Maschinengewehr-Erfinder Hiram Maxim Der Vater des Gemetzels

Seine Erfindung machte ihn zum Urvater des industriellen Krieges: 1884 entwickelte der Amerikaner Hiram Maxim das erste selbstladende Maschinengewehr der Geschichte. Seine Schöpfung kostete Abertausende Leben - doch er selbst wurde als "Wohltäter" gefeiert.

Corbis

Rund 50 britische Infanteristen zogen 1893 am Ende der Welt in den Krieg. Vom britischen Südafrika aus kämpfte sich das winzige Häuflein Weißer den Weg gen Norden frei, gegen sengende Hitze und feindliche Kämpfer. Ihre Gegner trafen sie im Süden des heutigen Simbabwe: Tausende Krieger vom Stamm der Matabele unter ihrem Häuptling Lobengula stellten sich dem Landhunger der Briten entgegen. Immer wieder schlugen die britischen Soldaten die Angriffe der Matabele brutal zurück - obwohl die ihnen zahlenmäßig weit überlegen waren. Der Grund: das "Maxim"-Maschinengewehr.

Vier Exemplare dieser mörderischen Erfindung, die nach ihrem Entwickler Hiram Maxim benannt war, führten die Briten auf fahrbaren Gestellen mit sich. Das "Maxim" war das erste selbstladende Maschinengewehr der Welt, das aus seinem Lauf Tod und Vernichtung in die Reihen der Feinde schleuderte - rund 600 Mal in der Minute.

Nicht weit von Bulawayo, der Hauptstadt der Matabele, kam es zur Entscheidungsschlacht. Über 5000 Krieger warfen sich immer und immer wieder auf die britischen Stellungen. Die "Maxims" schossen die Angreifer mit ihren unablässigen Feußerstößen Angriffswelle um Angriffswelle nieder. Mehr als 3000 Matabale fielen ohne jede Chance, die Überlebenden flüchteten voll Entsetzen. "Sie wurden niedergemäht wie mit einer Sense", sagte der Expeditionsteilnehmer George Rattray bewundernd über die Feuerkraft der "Maxims".

Erfinder mit schnellen Fäusten

Ihr Erfinder Hiram Maxim wurde 1840 auf einer kleinen Farm im amerikanischen Maine geboren. Schon früh zeigten sich seine großen Ambitionen - als junger Mann bezeichnete er sich als "technisches Allround-Talent", das es mit allen Handwerkern in ganz Maine aufnehmen könne. Bisweilen ließ der selbsternannte Techniker und Erfinder auch die Fäuste sprechen, um seine Überlegenheit zu demonstrieren: Als die Bewohner der nächstgelegenen Stadt den für seine Arroganz verhassten Maxim zu einem Boxkampf aufstachelten, schickte er den lokalen Champion mühelos auf die Bretter.

Maxim war eingeschworener Autodidakt: Statt an der Universität ein Studium zu absolvieren, verschlang der künftige Waffenschmied Bücher über Naturwissenschaften und Mathematik. Daneben gab es kaum einen Job, an dem er sich nicht versucht hätte: Maxim war Bartender, Schildermaler, arbeitete in der Fabrik und wurde technischer Zeichner. Wenn er sich langweilte, erfand er Apparaturen - mit Mausefallen fing es an, später legte er sich mit dem Pionier der Elektrizität, Thomas Alva Edison, an, dessen elektrische Glühlampe er durch ein eigenes - selbstverständlich besseres - Modell ausstechen wollte.

Nie war Töten so einfach

Mit Edison hatte sich Maxim, dem ohnehin bereits ein übler Ruf als arroganter Exzentriker nachhing, allerdings verhoben. Schnell suchte er sich ein neues Betätigungsfeld. Als ihn sein Arbeitergeber, ein Elektrizitätsunternehmen, Anfang der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts nach Europa sandte, kam ihm die Erleuchtung: Waffen. Ein Fremder soll Maxim der selbstgestrickten Legende nach während einer Industriemesse auf die Idee gebracht haben: "Erfinde eine Todesmaschine, irgendetwas, das diese Europäer befähigt, sich die Kehlen noch besser durchzuschneiden - das ist es, was sie wollen!" Ein Schuss aus einem ganz normalen Gewehr brachte Maxim auf die richtige Idee. Als er die Waffe abfeuerte, spürte er den Rückstoß, der einem unvorsichtigen Schützen glatt die Schulter brechen konnte.

Warum, so überlegte Maxim, sollte man diese gewaltige Energie nutzlos verschwenden? Genauso gut könnte sie dazu genutzt werden, die Hülse der gerade abgeschossenen Kugel auszuwerfen und gleichzeitig vollautomatisch eine neue Patrone nachzuladen. In Großbritannien machte sich Maxim an die Umsetzung seiner Idee. 1884 stellte der Erfinder der britischen Öffentlichkeit schließlich seine neue Massenvernichtungswaffe vor.

Der Oberbefehlshaber der britischen Armee machte sich schleunigst auf den Weg zu Maxims Werkstatt, um das Maschinengewehr in Augenschein zu nehmen. Auf einem zweirädrigen Gestell ruhte die Waffe - ein im Vergleich zu einem normalen Gewehr klobiges, langes Stück Metall, das als Rückstoßlader eine nie dagewesene Schussfrequenz erreichte. Eine Wasserkühlung schützte das Gewehr vor Überhitzung, die Patronen glitten aus einem Kasten unter dem Lauf per Gurt in die Abschusskammer - nun musste der Schütze nur noch den Abzugshebel drücken. Nie zuvor war Töten so einfach gewesen.

Von Ruhm und Geld getrieben

Auch der deutsche Kaiser Wilhelm I. zeigte Interesse an der neuen Waffe. 1887 ließ er sich das "Maxim" sowie die Konkurrenzprodukte der Hersteller Gatling und Nordenfelt vorführen und war begeistert: "Das ist die Waffe", so Wilhelm über das Maxim-Maschinengewehr, "es gibt keine andere." Die Vorteile des "Maxim" lagen auf der Hand: Das Gatling-Repetiergewehr zum Beispiel musste mühsam per Muskelkraft geladen werden und streikte häufig. Solche Probleme waren beim zuverlässigen "Maxim" nicht zu befürchten.

Bald standen die europäischen Armeen bei Maxim Schlange, um seine Maschinengewehre zu ordern. Der österreichische Erzherzog zeigte sich bei einer Vorführung in Wien schockiert vom "Maxim". Er nannte es "das furchtbarste Instrument, das ich jemals gesehen habe oder mir vorstellen konnte" - und orderte sogleich große Stückzahlen für die österreichisch-ungarische Armee.

Hiram Maxim war höchst zufrieden: Endlich erhielt er die Bewunderung, die er immer erhofft hatte. Ruhm und Geld waren seine Motoren, das Schicksal der Soldaten oder patriotische Gefühle rührten ihn nie wirklich. Ständig tüftelte der Erfinder an der Verbesserung des "Maxims" herum. So reduzierte er das Gewicht des Maschinengewehrs auf weniger als 70 Kilogramm. Leichtere Waffen waren ein großer Wunsch der Militärs, die das Maschinengewehr in die unwirtlichen Kolonien mitnehmen wollten. Er ersann einen neuen Munitionsgurt, der sich in sechs Sekunden einbauen ließ. Und auch neben dem "Maxim"-Maschinengewehr erfand Hiram Maxim fleißig weiter, zum Beispiel ein rauchloses Schießpulver. Über 200 Patente sollte er im Laufe seines Lebens halten.

Die Schlacht als Werbefeldzug

Werbung für sein Produkt musste Hiram Maxim nie machen. Jeder Krieg, in dem sein Gewehr eingesetzt wurde, war das beste Marketing für ihn. So auch im Jahr 1898: Zu dieser Zeit marschierte eine britisch-ägyptische Armee den Nil herauf, um die Reste des sudanesischen Mahdi-Reichs zu vernichten, das den Briten rund ein Jahrzehnt zuvor eine peinliche Schmach zugefügt hatte. Die britischen Soldaten hüteten die Geheimwaffe wie ihren Augapfel: Sie verpackten ihre "Maxim"-Maschinengewehre gegen den allgegenwärtigen Sand in Seide.

Am 2. September 1898 kam es bei der sudanesischen Stadt Omdurman zur Entscheidungsschlacht. Über 60.000 Mahdisten, die in ihren wehenden Gewändern einen prachtvollen Anblick boten, aber nur miserabel ausgerüstet waren, stürmten auf die britische Armee los. Bis die ihre "Maxims" sprechen ließ. Die Maschinengewehre machten die Schlacht zum Gemetzel, wie ein berühmter britischer Teilnehmer der Kämpfe - Winston Churchill - berichtete. "Im entscheidenden Augenblick erschien das Kanonenboot und begann plötzlich, aus Maximkanonen, Schnellfeuergewehren und Büchsen zu schießen. Die Entfernung war kurz, die Wirkung verheerend. Die angreifenden Derwische sanken nieder wie gemäht", schrieb Churchill. Die britischen Verluste betrugen keine 50 Mann, die Mahdisten büßten fast 10.000 Kämpfer ein.

Ein "Wohltäter" der Menschheit

Hiram Maxim hörte die Nachrichten über die Schlacht im fernen Sudan mit Begeisterung, waren sie für ihn doch ein Beleg seines Genies. Sogar mancher Schriftsteller pries nun seine Erfindung. "Was auch immer passieren mag, wir haben das Maxim-Maschinengewehr, und die anderen nicht", schrieb ein Bewunderer über den Unterschied zwischen Briten und den "unzivilisierten" Völkern.

In Großbritannien war Maxim ein hochgeachteter Mann, 1900 hielt bei einem Fest sogar der britische Premierminister Lord Salisbury eine Ansprache auf ihn. "Wissen Sie, Gentlemen, dass ich Mr. Maxim als einen der größten Wohltäter betrachte, den die Welt je gekannt hat?", so Lord Salisbury. "Und wie?", entfuhr dem selbst völlig verdutzten Maxim. "Nun", setzte der Premierminister an, "ich muss sagen, dass Sie mehr Männer davor bewahrt haben, im hohen Alter zu sterben, als jeder andere Mensch, der jemals gelebt hat".

Salisburys Worte hatten prophetischen Charakter: 14 Jahre später, im August 1914, richteten die Europäer ihre selbstladenden Maschinengewehre, die auf Maxims Erfindung beruhten, aufeinander. Was seine in tausendfacher Ausführung eingesetzte Waffe auf den Schlachtfeldern Europas anrichtete, sollte Hiram Maxim noch selbst erleben. Er starb 1916 in London.



insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
D Brueckner, 23.09.2013
1.
Verfehlt zwar das Thema aber...wo sind sie, die Berufsempoerten angesichts des hundertausenfachen Voelkermordes der Briten in Afrika, Vorderasien und Mittleren Osten? Reicht ja hin wenn man den deutschen Militarismus eines Lettow-Vorbeck wiederkauen kann.
Boris Lenk, 24.09.2013
2.
@ D. Brueckner, sie haben recht... es verfehlt komplett das Thema.
Iphigenie Coras, 24.09.2013
3.
...naja, dort wo sich schon ein Berufsbesänftiger eingefunden hat, wird ein Berufsempörter gewiss nicht lange auf sich warten lassen...
Uwe Schwarz, 24.09.2013
4.
Es ist immer das gleiche ? manche Leute durchstöbern das Internet nur auf der Suche nach Leichen, wie die Aasgeier. Sie wollen Hinweise finden, daß nicht nur ?wir? (Deutsche, Nazis, Araber, Kommunisten oder was auch immer), sondern auch ?die? (Briten, Spanier, Katholiken, Stalinisten, Israelis, USA usw.) Massenmörder waren oder sind. Sie zählen Tote wie andere Erbsen und hauen einander triumphierend Leichenzahlen und Foltermethoden um die Ohren: ?Ätsch, ihr seid ja auch Verbrecher! Juhu, wir sind nicht die einzigen Mörder!? Ein blutiger Kindergarten. So ist es auch diesmal; man kann ja bei solchen Themen darauf wetten. Ungewöhnlich ist nur, daß ein Kommentar aus dieser Kategorie gleich am erster Stelle steht.
Andreas Baeumler, 24.09.2013
5.
Man sollte es sachlich sehen: der Mensch an sich ist ein kriegerisches Wesen. Dass wir Waffen erfunden und verbessert haben, liegt in unserer Natur. Man mag das mögen oder nicht - aber die Art, wie wir uns heutzutage als "gewaltfrei" sehen möchten, ist nicht glaubwürdig.
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