Mysteriöse Mata Hari Die Spionin, die aus dem Schlafzimmer kam

Sie war Striptänzerin, Edelhure, Doppelagentin. Vor 100 Jahren wurde Mata Hari verhaftet, dann hingerichtet. Die wahre Rolle der friesischen Schönheit, angeblich Inderin, ist bis heute ein Rätsel. Wird es bald gelöst?

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Von wegen verwöhntes Luxusweibchen! Im Moment ihres Todes zeigt Mata Hari Heldinnenmut. Nein, sie benötige keine Augenbinde, sagt die dunkelhaarige Schönheit dem Exekutionskommando, schaut den zwölf marokkanischen Soldaten direkt ins Gesicht.

"Monsieur, ich danke Ihnen", ruft die 41-Jährige dem Offiziersanwärter zu, der den Feuerbefehl erteilt, den Pfarrer bedenkt sie mit einer Kusshand. Dann werden im Festungsgraben von Schloss Vincennes die Gewehrläufe auf sie gerichtet. Elf von zwölf Kugeln treffen.

So starb die Meisterspionin im Morgengrauen des 15. Oktober 1917.
Starb sie so? Starb sie anders - oder gar nicht?

Womöglich überlebte Mata Hari an jenem Morgen, weil die nur mit einem Pelzmantel bekleidete Stripperin im entscheidenden Augenblick die Hüllen fallen ließ - und die hormonell verwirrten Schergen danebenschossen. Vielleicht waren auch Platzpatronen in den Flinten der bestochenen Soldaten. Oder es ritt urplötzlich ein russischer Fürst herbei, hievte die Todgeweihte auf seinen Schimmel und ritt mit ihr durch den Nebel davon.

Eine Kutsche zum sechsten Geburtstag

Soweit drei der phantasievollsten Legenden, die sich um Mata Hari ranken. Fest steht: Die niederländische Tänzerin und Edelprostituierte wurde am 13. Februar 1917 verhaftet und später wegen Doppelspionage und Hochverrats zum Tod verurteilt. Und fest steht auch, dass sie auch im 100. Jahr ihres Todes für Diskussionsstoff sorgt. Rund 250 Publikationen sind bislang zum Thema erschienen, eine Flut von Artikeln, Filmen und Internet-Einträgen befeuert unentwegt den Mata-Mythos.

Auf die entscheidende Frage gibt es viele Antworten: Wer war sie wirklich? Größte Spionin der Geschichte oder Sündenbock, gewiefte Agentin oder unschuldige Lebefrau? Als gesichert gilt, dass Mata Hari eine der größten Blenderinnen aller Zeiten war.

"Ich wurde geboren in der heiligen Stadt Jaffnapatam. Mein Vater war ein hoch angesehener Brahmane, meine Mutter eine Tempeltänzerin, die mit 14 Jahren bei meiner Entbindung starb. Aufgewachsen bin ich in der Obhut von Tempelpriestern. Sie weihten mich Shiva, und ich wurde in die heiligen Mysterien der Liebe und der göttlichen Verehrung eingeführt."

Diese Version verbreitete sie selbst - dabei stammte die schöne Nackttänzerin mitnichten aus Indien, sondern aus der niederländischen Provinz Friesland. Und hieß in Wahrheit auch nicht "Mata Hari" (Malaiisch für "Auge der Morgenröte"), sondern Margaretha Geertruida Zelle.

Faible für Offiziere

Geboren wurde Margaretha 1876 in Leeuwarden. Vater Adam Zelle war kein Brahmane, sondern ein prahlerischer Hutmacher, der sich gern als "Baron" ansprechen ließ und seinem hübschen Töchterchen zum sechsten Geburtstag eine von Ziegen gezogene Kutsche geschenkt haben soll.

Kindergärtnerin sollte die verwöhnte Margaretha werden. Stattdessen antwortete sie auf die Heiratsanzeige des 20 Jahre älteren Rudolph MacLeod, Kolonialoffizier mit schottischen Vorfahren.

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Mata Hari: "Ich liebe Offiziere, ich habe sie immer geliebt"

Einige Jahre lebte Lady MacLeod auf Java und Sumatra, wo sie die Kunst des asiatischen Tanzes erlernte. Dann ging die Ehe in die Brüche - und Margaretha ins Amüsiermekka Paris. Dort startete sie als Nackttänzerin und Kurtisane Mata Hari durch. "Sie hat Plattfüße und kann nicht tanzen", nörgelte ihr gekränkter Ex-Mann. Was Matas Karriere jedoch nicht aufhielt.

"Sie tanzte kaum", schrieb die Schriftstellerin Colette. "Aber sie verstand, sich fortschreitend auszuziehen und dabei ihren langen, gebräunten, schlanken und stolzen Körper zu bewegen." Am Ende, so Colette, war sie "beinahe nackt, hielt die Augen gesenkt und verschwand, in einen Schleier gehüllt".

Die Striptease-Pionierin wurde zum Männertraum einer ganzen Generation, zur Attraktion der Belle Epoque. Sie sammelte zahlreiche begüterte Liebhaber, darunter Botschafter, Minister und Fürsten.

Besonders gern schlief die 1,78 Meter große Venus offenbar mit uniformierten Männern: "Ich liebe Offiziere, ich habe sie immer geliebt", sagte Mata Hari in ihrem Prozess 1917. "Ich möchte lieber die Mätresse eines armen Offiziers als die eines reichen Bankiers sein." Die Banker nahm sie dennoch gern mit - ihr ausschweifendes Leben war kostspielig.

"Katzenhaft. Geschmeidig. Durchtrieben."

Als ihr Stern zu sinken begann, geriet sie in Finanznöte. Ein deutscher Generalkonsul warb sie 1915 als Agentin an. Einstiegshonorar für das Glamour-Girl mit dem Decknamen "H21": 20.000 Francs. Der Plan: Die Edelkurtisane sollte in den Betten englischer und französischer Militärs brisante Kriegsgeheimnisse erlauschen.

Auch der französische Geheimdienst stellte Mata Hari in seine Dienste, sie forderte eine Million Francs und wurde zur Doppelagentin, flog jedoch bald auf.

Am 13. Februar 1917 wurde das friesische Superweib im Pariser Luxus-Etablissement "Elysées Palace Hotel" von der französischen Spionageabwehr festgenommen - der Legende nach nahm sie zum Zeitpunkt ihrer Verhaftung ein Bad und ließ es sich laut dieser auch nicht nehmen, den Polizisten nackt Schokolade zu servieren. Sodann wurde Mata Hari Hauptmann Pierre Bouchardon vorgeführt, dem Untersuchungsrichter des Kriegsgerichts.

Geheimnisverrat konnte man ihr während der monatelangen Verhandlungen nicht nachweisen. Doch gab Mata Hari am 22. Mai 1917 zu, im Sold der deutschen Botschaft gestanden zu haben. Damit war sie für Bouchardon erledigt:

"Ich erblickte eine große Frau mit wulstigen Lippen und kupferfarbenem Teint mit falschen Perlen in den Ohren vom Typus einer Wilden. Katzenhaft. Geschmeidig. Durchtrieben. Ohne Skrupel und daran gewöhnt, sich der Männer zu bedienen, ist sie der Typ einer Frau, die zur Spionin prädestiniert ist."

Am 25. Juli 1917 wurde Mata Hari wegen Hochverrats und Doppelspionage zum Tode verurteilt. Für die Franzosen stand fest: Sie war eine Meisterspionin und verantwortlich für den Tod Tausender Soldaten. Ein Mythos, der spätestens dann Risse bekam, als der britische Geheimdienst 1999 ihre Akten freigab.

Vor allem über Klatsch und Tratsch berichtet?

Laut britischen Erkenntnissen ließ sich die sagenumwobene Sex-Göttin zwar während des Ersten Weltkriegs vom deutschen Konsul in Amsterdam als Spionin für eine fünfstellige Summe anwerben. Doch kriegsentscheidende Informationen habe sie den Deutschen nicht zugespielt. Der Geheimdienst folgerte: Die Aufgabe sei für die verschwenderische Frau lediglich eine bequeme Einkommensquelle gewesen.

Den Akten der Briten zufolge legte Mata Hari nie ein vollständiges Geständnis ab und berichtete in den Verhören vor allem über Pariser Klatsch und Tratsch. "Sie gab nicht mehr als das weiter, was man auch in spanischen Lokalzeitungen nachlesen konnte", so Julie Wheelwright, Autorin der Publikation "The Fatal Lover. Mata Hari and the Myth of Women in Espionage" (1993).

Wesley Wark, Experte für Sicherheit und Terrorismus an der Universität Ottawa, geht noch weiter: Politik sei nicht ihre Sache gewesen, sagt er. Sogar in Frankreich erscheinen immer mehr Bücher und Filme, die sie eher als Sündenbock für das Heer toter französischer Soldaten im Ersten Weltkrieg darstellen.

"Leider zu Recht erschossen"

So hatte zuvor schon der im Dezember 2003 verstorbene Mata-Hari-Kenner Léon Schirmann argumentiert. Das Verfahren sei von den französischen Behörden 1917 manipuliert worden, erklärte der Franzose. In seinen Büchern versuchte er nachzuweisen, dass der Prozess rein propagandistischen Zwecken diente.

Auf der Grundlage von Schirmanns Recherchen stellte im Oktober 2001 der Pariser Staranwalt Thibault de Montbrial einen Revisionsantrag, der jedoch abgelehnt wurde. Auch die niederländische Mata-Hari-Stiftung hatte 1998 versucht, den Prozess neu aufzurollen.

Mata Hari, die Unschuld vom friesischen Lande also? Ihr letzter Führungsoffizier Major von Roepell sah die Sache anders. Nach dem Krieg schrieb er laut SPIEGEL:

"Ich persönlich glaube, dass sie bestimmt sehr gut beobachtet und gemeldet hat; denn sie war eine der klügsten Frauen, die ich je kennengelernt habe. Spionage zugunsten Deutschlands hat sie bestimmt getrieben, und ich bin der Meinung, dass sie von den Franzosen - leider - zu Recht erschossen wurde."

Die französischen Gerichtsakten sind bislang unzugänglich, sie sollen erst in den kommenden Monaten geöffnet werden. Mit Spannung wird erwartet, ob sie dazu beitragen können, das Rätsel um Mata Hari zu lüften.

Mit Material von dpa

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insgesamt 4 Beiträge
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Jorg Weise, 13.02.2017
1. Mata Hari Auge des Tages
Mata Hari ist ein Wort aus der indoneschen/malaysischen Sprache und bedeutend Sonne (Auge des Tages).
Coralie Berger-Leroc, 13.02.2017
2. Konsequenz
Auf Spiegel Plus berichtet Ann-Kathrin Nezik über sexistische Postings in Sozialen Netzwerken, die Überschrift lautet "Du H*re". Und hier beschreibt Katja Iken Mata Hari als Edelh*re, wenn auch ohne Sternchen. Was soll das?
Sabine Crelier, 13.02.2017
3.
Es wurde auch schon behauptet, die Kirche hätte ein Interesse daran gehabt, dass Mata Hari stirbt, da ihr der unkeusche Lebenswandel der Friesin ein Dorn im Auge gewesen ist.
Paul Müller, 13.02.2017
4.
#2 "Du Hure" ist eine beleidigende Aussage für eine Frau. Sexworker bezeichnen sich teilweise selbst als Hure. Eine "Edelhure" ist eine anerkennend Klassierung. Teilweise gelingt es Edelhuren Wochen, Monats oder gar Jahresgehälter in einer Nacht zu generieren. Ich selbst kenne eine Edelhure welche in jungen Jahren genug für ihr halbes Leben verdient hat.
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