Massenselbstmord von Jonestown 1978 Grauen im Garten Eden

Massenselbstmord von Jonestown  1978: Grauen im Garten Eden Fotos
Laura Johnston Kohl

Sie suchten das Paradies - und starben in der Hölle: Mit Zyankali-Limonade vergifteten sich vor 30 Jahren mehr als 900 Mitglieder der amerikanischen Volkstempel-Sekte im Dschungel von Guyana. Ex-Templerin Laura Johnston Kohl war an jenem verhängnisvollen Tag durch Zufall nicht im Camp - und überlebte. Bis heute quält sie die Erinnerung. Von

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In die flirrende Dschungelhitze mischte sich ein beißender Geruch. Kinder kuschelten sich an ihre Mütter, Familienmitglieder hielten einander an den Händen fest. Eng umschlungen lagen sie da, nebeneinander, übereinander, vereint bis zuletzt - bis in den Tod. Wie eine Müllhalde, auf die jemand Hunderte von Stoffpuppen geworfen habe, beschrieb ein Augenzeuge das fürchterliche Bild - nur, dass keine Puppen den Dschungelboden übersäten, sondern Leichen.

Was sich am 18. November 1978 in Jonestown, einer Agrarkommune der Sekte "People's Temple" im südamerikanischen Dschungelstaat Guyana abspielte, war eine Tragödie, die auch heute noch, 30 Jahre später, fassungslos macht. 909 Menschen, darunter 276 Kinder und Jugendliche, gingen an diesem Tag auf Geheiß ihres Anführers James Warren Jones in den Tod. Gemeinsam tranken sie ein tödliches Gebräu aus Zyankali, Beruhigungsmitteln und Limonade; Säuglingen und Kindern schossen ihre Eltern das Gift per Wegwerfspritze in die kleinen Rachen. "Die Zeit ist gekommen, dass wir uns an einem andern Ort treffen", hatte Sektenführer Jones seiner Gemeinde zuvor via Lautsprecher angekündigt. Es folgte der größte Massenselbstmord der jüngeren Geschichte.

Die Tragödie von Jonestown quält die Angehörigen der Toten bis heute - und nicht minder die wenigen Überlebenden. Laura Johnston Kohl zum Beispiel. Purer Zufall war es, der der damaligen "Volkstempel"-Anhängerin das Leben rettete: Laura befand sich an jenem verhängnisvollen 18. November 1978 nicht in der Dschungelsiedlung, sondern in Guyanas Hauptstadt Georgetown, wo die Sekte einen zweiten Sitz eingerichtet hatte. So hörte Laura im Radio von dem Massensterben. Anders als die Templerin Sharon Amos, die ebenfalls nicht in Jonestown gewesen war und noch am selben Tag ihren drei Kindern die Kehlen durchschnitt und sich dann selbst erstach, entschied sich Laura fürs Diesseits.

Flucht ins Leben, Flucht in den Tod

Es war kein leichter Weg. "Ich habe Jahre gebraucht, um wieder Ja zum Leben zu sagen", sagt die heute 61-jährige, die Grundschullehrerin im texanischen San Diego ist. Die Sekte war ihr Ein und Alles, die Toten ihre "Adoptivfamilie", wie sie sagt. "Jim hat Leben ausgelöscht", sagt sie im Rückblick über Sektenführer James Warren Jones, "aber all die Jahre zuvor hat er auch Leben geschenkt." Ihr zum Beispiel. Vom College geflogen, vom Ehemann betrogen, von neuen Partnern enttäuscht - vor dem Eintritt in die Volkstempel-Gemeinschaft schlingerte Laura auf den Abgrund zu.

In der Sekte fand sie neuen Halt, ebenso wie die vielen anderen Suchenden, vom Leben Gedemütigten, von Rassismus und Kapitalismus Angewiderten: vielfach Arbeitlose, Arme, Drogenabhängige, ein Drittel Kinder, ein Drittel Alte. Und 80 Prozent von ihnen schwarzer Hautfarbe, vereint in dem Wunsch nach einer gerechteren Welt ohne Diskriminierung, Ausbeutung und Bigotterie. "Wir waren nicht die seltsamen Spinner, für die uns alle hielten. Wir waren Visionäre, die ein gutes Leben für alle wollten", sagt Laura Kohl 30 Jahre später.

Und Guru Jones, Sohn eines Ku-Klux-Klan-Mitglieds aus ärmlichen Verhältnissen und früh missionarisch beseelt, verstand eines: Menschen für sich einzunehmen. In Scharen strömten sie herbei, um dem gutaussehenden, charismatischen Prediger mit der sanften Baritonstimme zuzuhören, der nach einem Intermezzo als Methodisten-Pfarrer 1956 seine eigene Kirche, den "Volkstempel", gegründet hatte. Seine Fangemeinde störte es nicht, dass sich Jones zur Inkarnation Gottes erklärte und vorgab, Menschen von Krebsgeschwüren zu heilen und Tote zu erwecken. Schon früh von der Wahnvorstellung einer atomaren Katastrophe getrieben, zog Jones mit seiner Kommune 1965 nach Kalifornien - hier fühlte er sich sicherer.

Prügelstrafe für Erwachsene, Stromstöße für Kinder

Mit seinem Eintreten für die vom American Way of Life Ausgeschlossenen band Jones jene an sich, die nichts mehr zu verlieren hatten. Er predigte Anti-Kapitalismus, Anti-Rassismus und einen brüderlichen Kommunismus, mit dem er vor allem verunsicherte, idealistische Twens aus der Mittelschicht ansprach. Die junge Laura Kohl etwa, die Vietnam und die Morde an Martin Luther King, den Kennedys und Malcolm X politisiert und zugleich verunsichert hatte. In Pastor Jones, den sie bis heute als "sehr humorvolle, einnehmende, hilfsbereite und sensible Person" erinnert, sah sie vor allem einen Beschützer.

Doch das öffentliche Bild vom Gutmenschen Jones bekam bald Risse. Ausgestiegene Templer berichteten von Prügelstrafen für Erwachsene und Stromstöße für Kinder, die Rede war auch von Vergewaltigungen. Und von Erpressung - bis Ende 1977 sollen der Sekte aus Lebensversicherung und Vermögen ihrer Mitglieder 10 bis 15 Millionen Dollar zugeflossen sein. Die Behörden indes sahen keinen Anlass einzugreifen: In Amerika schützt die Verfassung ungehinderte Religionsausübung, egal wie sektiererhaft sich eine selbsternannte Kirche auch geben mag.

Zudem hatte sich Jones mit Spenden sowie wohltätigen und politischen Aktionen die Sympathie der Medien sowie zahlreicher einflussreicher Persönlichkeiten erkauft, unter anderem des Gouverneurs von Georgia, Jimmy Carter. Um einer Wahlkampfveranstaltung für den damaligen demokratischen Präsidentschaftskandidaten mit dessen Ehefrau Rosalynn zum Erfolg zu verhelfen, ließ Jones im September 1976 kurzerhand die benötigte Zuschauermenge herankarren - als Präsidentengattin dankte sie es ihm später mit einem euphorischen Schreiben.

Bizarres Ritual in den "Weißen Nächten"

Allerdings nahm der Druck auf "Father Jones" stetig zu. Immer mehr Journalisten wollten wissen, wer der Kirchenführer hinter der dunklen Sonnenbrille wirklich war. Als ehemalige Sektenangehörige im Sommer 1977 mit Berichten über Drogenexzesse und sexuellen Missbrauch von Frauen und Kindern an die Öffentlichkeit gingen, floh Jones mit seinen Anhängern nach Südamerika. Mitten im Dschungel von Guyana bauten die Volkstempler eine neue Kommune auf, konzipiert als ein Garten Eden auf Erden, in dem Menschen unterschiedlicher Herkunft und Hautfarbe in Frieden miteinander lebten.

"Ich liebte Jonestown. Dort verbrachte ich die schönste Zeit meines Lebens", sagt Laura Kohl. Sie schwärmt von grandiosen Sonnenaufgängen, Mitternachtssuppe und gelebter Brüderlichkeit - von Folter, Zwang und Unterdrückung im Camp will sie nichts bemerkt haben. Selbst das allwöchentliche Ritual der "White Nights" sei ihr lediglich "theatralisch" vorgekommen. In den "Weißen Nächten" schwor Jones seine Anhänger auf den kollektiven Selbstmord ein, indem er sie zwang, einen womöglich vergifteten Cocktail zu trinken. Eine bizarre Mutprobe - für Laura Kohl damals "unvorstellbar, dass Jim jemals Ernst machen würde."

Andere hingegen erkannte die wahnwitzige Gefahr, die von dem hochgradig kranken Jones ausging: Sechs Monate vor der Katastrophe vom 18. November gab Deborah Layton Blakey, die ausgestiegene Finanzsekretärin des Sektenführers eine eidesstattliche Erklärung ab, in der sie von lebensbedrohlicher Terrorherrschaft sprach. Noch immer reagierten Behörden und Öffentlichkeit in den USA mit Skepsis.

Tödliche Dschungelfahrt

Der demokratische Kongressabgeordnete Leo J. Ryan jedoch beschloss, den Vorgängen auf den Grund zu gehen. Ein junger Mann aus seinem Wahlkreis in Kalifornien war im November 1977 vor einen Zug gestürzt und gestorben - am Tag, nachdem er die Volkstempler verlassen hatte. Am 14. November 1978 reiste der Abgeordnete mit einer Delegation aus Journalisten, ehemaligen Sektenmitgliedern und Anwälten nach Guyana, um das Dschungelcamp genauer zu inspizieren.

Der fatale Besuch wurde später in einem Untersuchungsbericht des US-Kongresses detailliert rekonstruiert: Nach der Ankunft des Abgeordneten in Jonestown am 17. November bedeuteten nach und nach immer mehr Sektenmitgliedern heimlich, dass sie die Kommune unter allen Umständen verlassen wollten. Mit größter Mühe organisierte Ryan - der zwischendurch von einem Sektenmitglied mit einem Messer angegriffen worden war - über die US-Botschaft in Georgetown ein zweites Flugzeug, um die Fluchtwilligen, etwa 20 Personen, auszufliegen.

Doch dann entspann sich am Nachmittag des 18. November das erste tödliche Drama auf dem Dschungelrollfeld: Als die eine Maschine, eine sechssitzige Cessna, kurz nach 17 Uhr zum Start anrollen wollte, schoss ein Sektenmitglied in dem Flugzeug auf seine Mitinsassen. Gleichzeitig rollte ein Treckergespann neben die zweite Maschine, von dessen Anhänger Volkstempler das Feuer auf den Abgeordneten und seine Begleiter eröffneten. Die Schießerei dauerte vier bis fünf Minuten; am Ende lagen Ryan, drei Journalisten und ein Volkstempler tot am Boden. Zehn weitere Menschen waren durch Schüsse verletzt worden, fünf von ihnen schwer.

"Es schmeckt nur ein bisschen bitter"

Während am Flugfeld geschossen wurde, machte sich Sektenführer Jones auf dem Volkstempler-Gelände daran, seine aus paranoidem Verfolgungswahn gespeisten Selbstmordpläne in die Tat umzusetzen. Gegen 17 Uhr begann das mörderische Ritual, geleitet von einem hochgradig erregten Sektenführer. "Es schmeckt nur ein bisschen bitter", rief "Father Jones" und forderte seine Anhänger auf, ihre Pappbecher mit dem Todestrank zu leeren.

Wachen hatten das Areal umstellt, damit niemand sich widersetzte, Widerstand war zwecklos. Reihum ging die vergiftete Kool-Aid-Limonade, erst die Kinder, dann die Erwachsenen. Nach etwa fünf Minuten, so ein Augenzeuge, dem die Flucht gelang, trat Schaum vor die Münder der Vergifteten, sie rollten die Augen und sanken zu Boden. Derweil redete Jones immer hysterischer auf seine Gemeinde ein. "Sterbt mit Achtung, sterbt mit einer gewissen Würde", rief er, und zuletzt: "Wir begingen einen revolutionären Selbstmord aus Protest gegen die Bedingungen einer unmenschlichen Welt."

Danach folgt Musik auf dem sogenannten "Death tape", einer Bandaufnahme, die die letzten Minuten vor dem Massensterben der Sekte dokumentiert Ein paar Takte Musik - dann herrscht Stille. Der Schuss in die rechte Schläfe, an dem Sektenführer Jones starb, ist nicht mehr auf der Kassette zu hören.

Jones ein CIA-Agent?

Was wirklich in den letzten Minuten geschah - niemand kann es sicher sagen. Warum trank nicht auch Jones die Zyankali-Limonade? Erschoss er sich selbst oder wurde er erschossen? Wer trägt die Schuld an dem Massenselbstmord? Oder war es Massenmord? Warum begnügten sich die US-Behörden damit, lediglich sieben der 909 Leichen zu obduzieren? Das Massaker von Jonestown bietet Stoff für die wildesten Verschwörungstheorien, die sich seither um die Tragödie ranken - bis hin zu der Version, Jim Jones sei ein CIA-Agent und das Dschungelcamp ein Menschenexperiment des amerikanischen Geheimdienstes gewesen.

Laura Kohl hält nicht viel von solchen Versuchen, die Schuld anderen als dem psychisch kranken Guru zuzuschieben. "Jim war sein eigener schlimmster Feind und ist voll verantwortlich für das, was geschah.", sagt sie. Ob auch sie den Pappbecher mit der tödlichen Limonade geleert hätte, wenn sie an jenem Nachmittag im Camp gewesen wäre? "Ich wollte niemals weg von Guyana, niemals zurück in mein altes Leben", sagt sie und fügt leise hinzu: "Wenn ich dabei gewesen wäre, wie ein geliebter Mensch nach dem anderen tot umfällt, hätte ich auch nicht mehr leben wollen."

406 Jonestown-Opfer - die meisten von ihnen nicht identifizierte Kinder - wurden im Mai 1979 in einem Massengrab auf dem Evergreen Cemetery im kalifornischen Oakland beigesetzt. Alle anderen Friedhöfe hatten die Aufnahme der Toten verweigert. Am 18. November wird Laura Johnston Kohl dort wie jedes Jahr am Grab stehen und der vielen toten Freunde gedenken. Ihrer "Adoptivfamilie", die im schwülen Regenwald von Guyana das Paradies suchte - und die Hölle auf Erden fand.

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