Mauerfall Die Frage der Fragen

Es war die wohl berühmteste Pressekonferenz der Weltgeschichte - und lange auch die langweiligste. Doch dann stellte der italienische Journalist Riccardo Ehrman eine Frage, die die Welt veränderte.

Das Bundesarchiv/Thomas Lehmann

Am Ende war eigentlich alles irgendwie ein Zufall. Es war, sagt Riccardo Ehrman, ein Zufall, dass er 1989 in Ost-Berlin arbeitete. Es war ein Zufall, dass ausgerechnet er Günter Schabowski diese eine Frage stellte. Jeder andere hätte sie schließlich auch stellen können. Und es war Zufall, dass Günter Schabowski damals, am Abend des 9. November 1989, ausgerechnet auf seine, Riccardo Ehrmans Frage so konfus antwortete, dass nur wenige Stunden danach die Berliner Mauer, die die Stadt 28 Jahre lang getrennt und über 100 Tote gefordert hatte, auf einmal nur noch ein Haufen Beton war. Ehrman trat mit seiner Frage eine Lawine los.

Es ist mild an diesem 9. November 1989, und Riccardo Ehrman ahnt nicht, dass er wenig später am Abend in die Weltgeschichte eingreifen wird. Er kommt nur ins Schwitzen, weil er auf der Suche nach einem Parkplatz ist. Normalerweise gibt es mühelos Parkplätze, hier in Berlin, Hauptstadt der DDR. Es gibt lächerlich wenige Autos, findet er, erst recht im Vergleich zu seiner chaotischen Heimatstadt Rom. Doch seitdem sich die SED-Führung unter dem Druck wochenlanger landesweiter Demonstrationen zu ersten Reformversuchen gezwungen sieht, kommen immer mehr ausländische Journalisten zu den neuen Pressekonferenzen des DDR-Zentralkomitees (ZK). Und alle kommen im Auto.

Als Riccardo Ehrman, damals 60 Jahre alt und Korrespondent der italienischen Nachrichtenagentur Ansa, endlich im Pressezentrum eintrifft, sind alle Stühle besetzt. Der einzige freie Platz ist links vorne am Podium, fast zu Füßen von Günter Schabowski, der als Politbüro-Mitglied die Pressekonferenz leitet. Oscar Wilde habe, sagt Riccardo Ehrman heute, 18 Jahre später, das Leben einmal eine schlechte Viertelstunde mit ein paar guten Momenten genannt. "Diese Pressekonferenz war einer der besten Momente meines Lebens." Obwohl er nichts Besonderes getan habe. "Es ist so gekommen." Er habe Schabowski damals nur das Stichwort gegeben. Ein Zufall eben.

Phrasen statt Antworten

Ein Zufall wie so viele in seinem Leben. Es war schon ein Zufall, dass Ehrman, der Sohn polnischer Juden aus Lemberg, in Florenz zur Welt kam und dort aufwuchs. Seine Eltern waren nach ihrer Hochzeitsreise nach Italien einfach dort geblieben, weil ihnen das Land so gefiel. Ein Zufall, der ihnen Jahre später das Leben retten sollte - von seinen polnischen Verwandten überlebte niemand den Holocaust unter den Deutschen. Nach dem Krieg fängt Ehrman bei einer Zeitung in Florenz an, geht dann nach Rom. Anfang der fünfziger Jahre trifft er dort auf den Schah von Persien, der aus Iran geflüchtet ist. Als die CIA den Schah wieder auf den Thron zurückputscht, ist Ehrman der Erste, der es dem Herrscher übermittelt: "Majestät, Sie sind wieder an der Macht." Ehrman makes news happen, soll der Schah geantwortet haben.

Ehrman wechselt zur Nachrichtenagentur AP, dann zu Ansa. Er wird Korrespondent in Kanada, in den USA, von 1976 bis 1982 in der DDR. Dass er 1985 nach Ost-Berlin zurückkehrt, war nicht geplant. Ansa schickt ihn nach acht Jahren als DDR-Korrespondent nach Indien. Doch als 1985 sein Nachfolger in Berlin erkrankt, nimmt Ehrman, der fließend deutsch spricht, sofort das Ansa-Angebot an und geht wieder zurück in die DDR.

Gorbatschow ist seit 1985 in der Sowjetunion an der Macht, es tut sich was hinter dem eisernen Vorhang. Im Sommer 1989 schließlich brodelt es in der DDR, und nicht mehr nur unter der Oberfläche. Ausbleibende Reformen wie Reise- und Pressefreiheit haben Tausende Ostdeutsche in den Westen fliehen lassen. Und es treibt sie auch auf die Straßen. Die Pressekonferenz aber ist zäh, die Fragen werden meist mit Phrasen beantwortet. Für Ehrman eine Tortur. Sein Sitzplatz ist unkomfortabel, er hat noch keine interessante Meldung im Block und die Zeit ist gleich vorbei.

Der stammelnde Schabowski

Wenige Tage zuvor hatten die SED-Oberen zur Beruhigung der Massen ein Gesetz verfasst, welches Reisen in nicht-sozialistische Länder für jedermann ermöglichen sollte - für 30 Tage im Jahr. Es ist 18.53 Uhr, als Ehrman seine Frage endlich loswird: "War der Reisegesetzentwurf vor ein paar Tagen nicht ein Fehler?" Wieder klingt Schabowskis Antwort minutenlang nach Routine, doch dann horchen die versammelten Journalisten auf: "... haben wir uns dazu entschlossen, heute eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergänge der DDR auszureisen." Sofort prasseln Fragen auf Schabowski nieder. Ab sofort? Mit welchen Papieren? Auch über West-Berlin? Als Antwort zieht Schabowski einen Zettel aus der Tasche: "Privatreisen nach dem Ausland können beantragt werden ... Ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD erfolgen ... sofort."

Nach der Pressekonferenz herrscht Verwirrung unter den Journalisten. Schabowski hatte auf Ehrmans Frage sieben Minuten lang so vage wie möglich geantwortet, erst von "ständiger Ausreise", dann aber von "Privatreisen" gesprochen. Zu einem NBC-Reporter sagt er kurz nach der Pressekonferenz: "It's not a question of tourism. It's a permission of leaving GDR." Riccardo Ehrman ist da schon auf der Suche nach einem Telefon. Für ihn ist das Ende der Mauer gekommen. Als er seine Ansa-Kollegen in Rom erreicht, halten die ihn jedoch "für verrückt". Die Meldung bleibt liegen. Ehrman soll erst mit seinem Chef vom Dienst telefonieren.

Gleichzeitig laufen in der einzigen und staatseigenen DDR-Nachrichtenagentur ADN die Telefone heiß. Schabowski hatte nicht ausreichend auf die von den Behörden gewünschte Antragsprozedur hingewiesen - eine Katastrophe, kaum aufzuhalten. Als erste Nachrichtenagentur verbreitet Reuters die Ausreiseregelung. ADN gibt eine vorbereitete Meldung mit dem Hinweis, "Privatreisen müssen beantragt werden", um 19.04 Uhr frei. Ansa dagegen meldet 19.31 Uhr den Fall der Berliner Mauer. So, wie es Ehrman seiner Zentrale diktiert hatte. Die bis dahin abwartenden westdeutschen und West-Berliner Nachrichtensendungen verkürzen in der nächsten Stunde - zur besten Sendezeit - alles auf ein "DDR öffnet Grenzen sofort". Das DDR-Fernsehen dementiert - die Regelung betreffe Ausreisen, heißt es in den Nachrichten. In Ost-Berlin aber strömen immer mehr Neugierige zur Mauer.

"Wir fluten jetzt"

Am Grenzübergang Bornholmer Straße stehen wenig später Tausende Menschen vor dem Schlagbaum und wollen abwechselnd ausreisen oder verreisen. Als die beiden ranghöchsten und völlig überraschten Offiziere des Grenzübergangs bei dem für die Grenze mitverantwortlichen und nahezu alles beherrschenden Ministerium für Staatssicherheit anrufen, kommt von dort nur die Weisung: "So viele Leute wie möglich nach Hause schicken, nur die Drängler ausreisen lassen."

Aber der Versuch, nur die Ausreisewilligen durchzulassen, heizt die Stimmung noch mehr an. Nach einer Stunde haben die Offiziere begriffen: Diese Idee funktioniert nicht. Immer mehr Menschen drängen gegen die Sperrgitter. Als die vorne Stehenden von den Tausenden Nachrückenden regelrecht gegen die Sperrgitter gepresst werden, geben die Grenzbeamten auf. Ihren Vorgesetzten melden sie nur noch: "Wir fluten jetzt!" Der Rest ist Geschichte.

Riccardo Ehrman arbeitet in dieser Nacht nahezu ohne Pause. Zweimal geht er von seiner Wohnung in der Nähe des Alexanderplatzes zum Grenzübergang Friedrichstraße, wird schließlich von ihm wildfremden Personen erkannt und umarmt. Sie heben ihn auf ihre Schultern, lassen ihn hochleben. Bei einer der Feiern, zu denen Riccardo Ehrman ab und zu eingeladen wird, hieß es zuletzt, dass er für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen werden solle. Er habe, sagt er, nur seine Arbeit gemacht.



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