SS-Mörder vor Gericht "Es war ja der Befehl, dass die jüdische Bevölkerung total ausgerottet werden sollte"

Was waren das für Menschen, die den Massenmord an Hunderttausenden Juden organisierten? SS-Führer Otto Ohlendorf leitete eine der vier deutschen Einsatzgruppen. Seine Aussage nach dem Krieg war erschütternd.

SS-Führer Otto Ohlendorf im Nürnberger "Einsatzgruppen-Prozess" auf der Anklagebank
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SS-Führer Otto Ohlendorf im Nürnberger "Einsatzgruppen-Prozess" auf der Anklagebank


Stille breitete sich im Nürnberger Gerichtssaal aus. Eine Zahl sorgte für Entsetzen unter Zuhörern, Anwälten und Richtern. "Wissen Sie, wie viele Personen durch die Einsatzgruppe D liquidiert wurden, und zwar unter Ihrer Führung?", fragte der amerikanische Colonel John Amen den Zeugen Otto Ohlendorf. "90.000", antwortete der SS-Gruppenführer ohne Zögern. Amen hakte nach: "Schließt diese Zahl Männer, Frauen und Kinder ein?" Ohlendorfs knappe Antwort: "Jawohl."

Hermann Göring, der die vernichtende Aussage als Angeklagter verfolgte, schäumte vor Wut. "Was erwartet das Schwein dadurch zu gewinnen?", tobte der ehemalige Reichsmarschall in einer Verhandlungspause. "Er wird sowieso hängen."

Zusammen mit 20 anderen Männern saß Göring als ehemals zweiter Mann des "Dritten Reichs" an diesem 3. Januar 1946 auf der Anklagebank des Internationalen Militärgerichtshofs in Nürnberg, im Prozess gegen Hauptkriegsverbrecher wie Albert Speer, vormals Rüstungsminister, oder Julius Streicher, Herausgeber des antisemitischen Hetzblatts "Der Stürmer". Vorgeworfen wurden den überlebenden Spitzenfunktionären des NS-Regimes Verschwörung und Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen den Frieden und gegen die Menschlichkeit.

Otto Ohlendorf diente als Hauptzeuge gegen seine Gesinnungsgenossen - und schilderte ausführlich das Wüten der Deutschen in den besetzten Teilen der Sowjetunion. Welche Anweisung für Juden und kommunistische Funktionäre in der deutsch besetzten Sowjetunion galt, wollte Colonel Amen wissen. "Liquidieren", antwortete Ohlendorf. Ungläubig fragte Amen nach: "Wenn Sie das Wort 'liquidieren' verwenden, meinen Sie 'töten'?" Ohlendorf: "Damit meine ich 'töten'."

"Morden" beschreibt besser die Mission der vier deutschen Einsatzgruppen A, B, C und D, die nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 Richtung Osten vorrückten. Sie waren befugt, "in eigener Verantwortung gegenüber der Zivilbevölkerung Exekutivmaßnahmen zu treffen", und wurden unterstützt von Wehrmacht, Polizei sowie Hilfseinheiten aus Einheimischen. Die Einsatzgruppen ermordeten Hunderttausende Juden, Kommunisten, "Zigeuner", Kriegsgefangene, Partisanen oder auch kranke, alte oder arbeitsunfähige Menschen - ein Blutbad von der Ostsee bis ans Schwarze Meer.


Organisierter Massenmord: Aussage von Ohlendorf im Nürnberger Prozess

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Einsatzgruppe A wütete im Baltikum, die Männer von Einsatzgruppe B dezimierten die Bevölkerung von Weißrussland, während das Sonderkommando 4a der Einsatzgruppe C Ende September 1941 in der Schlucht Babi Jar einen entsetzlichen Rekord aufstellte: Über 33.000 Juden erschossen die Männer in nur zwei Tagen nahe der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Derweil zog Otto Ohlendorf mit seiner Einsatzgruppe D eine tödliche Spur durch die südliche Ukraine in Richtung Kaukasus.

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Sadisten und "Nervöse"

"Ein sympathisch aussehender Mann", beschrieb der SPIEGEL 1948 Ohlendorf. Sein "Gesicht ist blaß, Mund und Nase sind scharf geschnitten, die hohe Stirn lässt überdurchschnittliche Intelligenz vermuten". Ohlendorf wurde 1907 als Sohn eines begüterten Landwirts nahe Hildesheim geboren, trat bereits als Schüler in die NSDAP ein und mit 20 Jahren in die SS. 1937 wurde der studierte Jurist und Volkswirtschafter Leiter der Abteilung Inland des Sicherheitsdienstes (SD) des Reichsführers SS: ein Nachrichtendienst, der die Stimmung in der Bevölkerung überwachte und in "Meldungen aus dem Reich" für die NS-Spitze zusammenfasste.

Im Juni 1941 übernahm Ohlendorf die Leitung der neu aufgestellten Einsatzgruppe D. Aus Karrieregründen, wie der Historiker Andrej Angrick vermutet: Massenmord als Empfehlung für höhere Weihen. Ohlendorf kommandierte nun Männer wie den SS-Rottenführer Heinrich Hunze. Eigentlich als Koch eingesetzt, unterbrach Hunze Ende Juli 1941 seine Arbeit, um bei einem Massaker im moldawischen Kischinew (heute Chisinau) Juden "Fangschüsse" zu versetzen.

"Du meinst wohl, du kämst jetzt gleich dran", verhöhnte der SS-Mann ein Opfer in Todesangst. "Aber da musst du noch etwas warten." Nach dem letzten Mord ging der Koch wieder an seine Arbeit, befleckt vom Blut der Toten.

Neben hemmungslosen Sadisten wie Hunze kommandierte Ohlendorf auch Männer mit Skrupeln, wie Albrecht Zöllner. "Kurz darauf hätte ich einen 7- bis 8-jährigen Jungen erschießen sollen", sagte Zöllner 1962 der Staatsanwaltschaft München zu einem Massaker in Nikolajew. "In diesem Augenblick hatte ich das Gefühl, mein eigenes Kind erschießen zu müssen. [...…] Der Schuß ging daneben. Daraufhin erlitt ich einen Nervenzusammenbruch."

Nachdem Zöllner sich von seiner "Nervosität" erholt hatte, konnte er das Töten fortsetzen. "Massenmord und Alltagsroutine wurden eins", resümierte der Historiker Christopher Browning in seiner Untersuchung "Ganz normale Männer" über das Polizei-Reservebataillon 101, das in Polen Massenverbrechen verübte.

Konkurrenzkampf unter Mördern

"Wollen Sie dem Gerichtshof Einzelheiten beschreiben, wie eine bestimmte Massenhinrichtung durchgeführt wurde?", fragte Colonel Amen im Nürnberger Prozess zum Vorgehen der Einsatzgruppe. Ohlendorf sagte aus:

"Sie [die Juden] wurden mit LKWs an die Hinrichtungsstätte gefahren, und zwar immer nur so viel, wie unmittelbar hingerichtet werden konnten; auf diese Weise wurde versucht, die Zeitspanne so kurz wie möglich zu halten, in der die Opfer von dem ihnen Bevorstehenden Kenntnis bekamen, bis zu dem Zeitpunkt der tatsächlichen Hinrichtung."

Amen hakte nach: "War das Ihre Idee?" Ohlendorf: "Jawohl." Sein Stolz auf diese "Arbeit" war ihm immer noch anzumerken. Der Pedant Ohlendorf ließ seine Männer zum Morden in Exekutionskommandos antreten. Das Töten per Genickschuss wie bei anderen Einheiten lehnte er ab. Aus moralischen Gründen: "Weil es sowohl die Opfer als auch die, die zur Tötung befohlen waren, unendlich seelisch belastete."

Um das Ausmaß der deutschen Verbrechen zu erfassen, befragte der sowjetische Generalmajor Iona Nikittschenko später Ohlendorf:

"Aus welchem Grunde wurden die Kinder abgeschlachtet?"
"Es war ja der Befehl, dass die jüdische Bevölkerung total ausgerottet werden sollte."
"Wurden alle jüdischen Kinder ermordet?"
"Jawohl."

"Ohlendorf [...] sprach auch davon, dass die jüdischen Kinder von heute unsere Gegner von morgen seien", erinnerte sich Albrecht Zöllner in den Sechzigerjahren an ein Gespräch mit seinem früheren Vorgesetzten.

Offenbar lagen die Einsatzgruppen in einem perversen Wettstreit, wer mehr Tote produzierte. Ohlendorf, der die kleinste Formation befehligte, gab zu Protokoll: "Ich glaube, dass in den anderen Einsatzgruppen zu einem erheblichen Teil die Zahlen übertrieben wurden" - als wären die tatsächlichen Opferzahlen nicht schon grausam genug gewesen.

Der SS-Führer sah sich als Verkörperung einer "kämpfenden Verwaltung", als Teil einer NS-Elite, die im "Kampf ums Dasein" alle Feinde auszurotten hatte und die nach eigener Überzeugung Kälte, Nüchternheit, gnadenloser Wille auszeichnete. "Es ist gut, dass wir die Härte hatten, die Juden in unserem Bereich auszurotten", so fasste es SS-Führer Heinrich Himmler 1944 zusammen.

Gewissensbisse kannte auch Ohlendorf nicht. Als überzeugter Nationalsozialist glaubte er, "Gutes" durch seine "bevölkerungspolitische Tätigkeit" in der Sowjetunion zu leisten. Mehrmals bot sich ihm die Gelegenheit, wieder einen Posten in Berlin anzunehmen, doch stattdessen ließ der Einsatzgruppenleiter weiter morden.

Ohlendorf bekannte sich "nicht schuldig"

Erst im Juli 1942 kehrte der SS-Führer zurück, wurde erneut Leiter des Inlands-SD und erhielt einen hohen Posten im Wirtschaftsministerium. Bis er sich am 23. Mai 1945 den siegreichen Alliierten stellte - und dann Hermann Göring und die anderen NS-Verbrecher in Nürnberg freiwillig schwer belastete.

Nicht zuletzt seine Aussage ermöglichte das Todesurteil für Göring, Wilhelm Keitel (Chef des Oberkommandos der Wehrmacht) sowie Ernst Kaltenbrunner (Leiter des Reichssicherheitshauptamtes). Andere Angeklagte wie Rüstungsminister Albert Speer wurden zu hohen Haftstrafen verurteilt.

Otto Ohlendorf musste sich erst 1947 im sogenannten Einsatzgruppen-Prozess für seine Taten rechtfertigen. Er bekannte sich "nicht schuldig". Mit ihm angeklagt war unter anderem Paul Blobel, der 1941 die Juden Kiews in Babi Jar abgeschlachtet hatte. Wie so viele NS-Täter versuchte auch Ohlendorf, sich mit dem juristischen Winkelzug des angeblichen "Befehlsnotstands" aus der Verantwortung zu stehlen; Adolf Hitler habe bereits vor dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion die Judenvernichtung befohlen.

Tatsächlich waren es nicht zuletzt die Einsatzgruppenleiter, die wie Otto Ohlendorf vor Ort in der Regel die blutigste Variante zur "Endlösung der Judenfrage" wählten: vollständige Vernichtung.

Angesichts von Ohlendorfs offensichtlicher Intelligenz, seiner Bildung und seinem sympathischen Auftreten waren die Richter ratlos: Wie konnte ein derartiger Mann zum Massenmörder werden? Der Vorsitzende Richter Michael A. Musmanno verglich Ohlendorf mit der literarischen Figur Dr. Jekyll und Mr. Hyde von Robert Louis Stevenson: Mensch und Monster in einer Person.

Am Urteil änderte diese Verwunderung nichts: Am 7. Juni 1951 starb Otto Ohlendorf durch den Strang. Wie Göring es ihm prophezeit hatte.



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