Mauerfall Die wahren Revoluzzer

Ein Multimediaspezial von und

3. Teil: Demos: Katrin Hattenhauer über Theater und Musik bei den Protesten



" Wir haben oft darüber gesprochen, dass wichtiger als Flugblätter noch Aktionen sind, die man fühlen und sehen kann. Die sich in Bilder verwandeln, die jeder sofort versteht."

Katrin Hattenhauer wollte eigentlich Pfarrerin werden. Doch mit 20 brach sie, gezwungen vom Staat, ihr Studium ab und widmete sich der oppositionellen Arbeit. Sie wollte, dass sich etwas verändert in ihrem erstarrten Land.

Ab und zu verdiente sie sich Geld mit Straßenmusik. Dabei wurde sie immer wieder erwischt, es hagelte Geldstrafen. So viele, dass sie fürchtete, sie müsse die Strafe im Gefängnis absitzen. Schließlich kam sie mit ihrem Mitstreiter Jochen Läßig auf die Idee, etwas zu kombinieren: die Möglichkeit, im größeren Stil Geld einzusammeln, um die Strafen bezahlen zu können, mit einer politischen Aktion. Ein Straßenmusikfestival mit Musikern aus der ganzen Republik!

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Ein unabhängiges Musikfestival auf die Beine zu stellen war nicht so einfach, in einer Zeit ohne Telefonanschluss, ohne E-Mail oder Facebook. Sie besorgten sich Namen und Adressen von Musikern. Doch angesichts der geheimdienstlichen Postkontrolle konnten sie die Künstlern nicht einmal per Brief einladen. So besuchten sie die Gruppen in den verschiedensten Städten persönlich. Die Vorbereitung dauerte etwa ein dreiviertel Jahr.

Von kaum einem der Angesprochenen bekamen sie eine klare Zusage. Hattenhauer musste sich auf die Musiker verlassen, auf ihr Wort, dass sie vielleicht in einem halben Jahr, am 10. Juni um 10 Uhr, mit dabei sein würden in der Leipziger Innenstadt.

Tatsächlich: Das Wunder geschah. Sie kamen mit Kerzen und Gitarren. Die beiden Initiatoren spielten als Erste. Läßig mit Gitarre und Bongobegleitung, Hattenhauer im Duett mit einer Freundin auf der Flöte. Es war das Startsignal für alle anderen, die trotz eines ausgesprochenen Verbots angereist waren. Sie musizierten, sangen, führten kleine Theaterstücke auf.

Doch was friedlich begann, endete mit Gewalt. Die Musiker wurden auseinander getrieben, 84 Menschen wurden festgenommen.

" Jeder, der dabei war, hat es verstanden und hat gesagt: 'Ja, dann ist unser Land wirklich nicht in Ordnung. Wenn die nicht einfach hier nur stehen können und Musik machen können - dann ist was nicht in Ordnung!' Und ich hab mich so darüber gefreut.

Natürlich, sagt Hattenhauer, hatte sie damals Angst. Die politischen Untergrundgruppen in Leipzig hatten organisiert, dass die Räumung fotografiert und dokumentiert wurde. Etwa vom Turm der Thomaskirche aus.

Hattenhauer wurde eine Woche nach einer Protestaktion in der Leipziger Nikolaikirche am 4. September 1989 verhaftet. Sie kam erst nach der Massendemonstration vom 9. Oktober wieder frei.

Heute malt die Künstlerin farbenfreudige Bilder, politisch ambitioniert. Sie sagt: "Wir haben tatsächlich geschafft, etwas zu erkämpfen, und wir haben gedacht: Wir werden dieses Land erobern und es wird deins sein. Übernommen hat es dann ein System, das da war. Eine Demokratie, die existierte, sagte: Danke für deine Arbeit. Alles Weitere machen wir jetzt."

Derzeit lebt und arbeitet Katrin Hattenhauer als Künstlerin auf einem Hausboot in London.



insgesamt 15 Beiträge
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Frank Adler, 08.11.2014
1. Es geht...ohne Technik...nur der Wille ist nötig!
Zitat:"Wie gelingt eine konzertierte Aktion - ohne Handy, Computer und SMS?...". Doch das geht - wenn sich eine Entwicklung lange vorher aufbaut, viele Menschen den Kanal voll haben, sich einig sind und wenige "Organisatoren des Widerstands" sich finden und über die Stadt hinaus persönlich Kontakte mit anderen Gruppen aufnehmen um die Ziele zu bündeln und den öffentlichen Widerstand vernünftig(!!) organisieren. Das wird aber wieder kommen, denn Internet, SMS und soziale Netzwerke sind jetzt angreifbar, manipulierbar oder abschaltbar. (Der Schwarze Block/die bestellten Kaoten im Netz sind bei jeder Demo dabei) Ich habe damals die Ereignisse als Ostdeutscher selbst miterlebt - hatte am 9.11.89 gerade Spätschicht - keiner bekam etwas mit. Erst im Autoradio auf dem Heimweg musste ich anhalten, weil ich nicht begriff was los war....und am 11.11.89 bin ich zu "Besuch" mit langen Staus auf der A2 in Braunschweig gewesen - noch nie war ich vorher im Westen - die Nacht war kalt, man hatte nichts zu Trinken mitgenommen - aber wir wurden herzlich empfangen und versorgt.
Kevin Prollmann, 09.11.2014
2. Damals und heute
Damals gab es zwar kein Internet oder Handy - aber es gab die Westmedien, die über die Proteste berichtet haben. Ein sehr großer Teil der DDR-Bürger haben sich regelmäßig über Tagesschau & Co. informiert. Die Medien hatten aber noch einen anderen Wert: Sie haben den DDR-Bürgern eine alternative Lebensweise aufgezeigt. Es gab Waren im Überfluss, irgendwelchen Luxus, es gab Reisefreiheit ... und viele Dinge, die in DDR keine Selbstverständlichkeit waren. Die Westmedien haben in der Wendezeit eine wichtige Rolle gespielt. Heute haben wir zwar Internet usw., Vernetzungen sind sehr einfach. Es gibt aber (im Gegensatz zur Wendezeit) keine Beispiele oder Visionen, wie unsere heutige Gesellschaft positiv verändert werden könnte. Niemand lebt uns eine bessere Gesellschaft beispielhaft vor. Viele Mißstände werden kritisiert, Totalüberwachnung gegen unsere eigenen Gesetzte durch BND/NSA, Vermögensumverteilung von unten nach oben, ein marodes Finanzsystem, ... Viele Medien haben die kritische Distanz zur Politik verloren. Dazu kommt eine allgemeine Reizüberflutung aller Bürger. Stündlich werden wir mit Horrormeldungen berieselt, nach einer momentanen Betroffenheit ist kurze Zeit später das Thema durch. Kaum jemand läßt sich auf ein Thema vertiefend ein. Es gibt viele Gründe, warum heute gesellschaftliche Veränderungen mindestens genau so schwer sind, als zur Wendezeit.
david nuglisch, 09.11.2014
3. Müde
Ich war 1989 23 Jahre alt, Student, und vom ersten Tag an dabei am Dresdner Hauptnahnhof. Ich fühle mich nicht als Held, wenn die Polizei geschossen hätte, hätten es viele von uns nicht überlebt. Wie auch immer - diese mediale Ausschlachtung nervt nur noch und wird zunehmend unerträglich.
Werner Sobek, 09.11.2014
4. frau merkel war nicht dabei
und auch heute zeugt die tatsache, dass sie nichts gegen den milionenfachen verstoss der NSA gegen unssere grundrechte unternimmt, dass sie offensichtlich keinen bezug zu inhalten wie freiheit und gerechtigkeit hat.
Adam Ende, 09.11.2014
5. Die Revolution...
...fraß ihre Kinder. Die wirklich beste Zeit war Ende 89 bis zur Wi(e)dervereinigung. Eigentlich nur bis zur Währungsunion. Das war dann der Verkauf der Revolution. Verkauft mit Bananen und leeren Versprechungen. Über gewisse profilierungssüchtige Politiker aus dem Westen wurden die Ideale der Veränderung im Osten verscherbelt. Der Verdurstende in der Wüste gab alles für etwas Wasser. Schade, die DDR war nicht Polen oder Tschechien. Keine Chance auf ein besseres Land mit eigenen Gesetzen, ohne übergestülpte Rechtsformen mittels Paragraph 23. Wenigstens hatte auch die Bonner Repuplik keinen Bestand mehr und die Ex DDR lag schwer im Magen. Die blühenden Landschaften gründeten sich durch Abriß und Schrumpfung. Noch heute sind die Folgen zu sehen.
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