Mauerbau "Wir lassen euch jetzt ein, zwei Wochen Zeit"

Mauerbau: "Wir lassen euch jetzt ein, zwei Wochen Zeit" Fotos
Lutz Luedolph

Wer befahl den Bau der Berliner Mauer? DDR-Gründer Walter Ulbricht? Moskaus Kreml-Chef Nikita Chruschtschow? Ein Dokument, das jetzt in einem russischen Archiv aufgetaucht ist, gibt Auskunft. Von Klaus Wiegrefe

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Sie kannten sich aus Stalingrad, denn dort hatten sie 1942 auf gleicher Seite gekämpft. Der Bergarbeitersohn aus der Ukraine organisierte die Verteidigung der Stadt gegen die Wehrmacht, während der deutsche Exilant per Lautsprecher Landser aufrief, die Fronten zu wechseln. Das ist gesichertes Wissen, und gesichert ist auch, dass sich beide nie wirklich mochten: der impulsive Kreml-Diktator Nikita Chruschtschow und der berechnende DDR-Gründer Walter Ulbricht.

Dennoch waren sie in dem knappen Jahrzehnt, in dem sie das Schicksal ihrer Länder gleichzeitig bestimmten, enge Verbündete. Aber wer von beiden trägt die Verantwortung dafür, dass am 13. August 1961 in Berlin die Mauer gebaut wurde? Wer hatte die Idee, die am Ende dazu führte, dass ein 165,7 Kilometer langes Bollwerk den Westen der ehemaligen Reichshauptstadt umschloss, eine monströse Sperre aus Beton und Stacheldraht, bewehrt mit Wachtürmen und zeitweise sogar mit Selbstschussanlagen?

Nie zuvor hatte ein Regime die eigene Bevölkerung weggesperrt. Die deutsch-deutsche Grenze war längst abgeschottet; mit dem Mauerbau schloss sich nun auch das Schlupfloch West-Berlin, über das Ostdeutsche noch in die Bundesrepublik hatten fliehen können.

Wer fortan die DDR verlassen wollte, riskierte sein Leben. Mindestens 136 Menschen starben bei dem Versuch, die Berliner Mauer zu überwinden: von DDR-Grenzsoldaten erschossen, von Minen zerfetzt, in der Spree ertrunken.

Entstand dieses gespenstische Grenzregime auf Drängen Ulbrichts, weil sein Arbeiter-und-Bauern-Staat auszubluten drohte, wie sowjetische Ex-Diplomaten nach dem Ende der DDR behaupteten? Oder befahl Chruschtschow, Chef der östlichen Supermacht, den Mauerbau? Das erzählen ehemals führende SED-Funktionäre.

Historiker versuchen seit Jahren, diesen Widerspruch aufzuklären und dürften nun einer Antwort näher gekommen sein. Sie findet sich in einem Dokument, das Matthias Uhl vom Deutschen Historischen Institut in Moskau entdeckt hat: Es handelt sich um das bislang unbekannte Protokoll eines Gesprächs zwischen den beiden Spitzenpolitikern am 1. August 1961.

Die Vorbereitungen für den Mauerbau liefen zu diesem Zeitpunkt bereits auf Hochtouren (SPIEGEL 32/2001) - und die Initiative dafür war von Chruschtschow ausgegangen. Der Kreml-Chef verwies bei jenem Treffen im August selbst darauf. Eine Weile zuvor habe er ja, so zitiert ihn das Protokoll, den sowjetischen Botschafter in Ost-Berlin zu Ulbricht geschickt, um: "Ihnen meine Gedanken darzulegen, dass man die derzeitigen Spannungen mit dem Westen nutzen und einen eisernen Ring um Berlin legen sollte." Aus der DDR seien nämlich "viele Ingenieure abgehauen", da müsse "etwas getan werden".

Chruschtschow hatte freilich keine Mühe, seinen Besucher zu überzeugen; das geht ebenfalls aus der Moskauer Mitschrift hervor. Der SED-Mann setzte vielmehr seinerseits auf ein Einmauern der Ostdeutschen, weil es "eine Reihe Fragen gibt, die bei offener Grenze nicht zu lösen sind". Damals herrschte Kalter Krieg, und die Genossen glaubten, die Auseinandersetzung zwischen Sozialismus und Kapitalismus werde in Deutschland entschieden.

Die DDR sollte daher den westdeutschen Konkurrenten ökonomisch abhängen. Doch Ulbrichts Planwirtschaft kam nicht in Fahrt; allein 1960 flohen knapp 200 000 Ostdeutsche vor leeren Regalen - und der Stasi - in die Bundesrepublik. Wütend polterte der Kreml-Chef an jenem 1. August: "Als ich vor zwei Jahren an eurem Parteitag teilgenommen habe, war alles in Ordnung. Was ist denn da passiert? Ihr wolltet doch die BRD bis 1961/62 überholen." Ulbrichts offenherzige Erklärung: "Die Bevölkerung stellt Forderungen, die nicht befriedigt werden können."

Die Verantwortung für das wirtschaftliche Desaster schob der gelernte Tischler aus Leipzig auf die Genossen aus Polen oder Bulgarien, die - gegen alle Vereinbarungen - weder Stahl noch Kohle lieferten. Vor allem sei natürlich die Bundesregierung schuld. Kühn behauptete der SED-Funktionär, Bonn bereite in der DDR sogar "einen Aufstand vor, der im Herbst 1961 stattfinden soll". Der eher simpel gestrickte Gastgeber scheint den Unsinn geglaubt zu haben.

Chruschtschow drückte nun jedenfalls auf das Tempo: "Wir lassen euch jetzt ein, zwei Wochen Zeit, damit ihr euch wirtschaftlich vorbereiten könnt. Dann beruft ihr das Parlament ein und verkündet folgendes Kommuniqué: 'Ab morgen werden Posten errichtet und die Durchfahrt verboten. Wer passieren will, kann das nur mit Erlaubnis bestimmter Behörden der DDR tun.'"

Der DDR-Bevölkerung wollte Chruschtschow weismachen, die nun zu bauende Mauer schütze vor westlichen Spionen; das würden "die Deutschen verstehen". So recht scheint er an die Wirkung dieser Propaganda allerdings selbst nicht geglaubt zu haben, denn als Ulbricht bei dem August-Gespräch ankündigte, er wolle jetzt seine Wirtschaftsfachleute einweihen, gebot Chruschtschow laut Protokoll Einhalt: "Vor Einführung des neuen Grenzregimes sollten Sie überhaupt nichts erläutern, denn das würde die Fluchtbewegung nur verstärken."

An den Zufahrtsstraßen nach Berlin könnten sich nämlich "Staus bilden", und solche Formen der Verkehrsbehinderung, erkannte der Kreml-Diktator richtig, wären "eine bestimmte Demonstration".

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1.
Mathias Völlinger 01.06.2009
Aha, aber dem Herrn Ulbricht war diese "Anordnung" aus Moskau doch nicht "unangenehm", oder?
2.
Ralf Gründer 01.06.2009
Mit diesem Artikel habe ich so meine Probleme! Wenn Herr Ulbricht der DDR-Gründer ist, dann hat er auch den Befehl zur Errichtung des Antifaschistischen Schutzwalls erlassen! Aber, ist Herr Ulbricht denn der Gründer der DDR? Er kam auf Befehl Stalins nach Berlin, als Leiter der Gruppe Ulbricht, also mit anderen Genossen, um im Auftrag Stalins die Macht in der SBZ zu übernehmen. Die SBZ/DDR entstand meines Erachtens nach auf Befehl der Sowjets. Herr Ulbricht war nur die Marionette. Weiterhin gab es meines Wissens keine Minen und auch keine Selbstschussanlagen an den sowjetzonalen Sperranlagen um Berlin (West). Diesbezüglich möchte ich den Autoren bitten, die Namen der Opfer zu nennen, die durch Minen oder Selbstschussanlagen an der Berliner Mauer zu schaden gekommen sind. Ebenfalls bitte ich den Autor hier die Dokumente vorzulegen, die die Verminung der Ostberliner Sperranlagen um Berlin (West) belegen. Ansonsten bitte ich um einen Widerruf dieser Behauptung.
3.
herman pachulke 02.06.2009
Ulbricht, Pieck und andere wurden von Stalin während des Krieges im Moskauer Hotel Lux vorrätig gehalten und dann mit der Roten Armee nach Deutschland transportiert. Ulbricht war kein "DDR" Gründer, das war Stalin. Der Hinweis an den Sowjetzonalen Sperranlagen wurden keine "Minen oder Selbstschussanlagen" installiert ist letztendes unerheblich. Dann wurde eben auf andere Art gestorben, Peter Fechter ist verblutet, Chriss Gueffroy wurde in den Rücken geschossen.
4.
Ralf Gründer 02.06.2009
Nein! Das kann ich so nicht sehen. Wenn man sich mit den Sperranlagen der DDR um Berlin (West) beschäftigt und darüber schreibt, kann man nicht einfach Elemente - wie Minen und Selbstschussanlagen - wahllos hinzudichten. Es ein Unterschied, ob ein Staat seine Bewohner in Minenfelder hineinlaufen lässt und deren willkürliche Verletzung und Tötung in Kauf nimmt, oder ob er sie durch gezielte Schüsse brutalst vernichten lässt. Die Frage wäre doch dann interessanter, warum die SED keine Skrupel hatte, an der innerdeutschen Grenze Erdminen zu verlegen und Selbstschussautomaten zu installieren, aber eben nicht an der Berliner Zonen- und Sektorengrenze! Deshalb wiederhole ich meine Aufforderung an Klaus Wiegrafe, die Dokumente hier zu veröffentlichen, die die Verminung der Berliner Zonen- und Sektorengrenze mit Erdminen und Selbstschussanlagen belegen; oder diese Aussage zu widerrufen! Ralf Gründer (www.berliner-mauer.de) Autor des Buches: Verboten: Berliner Mauerkunst (ISBN 978-3-412-16106-4 PS.: In diesem Zusammenhang erlaube ich mir auch auf die exzellente Dissertation von Dr. Wolfgang Rathje hinzuweisen: "Mauer-Marketing" unter Erich Honecker, Schwierigkeiten der DDR bei der technischen Modernisierung, der volkswirtschaftlichen Kalkulation und der politischen Akzeptanz der Berliner "Staatsgrenze" von 1971 - 1990, Kiel, 2001.
5.
Ralf Gründer 03.06.2009
Nein! Das kann ich so nicht sehen. Wenn man sich mit den Sperranlagen der DDR um Berlin (West) beschäftigt und darüber schreibt, kann man nicht einfach Elemente - wie Minen und Selbstschussanlagen - wahllos hinzudichten. Es ist ein Unterschied, ob ein Staat seine Bewohner in Minenfelder hineinlaufen lässt und deren willkürliche Verletzung und Tötung in Kauf nimmt, oder ob er sie durch gezielte Schüsse brutalst vernichten lässt. Die Frage wäre doch dann interessanter, warum die SED keine Skrupel hatte, an der innerdeutschen Grenze Erdminen zu verlegen und Selbstschussautomaten zu installieren, aber eben nicht an der Berliner Zonen- und Sektorengrenze! Deshalb wiederhole ich meine Aufforderung an Klaus Wiegrafe, die Dokumente hier zu veröffentlichen, die die Verminung der Berliner Zonen- und Sektorengrenze mit Erdminen und Selbstschussanlagen belegen; oder diese Aussage zu widerrufen! Ralf Gründer (www.berliner-mauer.de ) Autor des Buches: Verboten: Berliner Mauerkunst (ISBN 978-3-412-16106-4 PS.: In diesem Zusammenhang erlaube ich mir auch auf die exzellente Dissertation von Dr. Wolfgang Rathje hinzuweisen: "Mauer-Marketing" unter Erich Honecker, Schwierigkeiten der DDR bei der technischen Modernisierung, der volkswirtschaftlichen Kalkulation und der politischen Akzeptanz der Berliner "Staatsgrenze" von 1971 - 1990, Kiel, 2001.
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