Im Ruderboot über den Atlantik "Ich lebe in einem Tunnel, einer feuchtkalten Höhle"

Maud Fontenoy war auf einiges gefasst - aber es wurde schlimmer: Als erste Frau überquerte sie im Ruderboot den Atlantik von West nach Ost. Monatelang kämpfte sie mit Eiseskälte, Orkanen, meterhohen Wellen und war dem Verdursten nahe. Schließlich rettete ihr ein Trick das Leben.

AFP

Von


"Die kleine Blonde da?", fragte der Fischer, ein hartgesottener Seemann, völlig entgeistert. "Nein! Das ist ja völliger Wahnsinn!" Sein Kollege pflichtete ihm kopfschüttelnd bei: "Mach keine Witze, die doch nicht!"

Doch, genau die da. Vielleicht waren es auch solche sexistischen Sätze, die Maud Fontenoy, eine zierliche Französin aus der Kleinstadt Meaux, an ihrem verrückten Traum festhalten ließen: Sie wollte als erste Frau im Ruderboot den Atlantik in West-Ost-Richtung überqueren. 6000 Kilometer in einem winzigen Boot, eineinhalb Meter breit, siebeneinhalb Meter lang. Ganz allein.

Mitte Mai 2003 wartete sie im Hafen von Saint-Pierre auf die Ankunft ihres Ruderboots "Pilot" und versuchte, die Kommentare der Fischer zu ignorieren. Saint-Pierre ist eine winzige französische Insel kurz vor Neufundland, berüchtigt für dichten Nebel, der schon viele Seeleute das Leben kostete. In dieser unwirtlichen Region sollte Fontenoys Reise beginnen. Wochenlang hatte sie ungeduldig auf besseres Wetter gewartet, wie sie später schrieb:

Jeden Morgen ging ich in die Wetterstation von Météo-France. Ich merkte, dass den Mitarbeitern nicht wohl war, sie senkten die Augen und trauten sich nicht, mir zu sagen, dass sie nicht wirklich an meine Sache glaubten. (…...) Je näher die Abreise rückte, desto mehr wurde ich umhegt, als würde ich für immer verschwinden. Ich fühlte mich wie eine Verurteilte.

Irgendwann hatte die 25-Jährige die Warterei satt. Sie durfte nicht zu spät aufbrechen, wollte sie vor Einbruch des Herbstes auf der anderen Seite des Atlantiks ankommen. Und so ruderte sie trotz schlechter Bedingungen im Juni einfach los - an einem Freitag, den 13. Schon 48 Stunden später sollte sie es bereuen, als ein heftiger Sturm aufzog:

So war das nicht vorgesehen, nicht schon am Anfang! Unter diesen Bedingungen halte ich nie drei Monate durch. Der Ozean gönnt mir nicht eine Minute Pause, backbord naht schon wieder eine riesige Flutwelle, eine Sekunde später der blanke Horror: Mit einem Schlag liegt "Pilot" auf der Seite, alles kippt, ich kann mich nicht mehr festhalten. Mein Kopf schlägt an die Kuppel aus Plexiglas, ich werde halb ohnmächtig. Eisiges Wasser strömt herein, meine Segeljacke schwimmt in einer Brühe aus Meerwasser und Erbrochenem. Es ist mein erstes Kentern.

Spektakulärer als eine Mondlandung

Vor der Reise hatte Fontenoy nur auf Flüssen Belastungsproben mit ihrem Spezialboot gemacht. Freunde hatten es mit Seilen ins Schaukeln gebracht. Ein naives Spiel im Vergleich zur aufgewühlten See vor Neufundland.

So etwas hatte die Französin noch nie erlebt, obwohl sie sich auf dem Meer auskannte: Ihre Eltern hatten sie nur sechs Tage nach ihrer Geburt auf ein Segelboot mitgenommen, das ihr Vater Marc gebaut hatte. Mit diesem 17-Meter-Schoner waren sie 15 Jahre um die Welt gereist, hatten sich lange auf den Antillen niedergelassen. Sogar das Laufen hatte die kleine Maud auf einem Schiff gelernt, ihre Füße hatte sie anfangs wie Hände eingesetzt, um auf dem schwankenden Boot Halt zu finden. Diese Erlebnisse hatte Maude nie vergessen können:

Seit wir von den Antillen zurückgekehrt waren, zog es mich aufs Wasser. Erst war es das Segeln, dann das Rudern. Aber ich wollte mehr. Ich hatte dieses unstillbare Verlangen nach einem wirklichen Abenteuer.

Mit einem einfachen Satz versuchte die junge Frau, Sponsoren für ihr Abenteuer zu begeistern: "Mehr als tausend Menschen haben bereits den Mount Everest bestiegen, zwölf sind auf dem Mond gelandet, und nur sechs haben den Atlantik allein in West-Ost-Richtung überquert - darunter noch keine Frau!"

Der Trick funktionierte. Fontenoy fand Geldgeber, ein Radiosender war plötzlich brennend an ihrer Atlantiküberquerung interessiert. Was ihr Werbesatz charmant unterschlug: Vor ihr hatten bereits zwei Frauen, die Amerikanerin Victoria Murden und die Französin Peggy Bouchet, den Atlantik allein im Ruderboot überquert - nur in umgekehrter Richtung. Für einen neuen Weltrekord musste Fontenoy daher unbedingt im Westen losrudern. Nur deshalb hatte sie also vor ihrem Start wochenlang vor Neufundland im Nebel gehockt.

"Der Horizont fehlt mir"

Noch jetzt, wie sie trotzig auf dem offenen Meer weiterruderte, umgab sie dieser dichte Nebel. Ihre blutigen Hände hatten inzwischen Schwielen bekommen, doch ihre Seele härtete nicht ab. Vor Einsamkeit weinte sie manchmal, einmal am Tag sprach sie per Satellitentelefon mit ihrer Mutter - und fühlte sich danach noch verlorener. Mit der Zeit begann sie sogar, mit ihrem Boot zu reden: Pilot, bring mich hier raus! Stille.

Ich lebe in einem Tunnel, einer feuchtkalten Höhle. Ich kann kaum den Bug meines kleinen Bootes erkennen. Ich taste mich voran und versinke mit jedem Ruderschlag weiter in einer undurchsichtigen, trübseligen, tristen Materie. (…) Kein noch so winziger Lichtstrahl dringt mehr durch, ich frage mich, ob ich die Sonne wohl je wiedersehe. Der Horizont fehlt mir, ich ringe nach Luft zwischen diesen weißen Mauern.

Doch dann, nach 30 langen Tagen, wurden ihre Mühen endlich belohnt: Der Nebel lichtete sich, die Temperaturen stiegen. Fontenoy hatte den Golfstrom erreicht. Endlich wieder Sonne:

Mich durchströmen die herrlichsten Gefühle, wie man sie im normalen Alltag nie erlebt. Dass ich diese Qualen überstanden habe, versetzt mich in eine andere Welt. An Land hätte ich mir nie vorstellen können, dass ein Sonnenuntergang mich zum Weinen bringt. Doch genau das passiert heute Abend, mitten in dieser unermesslichen Weite.

"Der schlimmste Moment in meinem Leben"

Auf dem Golfstrom umkreisten immer wieder Wale und Delfine das Boot. Nun machte der Französin ihr penibel durchstrukturierter Alltag wieder Freude: Aufstehen um sechs Uhr, Zähneputzen, waschen, Sonnencreme auftragen. Rudern bis mittags, zwei Stunden Pause in der Kajüte, die sich bis auf 40 Grad aufheizt. Dann weiterrudern, oft zehn Stunden am Tag. Zwischendurch gefriergetrocknete Pulvernahrung im entsalzten Meerwasser auflösen.

Es sah gut aus: Am 5. August 2003 hatte die Abenteuerin die Hälfte der Strecke geschafft und warf stolz eine Flaschenpost über Bord. Darin ein Zitat des Schriftstellers Joseph Conrad: "Dem Traum folgen und nochmals dem Traum folgen und so ewig - usque ad finem."

Bis zum Ende sollte es aber noch ein lebensgefährlicher Weg werden. Mehrmals entging Fontenoy nur knapp Kollisionen mit Containerschiffen, die das kleine Boot übersehen hatten. Ein Tropensturm rüttelte "Pilot" bei Windstärken von 50 Knoten durch. Doch selbst das war nur ein müder Auftakt im Vergleich zu dem Orkan, der das Boot am 27. August erwischte. Zehn Meter hohe Wellen, 36 Stunden lang:

Mein Körper gehorcht mir nicht mehr, mein Verstand ist lahmgelegt. Es ist der schlimmste Moment in meinem Leben. Flutwellen überschwemmen mein Boot, immer wieder kentert es. Drinnen ist alles hinüber, Deckenlampen und Neonröhren in Scherben. Krampfhaft halte ich mich fest. Mein Knie ist gegen die Bettkante gestoßen, ich kann mein Bein nicht mehr bewegen. Ich bekomme keine Luft mehr, bin völlig erschöpft. Ein Handgelenk ist verstaucht, zwei Rippen bestimmt angebrochen. Das ist mein Tod.

Wie durch ein Wunder überstand die Ruderin 17 Kenterungen und unzählige, fast senkrechte Stürze in tiefe Wellentäler. Als der Sturm abflaute, fasste die Überlebende neuen Mut: Jetzt, glaubte sie, konnte sie nichts mehr aufhalten.

"Ich heule vor Freude, was für eine Wonne!"

Das Hochgefühl endete abrupt, als der Wasserentsalzer streikte. Stundenlang versuchte sie vergeblich, ihn zu reparieren. Sie baute das Ersatzgerät auf, doch kurz danach zerbrach ein Bauteil davon. Das Frischwasser war binnen Tagen fast aufgebraucht. Verzweifelt sammelte Fontenoy mit Löffeln jeden Regentropfen auf, mischte das restliche Frischwasser mit Meerwasser. Schließlich begann sie, ihren Urin zu trinken.

Zum Rudern kam sie kaum noch, bald hinkte sie dem Zeitplan einen Monat hinterher. Kurz vorm Aufgeben baute sie den ersten Entsalzer noch einmal komplett auseinander und wieder zusammen. Und plötzlich ging er.

Jetzt spürte die Abenteurerin, dass sie es schaffen konnte. Der Gegenwind trieb sie zwar erbarmungslos zurück, manchmal weiter, als sie am Tag rudern konnte. Doch Anfang Oktober näherte sie sich der spanischen Küste - weit weg von ihrem ursprünglichem Ziel Frankreich. Aber das schmälerte ihre Begeisterung nicht, als sie die rettende Küste erblickte:

Da plötzlich, es ist 8 Uhr, reißt wie von Zauberhand eine dicke schwarze Wolke auf ganzer Breite auf - und ich sehe endlich Land! Ich glühe, so ergriffen bin ich. Land, Land! Ich heule vor Freude, was für eine Wonne. (…) Ich rudere schneller. Ich will wieder etwas riechen, Grün sehen, Bäume, das Relief der Felsen.

Am Morgen des 9. Oktober 2003, nach 117 Tagen auf dem Atlantik, sah Maud Fontenoy endlich ihre Familie wieder, die sie mit einem Boot vor A Coruña begrüßte. Leuchtraketen wurden verschossen, Kameramänner filmten die rührende Szene. Auf einmal kannte das ganze Land die blonde Französin.

Sie war eine Volksheldin. Doch ihr großer Triumph sollte Fontenay nicht lange reichen: Schon anderthalb Jahre später saß sie wieder im Ruderboot - um den Pazifik zu durchqueren.

Zum Weiterlesen:

Maud Fontenoy: Der Atlantik und ich. 3600 Seemeilen im Ruderboot über den Atlantik, National Geographic Adventure Press 2005.



insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Lennart Lammers, 10.10.2013
1.
Unbestreitbar eine grandiose Leistung. Zum Ausfall der Entsalzungsanlage: "So schnell" verdurstet man aber nicht, wenn sie täglich telefonieren konnte, dann hätte man ja auch Hilfe rufen können. Zumal wenn beschrieben ist, dass sie des Öfteren beinahe von Handelsschiffen überfahren wurde. D. h., dass sie nicht fernab der Handelsrouten unterwegs war. Hilfe wäre also möglich gewesen. Viel dramatischer sehe ich persönlich den Orkan auf dem offenen Atlantik, und diesen in einer solchen "Nussschale" zu überstehen.
Siegfried Wittenburg, 10.10.2013
2.
"Erst sechs Männern war die Überqeuerung in dieser Richtung bis dahin gelungen - ebenso viele waren bei dem Versuch gestorben." Nun gut, es gibt auch andere Herausforderungen im Leben.
Christian Walther, 11.10.2013
3.
Irgendwann umschwimmt eine(r) die Welt. Und? Irgendwann geht eine(r) durch Wände. Und? Irgendwann kann eine(r) levitieren. Und? Irgendwann interessiert das keinen mehr. Warum? Weil leistungsbasierte Egotripps nur noch was für Leute aus dem 20. Jahrhundert ist. Und die sind ja Gott sei Dank bald ausgestorben...
P.C. Corey, 11.10.2013
4.
"Die kleine Blonde da?", fragte der Fischer, ein hartgesottener Seemann, völlig entgeistert. "Nein! Das ist ja völliger Wahnsinn!" Sein Kollege pflichtete ihm kopfschüttelnd bei: "Mach keine Witze, die doch nicht!" Diese Sätze sind vom Autor völlig erfunden ! Maud hatte von Anfang an volle Unterstzüng bei den Fachleuten genossen, da sie, wie im Artikel erwähnt, von Geburt an mit dem Meer vertraut wurde, dafür hatte ihr Vater gesorgt. Niemand hat sie je belächelt, der Autor sollte sich schämen.
Hans-Wilhelm Berghoff, 11.10.2013
5.
Seit dem 3. Juli rudert Mylene Paquette von Halifax(CAN) nach Lorient(F). Ende September traf sie auf die Queen Mary 2, die ihretwegen einen Umweg machte. Im November will Mylene in Lorient ankommen. Mylenes heutige Position: 47.4483N, 028.2405W, etwa 1.000 nautische Meilen bis Lorient. Denken wir an sie.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.