Mauerfall Die wahren Revoluzzer

Ein Multimediaspezial von und

2. Teil: Mut: Gesine Oltmanns über die Stasi-Gewalt



"Vor uns positionieren sich durchtrainierte junge Kerle in Zivil, solche 1,90-Leute, die rannten auf uns zu und rissen uns mit einer unheimlichen Aggressivität die Plakate runter."

Es war der 4. September 1989. Das Friedensgebet in der Nikolaikirche in Leipzig war gerade beendet, die Menschen strömten aus dem Gotteshaus. Gesine Oltmanns entrollte gemeinsam mit Katrin Hattenhauer ein Bettlaken. Darauf stand: "Für ein offenes Land mit freien Menschen".

Wenige Sekunden später stürzten sich Stasi-Spitzel auf die jungen Frauen, rissen das Banner herunter. Die beiden Frauen hielten sich an dem Laken fest, Hattenhauer fiel zu Boden und wurde ein paar Meter mitgeschleift.

Die westdeutschen Kamerateams, die an jenem Montag auch wegen der Leipziger Messe in der Stadt waren, nahmen die Szene auf. Die Bilder wurden zu einem historischen Dokument. Sie wurden am Abend in der "Tagesschau" gezeigt.

Katrin Hattenhauer wurde verhaftet. Gesine Oltmanns hatte Glück, sie kam dieses Mal davon.

Das brutale Vorgehen der Staatsgewalt schreckte Oltmanns nicht, längst war sie eine Vordenkerin der Oppositionsgruppen, organisierte Demos und Protestaktionen, ließ Luftballons fliegen, auf denen Filmtitel prangten, die die Stasi verboten hatte.

"Das war denen wirklich ernst. Das kam bei denen aus dem Innersten heraus, dass wir die Staatsfeinde sind und dass das beseitigt werden muss."
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1983 war Oltmanns nach Leipzig gekommen, das erhoffte Biologiestudium wurde ihr trotz mehrfacher Bewerbung nicht genehmigt. In der Folge schlug sie sich mit Gelegenheitsjobs durch, arbeitete etwa bei der Volkssolidarität und beim Deutschen Verlag für Musik.

Spätestens 1987, als die Stasi die Umwelt-Bibliothek - gegründet und betrieben durch Oppositionsgruppen - durchsuchte, entschied sich Oltmanns, aktiv zu werden. Sie war fortan nicht nur Mitläuferin, sondern eine wichtige Organisatorin des Protests. "Eine Frontfrau", nannte sie später der Journalist Thomas Mayer.

Nach der Wende zog sich Oltmanns aus der politischen Arbeit zurück. Ihre Stasi-Akte - verzeichnet wurde sie als "Madonna" - hat sie bis heute nicht gelesen. Zu mühselig.

Mit ihrem Mann, den sie in Revolutionszeiten kennenlernte, hat sie acht Kinder.



insgesamt 15 Beiträge
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Frank Adler, 08.11.2014
1. Es geht...ohne Technik...nur der Wille ist nötig!
Zitat:"Wie gelingt eine konzertierte Aktion - ohne Handy, Computer und SMS?...". Doch das geht - wenn sich eine Entwicklung lange vorher aufbaut, viele Menschen den Kanal voll haben, sich einig sind und wenige "Organisatoren des Widerstands" sich finden und über die Stadt hinaus persönlich Kontakte mit anderen Gruppen aufnehmen um die Ziele zu bündeln und den öffentlichen Widerstand vernünftig(!!) organisieren. Das wird aber wieder kommen, denn Internet, SMS und soziale Netzwerke sind jetzt angreifbar, manipulierbar oder abschaltbar. (Der Schwarze Block/die bestellten Kaoten im Netz sind bei jeder Demo dabei) Ich habe damals die Ereignisse als Ostdeutscher selbst miterlebt - hatte am 9.11.89 gerade Spätschicht - keiner bekam etwas mit. Erst im Autoradio auf dem Heimweg musste ich anhalten, weil ich nicht begriff was los war....und am 11.11.89 bin ich zu "Besuch" mit langen Staus auf der A2 in Braunschweig gewesen - noch nie war ich vorher im Westen - die Nacht war kalt, man hatte nichts zu Trinken mitgenommen - aber wir wurden herzlich empfangen und versorgt.
Kevin Prollmann, 09.11.2014
2. Damals und heute
Damals gab es zwar kein Internet oder Handy - aber es gab die Westmedien, die über die Proteste berichtet haben. Ein sehr großer Teil der DDR-Bürger haben sich regelmäßig über Tagesschau & Co. informiert. Die Medien hatten aber noch einen anderen Wert: Sie haben den DDR-Bürgern eine alternative Lebensweise aufgezeigt. Es gab Waren im Überfluss, irgendwelchen Luxus, es gab Reisefreiheit ... und viele Dinge, die in DDR keine Selbstverständlichkeit waren. Die Westmedien haben in der Wendezeit eine wichtige Rolle gespielt. Heute haben wir zwar Internet usw., Vernetzungen sind sehr einfach. Es gibt aber (im Gegensatz zur Wendezeit) keine Beispiele oder Visionen, wie unsere heutige Gesellschaft positiv verändert werden könnte. Niemand lebt uns eine bessere Gesellschaft beispielhaft vor. Viele Mißstände werden kritisiert, Totalüberwachnung gegen unsere eigenen Gesetzte durch BND/NSA, Vermögensumverteilung von unten nach oben, ein marodes Finanzsystem, ... Viele Medien haben die kritische Distanz zur Politik verloren. Dazu kommt eine allgemeine Reizüberflutung aller Bürger. Stündlich werden wir mit Horrormeldungen berieselt, nach einer momentanen Betroffenheit ist kurze Zeit später das Thema durch. Kaum jemand läßt sich auf ein Thema vertiefend ein. Es gibt viele Gründe, warum heute gesellschaftliche Veränderungen mindestens genau so schwer sind, als zur Wendezeit.
david nuglisch, 09.11.2014
3. Müde
Ich war 1989 23 Jahre alt, Student, und vom ersten Tag an dabei am Dresdner Hauptnahnhof. Ich fühle mich nicht als Held, wenn die Polizei geschossen hätte, hätten es viele von uns nicht überlebt. Wie auch immer - diese mediale Ausschlachtung nervt nur noch und wird zunehmend unerträglich.
Werner Sobek, 09.11.2014
4. frau merkel war nicht dabei
und auch heute zeugt die tatsache, dass sie nichts gegen den milionenfachen verstoss der NSA gegen unssere grundrechte unternimmt, dass sie offensichtlich keinen bezug zu inhalten wie freiheit und gerechtigkeit hat.
Adam Ende, 09.11.2014
5. Die Revolution...
...fraß ihre Kinder. Die wirklich beste Zeit war Ende 89 bis zur Wi(e)dervereinigung. Eigentlich nur bis zur Währungsunion. Das war dann der Verkauf der Revolution. Verkauft mit Bananen und leeren Versprechungen. Über gewisse profilierungssüchtige Politiker aus dem Westen wurden die Ideale der Veränderung im Osten verscherbelt. Der Verdurstende in der Wüste gab alles für etwas Wasser. Schade, die DDR war nicht Polen oder Tschechien. Keine Chance auf ein besseres Land mit eigenen Gesetzen, ohne übergestülpte Rechtsformen mittels Paragraph 23. Wenigstens hatte auch die Bonner Repuplik keinen Bestand mehr und die Ex DDR lag schwer im Magen. Die blühenden Landschaften gründeten sich durch Abriß und Schrumpfung. Noch heute sind die Folgen zu sehen.
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