Schwimm-Superstar Mark Spitz Olympias erster Posterboy

1972 schwamm der Amerikaner Mark Spitz bei den Olympischen Spielen in München zu sieben Goldmedaillen. Danach beendete er seine Karriere als Sportler - und entdeckte ein noch größeres Talent an sich.

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Am letzten Tag der Unschuld hat die Münchener Olympia-Schwimmhalle prominente Gäste. Schauspieler Kirk Douglas ist anwesend, in seiner Nähe, immer noch breit wie ein Türrahmen, Johnny Weissmüller. Bei den Olympischen Spielen von 1924 und 1928 hatte Weissmüller fünf Goldmedaillen als Schwimmer errungen, aber die Menschen kennen ihn vor allem als durch den Dschungel schwingenden Tarzan-Darsteller. Ein Superstar, der einst Sportler war.

Zwischen den beiden Legenden sitzt der Vater von Mark Spitz. Unten, im Wasser über 4 x 100 Meter Lagen, wird sein Sohn gerade zur Ikone.

Am Abend des 4. September 1972 gewinnt Spitz auch dieses Rennen, es ist sein siebter Weltrekord bei diesen Spielen, seine siebte Goldmedaille. Kirk Douglas, Tarzan, München und der Rest der Welt liegen dem 22-jährigen Schönling mit dem markanten Schnauzbart zu Füßen. Er hat nicht nur Geschichte geschrieben, er ist die Geschichte: im Alter von zwei Jahren am Waikiki-Strand auf Hawaii in den Pazifik geworfen, ein Jahrhundert-Talent, schon mit zehn Jahren Weltrekordler, zweifacher Goldmedaillen-Gewinner bei den Spielen 1968 - und nun der beste Olympiaschwimmer.

Am nächsten Morgen ist die Welt eine andere. Die Spiele sind keine Spiele mehr, sondern Schauplatz des Terrors. Und der Schwimmer Mark Spitz beendet seine Karriere als Sportler. Mit einer neuen Berufung: Er ist jetzt Mark Spitz.

Die absolute Härte sind Oberlippenbärte

Insgesamt elf Menschen finden den Tod durch den Anschlag der palästinensischen Terrorrgruppe "Schwarzer September". Mark Spitz, jüdischer Sportler, verlässt bereits am 6. September streng bewacht und unbemerkt den Schauplatz seiner größten Triumphe. Als IOC-Präsident Avery Brundage der Welt mitteilt, dass die Spiele weitergehen müssen, ist er schon in seinem neuen Leben angekommen. Er hat einen Plan.

"Ich habe 1972 aufgehört, weil ich Geld verdienen wollte", sagte Spitz 1999 der "Welt am Sonntag". Und der "New York Times" erzählte er drei Jahre später: "Ich war ein Pionier. Niemand vor mir hat so viel Nutzen aus seinen olympischen Erfolgen gezogen wie ich. Das war eine Frage des Timings, des Hypes, der wirtschaftlichen Cleverness und nicht zuletzt des Aussehens."

Zu den Spielen von München war Spitz in der Form seines Lebens gekommen, 25-mal hatte er bereits einen Weltrekord aufgestellt. Die Spiele wurden erstmals in Farbe übertragen, der Medienrummel war groß - und Spitz bediente die Sehnsucht nach sportlichen Helden auch außerhalb des Beckens: Der wortgewandte Student der Zahnmedizin sah fantastisch aus. Niemand führte das knappe Stars'n'Stripes-Badehöschen so selbstbewusst spazieren wie er. Ein Athlet von Kopf bis Fuß, die Haut bronzefarben, volles dunkles Haar, blitzend weiße Zähne - und natürlich dieser Schnauzbart.

Den hatte er sich vier Monate lang wachsen lassen, weil ihn ein Trainer wegen seiner spärlichen Gesichtsbehaarung aufgezogen hatte. "Ich wollte das Teil eigentlich vor den Spielen von 1972 abrasieren", sagte er später dem Magazin "Newsweek", "aber als ich sah, wie sehr die paar Haare auf meiner Oberlippe die Menschen beschäftigten, ließ ich ihn dran."

Spitzenschwimmer wird zum großen Selbstvermarkter

Eine Entscheidung, die laut Spitz auch die sowjetische Konkurrenz nachhaltig beeindruckte, deren Trainer sprach ihn darauf an. "Ich erzählte denen, dass die Barthaare Wasser von meinem Mund fernhalten und mich so noch schneller machen - ein Jahr später trugen alle sowjetischen Schwimmer einen Schnurrbart."

Der schöne Goldjunge, Spitzname "Mark the Shark", hatte Schlag bei Frauen, wie man damals sagte, und freute sich darüber: "Ich liebe alle schönen Mädchen. Wenn ich schwimme, denke ich immer daran, dass am Ende des Beckens ein Mädchen auf mich wartet."

Nach seiner Rückkehr aus Deutschland beginnt er am 5. Oktober seinen Ritt durch die Welt der Stars und Sternchen mit einem Auftritt in der "Bob Hope Show". Zehn Minuten Anwesenheit bringen 10.000 Dollar und, wichtiger, noch mehr Aufmerksamkeit. "Du wirst unser nächstes Sexsymbol", ulkt Hope und hat recht.

Vor allem die Werbewelt ist entflammt. Spitz unterschreibt Millionenverträge mit diversen Bademoden-Ketten; ein Unternehmen für Männermode aus Portugal überweist ihm eine Million Dollar, nur damit er fünf Jahre lang die hauseigenen Anzüge aufträgt - und das ist nur der Anfang. Spitz kann es sich gar erlauben, das 25.000-Dollar-Angebot einer Rasierklingenfirma auszuschlagen. Die wollte, dass er sich dafür von seinem inzwischen weltberühmten Bart trennt. Da unterschreibt er doch lieber bei einem Rasierapparate-Hersteller, der ihm 500.000 Dollar für fünf Jahre verspricht.

"Mit mir begann die Kommerzialisierung des Sports"

Viel Geld gibt auch Adidas. Dem Sportartikel-Giganten hatte sich Spitz schon während der Spiele angeboten: Obwohl als Schwimmer nicht wirklich von gutem Schuhwerk abhängig, trug der Amerikaner bei jeder seiner sieben Siegerehrungen andere Treter. Bei der Feier zur vierten Goldenen winkte Spitz mit seinen Adidas-Produkten gar ins Publikum. Direkt nach den Spielen unterschreibt Spitz einen ersten Vertrag mit Herzogenaurach und steckt 40.000 Dollar ein. "Mit mir", sagte Spitz der "Welt", "begann die Kommerzialisierung des Sports."

Doch jede Rakete stürzt irgendwann wieder ab. Spitz scheitert beim Versuch, sich als Schauspieler zu etablieren. Malcom Durham vom Fernsehkonzern CBS fällt bereits 1974 ein vernichtendes Urteil: "Der Junge hat die Ausstrahlung einer Klobürste."

Reich wird Spitz trotzdem. Er weiß, wann es Zeit ist für Neues: Ende der Siebzigerjahre steckt er sein Geld in Immobilien. Bald besitzt er zahlreiche Grundstücke in Beverly Hills, Arnold Schwarzenegger und Clint Eastwood gehören zu seinen Kunden. Er investiert erfolgreich in Produktionsfirmen und ist bis heute als Redner, Experte und Motivationscoach gefragt.

Beim Comeback-Experiment gescheitert

Auch bei den Spielen von Rio de Janeiro ist Spitz allgegenwärtig. Immer wieder fragt man ihn nach Landsmann Michael Phelps, der Spitz überflügelt hat und in Brasilien Olympiagold Nummer 19 bis 23 holte. Spitz antwortete kürzlich vor der versammelten Presse knapp: "Der Junge trägt die Krone mit Würde."

17 Jahre nach seinem letzten Wettkampf, 1989, hatte sich Spitz zu einem Schwimm-Comeback entschlossen. Mit 39 verkündete er, sich für die Olympischen Spiele von Barcelona in Form zu bringen, und zog ein knallhartes Trainingsprogramm durch. Der Senior erreichte 97 Prozent seiner Leistungskraft von 1972 (wie US-Statistiker flugs errechneten) - und scheiterte dennoch um 1,8 Sekunden beim nationalen Ausscheidungsrennen.

Den Hohn gab es gratis für den vermeintlich gefallenen Helden. Kurz danach kam heraus, dass der Filmemacher Bud Greenspan Spitz eine Million Dollar für eine erfolgreiche Olympia-Qualifikation geboten hatte. Hatte Mark Spitz es also nur wieder für das Geld getan?

Der Sprung zurück ins Wasser brachte dem einst besten Schwimmer der Welt jedenfalls eine unbezahlbare Erkenntnis. "Ich habe etwas völlig Neues entdeckt", sagte Spitz dem Magazin "Sports" 1994, "Schwimmen war nicht mehr Pflicht, sondern Spaß. So seltsam das klingt: Ich habe gelernt, wie man richtig schwimmt." Da war Mark Spitz endlich voll in seinem Element.

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Hansdieter Vergib, 16.08.2016
1. Schwimm-Superstar Mark Spitz.
Na, Selbsterkenntnis ist doch was. Jedenfalls etwas wozu andere keinen Mut haben. Von daher meine Anerkennung!
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