffentlich wurde, traten rechtskonservative Zeitungen eine Schmutzkampagne los, die das ganze Land spaltete.

Von Kollegen gedemütigt

Erbost attackierten Moralhüter die aus Polen stammende "Ausländerin" und "Jüdin", die sich nur für "Bücher, Labor, Ruhm" interessiere und kaltblütig ein "französisches Heim" zerstöre. Sie sei eine "Fremde, eine Intellektuelle, eine Emanze", hetzte Gustave Téry, Gründer der antisemitischen Wochenzeitschrift "L'Oeuvre".

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Nobelpreisträgerin Marie Curie: "Von der einen, einzigen Sache erfüllt"

Am schlimmsten demütigten sie jedoch die eigenen Kollegen: Professoren der Pariser Sorbonne forderten Curie auf, Frankreich zu verlassen. Und aus Stockholm erreichte sie per Brief die Bitte, nicht zur Verleihung ihres zweiten Nobelpreises zu reisen.

Ein Affront, den Curie nicht akzeptierte: "Ich glaube, es besteht keine Verbindung zwischen meiner wissenschaftlichen Arbeit und (…...) meinem Privatleben", konterte sie, fuhr nach Schweden und holte sich hoch erhobenen Hauptes die Auszeichnung ab. Erst danach brach die Forscherin zusammen, wurde ins Krankenhaus eingeliefert, tauchte monatelang ab.

Madame Curie tat, was sie für richtig hielt, liebte, wen sie wollte. Und pfiff ein Leben lang auf das gängige Frauenideal. Doch war sie weder die feministische Ikone, zu der sie schon zu Lebzeiten stilisiert wurde. Noch die überirdische Wonder Woman, als die Tochter Ève sie überhöhte.

Die wohl berühmteste Naturwissenschaftlerin der Welt war eine beispiellos kluge, besessene Frau, die sich leidenschaftlich in den Dienst der Forschung stellte - und am Ende mit ihrem Leben dafür bezahlte.

"Sie verhält sich zurzeit eben wie ein Kind"

Maria Salomea Sklodowska, so Curies Geburtsname, war am 7. November 1867 als letztes von fünf Kindern in Warschau geboren worden. Mit vier konnte sie lesen, mit 15 legte sie das beste Abitur ihres Jahrgangs hin. Und wurde danach so krank, dass ihr Vater sie ein Jahr lang zur Erholung aufs Land schickte.

Da Frauen in Polen das Studium verwehrt war, ließ sie sich heimlich an einer "fliegenden Universität" ausbilden, einem illegalen Netzwerk ohne festen Ort. 1891 schrieb sich an der Pariser Sorbonne ein, nannte sich Marie, schloss ihr Physikstudium als Beste ab. Und erlitt erneut Zusammenbrüche, da sie weder aß noch pausierte: ein Muster, das sich durch ihr Leben ziehen sollte.

"Sie verhält sich zurzeit eben wie ein Kind", schimpfte 1903 Georges Sagnac, ein Freund ihres Ehemannes Pierre Curie. Doch Marie hörte nicht auf ihn. Und hatte in Pierre einen Mann gefunden, der ebenso mutwillig an seine Grenzen ging.

Jahrelange Knochenarbeit

Während der Vater von Pierre auf die Kinder aufpasste, schuftete das Forscherduo in einem maroden Hinterhausschuppen in der Rue Lhomond, von einem Kollegen als "Kreuzung zwischen Stall und Kartoffelkeller" beschrieben.

Vier Jahre lang schippten sie dort tonnenweise Pechblende, zerkleinerten, siebten, kochten das uranhaltige Gestein. Bis sie endlich ein Zehntelgramm des von ihnen entdeckten, massiv strahlenden Elements isoliert hatten, das sie Radium tauften. "Wir lebten wie in einem Traum, von der einen, einzigen Sache erfüllt", schrieb Marie Curie über diese Zeit.

Für ihre Forschungen zur Radioaktivität sollten Henri Becquerel und Pierre Curie Ende 1903 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet werden - seine Frau aber leer ausgehen. Erst als er sich wehrte, lenkte das Komitee ein und ehrte auch Marie.

Doch waren beide zu angeschlagen, um nach Stockholm zu reisen und den Preis persönlich entgegenzunehmen: Ihre Entdeckung hatte die Curies berühmt und krank zugleich gemacht. Schon 1898 litt Marie erstmals an einer Entzündung der Fingerspitzen, ein Symptom der Strahlenkrankheit. Pierre hielt seine Beschwerden für Rheuma, seine Abgeschlagenheit für Überarbeitung.

"Wie zarte Feenlichter"

Dass radioaktive Substanzen zu oberflächlichen Verletzungen führen, nahmen die Forscher in Kauf. Welche gravierenden Schäden die Strahlung im Körperinneren verursachen kann, war den Curies - zumindest anfangs - nicht bewusst.

Vielmehr hegten sie zu ihrer Entdeckung eine fast zärtliche Beziehung: Pierre trug stets ein Fläschchen Radium mit sich herum, "mein Kind" nannte Marie das Element. Wie sie in ihren autobiografischen Notizen schrieb, spazierte das Paar nachts gern zum Labor, um einen Blick in sein Reich zu werfen:

"Dann konnten wir überall die schwach leuchtenden Silhouetten der Flaschen sehen, die unser Material enthielten. ( …... ) Die strahlenden Reagenzgläser sahen aus wie zarte Feenlichter."

Radioaktives Kondom

Da die Curies auf die Anmeldung von Patenten verzichtet hatten, bereicherten sich andere an dem angeblichen Allheilmittel: Quacksalber brachten "Curie-Haar-Tonikum" gegen Haarausfall und andere Produkte mit radioaktiven Inhaltsstoffen auf den Markt - von der Zahnpasta über Badesalz und Zäpfchen bis hin zu Kondomen, Bier und Schokoladenbonbons.

Euphorisch feierte die Presse die Radioaktivität und ihre Entdecker. "Madame Curie hat vor, allen Krebsarten ein Ende zu bereiten", titelte die "New York Times", das "Petit Journal" fragte: "Ist das Ungeheuer besiegt?" Der Medienrummel um die Curies ebbte nicht ab, entnervt schrieb Marie 1904 ihrem Bruder: "Gestern hat mich ein Amerikaner schriftlich um die Erlaubnis gebeten, ein Rennpferd nach mir zu benennen."

Doch bald war es vorbei mit der Glorifizierung. Marie Curie, seit dem Unfalltod Pierres erste Frau in der Professorenriege an der Sorbonne, mutierte 1911 in der öffentlichen Darstellung vom Genie zur Frevlerin. Erst wagte sie es, für die - rein männliche - französische Akademie der Wissenschaften zu kandidieren. Dann wurde ihre Liebesbeziehung zu Langevin publik.

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Frankreich war nicht reif für diese selbstbestimmte Ausnahmefrau: Während die gemäßigte Presse schwieg, wurden die rechten Tiraden so unappetitlich, dass Langevin den Journalisten Téry zum Duell aufforderte, Marie den Suizid erwog.

"Madame Curie hörte nie die Vögel singen"

Es dauerte lange, bis die Forscherin sich von den Anfeindungen erholt hatte. Noch 1913 schrieb Albert Einstein nach einem gemeinsamen Wanderurlaub: "Madame Curie hörte nie die Vögel singen." Erst die Amerikaner schafften es, die sonst stets ernst in die Kamera blickende Frau aufzuheitern.

Als Curie am 20. Mai 1921 am Arm von US-Präsident Warren G. Harding die Freitreppe des Weißen Hauses herunterging, entstand laut Biografin Brigitte Röthlein das einzige Foto, das sie lächelnd zeigt: Harding hatte der Forscherin soeben symbolisch ein Gramm Radium geschenkt - ihr größter Wunsch. Und ihr Verderben.

Die permanente Strahlung hatte Curies Augen stark beschädigt, immer öfter litt sie unter Übelkeit, Kopfschmerz, Schwächeanfällen. Zumal sie sich während des Ersten Weltkriegs erneut verausgabt hatte: Wenn sie nicht gerade ihr neues Institut in Paris einrichtete, fuhr Curie mit selbst entwickelten mobilen Röntgenwagen, sogenannten "Petites Curies", zu den Schlachtfeldern, um den Verwundeten zu helfen. Getreu ihrem Motto: "Wir sollten nichts im Leben fürchten, aber alles verstehen."

Tabubrecherin über den Tod hinaus

Ein Jahr bevor ihre Tochter Irène 1935 den Nobelpreis für die Entdeckung der künstlichen Radioaktivität erhalten sollte, starb die Pionierin der Strahlentherapie gegen Krebs an Anämie. Dass sie 66 Jahre alt wurde, grenzt an ein Wunder: Noch heute sind ihre Besitztümer laut Biografin Alina Schadwinkel so verstrahlt, dass sie nur mit Schutzkleidung angefasst werden dürfen.

Als "wichtigste Frau unserer Geschichte" würdigte sie 1995 der französische Staatspräsident François Mitterand, als er die Asche von Marie und Pierre Curie ins Panthéon überführen ließ.

Noch nach ihrem Tod war es der Rebellin gelungen, eine weitere Männerdomäne zu erobern - als erste Frau, die für ihre Verdienste in der französischen Ruhmeshalle beigesetzt wurde. Auf deren Giebel eingemeißelt steht: "Den großen Männern die Dankbarkeit des Vaterlands".

insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
Gunnar Laxness, 07.11.2017
1. wenn man...
zu den ganz Großen der Forschung gehören will, dann sollte man auch über die Konsequenzen seiner Forschung einigermassen im Klaren sein. Das war Curie sicher nicht
Macka Bär, 07.11.2017
2. Studium in Polen?
Warschau, wo Sklodowska aufwuchs, gehörte nach den teilungen Polens von 1772, 1793 und 1795 zu Russland, weshalb die Aussage, dass "Frauen in Polen das Studium verwehrt war" (a)historischer blödsinn ist...
Friedrich Hattendorf, 07.11.2017
3. @Macka Bär (2)
kein Blödsinn, sondern historische Wahrheit. Es ist eine Tatsache dass Frauen zu der Zeit - übrigens auch in sehr vielen anderen Ländern - keine Möglichkeit hatten zu studieren. Ob dieses von Behörden in Warschau oder Moskau verfügt wurde ist dabei sekundär
Christian Bellechamps, 07.11.2017
4. Da Frauen in Polen das Studium...
durch die Besatzungsmächte Preußen und Russland verwehrt wurde (in Frankreich aber nicht), sowie jegliche Schulen und Universitäten keine polnische Sprache benutzen durften, ...
Gerd Meinhold, 07.11.2017
5.
Das Königreich Polen war zwar in Personalunion an Russland gebunden, auf dem Papier aber ein eigener Staat. Mit der polnischen Teilung hat das weniger zu tun sondern mit dem Wiener Kongress, daher auch die Bezeichnung Kongresspolen.
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