Anschläge auf Berliner Mauer "Die DDR-Grenzer sind einfach getürmt"

Sie wurden von der DDR schikaniert, reisten aus - und schlugen zurück: Anhänger der Metal-Szene verübten 1989 Brandanschläge auf die Berliner Mauer und fotografierten ihr Werk. einestages hat mit den einstigen Attentätern gesprochen und zeigt ihre Aufnahmen.

PB Raik Adam

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Die drei vermummten Männer sind nervös. Einer hat eine Spiegelreflexkamera dabei, der andere Feuerzeug und Molotowcocktails. Gleich soll ein DDR-Wachturm in Flammen stehen, mitten in Berlin.

Eine Menge kann schiefgehen. Die DDR-Grenzer könnten die Männer zu früh sehen, trotz der nächtlichen Dunkelheit. Oder auf sie schießen.

West-Berlin am 13. August 1989, dem 28. Jahrestag des Mauerbaus. Die Mauer hat die drei Angreifer lange ihrer Freiheit beraubt. Sie sind zwar dem SED-Staat, der sie gängelte und bespitzelte, entkommen und leben nun in West-Berlin. Doch die Wut ist geblieben. Am Jahrestag wollen sie ein Zeichen setzen. Niemand soll verletzt werden, aber der Grenzturm soll brennen. Wie ein Fanal.

"Gleich wird es heiß und hell!", ruft einer der Männer den Grenzern auf dem Turm zu. Dann fliegt der erste Molotowcocktail.

"Das war leichtsinnig"

"Wahnsinn", sagt Raik Adam 25 Jahre später. Der schlanke, hochgeschossene Mann mit schwarzen Jeans und langem Pferdeschwanz steht neben der Harzer Straße in Berlin-Neukölln, er schüttelt den Kopf. "Das war fast fahrlässig leichtsinnig." Sein Bruder Andreas, die Haare ebenfalls zum Zopf gebunden, nickt.

Die Brüder sind zwei der drei Angreifer von damals. "Da vorne muss der Turm gestanden haben", sagt Raik Adam und deutet auf einen kleinen Baum, der auf einer Baustelle direkt hinter der Harzer Straße wächst. Die Stadt hat eine Infotafel aufgestellt, der damalige Grenzverlauf ist markiert - doch kaum jemand weiß, dass der berühmte Wachturm im Herzen Berlins Ziel eines Anschlags war.

Als damals der Warnruf durch die Nacht schallte, verstanden die beiden Grenzer sofort. "Die sind einfach getürmt!", erzählt Raik Adam, es klingt ein wenig stolz und verwundert. Damals bestärkte es ihn in seiner Hoffnung, mit solchen Aktionen unter den Grenzsoldaten langfristig ein Klima der Unsicherheit und Angst zu schüren. Ein Klima, das vielleicht sogar Veränderungen bewirken würde, in einer Zeit, in der die DDR-Bürger massiv gegen ihren verkrusteten Staat aufbegehrten.

Wie eine Fackel

Und wenn die Wachleute nicht weggelaufen wären? "Dann hätten wir die Brandsätze woanders hingeworfen", sagt Adam.

Doch so schlug die erste Flasche im Turm ein, der Wachposten brennt wie eine Fackel, "ein schönes Bild", sagt Dirk Mecklenbeck, damals der dritte Angreifer. Zwei weitere Cocktails flogen, ein paar Fotos noch, dann nichts wie weg, nur ein paar Meter bis in Raiks Wohnung.

"Ich habe mir damals gar nicht überlegt, wie naiv das war", sagt Adam. Die Stasi rekonstruierte den Fall minutiös. Um sich zu rächen, hätte sie leicht herausfinden können, wer alles in der Nähe des Tatorts lebte: Raik Adam? Ah, der ist doch schon früher wegen seiner "verfestigten feindlich-negativen Einstellung" zur DDR aufgefallen.

"Parasit im Fleisch des Sozialismus"

Die Geschichte seiner Radikalisierung ist ein Paradebeispiel dafür, wie der SED-Staat die Jugend erst mit seiner Kontrollwut erstickte, isolierte und dann verlor.

Aufgewachsen in Halle an der Saale geriet Raik Adam früh mit der Staatsmacht in Konflikt. Als Jugendlicher trug er schulterlange Haare, Jimi-Hendrix-T-Shirts und Jeans mit aufgenähten US-Fahnen. Er machte aus seiner Anti-DDR-Haltung keinen Hehl und nahm sich einmal mit Freunden auf der Schultoilette einen linientreuen Schüler zur Brust, der sich für die Gründung einer Staatsbürgerkunde-AG einsetzte. Nur: Der Streber war Sohn eines Volkspolizisten. Adam und seine Freunde wurden zur Schulleitung zitiert, von der FDJ-Aufnahme ausgeschlossen und als "Parasit im Fleisch des Sozialismus" beschimpft. Der Direktor reichte ihm eine Schere, mit der er sich die aufgenähten US-Symbole von der Hose abtrennen musste.

Das harte Vorgehen bewirkte das Gegenteil. Der junge Mann flüchtete sich in eine Anfang der Achtzigerjahre noch junge Subkultur: Heavy Metal. "Diese Musik war pure Energie", schwärmt er noch heute, "und ein herrlicher Weg, die kleinbürgerliche Welt zu provozieren". Adam, der damals eine Ausbildung als Sattler gemacht hatte und sich somit gut mit Leder auskannte, bastelte sich seine Nietengürtel selbst. Zusammen mit seinen Freunden zog er in enger Lederkluft durch die Stadt: Exoten im tristen Alltag, beschimpft von Mitbürgern, und regelmäßig von der Transportpolizei aus den Zügen geworfen.

Konzerte im Chemiedreck

Die Partys fanden meist in der Provinz statt, in ehemaligen Betriebskantinen oder entlegenen Landgasthöfen. Manchmal kamen zwanzig Metal-Fans, dann wieder an die tausend aus der ganzen DDR. "Es war so heiß, der Schweiß tropfte von der Decke", erinnert sich Dirk Mecklenbeck an ein Konzert in Bitterfeld. Als der Wirt den Durchlüfter einschaltete, regnete es dicke, schwarze Flocken. Chemiedreck. Den Gästen war es egal. Sie feierten und fühlten sich ein wenig frei.

Ein Trugschluss. Obwohl die meisten Songtexte völlig unpolitisch waren, überwachte der Staat argwöhnisch die wachsende Metal-Szene. Gerüchte wurden gestreut, Konzerträume geschlossen. "21 jugendliche Heavy-Metal-Fans operativ bearbeitet", notierte die Stasi 1986 für Halle. Drei Jahr später listete sie landesweit 1151 Anhänger der Szene auf.

Bald traute Raik Adam kaum jemandem mehr. Auch sein Freundeskreis wurde durch einen IM jahrelang unterwandert, wie er nach der Wende erfuhr. Gerade volljährig, stellte er 1984 einen Ausreiseantrag. Drohungen und zermürbende Verhöre folgten - und sein bizarrstes DDR-Erlebnis: Ausgerechnet er, ein vermeintlicher Verräter, musste in seinem Sattlereibetrieb für die Limousinen der Stasi spezielle Vorhänge mit Schlitzen einbauen, damit die Staatsspitzel unauffälliger fotografieren konnten.

Tod und Freiheit

Zwei Jahre später war es geschafft: Adam durfte ausreisen. Es fiel ihm schwer, weil an diesem Tag sein Vater beerdigt wurde, aber die Angst war zu groß, die Chance seines Lebens zu verpassen. Er zog nach West-Berlin, fand einen Job, holte sein Abi nach, fuhr zu Rockkonzerten, reiste durch Europa. Die Mauer aber konnte er nicht vergessen.

Manchmal warf er nachts Bierflaschen und Steine auf die Grenze oder müllte den Todesstreifen mit ausrangierten Möbeln zu. Er beteiligte sich an einigen Aktionen der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) und half etwa, dass Flugblätter mit heliumgefüllten Ballons in die DDR trieben. Doch eigentlich war ihm die IGFM viel zu konservativ. "Mein Ding waren eher anarchische, halb legale Aktionen, um dem Regime zu zeigen: Es geht auch anders, wir lassen euch bei eurem verbrecherischen Handeln nicht in Ruhe!"

Als 1989 sein Bruder Andreas und Dirk Mecklenbeck ausreisen durften, hatte er endlich die verlässlichen Partner, mit denen er solch radikale Protestaktionen umsetzen konnte. "Die DDR definierte sich über die Mauer - also mussten wir sie genau dort treffen", sagt Adam. Ein brennendes Mauerstück, so das Kalkül, würde sich unter den Grenzern herumsprechen.

PB Raik Adam
Die erste Attacke fand in der Nacht auf den 17. Juni 1989 statt, den 36. Jahrestages des Volksaufstandes in der DDR. Von einem Verschiebebahnhof in Neukölln flogen zehn Brandsätze über den Todesstreifen. "Brandfläche 35 mal 5 m" hieß es dazu später in einem Stasi-Bericht. Zwei Grenzsoldaten inspizierten das Feuer. "Einer entsicherte sein Gewehr und lud durch, wurde aber von seinem Kollegen zurückgehalten", berichtet Adam. "Da hatte ich Puls, wir sind sofort in Deckung und dann weg."

Auch die nächste Aktion war riskant. Mit Bolzenschneidern schnitten die Männer in Berlin-Marienfelde Löcher in den Grenzzaun. Laut knackte das Metall in der Nacht. Die Männer hatten zwar ausgekundschaftet, wann der Abschnitt patrouilliert wurde. Doch als plötzlich Scheinwerfer die Dunkelheit durchschnitten, brach Panik aus und sie warfen sich in den Dreck. Dann die Entwarnung: Es war nur die Westpolizei.

Persönlicher Sieg über das System

Im "Sperrelement 1/83", vermerkt ein Bericht der Grenztruppen später, wurden durch unbekannte Täter "13 Dreiecke und ein Rechteck" herausgetrennt. "Die mussten ganz schön was reparieren", sagt Andreas Adam 25 Jahr später bei Kaffee und Tee in der orientalisch eingerichteten Wohnung seines Bruders. Er hat eines der Metalldreiecke mitgebracht. Es hing lange in seinem Zimmer, ein kleiner, persönlicher Sieg über das System.

Dass die Mauer kurz nach ihren Attentaten fiel, damit hatten die drei nicht gerechnet. Anders als viele DDR-Nostalgiker sind sie noch heute zufrieden mit der Einheit. Seine Erwartungen seien "übererfüllt" worden, sagt Andreas, "die Aufbauleistung war nahezu perfekt", alle damaligen Ideen einer reformierten DDR seien "völliger Quatsch" gewesen. "Das Land war kaputt, die Strukturen viel zu verknöchert", pflichtet ihm Dirk bei. "Halle war ruiniert, und heute? Absolut lebenswert!"

Und so sitzen drei langhaarige einstige Provokateure auf bunten Sitzkissen, von der Decke baumeln marokkanische Lampen, und übertrumpfen sich in ihrem Lob auf die Wende. Man könnte leicht schreiben: Die bösen Jungs von damals sind bürgerlich geworden. Viel wahrer ist: Sie haben im vereinten Deutschland jene Freiheit und Heimat gefunden, die ihnen die DDR stets verwehrt hatte.

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TV-Tipp: Sondersendung zum Mauerfall am Sonntag,
9. November, 22.45 Uhr, RTL



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insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
Anica Schmid, 05.11.2014
1.
Habe das Buch "Mauerkrieger" vor kurzem gelesen und es war für mich hoch interessant und beeindruckend, als nach der Wende geborene, eine solch spannende und mir unbekannte Geschichte zu lesen. Wenn ich mir überlege, dass diese jungen Männer in meinem Alter sich derart politisch positioniert haben, bin ich bis heute stark beeindruckt. Die Beschreibung der Heavy Metal Szene in der DDR und welche Folgen das für das eigene Leben und für Angehörige dieser Subkultur haben konnte ist beeindruckend geschildert. Man kann nur froh sein das die Mauer heute nicht mehr existiert! Eine sehr spannende und authentische Geschichte!
Thorsten Latz, 05.11.2014
2. Brennende Wachposten finde ich aber unschön...
Klugscheißmodus an Ein Wachposten ist ein Mensch, der an einer Wachstation, z.B. auf einem Wachturm, Wache schiebt. Die Wachstation, hier der Turm, sind keine Wachposten. "Doch so schlug die erste Flasche im Turm ein, der Wachposten brennt wie eine Fackel" ... wenn nicht vorher gestanden hätte, dass die Wachposten vorher weggerannt waren, fände ich den Satz nun eher unschön. Klugscheißmodus aus.
Simone Stolp, 05.11.2014
3. Mauerkrieger
Man kann wirklich nur staunen, welche Geschichten und Lebensläufe noch 25 Jahre nach dem Fall der Mauer entdeckt werden. Wirklich bemerkenswert, was diese Hallenser geleistet haben. Mir waren derartige Aktionen bisher noch nicht bekannt. Eine in der DDR geborene Generation, die diesem zementierten Wahnsinn mit viel Mut etwas entgegen setzen wollten! Es gibt ja diesen schönen Spruch: Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht! Sich derart selbstlos in Gefahr gebracht, aus Solidarität zu den mutigen Menschen im Osten, die sich im Frühjahr 89 der DDR entgegenstellten...Chapeau!!! Für mich stehen die "Mauerkrieger" in Tradition eines Widerstandes, der losgelöst von der kirchlichen DDR-Opposition zuvor so nur in totalitären Diktaturen zu finden war.
Roland Kurz, 05.11.2014
4. Provokateuere?
Brandstiftung, versuchter Mord als Heldentat? Geht`s noch?
Sascha Lueders, 05.11.2014
5. Super
Finde ich gut. Leute, die etwas unternommen haben gegen diesen Verbrecher-Staat. Auch das Statement am Schluss ist sehr gut und vor allem wahr.
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