Blutige Proteste in Mexiko-Stadt Das Massaker von Tlatelolco

Maschinengewehre gegen Studentenproteste: Mit brutaler Gewalt schlug die mexikanische Regierung im Oktober 1968 eine Massendemonstration in Mexiko-Stadt nieder, um nur zehn Tage später ungestört eine "Olympiade des Friedens" zu feiern.

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AP

Es ist ein nieseliger Nachmittag in Mexiko-Stadt. Am 2. Oktober 1968 haben sich rund 10.000 Menschen auf dem Platz der Drei Kulturen im Zentrum versammelt. Sie warten auf die Ansprache von "Sócrates" Campos Lemus, dem Führer der Studentenbewegung, die seit Monaten Reformen in dem lateinamerikanischen Land fordert. Die Studenten der beiden größten Universitäten sind dort, aber auch Arbeiter und Angestellte, die sich den Protesten zuletzt angeschlossen haben.

Die Stimmung ist angeheizt: In zehn Tagen sollen die Olympischen Spiele in Mexiko Stadt beginnen, und Präsident Gustavo Díaz Ordaz lässt seit Wochen die Jugend des Landes niederknüppeln. Auch heute ist die Versammlung von Polizei und Militär umringt, Hubschrauber kreisen über dem Gelände. Kaum tritt der Studentenführer ans Mikrofon, fallen von einem der Hubschrauber drei bengalische Feuer: Erst zwei grüne, dann ein rotes. Noch während die Lichter in der Dämmerung glühen, fallen die ersten Schüsse. Von allen Seiten drängen Soldaten in die Menge, Maschinengewehrfeuer hämmert über den Platz. Am Ende sind hunderte Menschen tot, Tausende verhaftet. Die Studentenproteste sind niedergeschlagen.

Das Ereignis wird erst Jahrzehnte später offiziell untersucht werden - und als "Massaker von Tlatelolco" in die Geschichte eingehen.

Sonderkommando gegen Proteste

Schon zwei Monate zuvor hatte es in der Hauptstadt zu rumoren begonnen: Im August 1968 fingen die Studenten der UNAM, der größten Universität Lateinamerikas, an, gegen das autokratische Regime der Partido Revolucionario Institucional, der PRI-Partei, zu protestieren, die Mexiko seit über 40 Jahren regierte. Es gab Zusammenstöße mit der Polizei, bei einer gemeinsamen Demo mit dem Polytechnischen Institut IPN wurden 500 Studenten verletzt. Das Militär räumte den Campus, es gab wilde Schlachten mit Molotowcocktails und Sturmgewehren. Schon jetzt gab es mehr als ein Dutzend Tote. 50.000 Protestierende zogen auf den Zócalo, den zentralen Platz von Mexico City.

Für Präsident Gustavo Díaz Ordaz kamen die Proteste zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Am 12. Oktober wollte er die Olympischen Spiele eröffnen. Mexiko hatte Unsummen investiert, um sich der Welt als modernes und fortschrittliches Land zu präsentieren. Die Unruhen störten dieses Bild empfindlich. Ordaz zog eine Spezialeinheit zusammen, die eigentlich mit dem Schutz der Olympischen Spiele beauftragt war: das "Batallón Olimpia", das sich aus Angehörigen von Militär, Geheimdienst und Präsidentengarde zusammensetzte. Sie sollte sich nun der Proteste annehmen.

Am 2. Oktober war eine Protestveranstaltung auf dem Platz der Drei Kulturen im Stadtteil Tlatelolco geplant, wo die drei Epochen der mexikanischen Geschichte aufeinanderstoßen: Überreste einer aztekischen Pyramide, ein katholischer Konvent aus der Kolonialzeit und die dreizehnstöckigen Plattenbauten der Neuzeit. Das Hochhaus des Außenministeriums ist von hier nur einen Steinwurf entfernt. Kurz vor 18 Uhr hatten sich Tausende auf dem Platz versammelt - Studenten, Passanten, Anwohner, fliegende Händler, Hausfrauen mit Kindern auf dem Arm. Auf einem Balkon im dritten Stock des Chihuahua-Gebäudes, eines großen Apartment-Komplexes am Platz der Drei Kulturen, standen die Anführer des Nationalen Streikrats. Ein Studentenführer begrüßte eine Gruppe von Eisenbahnern, die mit Plakaten auf dem Platz einzogen. Auch ausländische Journalisten, die nach Mexiko geschickte worden waren, um über die Olympischen Spiele zu berichten, waren in der Menschenmenge.

Menschen suchen in Panik nach einem Ausweg

Die Versammlung wurde von Militär und Polizei bewacht - wie üblich. Doch heute waren es mehr als sonst: Rund 5000 Soldaten waren um den Platz zusammengezogen, rund 200 Militärjeeps und Panzer sicherten die Zufahrtsstraßen. Über den Köpfen kreiste ein Hubschrauber der Polizei und einer des Militärs. Der Platz der Drei Kulturen wirkte wie eine riesige Falle, die zuzuschnappen drohte.

Unter die Veranstaltungsteilnehmer hatten sich Männer gemischt, die an der linken Hand einen weißen Handschuh trugen. Es war das "Batallón Olimpia". Die Agenten sicherten unbemerkt die Zugänge und Treppenhäuser des Chihuahua-Gebäudes, einige gesellten sich sogar zu den Rednern auf dem Balkon im dritten Stock. Von den Menschen auf dem Platz unbemerkt hatten Scharfschützen auf den Dächern des alten katholischen Konvents Stellung bezogen, in einem Apartment des Molino-del-Rey-Gebäudes war ein Maschinengewehr aufgebaut worden. Um 17.55 Uhr stiegen vom Dach des benachbarten Außenministeriums zwei rote Leuchtfeuer auf, doch kaum jemand schenkte dem Beachtung.

Erst, als exakt 15 Minuten später aus einem Militärhubschrauber als Startsignal für das "Batallón Olimpia" die bengalischen Feuer fielen, gingen alle Köpfe nach oben. Dann begannen die Schüsse über den Platz zu zischen, erst vereinzelt, dann als knatterndes Sperrfeuer der Maschinengewehre. Sie trafen Demonstranten und Soldaten gleichermaßen. Die Schüsse kamen aus allen Richtungen, von den gepanzerten Fahrzeugen an den Eingängen und von den Häuserdächern. Menschen rannten in Panik durcheinander, suchten einen Ausweg, doch sie kamen nur bis zu den geschlossenen Reihen der Soldaten, die ihre Bajonette aufgesetzt hatten und in die Menge schossen.

Blutige Schlieren auf dem Pflaster

Im Chihuahua-Gebäude hatten die Agenten des "Batallón Olimpia" in Sekundenschnelle die Kontrolle übernommen. Die Männer mit dem weißen Handschuh zückten Pistolen, versperrten die Aufgänge und überwältigten die Anführer der Protestbewegung.

Der Platz der drei Kulturen hatte sich in ein Inferno verwandelt. Eine halbe Stunde lang knatterte das Feuer der Maschinenpistolen, Jeeps und leichte Panzer rollten auf den Platz. Dann waren nur noch vereinzelt Schüsse zu hören. Unzählige Tote und Verletzte lagen auf dem Boden. Unter dem Geheul der Sirenen wurden die Überlebenden auf dem Gelände der Kirche von Santiago Tlatelolco zusammengetrieben. Die Leichen werden rasch in Militärtransportern und Krankenwagen abtransportiert.

Viele der Überlebenden hatten sich in die umliegenden Wohnhäuser geflüchtet. Erst wurden dort Telefon und Strom abgestellt, dann durchsuchten Männer des "Batallón Olimpia" Wohnung für Wohnung. Die Razzia ging bis in die frühen Morgenstunden.

Am Morgen waren über 3000 Menschen auf dem Gelände der Kirche eingekesselt. Sie wurden abtransportiert in Militärkasernen, Gefängnisse und Einrichtungen des Geheimdienstes. Viele von ihnen berichteten später über Folter, andere tauchten nie wieder auf. Auf dem Platz der Drei Kulturen lagen Schuhe und Kleider, das Blut zerfloss in Schlieren auf dem Pflaster. In der Nacht hatte es geregnet.

Eine schwarze Taube für die Toten

Die Zeitungen berichteten von einem Angriff der Studenten auf die Sicherheitskräfte, 20 Menschen seien ums Leben gekommen, hieß es. Erst 1993 deckte eine Wahrheitskommission das wirkliche Ausmaß des Massakers auf: 15.000 Schuss Munition waren verschossen worden, 300 Menschen gestorben, 700 waren verletzt und 5000 festgenommen worden.

Die Proteste in Mexiko aber verstummten. Der Nationale Streikrat von UNAM und IPN verzichtete auf weitere Kundgebungen. Einige sahen den politischen Dialog als gescheitert an und schlossen sich im Untergrund zu Guerrilla-Verbänden zusammen.

Wenigstens für den Moment hatte Präsident Díaz Ordaz im Herbst 1968 sein Ziel erreicht: Am 12. Oktober eröffnete er die Sommerspiele in Mexiko-Stadt - unter dem Motto "Olympiade des Friedens". Als er seine Rede vor den Nationen der Welt hielt, flatterte im Himmel über ihm eine überdimensionale schwarze Taube. Es waren Studenten, die einen Drachen fliegen ließen, der nun still anmahnte, welchen Preis sie für diese Wettkämpfe bezahlen mussten.

Erst viele Jahrzehnte später, am 30. Juni 2006, sollte der damalige Innenminister Luis Echeverria Álvarez sich als mutmaßlicher Hauptverantwortlicher für das Massaker von Tlatelolco vor Gericht verantworten. Das Verfahren wurde schon wenig später eingestellt - wegen Verjährung.

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
Peter Grolig, 02.10.2014
1.
Ich vermisse im Artikel eine Gegenüberstellung der Staaten, die diese Olympischen Spiele boykottierten und welche nicht. Die Teilnehmer sind in meinen Augen alle mitschuldig.
Rolf Radicke, 02.10.2014
2. Die Scheinheiligen,
die heute so schnell einen Boykott fordern, aeusserten sich damals natuerlich nicht, schliesslich kam das Massaker ihren Interessen gelegen. Verbrechen gegen die Menschlichkeit duerfen nicht verjaehren, unabhaengig davon, wer sie begangen hat!
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