Eine Nacht im November Maueröffnung verpennt

Als am Abend des 9. November 1989 die Berliner Mauer fiel, trank Marko Schubert auf einem Hausdach in Friedrichshain ahnungslos bulgarischen Rotwein. Auch als er am nächsten Morgen allein im Bus saß, wusste er noch nicht, was passiert war.

Marko Schubert

Wie jeden Donnerstag war ich auch am 9. November 1989 mit meinen Freunden zum Debattieren im Haus der Jungen Talente verabredet. Der Jugendklub, kurz HdjT genannt, lag nur etwa 500 Meter Luftlinie von der Mauer entfernt, die uns von West-Berlin trennte. In jenen Monaten veränderte sich vieles in der DDR, überall flatterten neue Transparente in den Straßen. Und wir 17-Jährigen ahnten, dass wir mit unseren Ideen vielleicht zum ersten Mal etwas in unserem Land bewegen könnten.

Kurz vor 19 Uhr: Günter Schabowski, Sprecher des SED-Zentralkomitees, gibt auf einer Pressekonferenz die neue Reiseregelung für DDR-Bürger bekannt. Journalisten fragen nach, wann sie in Kraft treten soll. "Ab sofort, unverzüglich", antwortet Schabowski. Nachrichtenagenturen wie dpa und AP verbreiten die Neuigkeit in Windeseile.

An der Bar des HdjT steckten David, Otmar und ich die Köpfe zusammen, sprachen über SED-Generalsekretär Egon Krenz, seine Genossen und die riesige Demo vom vergangenen Samstag auf dem Alex. Auch an den anderen Tischen des Klubs tuschelten Leute über diese Ereignisse. Im Vorbeigehen erzählte einer ganz nebenbei, dass sich die Reisebestimmungen irgendwie gelockert hätten - so soll es Schabowski in der Fernsehsendung "Aktuelle Kamera" gesagt haben.

Gegen 20 Uhr: Laut Lagebericht der Ost-Berliner Volkspolizei haben sich insgesamt 80 Ost-Berliner an den Grenzübergängen Bornholmer Straße, Invalidenstraße und Heinrich-Heine-Straße versammelt. Anweisung an die Grenzwächter: die Menschen auf den nächsten Tag vertrösten und zurückschicken.

Unverdorbene Generation

Wir stiegen von Bier auf Rotwein um und rätselten, ob man jetzt endlich auch als Nicht-Rentner auf Antrag einmal "rüberfahren" dürfte. Im Herbst 1989 hatten in unserer Schule immer mehr Leute angefangen, über die Zukunft in unserem sozialistischen Staat zu diskutieren. Unsere Generation war noch nicht versaut durch drei Jahre Nationale Volksarmee, SED-Mitgliedschaft und politische Schulungen in den marxistisch-leninistischen Studiengängen. Wir waren auch zu jung, um uns einer inoffiziellen Mitarbeit bei der Stasi verschrieben zu haben. Nun wollten wir unser Leben in diesem Staat selbst in die Hand nehmen.

Gegen 21.30 Uhr: Der Druck auf den Grenzübergang Bornholmer Straße wächst: Zwischen 500 und 1000 Ost-Berliner drängen sich davor, Autos stauen sich einen Kilometer lang. Wenige Minuten später lassen die Grenzer Einzelne passieren.

Otmars bester Freund David, ein Heavy-Metal-Fan mit schulterlangen Haaren, kam mit zwei Flaschen Wein von der Bar zurück und rief uns zu: "Kommt Jungs, lasst uns abhauen!" Beide spielten Schlagzeug, kannten Organisationen im Untergrund wie das Neue Forum und hatten direkten Kontakt zu Musikgruppen, die nicht nur staatstreue Texte sangen.

Bei unseren gemeinsamen Ausflügen kletterten wir am Ende der Nacht, wenn alle Kneipen und Klubs schlossen, auf Häuser und Gerüste. Wir setzten uns auf die schiefen Dächer, schauten in die sternenklaren Nächte Berlins und spürten ein kribbelndes Rauschen in den Adern. Dann sprangen wir von einem Hausdach auf das nächste und kamen auf diesen Wegen oft Hunderte Meter weit.

22.30 Uhr: In den Spätnachrichten der "Aktuellen Kamera" des DDR-Fernsehens wird letztmalig versucht, den Ansturm auf die Grenzübergänge zu bremsen. Reisen könnten nur angetreten werden, wenn sie beantragt und genehmigt worden seien, hieß es.

Gespenstische Ruhe in Friedrichshain

Deutlich vor Mitternacht verließen wir das HdjT in Richtung Osten. Zwischen den zehnstöckigen Hochhäusern im Bezirk Friedrichshain war es an diesem Abend besonders ruhig, dunkel und unheimlich. Nein, es begegneten uns keine Fahnen schwenkenden Bewohner, niemand kam uns grölend entgegen. In dem Viertel der staatstreuen Bediensteten und Bonzen standen Trabis und Wartburgs ordentlich auf ihren übergroßen Parkplätzen.

Gleich im ersten Aufgang eines Neubaublocks fanden wir eine offene Luke ins Glück. In dreißig Metern Höhe, mit einem gigantischen Ausblick auf den Fernsehturm und die schlafende Stadt, bildeten wir uns ein, bis weit nach West-Berlin schauen zu können. Am Horizont sahen wir einen hellen, leuchtenden Streifen.

Ab 23.00: Beim Grenzübergang Bornholmer Straße drängen sich nun Tausende Menschen. Die ARD-Tagesthemen haben kurz zuvor gemeldet, die Tore in den Westen seien "weit offen". DDR-Oberstleutnant Harald Jäger entscheidet, die Kontrollen einzustellen, dann geht der Schlagbaum hoch. Die wartenden Menschen rennen über die Brücke und werden von West-Berlinern begeistert begrüßt.

"Was sollte ich heute Abend verpasst haben?"

Auf dem Rücken liegend blickten wir in den Ost-Berliner Himmel und tranken zum allerletzten Mal in unserem Leben diesen fürchterlich schmeckenden bulgarischen Rotwein. Tief in der Nacht schwankte ich durch mein regierungstreues Viertel nach Hause. Es war so spät, dass ich keinem einzigen Menschen mehr begegnete. Zu Hause fiel ich völlig gerädert und zugleich glücklich in mein Bett. Ich hatte keine Kraft mehr, wie sonst üblich noch ein bisschen Fernsehen zu schauen. Was sollte ich heute Abend auch schon groß verpasst haben?

Nacht zum 10. November: Tausende DDR-Bürger strömen nach und nach über die Ost-Berliner Grenzübergänge in den Westen. Fremde Menschen umarmen sich, Trabis rasen hupend über den Kurfürstendamm. Die Zeitungen titeln am Tag: "Berlin ist wieder Berlin!" und "Alle Deutschen sind frei".

Ich war am nächsten Morgen auf dem Weg zur Schule viel zu spät dran. Und ausgerechnet dann fielen auch noch zwei Busse aus! Radionachrichten hatte ich noch nicht gehört. Als endlich ein Bus kam, war ich der einzige Fahrgast. Verschlafen sah ich aus dem Fenster. Kurz hinterm Leninplatz, an der Polizeiwache, bildete sich eine Menschenschlange. Ich hätte die zwei zugestiegenen Passagiere oder den Busfahrer fragen können, was da los war. Doch ich war zu müde. Langsam ahnte ich aber, dass sich gestern wohl doch etwas Wichtiges bei Auslandsreisen geändert haben musste. Denn hier war die polizeiliche Meldestelle.

Als ich schließlich eine halbe Stunde zu spät auf den Schulhof einbog, wurde ich plötzlich von hinten zu Boden gerissen. Meine Klassenkameradin Claudia knutschte mich ab und bespritzte mich von oben bis unten mit Sekt. "Bist du bescheuert oder was?" brüllte ich sie an. Doch sie schnitt nur Grimassen und wedelte mit dem blauen Personalausweis vor meinem Gesicht herum. Erst in dem Moment fiel bei mir der Groschen. In der Nacht war die Mauer gefallen, und ich hatte nichts davon mitbekommen!

Kreischende Menge in "Marmor-Jeans"

Meine Klassenlehrerin schmunzelte nur, als ich mich mit starkem Unwohlsein verabschiedete. Pflichtbewusst ließ ich mich noch von einem Arzt krankschreiben, sein Wartezimmer war völlig leer. Dann fuhr ich mit Otmar sofort zum Grenzübergang Invalidenstraße.

Auf dem Weg sahen wir Leute, die bereits die "BZ" ihrer "drüben" gewesenen Kollegen lasen. Kurz vor der Mauer quetschten wir uns durch die kreischenden Massen in "Marmor-Jeans". Als wir den letzten Schlagbaum passiert hatten, begann mein Herz zu hämmern. Ich schien bereits zu spüren, dass wir unser Land soeben für immer verlassen hatten. Unser allererster waschechter West-Berliner auf der anderen Seite drückte jedem von uns einen 10-DM-Schein in die Hand und sagte lächelnd: "Viel Glück!"

Am 10.11.1989 standen wir um 11.30 Uhr am Bahnsteig des heillos überfüllten Lehrter Stadtbahnhofs. Wir warteten nun schon über eine halbe Stunde auf die S-Bahn in Richtung Zoo. Otmar sagte genervt: "Scheiß Westen!", und ich stimmte ihm verschlafen zu.

Die kursiv gesetzten Passagen sind dem SPIEGEL-"Liveticker vom 9. November 1989: So fiel die Mauer" und der Website "Chronik der Mauer" entnommen.

Anzeige

TV-Tipp: Sondersendung zum Mauerfall am Sonntag,
9. November, 22.45 Uhr, RTL



insgesamt 14 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Mick Kob, 08.11.2014
1. Bulgarischer Wein...
So kann es gehen wenn Alkohohl im Spiel ist. Gottseidank waren unsere Politiker nicht betrunken als sie der Einigungsvertrag erstellt haben!
Horst Schmitter, 08.11.2014
2.
Das ist alles sehr aufregend. Am besten fragen wir alle, die damals lebten, wo sie waren. Ich war in Prag, habe mir einige Tage Medienpause gegönnt und bin entgegen den damals üblichen Gewohnheiten von dort wieder zurück in die DDR gefahren, 2 Tage nach Mauerfall. Und dann erzählte mir meine Nachbarin, daß man jetzt rüber könnte und meine Antwort war: "Wieso? Ich hätte doch gerade abhauen können und bin dennoch zurückgekommen". Sie brauchte 2 weitere Stunden, um mir klar zu machen, daß man rüber UND zurück könnte. Und jetzt möchte ich bei Jauch, Plasner und Illner meine Geschichte dazu auch erzählen dürfen. Und noch ein Buch bei Lanz vermarkten dürfen. Und als Storyline für den Sonntags-Herzschmerz-Film im ZDF als Vorlage dienen.
Hildegard Katschmarek, 08.11.2014
3. Der Westen
Schöne Geschichte. Bitte mehr von solchen Zeitzeugen der Geschichte.
Detlev Vreisleben, 08.11.2014
4. Beantragung
Schabowski hat doch gesagt, Privatreisen können beantragt werden, ebenso Visa zur ständigen Ausreise. Er hat nicht gesagt, dass die Grenzübergänge offen sind. Woher kam die Info, dass die Grenzübergänge offen sind?
John Doe, 08.11.2014
5. Märchen-Marko
wie immer ist auch diese Geschichte nicht so ganz nah bei der Wahrheit. Im Umkreis von 500m rund um das HdjT gab es alles mögliche- nur keine Mauer. Ein Blick in den Stadtplan hilft da. Nach meiner lebhaften Erinnerung flatterten auch nicht "überall neue Transparente" in der Stadt. War vielleicht doch ein bißchen viel Rosenthaler Kadarka bei Marko im Spiel. Weiter im Text: Schabowski hat seinen berühmten Satz in einer Pressekonferenz gesagt- in der Aktuellen Kamera wurde er an diesem Abend nur zitiert- da hat den Marko wohl jemand falsch informiert. Und irgendwie glaube ich, dass man den Marko auch gar nicht 3 Jahre zur NVA gelassen hätte- die 18 Monate Grundwehrdienst hätten völlig gereicht. War er denn wenigstens beim Bund!? Ansonsten war es der übliche Marko-Schubert-Nöl: "Tief in der Nacht schwankte ich durch mein regierungstreues Viertel nach Hause" wo haben denn Mama und Papa gearbeitet, hm?! ...also ich habe mal in der 4. Klasse einen Aufsatz geschrieben, in dem es um Stimmungen und Empfindungen ging- der war besser. Er handelte von Rehen im Winter und war wenigstens authentisch. Ich verabschiede mich auch mit starkem Unwohlsein!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.