Marxens 190. Geburtstag Lichtgestalt der Aufklärung

Marxens 190. Geburtstag: Lichtgestalt der Aufklärung Fotos
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Marx - wer war das eigentlich? Franz Walter beschrieb ihn als einsamen, unglücklichen und kranken Mann. Für andere war er ein Titan des Kommunismus. Doch beide Seiten übersehen seine wahre Bedeutung. Von

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Ist Marx verantwortlich für die Verbrechen des realen Sozialismus und Kommunismus des 20. Jahrhunderts? Nein! Hat er nicht für eine unsinnige zentrale Planwirtschaft plädiert? Nein! Ist Marx der alte Philosoph mit Rauschebart, der heute keine Relevanz mehr besitzt? Nein!

Der Mann ist eine geisteswissenschaftliche Größe, eine Lichtgestalt der Aufklärung. Karl Marx wurde verkannt - vor allem nach seinem Tod. Nie war er der große Sozialrevolutionär, zu dem ihn später alle machten oder machen wollten. Franz Walter nahm den 125. Todestag am 14. März 2008 zum Anlass für einen Abgesang auf Marx. Zum 190. Geburtstag Marxens hier nun eine Replik.

Sein Name steht dafür, die deutsche spekulative Philosophie zu einer Wissenschaft entwickelt zu haben. Zusammen mit Friedrich Engels formulierte Marx eine neue positive Gesellschaftswissenschaft. Mit seinem Hauptwerk "Das Kapital" analysierte er modellhaft die Grundfunktionen kapitalistischer Wirtschaft. Dabei war seine Ökonomie nicht nur "Volkswirtschaft", sondern vielmehr die "Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft", also Gesellschaftswissenschaft im weiteren Sinn.

Basisdemokratie statt Diktatur

Soweit überhaupt Zukunftsprojektionen von ihm vorliegen, verweisen sie auf eine ökologisch orientierte kleinstädtische Basisdemokratie. Mit dem Schrecken des realen Kommunismus und der Sowjetideologie, wie primär von den deutschen Faschisten und der Sowjetideologie selbst behauptet, haben weder Marx noch Engels etwas zu tun.

Nach der verlorenen Revolution von 1849 mussten Marx und Engels nach England fliehen, wo sie von da an zeitlebens blieben. Beide bestanden darauf: eine Fortsetzung der Revolution könne es nur in Zeiten einer kräftigen ökonomischen Krise geben. Eigene Revolutionsvorbereitungen brachen sie ab.

Politische Aktivitäten begann Marx erst wieder 1864 - als Sekretär der Ersten Internationale ("Internationalen Arbeiterassociation") mit Sitz in London. In dieser Funktion schreibt er das Gründungsmanifest ebenso wie das zur Legende gewordene politische Schlussdokument der Internationale anlässlich des Massakers an der Pariser Kommune 1871 durch die bürgerliche Regierung. Seine letzte Arbeit machte ihn zu "dem" Revolutionär seiner Zeit. Dabei hatte er die Ausrufung der Kommune selber für einen Fehler gehalten, sprach gar von "Dummheiten im Namen der Internationale".

Wissenschaft statt politischer Dogmatismus

Marxens Leistung in der Internationale war, seine eigene politische Auffassung mit anderen politischen Vorstellungen zu verbinden, um diese Organisation zu einem breiten Bündnis der noch örtlich isolierten Arbeiterschaft zu machen. Erst damit machte der Sekretär Marx die Internationale zu jener ersten erfolgreichen Organisation des Proletariats, die den deutschen und österreichischen Kaiser veranlasste, über die Zerschlagung der Internationale zu beraten.

Als sich die Internationale auflöste - die Zeit war einfach über ihre damalige Form hinweggegangen - gab es in Europa und Nordamerika nun aber machtvolle nationale Arbeiterzusammenschlüsse. Englische Gewerkschaften zählten ebenso dazu wie die Sozialdemokratie in Deutschland.

Das Wichtigste in ihrem Werk war für Marx und Engels aber die Wissenschaft. "Einen Menschen aber, der die Wissenschaft einem nicht aus ihr selbst..., sondern von außen, ihr fremden, äußerlichen Interessen entlehnten Standpunkt anzupassen sucht, nenne ich 'gemein'", formulierte Marx in den "Theorien über den Mehrwert". Dem müsse sich auch die politische Vorstellung unterordnen.

Einen "wissenschaftlichen Sozialismus" als Politik (!) kann es demnach nicht geben. Sowohl Marx als auch Engels kritisierten diesen Begriff und warnten sogar vor dogmatischen Wissenschaftsvorstellungen. Um es klar zu sagen: Der Begriff des "wissenschaftlichen Sozialismus" spielt in ihrem Werk keine erwähnenswerte Rolle.

Urvater der Gesellschaftwissenschaft

Der Mythos, der um diesen verhängnisvollen Begriff gestrickt wurde, nahm seinen Ausgang erst bei Eduard Bernstein, der gleich nach Engels Tod 1896 behauptete, der wissenschaftlicher Sozialismus sei eine Wissenschaftslehre. Bernstein popularisierte die von ihm selber in die Welt gesetzte Fehlinterpretation in mehreren Auflagen seines Buches "Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie".

Die entscheidende Leistung Marxens ist jedoch sein Anteil an der Gründung der Gesellschaftswissenschaft. Schon ab 1845 formulierten Marx und Engels bis in unsere Tage gültige Grundlagen der modernen Soziologie. Sie waren diejenigen, die zum ersten Mal das Entstehen der Menschen und die Formen ihres Zusammenlebens als einen Prozess der sozialen Evolution in einer Weise dargestellt haben, die heute weitgehend als selbstverständlich gilt. Seine Ideen blieben vorerst unveröffentlicht und fanden sich 1859 als Leitfaden in seiner ökonomischen Forschung; wenige Monate vor der Publikation des Konzepts der biologischen Evolution durch Darwin.

Marx' These: Die Arbeit der Menschen in der Natur zum Erwerb ihrer Lebensmittel (Produktivkräfte) führe zu den jeweiligen Produktionsverhältnissen - wie beispielsweise zum Feudalismus oder Kapitalismus. Aus diesen Prozessen entstehe der geistig-kulturelle Überbau (Religion, Kultur). Zusammen sind diese drei Bereiche das Sein der Menschen, aus dem sich bei ihrer Sozialisation ihr Bewusstsein ergäbe.

Was in der Kritik an Marx gern unterschlagen wird, sind die Wechselbeziehungen: Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein, wie auch das Bewusstsein das Sein der Menschen bestimmt. Deshalb heißt es bei Marx in der "Deutschen Ideologie", dass "also die Umstände ebenso sehr die Menschen, wie die Menschen die Umstände machen".

Individualität statt Gleichmacherei

Aus der wissenschaftlichen Analyse ergibt sich bei Marx die politische Erkenntnis, erst nach einer hinreichenden Entwicklung der bürgerlichen Industrie und nach deren Überwindung des Feudalismus könne sich eine Arbeiterklasse herausbilden. Diese könne dann nicht nur die bürgerliche Klassenherrschaft, sondern jede Klassenherrschaft überwinden, weil alle Menschen gleichermaßen gebildet sind, und die Teilung der Arbeit in Hand- und Kopfarbeit überflüssig würde.

Der Diktatur der Bourgeoisie wird dabei die Diktatur des Proletariats entgegengestellt. Dabei hat dieser Begriff nichts mit der sowjetideologischen Diktaturform zu tun, sondern war für Marx die nach der verlorenen Revolution von 1849 entwickelte Garantie einer freien Wahl zu einer deutschen Nationalversammlung, bei der auch Reaktionäre teilnehmen sollten.

Schon im "Manifest der Kommunistischen Partei" von 1848 hieß es: "An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist." Es wird aber nicht im Umkehrschluss gesagt, dass die freie Entwicklung aller Voraussetzung für die Freiheit der einzelnen Menschen sei; nirgends ist von einer Unterordnung unter "die" Gesellschaft oder gar "die Partei" die Rede. Ein feiner aber äußerst wichtiger Unterschied, der das Individuum gegenüber der plumper Gleichmacherei stärkt.

Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft

Die entscheidende Bedeutung Marxens aber liegt in seinem Hauptwerk "Das Kapital - Kritik der politische Ökonomie". Das ist nicht, wie häufig angenommen, eine Art politischer Kampfschrift, die Fortsetzung des "Kommunistischen Manifests" womöglich, sondern trockene Wissenschaft. Es zeigt die Funktionsweise der Kapitalprozesse in ihrer inneren Logik auf. Im ersten Band wird ein einzelnes Kapital, eine einzelne Fabrik als soziales Modell formuliert, im zweiten Band die Zirkulation zwischen diesen rationalen Einzelfabriken aufgezeigt, die dabei zu einer irrationalen, anarchischen Gesamtindustrie werden, wie dann im dritten Band zusammenfassend modellhaft gezeigt wird.

Nach wie vor aber ist die Substanz dieser sozialen Modelle im "Kapital", wie zuvor das Basis-Überbau-Modell zur sozialen Evolution, wissenschaftshistorisch gesehen von hohem Wert. Viele ökonomische wie soziologische Thesen, die heute noch Bedeutung haben, sind darin formuliert. Das gilt beispielsweise für den tendenziellen Fall der Profitrate, der - wegen der Konkurrenz - durch immer stärkeren Maschineneinsatz und die entsprechende Entlassung von Arbeiterinnen entsteht.

Dass rationales menschliches Handeln unintendierte Folgen hat, die sich zu entfremdeten Herrschaftssystemen entwickeln, wurde bei Marx und Engels bereits 1845 Grundlage ihrer Gesellschaftstheorie. Dieser Satz ist noch heute in der Soziologie einer der ganz wichtigen.

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