Mauerbau hautnah Ferien zwischen Freiheit und Tränen

Mauerbau hautnah: Ferien zwischen Freiheit und Tränen Fotos
Das Bundesarchiv/Heinz Junge

Eigentlich wollte Michael Kellers im August 1961 nur ein paar schöne Tage bei der Ostverwandtschaft in Berlin verbringen. Doch plötzlich fand er sich im Zentrum einer Epochenwende wieder. Die DDR sperrte ihre Bürger ein - und Kellers musste kurz vor der Abreise selbst zittern. Von

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Anfang August 1961 gab es in Nordrhein-Westfalen Sommerferien und so fuhren meine Mutter, meine kleine Schwester, 3, und ich, 9 Jahre alt, mit dem Interzonenzug nach Ost-Berlin. Kurz vorher war mein Onkel gestorben und so freute sich meine Tante nach längerer Zeit mal wieder, die Westverwandtschaft zu sehen.

Wir hatten eine Aufenthaltsgenehmigung über mehrere Wochen und so traten wir eine Reise an, die ich nie vergessen werde.

Auf der Hinfahrt musste ich mein Micky-Maus-Heft in der Braunschweiger Gegend aus dem Zugfenster werfen, da ja solches Werk in der "Ostzone" nicht geduldet wurde. Wir hatten dann aber viel Spaß mit Tante und Cousins, ich war begeistert von dem Java-Motorrad meines Vetters und durfte ab und an mit ihm mitfahren.


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Einige Tage später bekam ich Radiomeldungen mit, dass sich alle Ost-Berliner Arbeitnehmer, die im Westteil der Stadt arbeiteten, umgehend zu melden hatten. Immer wieder lief diese Nachricht. Am Mittwoch, den 9. August unternahmen wir alle einen Ausflug nach West-Berlin, spazierten durchs Brandenburger Tor - und ich wunderte mich, dass sich im Westen der Stadt ein sowjetisches Ehrenmal befand.

Meine Mutter wurde total nervös

Am nächsten Sonntag, es war der 13. August, fuhren meine Mutter und ich in aller Herrgottsfrühe mit der Straßenbahn zur Messe nach Berlin-Köpenick. Bei der Rückkehr nach Mahlsdorf zu meiner Tante waren dort einige Nachbarn versammelt, teilweise in Tränen aufgelöst. Ich verstand das erst gar nicht, aber dann begriff auch ich, dass die Leute dort nicht mehr in den Westen durften.

Dieses Szenario hat sich bei mir fest eingebrannt, das werde ich nie vergessen.


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Zwei oder drei Tage später wurden mein Cousin und einige Kumpels stundenlang verhört, da sie mit ihren Motorrädern den Grenzbefestigungen zu nahe gekommen waren. Daraufhin wurde auch meine Mutter total nervös, denn unser Rückreisetermin stand kurz bevor.

Mein Cousin setzte uns schließlich kurz vor dem Bahnhof Friedrichstraße ab - und noch einmal mussten wir zittern. Der DDR-Zöllner wühlte buchstäblich in der Schmutzwäsche herum und stellte in seinem sächsischen Dialekt jede Menge Fragen.

Meine Mutter mit dem schweren Koffer und zwei Kindern an der Hand war fix und fertig, als wir endlich in unserem Zugabteil saßen. Bei allen Reisenden konnte man den Stoßseufzer der Erleichterung spüren, als wir endlich das Territorium der Bundesrepublik erreichten.

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