Massengräber in Marienburg Das Geheimnis der Gebeine

Massengräber in Marienburg: Das Geheimnis der Gebeine Fotos
dpa

Sie schaufelten eine Baugrube und entdeckten ein Massengrab: In Malbork, dem ehemaligen Marienburg, werden seit Jahren immer neue Massengräber entdeckt. Was geschah nach Kriegsende in der früheren preußischen Stadt? Wurden die Bürger Opfer einer Seuche - oder grausamer Kriegsverbrechen? Von Georg Bönisch, Jan Puhl und Klaus Wiegrefe

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 2 Kommentare
  • Zur Startseite
    3.4 (126 Bewertungen)

Der Mann trägt einen grünen Overall, wie seine Kollegen des städtischen Betriebs für Kommunal- und Wohnungswirtschaft im polnischen Malbork, gut 50 Kilometer südöstlich von Danzig. Auf seiner Schulter hängt eine Spitzhacke, Radoslaw Gajc steigt über einen vereisten Trampelpfad hinab in die Grube. Kaum 200 Meter entfernt erheben sich die majestätischen Backsteingemäuer der alten Ordensburg.

Gajc ist Bauarbeiter, er und seine Kollegen sollen hier ein Komforthotel hochziehen. Doch der Handwerker kommt sich eher vor wie ein Totengräber. Schon nach wenigen Hieben stößt seine Hacke auf Knochen. Er greift zu einem Gartenschäufelchen, legt vorsichtig Fragmente einer Kinnlade frei, zwei Zähne stecken noch darin. Das Fundstück lässt er in einen schwarzen Plastikeimer fallen. "Am Anfang haben wir dauernd Kinderskelette gefunden", sagt er, "das hat mich sehr mitgenommen. Ich habe selbst einen kleinen Sohn."

Gajc und seine Kollegen arbeiten sich auf diese Weise durch ein Massengrab, in dem die Überreste von mindestens 1800 Menschen liegen, unter ihnen besagte Kinder, auch Frauen, und alle Leichen waren nackt, als sie in die Grube geworfen wurden. Starben sie zum Ende des Zweiten Weltkriegs oder danach an einer Seuche? Waren es Tote, die nach Kämpfen aus Häusern und von Straßen geborgen wurden, um ihnen zumindest diese Form eines Begräbnisses zukommen zu lassen?

Oder sind sie die Opfer eines monströsen Verbrechens? Einige Schädel weisen Einschusslöcher auf.

Weder Kriminaltechniker noch Gerichtsmediziner wurden hinzugezogen zu den schon seit Monaten andauernden Ausgrabungen, die der Archäologe des Burgmuseums leitet, Zbigniew Sawicki - ein Spezialist für das Mittelalter. Und die Malborker Arbeiter sind für forensische Untersuchungen wohl kaum qualifiziert.

Sicher ist nur eines: Über Marienburg ging im Jahr 1945 eine Welle der Gewalt hinweg. Zahlreiche Aussagen dazu liegen mittlerweile vor, von Deutschen, von Polen, auch von einem Rotarmisten. Viele Hinweise finden sich zudem in den Unterlagen aus dem privaten Hamburger Marienburg-Archiv.

Bereits 1996 wurden 178 Leichen auf dem Gelände der Burg entdeckt, neun Jahre später exhumierten Spezialisten die Knochen von 123 weiteren Toten in einem ehemaligen Schützengraben an der südlichen Burgmauer, unter ihnen waren fünf Frauen und sechs Kinder. Aber nie zuvor gab es derart viele Leichen in einem Grab.

Die Spurensuche führt in die letzten Monate des Krieges, der Westpreußen lange Zeit weitgehend verschont hatte. Hitlers Wehrmacht war geschlagen, die Rote Armee auf dem Vormarsch, und die Nazis erklärten 1944 die 30.000-Einwohner-Stadt wie andere Städte im Osten des Reichs zur "Festung". Tausende Männer hoben Panzer- und Laufgräben aus und errichteten Bunker. Zwei Divisionen sollten Marienburg verteidigen, die Zivilisten wollte die Führung vor Ort evakuieren und nach erfolgreicher Verteidigung zurück in die Stadt bringen.

Doch als die Rote Armee am 25. Januar 1945 Marienburg erreichte, standen gerade einmal 2000 Mann bereit. Und in der Stadt drängelten sich Flüchtlinge, die auf dem Weg nach Westen die Nogat überqueren wollten. Trecks verstopften die Straßen zu den Brücken, auf dem Bahnhof kämpften die Menschen verzweifelt um letzte Plätze in den Zügen.

Angeblich suchten noch am Morgen des 25. Januar deutsche Soldaten in allen Häusern nach alten Leuten, um sie in Sicherheit zu bringen. Wie viele Zivilisten den Rotarmisten in die Hände fielen, ist freilich nicht zu klären.

Allein 1840 Deutsche aus Marienburg und Umgebung gelten seit Kriegsende als vermisst, ob diese aber in der Stadt oder auf der weiteren Flucht ums Leben kamen, weiß niemand. Zugleich fehlt jede Spur von den russischen und polnischen Zwangsarbeitern, die auf den Feldern hatten helfen müssen, sowie von den über tausend italienischen Kriegsgefangenen, die noch Anfang 1945 in Marienburg eingesperrt waren.

Belegt ist, dass die Soldaten Stalins in den Dörfern der Gegend immer wieder männliche Zivilisten erschossen und Frauen vergewaltigten. In der Stadt war es wohl nicht anders. Angehörige der deutschen "Kampfgruppe Marienburg", die sich noch wochenlang auf der Burg verschanzten, fanden bei einem Ausfall die Leichen einiger älterer Frauen vor, alle mit dem Beil erschlagen.

"Die Kämpfe waren sehr schwer", erzählt heute der ehemalige Rotarmist Victor Zalgaller, nach dem Krieg Mathematiker in Leningrad und jetzt Rentner in Israel. Da seien in der Stadt auch "Frauen und Kinder ums Leben gekommen".

Aber ein Massaker mit anschließender Beerdigung in der Innenstadt? "Wir konnten doch die Stelle einsehen, an der jetzt die Überreste gefunden wurden", sagt Richard Weiser, damals Fahnenjunker in der Kampfgruppe auf der Burg. Auch seien immer wieder Rotarmisten gefangen genommen und verhört worden. Weiser glaubt ganz sicher, dass er und seine Kameraden von einem Massaker "etwas mitbekommen" hätten.

Und Lilly Groeger, die ab Juni 1945 einige Monate in der Stadt lebte, berichtete später, "der Russe" habe die alten Leute, die in Marienburg verblieben waren, "während der Kampfhandlungen alle nach Altmark gebracht", ein Dorf in der Nähe. Einige seien allerdings erschossen worden.

Die Soldaten beider Seiten lieferten sich eine erbitterte Schlacht, die vermutlich Hunderte das Leben kostete. Von Scharfschützen, von mindestens 50 abgeschossenen Panzern, von sowjetischem Dauerfeuer auf die Burg war später die Rede. Erst in der Nacht zum 10. März setzte sich die Kampfgruppe ab. Ihre Toten, so Zeitzeuge Weiser, hätten sie allerdings auf der Burg beerdigt. Sie können also nicht in der Grube liegen, die Bauarbeiter Gajc ausräumt.

Und was geschah in den ersten Wochen nach den Kämpfen? Westpreußen sollte nach alliierten Plänen polnisch werden, aber noch gab es keine polnische Verwaltung, und Marienburg unterstand der Roten Armee. Archäologe Sawicki vermutet, es sei dann ans Aufräumen gegangen, und die Militärs hätten aus Angst vor Seuchen die Toten zusammengetragen und beerdigt, einschließlich herumliegender Tierkadaver, die Sawicki ebenfalls gefunden hat.

Abwegig ist das nicht, doch als Mitte April 1945 der Pfarrer Konrad Will in Marienburg eintraf, lagen die Menschen nach seinen Angaben überall "noch unbeerdigt in den Häusern". Der Geistliche wählte unter den 300 Bewohnern, die er in Marienburg vorfand, einige Männer aus, die ihm bei der Bestattung halfen. Bis zum Jahresende hoben sie Gräber für insgesamt 273 Leichen aus, wie Will penibel niederschrieb.

Die Rote Armee hatte Befehl, arbeitsfähige Deutsche in den eroberten Ostgebieten zu internieren; diese sollten vor Ort oder in der Sowjetunion Zwangsarbeit leisten. In Marienburg gab es eine Sammelstelle, in der Stalins Truppen freilich nicht nur Deutsche, sondern auch Polen festhielten. Die Lebensumstände in derartigen Lagern waren grauenhaft; aus Marienburg sind allerdings keine Zeugenaussagen überliefert. Überlebende wie Lilly Groeger wussten nach dem Krieg nur mitzuteilen, dass "die Russen fast jeden Mann holten". Die Älteren kehrten nach sechs Wochen in die Stadt zurück, von den Jüngeren "ist niemand zurückgekommen". Aber wenn wirklich deutsche Zwangsarbeiter in großer Zahl zugrunde gingen, wie gerieten dann die Kinder in das Massengrab?

In den Ostgebieten herrschten damals chaotische Verhältnisse. Flüchtlinge, die von der Roten Armee überrollt worden waren, wurden in ihre Heimatorte zurückgeschickt. Dort trafen inzwischen polnische Siedler ein, die auf Geheiß der provisorischen kommunistischen Regierung das neue Staatsgebiet besiedeln sollten. Viele Deutsche litten Hunger und wurden im Sommer 1945 nachweislich von Typhus weggerafft, auch in Marienburg. Andere überlebten und reisten später nach Westdeutschland aus, niemand berichtete über ein Massensterben.

Nicht nur Russen, sondern auch Polen misshandelten die in Marienburg verbliebenen Deutschen. So erinnert sich der heute 78 Jahre alte Max Domming, ein ehemaliger Volksdeutscher, an ein dramatisches Ereignis im Winter 1945. Domming war 15, auf einem Pferdewagen hatte er von einem Gutshof vier Zentner Weizen nach Marienburg geschafft, um ihn dort mahlen zu lassen.

"Ich habe einige Stunden warten müssen", berichtet er, "deshalb habe ich mich im Städtchen umgesehen." Er stand zehn Meter vom Eingang des Bahnhofs entfernt, als plötzlich die Türen aufgerissen wurden und Frauen und Kinder aus dem Gebäude stürzten, "wie ein Schwall Wasser". Polnische Miliz hätte sie mit Stöcken hastig in die Stadt getrieben, "die Kolonne endete und endete nicht".

Domming, der bis zu seiner Pensionierung 1995 viele Jahre lang als Referent im Parteivorstand der SPD arbeitete, schätzt die Zahl jener Menschen auf "200 bis 300". Und besonders in Erinnerung blieb ihm haften, dass ein etwa 12-jähriger Junge, "blass und ärmlich", gestürzt war und alle über ihn "hinwegtrampelten, ohne dass sich jemand um ihn kümmerte. Als ich gehen musste, lag er immer noch da". Was aus ihm und den anderen wurde, weiß Domming nicht.

Wer von den Deutschen am Ende überlebt hatte, musste Marienburg verlassen. Stolz vermeldete am 3. November 1947 die zuständige Behörde des neueingerichteten Bezirks, der Kreis Marienburg sei "zu fast 100 Prozent von Deutschen gesäubert".

Zurück bleibt eine Grube voller Gebeine, in der bislang Hinweise auf das Geschehen fehlen. "Wir finden keine persönlichen Gegenstände, keine Brillen, keine Goldzähne und vor allem keine Kleidung", sagt Archäologe Sawicki.

Kurz vor Feierabend kommt jeden Tag ein Lastwagen und bringt die Funde in einen Blechschuppen vor der Stadt. Dort lagern nun die Gebeine in schwarzen Leichensäcken. Eigentlich müssten sie alsbald von Experten untersucht werden - diese Entscheidung allerdings hat der zuständige Staatsanwalt noch nicht getroffen.


Das Geheimnis der Gestalt: Wie Evolution funktioniert

Mehr zum Thema im aktuellen SPIEGEL:

Inhalt

Vorabmeldungen

Abo-Angebote

E-Paper

Heft kaufen


Artikel bewerten
3.4 (126 Bewertungen)
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Peter Wieneck 26.01.2009
Das deutschsprachige Internetportal polskawb.eu berichtete unter dem Titel "Berlin schweigt zu gigantischem Massengrab in Polen" dass in der Nähe des Massengrab in Malbork / Marienburg "Kleiderhaufen" ausgegraben wurden. polskaweb schreibt am 7. Januar 2009: (...) In Anbetracht dessen dass alle Opfer völlig nackt in dieses Grab gelegt wurden, Kleiderhaufen aber in der Nähe der Opfer ausgegraben wurden, führen unweigerlich zu der Erkenntnis, dass der Fundort auch der Tatort gewesen sein muss, das Gelände des polnischen Hauses an der Piastowska Strasse 18 in Marienburg. (...)
2.
Norbert Ommler 24.02.2009
In der polnischen Zeitschrift "Polityka" Nr. 8 vom 21. Febr. 2009 schreibt auf S. 70 f. M. Zaremba aus Anlass des jüngst entdeckten Massengrabes in Malbork/Marienburg, dass es in Polen viele Massengräber vieler unterschedlicher Opfergruppen gäbe. Er nennt auch vier Lager, in denen deutsche Zivilisten schikanitert wurden, darunter die Lager Potulice und Lambsdorf. In letzterem habe der Sadist Czeslaw Geborski geherrscht und Dutzende eigenhändig ermordet ... AUCH in Polen gibt es also Menschen, die sich von der nationalistischen Nabelschau abwenden und das eigene Volk nicht nur in der Rolle des unschuldigen Opfers betrachten.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH