Marsch auf Washington "Martin, erzähl ihnen von dem Traum"

Marsch auf Washington: "Martin, erzähl ihnen von dem Traum" Fotos
AP

Für die Generation Obamas ist er ein Idol: Im August 1963 sprach der Schwarze Martin Luther King vor 250.000 Teilnehmern einer Bürgerrechtsdemo in Washington. Seine "I have a Dream"-Rede gilt als eine der wichtigsten des 20. Jahrhunderts. Dabei war sie ganz anders geplant. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 1 Kommentar
    4.0 (19 Bewertungen)

Langsam hatte der Redner begonnen, mit seinem vollen Bariton. Ein wenig heiser klang seine Stimme; Freunde erkannten daran, dass er doch ein wenig nervös war. Martin Luther King trug einen schwarzen Anzug und stand am Fuße des Lincoln Memorials in Washington D. C. im Regierungsviertel.

Der 28. August 1963 war ein schöner Sommertag in der US-Hauptstadt, bis zu 28 Grad warm. Rund 250.000 Menschen hatten sich auf der Mall im Regierungsviertel versammelt - zum "Marsch auf Washington für Freiheit und Jobs".

Als Martin Luther King am Rednerpult stand und sprach, saß die Sängerin Mahalia Jackson hinter ihm und rief: "Martin, erzähl ihnen von dem Traum." Im Redemanuskript stand nichts von einem Traum, aber der Pfarrer und Bürgerrechtsaktivist fing an zu improvisieren. "I have a dream", rief er, "Ich habe einen Traum, dass eines Tages die Söhne von früheren Sklaven und die Söhne von früheren Sklavenhaltern auf den roten Hügeln von Georgia am Tisch der Bruderschaft zusammensitzen können."

Und er fuhr fort: "Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der sie nicht nach der Farbe ihrer Haut, sondern nach ihrem Charakter beurteilt werden."

Hunde auf Demonstranten

Achtmal wiederholte King den Satz "I have a dream". Er sollte, wie alle seine Vorredner, vier Minuten sprechen, aber es wurden 17 Minuten. Zum Schluss sagte er: "Wenn wir die Freiheit erschallen lassen, (...) dann wird der Tag kommen, an dem alle Kinder Gottes (...) sich die Hände reichen und einstimmen in das alte Negro Spiritual: endlich frei, endlich frei. Dank dem allmächtigen Gott sind wir endlich frei!"

Wie kein anderer Redner an diesem Tag traf Martin Luther King die Stimmung des Publikums. Die Rede wurde live im ganzen Land übertragen. Heute gilt die "I have a dream"-Rede als eine der besten und wichtigsten politischen Reden des 20. Jahrhunderts.

King hielt sie zu einem Zeitpunkt, an dem sich die Bürgerrechtsbewegung in den USA an einem entscheidenden Punkt befand. Die für Gleichberechtigung kämpfenden Schwarzen hatten Ende 1962 beschlossen, ihre Aktivitäten auf Birmingham im Bundesstaat Alabama zu konzentrieren. Mit Vertretern der Geschäftsleute vereinbarten sie eine Aufhebung der Rassentrennung und forderten diese auch von der Stadtverwaltung, etwa bezüglich öffentlicher Toiletten. Doch der rassistische Polizeichef der Stadt hetzte Hunde auf die demonstrierenden Schwarzen und ließ sie zu Hunderten einsperren. Selbst Kinder wurden nicht verschont.

Viele Amerikaner waren darüber entsetzt, Präsident John F. Kennedy sprach von einer "nationalen Schande" und einer "moralischen Krise", in der sich das Land befinde. Es sei Zeit zu handeln, erklärte er in einer TV-Ansprache, im Kongress, "in den gesetzgebenden Gremien der Staaten und Kommunen, und vor allem im täglichen Leben". Gegen Widerstand aus den Südstaaten brachte Kennedy schließlich ein Gesetzespaket für die Gleichberechtigung der Schwarzen auf den Weg.

"Etwas Großes war nötig"

In dieser Situation trat A. Philip Randolph auf den Plan, der Organisator des Marsches auf Washington. Bereits 1925 hatte er damit begonnen, schwarze Schlafwagenschaffner gewerkschaftlich zu organisieren. 1941 dann plante er zum ersten Mal einen Marsch auf die Hauptstadt. Damals jedoch hatte Randolph die Großdemonstration kurzfristig abgesagt, nachdem Präsident Franklin D. Roosevelt eine Anordnung zur Gleichberechtigung in der Rüstungsindustrie, bei den Streitkräften und in der Bundesregierung erlassen hatte.

Im Frühjahr 1963 nun hatte Randolph erneut eine solche Massendemonstration vorgeschlagen. Einige Bürgerrechtler waren zunächst skeptisch, doch der Baptistenpastor Martin Luther King unterstützte die Idee; religiöse Gruppen und Gewerkschaften schlossen sich an.

Die Regierung fürchtete Randale. Um einen friedlichen Ablauf sicherzustellen, empfing deshalb zunächst Vizepräsident Lyndon B. Johnson, später auch Präsident Kennedy die Organisatoren des Marsches. Einige Kongressabgeordnete baten dennoch darum, die Veranstaltung abzusagen.

Doch darauf wollte sich Initiator Randolph nicht einlassen: "Wir mussten und wollten weitermachen, weil wir glaubten, der Marsch sei nötig, um einen Konsens in der öffentlichen Meinung über die Bürgerrechte zu erreichen. Dafür war etwas wirklich Großes nötig." Moderate Bürgerrechtler organisierten einen Ordnerdienst, um notfalls Randalierer oder Agents provocateurs unter Kontrolle zu bringen sowie Radikale und Kommunisten fernzuhalten.

In über 2000 Bussen, 21 Sonderzügen, zehn Charterflugzeugen und ungezählten Autos erreichten die Teilnehmer des Marsches am 28. August 1963 die Hauptstadt. Morgens gegen halb zehn waren 25.000 Demonstranten im Regierungsviertel versammelt, mittags waren es rund 250.000, davon rund ein Fünftel Weiße. Zu ihnen zählten die Vertreter des linksliberalen Amerikas, welche die Zeichen der Zeit erkannt hatten, besonders Künstler: etwa die Schauspieler Marlon Brando und Charlton Heston. Es war die bis dahin größte politische Demonstration in der Geschichte der USA.

"Farce on Washington"

Der "Marsch für Jobs und Freiheit" glich zunächst einem großen Volksfest. Auf der Mall traten Folkmusiker auf. Peter, Paul and Mary sangen "Blowing In The Wind", ein Song des noch weithin unbekannten New Yorker Folk-Sängers Bob Dylan. Der war auch angereist und sang mit seiner Freundin, Joan Baez, "When The Ship Comes In" und "Only A Pawn In The Game".

Weniger harmonisch waren die Vorbereitungen verlaufen. John Lewis, Vorsitzender des Student Non-Violent Coordinating Committee (SNCC), wollte in seiner Rede die Frage stellen: "Auf welcher Seite steht die Regierung?" Doch ein Teil der Organisatoren, die es sich mit der Kennedy-Regierung nicht verderben wollte, hatten den jungen Aktivisten derart unter Druck gesetzt, dass er die Frage schließlich aus dem Rede-Manuskript strich. Freunde von Lewis sprachen von "Zensur".

Nach dem Ende der Veranstaltung waren die Redner und wichtigsten Organisatoren Gäste im Weißen Haus. "The president was all smiles", erinnerte sich Randolph. Im Weißen Haus sei man "sehr zufrieden und glücklich" darüber gewesen, dass alles friedlich verlaufen war.

Doch nicht alle waren zufrieden. Obwohl King in seiner Rede gesagt hatte: "Die Wirbelstürme der Revolte werden weiterhin das Fundament unserer Nation erschüttern, bis der helle Tag der Gerechtigkeit anbricht", war seine Haltung den jungen radikalen Schwarzen zu moderat.

Malcolm X, der charismatische Aktivist der Nation of Islam, sprach von einer "Farce on Washington". Auf einer Konferenz schwarzer Nationalisten kritisierte er die "Negro Revolution" der Bürgerrechtler. Diese würden mit den weißen Unterdrückern kooperieren, den "weißen Teufeln". Kings christliche Lehre der Gewaltlosigkeit kritisierte Malcolm X als ein Narkotikum für die Afroamerikaner, die für ihre Freiheit kämpften.

Generation Obama

Von heute aus betrachtet ist der Marsch auf Washington eines jener historischen Ereignisse, das seiner Zeit voraus war und gleichzeitig die Richtung wies, in die sich eine Gesellschaft entwickeln würde.

Der Marsch trug wesentlich dazu bei, dass John F. Kennedy - und nach dessen Ermordung Lyndon B. Johnson - den Civil Rights Act und den Voting Rights Act durchsetzen konnten, entscheidende Gesetze für die rassische Gleichberechtigung.

Für die Afroamerikaner in den USA sind Martin Luther King und seine "I have a dream"-Rede schon lange ein Mythos. So ist es nicht überraschend, dass Barack Obama zum 50. Jahrestag des Marsches am Fuße des Lincoln-Monuments öffentlich sprechen will. Der "New York Times" sagte er: "Es war ein historisches, wegweisendes Ereignis für unser Land. Es ist Teil der Erinnerung, die meine Generation geformt hat."

Artikel bewerten
4.0 (19 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Rüdiger Uckert, 27.08.2013
Ein äußerst bemerkenswerter Mann mit einer außerordentlichen Rede. Doch leider darf man diese Rede im Original nicht mehr lesen. Denn die Rede ist nach der Meinung vieler, denen Political Correctness vor historischer Wahrheit geht, rassistisch. Martin Luther King nennt sich und seine Brüder und Schwestern Neger (Negros) und das ganz ohne negativen Beigeschmack. SPON traute sich nicht, diese Wörter zu übersetzen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH