Doors-Konzert im Multiplex Wiedersehen mit dem schwarzen Engel

Doors-Konzert im Multiplex: Wiedersehen mit dem schwarzen Engel Fotos
Matthias Matussek

Flashback im Kinosessel: 1968 gaben die Doors ihr Konzert in der Hollywood Bowl. 45 Jahre später sieht Matthias Matussek sich Jim Morrisons Auftritt im Kino an - und macht einen Trip in die eigene Jugend. Eine Zeit der Zerstörungsorgien, Drogenexzesse und Sex-Experimente. Von

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Schon seit ein paar Tagen ausverkauft diese Vorstellung. "The Doors", der Film über ihr legendäres Konzert in der Hollywood Bowl vom 5. Juli 1968. Jim Morrison, der finstere Fürst, der schwarze Engel. Einmalige Vorführung, remastert, restauriert und hochgepimpt. Schauplatz: der große Saal im Cineplex Mundsburg in Hamburg. Hier wird er noch einmal auferstehen. Zwischen Mexikaner-Grill, Sushi-Bar und H&M. Besuch in der eigenen Jugend, eine Tauchexpedition. Merkwürdige bunte Biester da unten.

Die anderen unglücklich Ahnungslosen stellen sich zum neuen Supermann-Film an oder zu "Toystory 4" oder 15, man verliert den Überblick, aber die Kenner haben ihre Karten selbstverständlich bereits in der Tasche, und ich falle kaum auf unter den anderen Kennern, schätze ich, was auch wieder deprimierend ist.

Stippvisite im pubertären Wahnsinn. Dieser Indianer-Kriegsschrei, dieses Koyotengeheul zu Beginn von "When the music’s over", wie oft haben wir das rausgebrüllt, damals, 1971, in diesem endlosen Sommer der Anarchie. Jetzt sind wir alt, und das sind unsere Kriegserinnerungen, wir Glücklichen, wir Baby-Boomer. Die vor uns erinnerten sich an Bombeneinschläge und brennende Städte, und der Junge neben mir wird sich hüten zu brüllen "we want the world and we want it now", weil die Chancen absolut gegen ihn stehen und weil seine Kohorte nicht groß genug ist.

Eine Bande von Kiffern und Trippern - und Mörderkrach

Gesetztere Herren und Damen in meinem Alter, alle mäßig bürgerlich zerfranst und ganz ausnahmsweise mal wieder freundlich bekifft. Wo bekommen die Alten das Zeug bloß her? Klauen die das ihren Kindern oder kaufen sie auf der Straße? Sie checken durch Brillengläser kurzsichtig ihre Platznummern, ist schließlich große Oper, tschulligung, tschulligung, einige Basecaps, ein Rudel pubertierender Abiturientinnen mit Alkopops, Nerds in Sakkos.

Eine junge Angestellte sitzt für sich und trägt in ihrer verlorenen Stille ihren kunstvoll getürmten feuerroten Irokesen, den letzten Retroschrei aus dem "Wella-Haarstudio", links neben mir ein verpickelter M&M-Futterer im gelben T-Shirt mit Gemüseaufdruck, er sagt, er sei hier wegen seiner Freundin, der blassen Maus im schwarzen Gothic-Stretch-Kleid, zur rechten ein gut gelaunter Ingenieur mit Frau, der geboren wurde, als der Film entstand, oder umgekehrt.

Jim Morrison war 25 und auf Acid, entrücktes Lächeln, Schüchternheit, unendliche Zartheit, irre Blicke, genialische Arroganz, und ich ein Teenager und war Jim Morrison und riss mit einer Bande von Kiffern und Trippern zu Morrisons "Light my Fire" jenes leerstehende Holzhaus ein, das uns von einem sanften reichen Anthroposophen für unser "Lebensexperiment" kostenlos zur Verfügung gestellt wurde. Wir zerrieben und zerhackten und erledigten dieses wunderschöne Fachwerkhaus, und Jim Morrison schrie uns an "Break on thru to the other side".

Wir wollten ständig auf die andere Seite, und das ging nicht ohne Mörderkrach und Krieg gegen alle und alles, aber das schöne Verständnis, unverstanden zu sein, und das ging nicht ohne diesen See aus Melancholie, der zuweilen gemeinsam durchrudert werden musste, mit einer Fee im Arm.

Rimbaud-Lyrismen in der Schwärze der Nacht

Die maoistischen Lehrer, die ich zunächst von meiner revolutionären Disziplin überzeugen konnte - wie weiß ich nicht -, die hatten allmählich kapituliert und malten ihre Transparente woanders, denn ich hatte andere mitgezogen, und die Bude gehörte UNS. Wir zogen alle an, die keinen Plan hatten, aber Genies waren, die zeichneten, die atemlose Gedichte schrieben und Musik machten, Trips schmissen. Für die Gutbürgerlichen gefährliches ungewaschenes Pack, und dann diese vielen Mädchen aus eben diesen Villen, die eigentlich Schulaufgaben machen sollten oder die Blumen gießen hinter bösen spitzen Jägerzäunen.

Bei uns liefen die Doors, laut, und die Doors hatten an jenem Abend in der Bowl alles aufgestellt an Krachmachern und Amplifiern, was sie zusammenkarren konnten, denn es war die Bowl, der Durchbruch, im Vorprogramm Steppenwolf, und der Sound fegte alles weg und waberte noch über die Hügel bis nach Downtown LA.

Jim Morrison, der schwarze Prinz. Wie er seine Rimbaud-Lyrismen in die Schwärze der Nacht flüstert "cancel my subscription to resurrection, send my credentials to the house of detention, I got some friends inside..." und dann, prophetisch: "Before I sink into the big sleep I want to hear the scream of the butterfly".

Braune Lederhose, mexikanischer Dollargürtel, die Kamera von unten, seine braune enganliegende Lederhose, ganz oben seine Botticelli-Engel-Locken. Er war tatsächlich der gestaltgewordene nasse Traum aus den Schwulensaunas von L.A. und wie fanden wir ihn gut, wir waren alle androgyn unterwegs, wir probierten eine Menge aus, aber das hieß nur, dass wir offen waren und spielten, und wir dachten nicht im entferntesten an Eheschließungen vor aufgeschlossenen evangelischen Pastoren, ganz bestimmt nicht, und an Treue erst recht nicht.

Acid-Wahn auf der Bühne

Und Jim Morrison steht da wie ein Heiliger des Acid, die Basedrum, die hinten auf der Bühne auf einer Empore von John Desmond bearbeitet wird, sie umgibt seinen Kopf wie einen Heiligenschein, wie auf einer Ikonenmalerei, einer der Erzengel.

Die verrückteste Zusammenstellung für eine Rockband. Ray Manzarek an der Orgel mit den beiden Tastaturen, diesen nervtötenden minimalistischen Wiederholungen, Robby Krieger war sauer, weil er nur einen Sound-Kanal zu Verfügung hatte, und trotzdem seine kleinen lyrischen Kunststücke zauberte, und John Densmore, kein Drummer, sondern ein komplettes Soundstage-Department mit seinen klopfenden und scheppernden und hämmernden Untermalungen von Jims Schamanenwanderungen in seinem Acid-Wahnsinn, der sieht einen Grashüpfer auf dem Bühnenboden, er bückt sich über ihn, "es ist nur eine Motte", sagt er dann lächelnd, die Motte fliegt auf, "du wirst nicht lange leben" ruft er ihr hinterher, und drei Jahre später ist er selber tot, stirbt in Paris an einer Überdosis.

Ja, die Mädchen fuhren genauso drauf ab wie wir, und natürlich glaube ich, dass am Ende nur die Frage zählt, ob es einen Himmel gibt und eine Erlösung und wie hoch der Anteil der guten Werke gewesen ist, die du UNTERLASSEN hast. Aber irgendwo wird auch die Frage auftauchen, in einer Nebenkategorie, das große Bedauern, dass du nicht ALLE Mädchen, die du hättest haben können, geliebt hast, lauter verpasste Chancen, mal zu schüchtern, mal zu stoned, mal einfach zu ängstlich, das Herz noch ein weiters Mal gebrochen zu bekommen.

Trotzdem war jeder ständig verliebt, und das Herz war der wichtigste Muskel in der Pubertät, während heute, so kommt es mir manchmal vor, eher die falschen Muskeln trainiert werden. Mein Sohn hört Eminem und Kayne West.

Da sitze ich also und ziehe mir diesen Schuss in die Sterne noch einmal rein, mit einer große Portion Häagen Dasz (ist das derzeit eine politisch korrekte Firma?). Natürlich ist dieser Wahnsinn in der Hollywood Bowl auch Entertainment, Sinatra-Land, insofern passt das Eis, und die Doors wollten nach oben, ganz nach oben, wo die anderen großen Show-Acts waren, nur mit anderen Texten und Locken und Jugend.

"Wärst du gerne noch mal damals?"

Auf dem Weg nach draußen treffe ich einen Event-Manager, der mal eine Diskussion zwischen mir und Wolf Lotter über das "Ende des Kapitalismus" organisiert hatte, und er leuchtet, sagt "Wahnsinn!" und schwärmt vom Sound und neben ihm geht eine feine Dame mit Sichel-Ausschnitt im schwarzen Kleid, einem sehr roten Mund im blassen Gesicht, Typ Tabea Blumenschein, und einem schwarzen Hütchen, das man zu Beerdigungen trägt, eine Friedhofsfigur, düster, sexy.

Sie zieht aus ihrer Handtasche ein Foto und hält es mir hin. "Sieht er nicht aus wie Jim?" Ich schaue in ein offenes ehrliches Curd-Jürgens-Gesicht mit weißblonden schütteren Strähnen und sage: "Ja, voll, genau!"

Sie nimmt das Foto wieder an sich, lässt es in ihrer Handtasche verschwinden und schnappt den Verschluss darüber zu wie endgültig, und sagt: "Mein Mann. Er ist vor drei Jahren gestorben."

Wir gehen eine Weile nebeneinander her, wie kommt man davon jetzt wieder los, er war offenbar so alt wie ich jetzt, mitten in meinen pubertären Traumaufruhr hinein plötzlich die Erkenntnis, dass wir nicht ewig leben, auch wenn wir nie daran dachten, es nicht zu tun, nicht im geringsten.

Aber möglicherweise hat es Jim Morrison gewusst, der Tod hatte seinen Schatten schon über ihn geworfen damals in der Hollywood Bowl, als er "This is the end", sang, "this ist the end, beautyful friend", in diese Nacht hinein, in diesen LSD-Irrsinn, diese Selbstzerstörung und die Selbstauflösung. Was wäre, wenn er sechzig geworden wäre, wären da noch nennenswerte Erfahrungen hinzugekommen?

Wir halten uns also aufrecht, solange es geht, wir Babyboomer mit unseren krummen Lebensläufen. Wir stecken ein, rennen, laufen, erschöpfen und versuchen auszuhalten. Es ist scheiße, alt zu werden, wenn man den Dreh nicht findet. Ich bilde mir ein, ich hab ihn gefunden. Manchmal. Die Dinge sind so, wie sie sind.

"Na, wärst du gerne noch mal damals", fragt mich meine Frau, als ich glänzend nach Hause komme, und ich sage, weiß nicht und bin nicht sicher, bin froh, dass ich weiter bin, synchroner... und nach einer Weile, leise "Ich gäbe alles dafür", und ich spüre diesen Stich im Herzen, und es ist gut, dass er da ist.

Zum Weiterlesen:

Matthias Matussek: "Als wir jung und schön waren", S. Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2008, 304 Seiten.

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1.
Alexander John 01.07.2013
Die Musikgruppe mit dem schlimmsten Einfluss auf ihre jungen Zuhörer und mit der fürchterlichsten Musik auf diesem Planeten. Das hat Curt Cobain gehört, als er sich die Birne weggeblasen hat....
2.
Dirk Sinß 01.07.2013
jaa, die Gnade der frühen Geburt. Ich, als Jahrgang 68, konnte die Doors-Zeiten leider nicht mehr live erleben. Immerhin durfte ich Ray und Robbie als Doors of the 21st Century in Bonn erleben. Unvergesslich. Ich für meinen Teil wäre lieber 15 Jahre früher geboren, und dass nicht nur wegen der Musik.
3.
tyler durden 01.07.2013
Das ist schon der reine Wahnsinn, was der Matusseck alles weiss?.. ??und ganz ausnahmsweise mal wieder freundlich bekifft.? Ausnahmsweise sagt er, wissend natürlich? Nur weil in seiner Umgebung die arrivierten Herrschaften lieber dem Alkohol zusprechen, aus dem einzigen Grund, dass dieser legal ist. Was natürlich in der Welt , in dem Zustand, in dem sie heute mit Mollath und Prism ist, die Aufrechterhaltung des Rechtsstaats, und seien seine Manifestationen noch so absurd, das Wesentliche an einem zivilisierten Menschen ist? Und dann diese schreckliche Jugend ?..und ich ein Teenager und war Jim Morrison und riss mit einer Bande von Kiffern und Trippern zu Morrisons "Light my Fire" jenes leerstehende Holzhaus ein, das uns von einem sanften reichen Anthroposophen für unser "Lebensexperiment" kostenlos zur Verfügung gestellt wurde.? Ja, DAS war der eigentlich wesentliche Zeitpunkt der 68 er, das ändertr alles. Wenn nur der Matusseck damals das mit Holzhaus nicht gemacht hätte, dann wären wir heute alle wirklich frei? aber so? Werter Autor, kleiner Tip: Schauen sie doch mal ab und zu in Frankfurter Allgemeine, da schreibt ein gewisser Herr Schirrmacher manchmal. Der denkt selber, der lebt selber. Und macht sich damit zugegebenermassen auch manchmal unbeliebt. Aber er ist ehrlich und schreibt über die Realität. Im gegensatz zu Spiegelautoren, aber die können sich das leisten, Schliesslich gibt?s eine Zensur in den deutschen Medien. Und die ist ganz und gar nicht 68er-mässig, sondern ganz im Gegenteil, die ist nicht von schlechten Eltern, wie manche 68er. Matisseck gehört abern nicht zu denen, deswegemn ist auch er 2013 beim Spiegel?. TDV
4.
Bernhard Feghelm 01.07.2013
Es waren Tage, an denen die Liebe zu eine Art Scheiterhaufen wurde, auf dem alles verbrannte, was an unguten Gefühlen vorhanden war. Do you feel, like we to? Erstmals konnte eine Jugend über die Gefühle reden und diese Gefühle wurden nicht als Produkt von Schwächlingen abgewertet, sondern zumindest unter den Gleichaltrigen ernst genommen. Der Protest gegen Vietnam mündete in eine Empathie, welche die Welt verändern sollte.
5.
Jonathan Spieler 01.07.2013
Schöne Beschreibung des Publikums. Immerin ist sich der Autor in gewisser Weise selbst Treu geblieben. Weihrauch statt Dope, und immer noch stehen androgyne Helden (siehe Papst) im Mittelpunkt.
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