Massaker von Babi Jar Die Opfer haben Namen

Männer, Frauen, Kinder, Säuglinge: Im September 1941 erschossen deutsche SS-Männer und Polizisten in Kiew 33.771 Juden. Das Grauen muss uns heute Mahnung sein.

Nach dem Massaker von Babi Jar: Ein deutscher Wachposten spricht mit ukrainischen Frauen, in der Schlucht schaufeln Zwangsarbeiter Sand und Erde über die Toten
Hamburger Institut für Sozialforschung

Nach dem Massaker von Babi Jar: Ein deutscher Wachposten spricht mit ukrainischen Frauen, in der Schlucht schaufeln Zwangsarbeiter Sand und Erde über die Toten

Von Florian Harms


Weltgeschichtlich gesehen sind 75 Jahre kaum mehr als ein Wimpernschlag. Aber sie scheinen auszureichen, dass viele Menschen die Lehren der Geschichte vergessen. Die fremdenfeindliche Gewalt in Deutschland nimmt sprunghaft zu. Jeder Zehnte wünscht sich einen Führer, der das Land mit starker Hand regiert. Elf Prozent glauben, dass Juden zu viel Einfluss haben. Zwölf Prozent sind der Ansicht, Deutsche seien anderen Völkern von Natur aus überlegen. Ein Drittel hält Deutschland für gefährlich überfremdet. Knapp neun Prozent sind der Ansicht, dass es wertvolles und unwertes Leben gebe, und mehr als acht Prozent glauben, dass der Nationalsozialismus auch seine guten Seiten hatte.

Einstellungen wie diese sind brandgefährlich, wie die jüngsten Attacken in Bautzen oder Dresden wieder gezeigt haben.

Deshalb ist es wichtig, dass wir uns immer wieder daran erinnern, wozu Rassismus, Xenophobie und Demokratieverachtung am Ende führen können. Unsere Demokratie, unser Rechtsstaat, unsere Meinungsfreiheit und unser Pluralismus sind keine Selbstverständlichkeit. Sie erfordern jeden Tag den Einsatz möglichst vieler Bürger, die im politischen und gesellschaftlichen Diskurs mitdenken, mitreden, mitdiskutieren.

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Massaker von Babi Jar: Die Schlucht des Todes

Und es braucht ein Verständnis der Geschichte. Deshalb ist es außerdem wichtig, dass wir uns heute an den 29. und 30. September 1941 erinnern. An diesen beiden Tagen erschossen SS-Männer der Einsatzgruppe C und Ordnungspolizisten in der Schlucht von Babi Jar am Stadtrand von Kiew 33.771 jüdische Männer, Frauen und Kinder. Die Wehrmacht unterstützte den Massenmord.

"Babi Jar demonstrierte zusammen mit dem Massaker von Kamenez-Podolsk einige Wochen zuvor, dass die 'Endlösung' das Ausmaß annehmen konnte, das wir heute den Holocaust nennen", sagt der amerikanische Historiker Timothy Snyder im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Er kommt zu dem Schluss: "Was wir heute als Zivilisation erfahren, ist viel fragiler, als wir denken. Mir ist nicht klar, warum wir heute vor Massenmord eher gefeit sein sollten als die Menschen in den Dreißigerjahren."

In seinem meisterhaften Buch "Bloodlands" hat Snyder das Massaker von Babi Jar beschrieben:

Eine Wehrmachtspropagandaeinheit druckte Plakate, die den Juden befahlen, bei Todesstrafe an einer Straßenecke in einem westlichen Bezirk von Kiew zu erscheinen. Man erzählte den Juden die Lüge, sie würden umgesiedelt, was zur Regel bei solchen Massenerschießungen wurde, und sie sollten ihre Dokumente, Geld und Wertsachen mitbringen. Am 29. September erschienen tatsächlich die meisten der noch in Kiew verblieben Juden am ausgewiesenen Ort. Einige sagten sich, da am folgenden Tag Jom Kippur sei, der höchste jüdische Feiertag, könne ihnen nichts geschehen. Viele erschienen vor Sonnenaufgang in der Hoffnung, gute Plätze im Umsiedlungszug zu bekommen, doch der existierte nicht. Die Menschen packten für eine lange Reise, alte Frauen trugen Zwiebelketten um den Hals. Nach dem Sammeln gingen über 30.000 Menschen wie befohlen durch die Melnyk-Straße zum jüdischen Friedhof. Augenzeugen sahen aus ihren Wohnungen einen "endlosen Zug", der "die ganze Straße und Gehsteige füllte".
Nahe dem Tor zum jüdischen Friedhof hatten die Deutschen einen Kontrollpunkt eingerichtet, wo die Dokumente geprüft und Nichtjuden weggeschickt wurden. Von diesem Punkt an wurden die Juden von Deutschen mit Maschinenpistolen und Hunden eskortiert. Spätestens am Kontrollpunkt müssen viele Juden sich gefragt haben, was ihr wahres Schicksal sein würde. (...…)
Nachdem sie ihre Wertsachen und Dokumente abgegeben hatten, mussten die Menschen sich ausziehen, dann wurden sie mit Drohungen oder Warnschüssen in Zehnergruppen an den Rand einer Schlucht namens Babi Jar getrieben. Viele wurden geschlagen.

Dina Pronitschewa, die das Massaker überlebte (mehr dazu hier), erinnerte sich, dass Menschen "schon bluteten, bevor sie erschossen wurden".

Sie mussten sich bäuchlings auf die Leichen der schon Ermordeten legen und auf die Schüsse warten, die von oben kamen. Dann kam die nächste Gruppe. 36 Stunden lang kamen Juden und starben. Vielleicht waren die Menschen im Sterben und im Tod gleich, aber jeder war anders bis zum letzten Moment, jeder hatte andere Gedanken und Vorahnungen, bis alles klar war, und dann wurde alles schwarz. Manche Menschen starben mit dem Gedanken an andere, wie die Mutter der schönen fünfzehnjährigen Sara, die bat, gemeinsam mit ihrer Tochter erschossen zu werden. Hier war selbst zum Schluss noch eine Sorge: Wenn sie sah, wie ihre Tochter erschossen wurde, würde sie nicht sehen, wie sie vergewaltigt wurde. Eine nackte Mutter verbrachte ihre letzten Augenblicke damit, ihrem Säugling die Brust zu geben. Als das Baby lebendig in die Schlucht geworfen wurde, sprang sie hinterher.

Das Grauen muss uns Mahnung sein, die Opfer müssen uns Mahnung sein. Indem wir ihre Namen lesen, können wir die Erinnerung wachhalten und uns die Lehren der Geschichte vergegenwärtigen.

Es sind Namen wie diese:

Moshe Aizenshtok, 14, Schüler

Yankel Averbukh, 54, Buchhalter

Ionya Barkan, 10, Schüler

Rakhil Batashev, geboren 1900, Hausfrau

Gershel Belogolovski, Alter unbekannt, Schneider

Sonia Berenbein, 22, Näherin

Gitel Berenshtein, 50, Arbeiterin

Natan Berenshtein, Alter unbekannt, Buchhalter

Khaia Berman, 14, Schülerin

Moisei Blankman, 75, Buchhalter

Malka Blankman, 58, Fotografin

Isrulik/Yisrael Blyakher, 36, Arbeiter

Yevgenia Boidyk, 34, Lehrerin

Sofia Boltiansky, 73, Hausfrau

Abram Borisov, 58, Angestellter

Noyakh/Noakh Borodyanski, 56, Zimmermann

Ben Braginski, geboren 1908, Ingenieur

Beba Braginski, 34, Ingenieurin

Maia Broide, 48, Hausfrau

Khana Bronshtein, geboren 1902, Buchhalterin

Grigori Bronshtein, geboren 1931, Schüler

Yosef Brozer, 58, Lieferant

Riva Chernyavski, 51, Hausfrau

Tania Cholupko, 13, Schülerin

Mordka Chudnovski, 63, Arbeiter

Samuil Donin, geboren 1875, Sanitärtechniker

Shmuel Donin, 66, Metallarbeiter

Yankel Donskoy, 60, Arbeiter

Ester Dubovski, 75, Hausfrau

David Dudchin, geboren 1905, Arzt

Musya Dudchina, geboren 1910, Ärztin

Emilya/Emilia Edelman, 20, Studentin

Izrail Epshtein, Alter unbekannt, Handwerker

Ilya Feldman, 69, Schneider

Riva Feldman, 41, Arbeiterin

Sylka Fidman, Alter unbekannt, Hausfrau

Yankel Fidman, 60, Zimmermann

Tuba Fishman, 56, Hausfrau

Basia Fleishmakher, 49, Hausfrau

Mania Freidinov, 40, Kassiererin

Izrail Freidinov, 75, Pensionär

Avraham Galant, 75, Bäcker

Yevgenia Gelman, 42, Buchhalterin

Yevsei Gelman, 46, Ingenieur

Leib Gershovitz, geboren 1926, Schüler

Dora Gilman, 48, Hausfrau

Minikha Gilshtein, 40, Bibliothekarin

Samuil/Samuel/Shmul Glikin, 63, Maler

Fenia/Fania Goldin, 31, Arbeiterin

Itzia Gomelski, 50, Schneider

Mania Gorenshtein, 24, Hausfrau

Yelizaveta Grinberg, 41, Hausfrau

Sabina Grinfeld, 84, Hausfrau

Petr Guberman, 60, Schneider

Sara Gurevich, 55, Buchhalterin

Leib Ievdasin, geboren 1876, Schneider

Gersh Indenbaum, 76, Angstellter

Frania Kagan, 40, Hausfrau

Fanya Kagan, 44, Hausfrau

Isaak Kagan, 50, Verkäufer

Abram Kaganovich, Alter unbekannt, Arbeiter

Rakhil Kaganovich, geboren 1903, Hausfrau

Basia Kagarlitzki, 47, Angstellte

Mykhl Katz, 50, Schuster

Mikhail/Mikhael Katzovski, 11, Schüler

Ester Keselman, 50, Hausfrau

Moshe Kleiner, 55, Lehrer

Reizl Koire, 32, Näherin

Yitzkhak Kordysh, 28, Biologe

Kheizor Kordysh, 58, Förster

Aharon Korogodski, Alter unbekannt, Geschäftsmann

Rakhil Kosachevskaya, 69, Hausfrau

Moisei Kritzberg, 68, Rentner

Sofia Kushnerova, 60, Hausfrau

Rakhil Kushnirovich, 85, Hausfrau

Borukh Kutman, 78, Verkäufer

Yuzik/Iuzik Zus Kuzminski, 14, Schüler

Liza Kuzminski, 16, Schülerin

Khana Lazareva, 56, Angestellte

Berta Leher, 41, Hausfrau

Boris Leher, 16, Schüler

Moisei Lerman, 48, Arbeiter

Leib Khaim Lev, 71, Makler

Rukhl Litvinov, 40, Schneider

Ester Lozinski, 30, Bilanzbuchhalterin

Golda Lyakhovetzki, 63, Dienstmädchen

Pinkhas Malamed, 73, Kaufmann

Sara Malykin, 25, Angestellte

David Margolin, 12, Schüler

Fanya Matusov, 23, Angestellte

Shalom Matusov, 54, Uhrenmacher

Zelda Matveyev, 29, Chemikerin

Sofia Medvedovski, Alter unbekannt, Ärztin

Khaia Menis, 70, Hausfrau

Tzetzilia Merlis, 68, Hausfrau

Yosef Mestechkin, 69, Angestellte

Sasha Mezhvinski, 9, Schüler

Yelizaveta Mitnitzki, 41, Hausfrau

Slava Mitnitzki, 10, Schülerin

Grigori Mogilevski, 38, Fuhrmann

Khasya Naroditzki, 16, Schülerin

Rakhil Nemirovski, 56, Hausfrau

Rakhil Novak, 27, Arbeiterin

Miriam Nudelman, 59, Hausfrau

Shimon Nudelman, 61, Lehrer

Misha Okun, geboren 1928, Schüler

Feiga Ostrovskaya, 41, Buchhalterin

Aaron Ostrovski, 62, Zimmermann

Gitia Palti, 37, Hausfrau

Polina Pekar, 24, Arbeiterin

Feiga Pikovski, 14, Schülerin

Esfir Pines, 55, Hausfrau

Pinkhas Polyak, 64, Buchhalter

Minikha Polyak, 36, Metallarbeiterin

Beila Khaia Portnoi, 55, Buchhalterin

Bluma Portnoi, 37, Näherin

Simkha Pud, 45, Buchhalter

Semion Raykhlin, 62, Schuster

Fania Razumovski, 70, Pensionärin

Pyotr Razumovski, 75, Pensionär

Izya Reznik, 13, Schüler

Rakhil Rozenberg, 43, Ärztin

Punya/Punia Rozenberg, 16, Schüler

Breindle Rozenzaft, 58, Hausfrau

Sara Rudaia, 28, Arbeiterin

Yerukhim Rutitzki, 59, Buchhalter

Vulf Sakhnovski, 54, Verkäufer

Srul Sandler, 70, Arbeiter

Grisha Sher, 10, Schüler

Liubov Shevtzovich, 44, Hausfrau

Elka Shifrin, 38, Näherin

Feiga Sheina Shifrin, 65, Hausfrau

Liuba Shknevskaya, 25, Lehrerin

Boris Shoikhet, Alter unbekannt, Pensionär

Avrum Elya/Avraham Alia Shpigelman, 50, Arbeiter

Yefim Shtekelman, Alter unbekannt, Chemiker

Polina Shuster, 56, Näherin

Fania Shvartzvald, 75, Hausfrau

Lia Shvartzvald, 53, Sanitäterin

Ester Shvetz, 35, Buchhalterin

Tzesia Sinelnikov, 55, Schneiderin

Moisei/Moshe Slutzki, 16, Schüler

Malka Smertenko, 16, Schülerin

Brana Sokol, geboren 1910, Fabrikarbeiterin

Mintzia Sokol, 31, Hausfrau

Perez/Peretz Sokol, geboren 1865, Schneider

Mintza Sokol, geboren 1908, Textilarbeiterin

Mordekhai Sova, 63, Kaufmann

Yakov Stolyarevski, 66, Schuster

Maria Szteinberg, 60, Hausfrau

Leib Tarnovski, 60, Klempner

Khasia Telfer, 42, Näherin

Liza Tolokunski, 46, Arbeiterin

Olga Tzeitlin, 79, Hausfrau

Gitl Tzetlin, 82, Hausfrau

Basya Tzibulsky, geboren 1923, Apothekerin

Rakhil Vaisberg, 51, Näherin

Khana Vaserman, 62, Hausfrau

Gersh Vinitzki, 66, Schuster

Izrail Vinnikov, geboren 1910, Arbeiter

Borokh Volfman, geboren 1879, Buchhalter

Rakhel Voloshin, 50, Hausfrau

Abram Yagolnitzer, 60, Fabrikdirektor

Basya Yanovski, 66, Hausfrau

Ester Yudkovski, 60, Angestellte

Klavdia Zamoshkin, Alter unbekannt, Lehrerin

Tatiana Zef, geboren 1874, Hausfrau

Mikhail Zhornitzki, 35, Bauarbeiter

Pesakh Zhornitzki, 71, Maler (Künstler)

Zlata Zlotnik, 53, Hausfrau

Bis heute sind nicht alle Namen der 33.771 Opfer von Babi Jar bekannt. Die deutschen Mörder registrierten zwar die Zahl der Ermordeten, aber nicht ihre Identitäten. Die internationale Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel sammelt in einer Datenbank Namen und Lebensgeschichten von Holocaust-Opfern. Dort fließen neben unvollständigen Todeslisten auch "Gedenkblätter" ein, die Verwandte und Bekannte der Opfer, aber auch Holocaust-Überlebende als Zeugen der Ermordungen bis heute einreichen können. Doppelnennungen sind deswegen nicht ausgeschlossen. Auch das genaue Todesdatum ist oftmals nicht mehr zu klären. Nach Angaben von Yad Vashem sind bislang 4,5 Millionen ermordete Juden in der Datenbank erfasst. Zum Datenbank-Auszug über die Opfer von Babi Jar gelangen Sie hier.

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