Mauerfall Die wahren Revoluzzer

Ein Multimediaspezial von und

4. Teil: Musik: Jochen Läßig über die entscheidende Demonstration



"Die eigentliche Ursache der Revolution war die Müdigkeit des Systems. Wie ein Kartenhaus stand es noch da, gegen das einer stoßen musste. Und das waren wir, die Bürgerrechtler."

Jochen Läßig war Mitte Zwanzig, als er es wagte, offen gegen das DDR-System zu demonstrieren. Er trug einen üppigen Bart, langes Haar, sein Geld verdiente er mit Straßenmusik. Er wollte den Umbruch, unbedingt.

Eigentlich studierte Läßig Theologie, doch der Revoluzzer, geboren 1961 im Erzgebirge, hatte nie ernsthaft in Erwägung gezogen, als Pfarrer zu arbeiten. Aus der Nische des Theologischen Seminars in Leipzig startete er mit Gleichgesinnten seine Aktionen.

Im Sommer 1989 organisierte er ein großes Fest in der Stadt - ohne staatliche Genehmigung. 20 Bands spielten, tausend Polizisten und noch einmal so viele Zivilbeamte gingen gegen die Musiker vor, die Party wurde barsch beendet. Läßig erhielt einen Strafbefehl über 1000 Mark. Längst war er einer der entscheidenden Protagonisten der stillen Revolution, bei der Stasi unter dem Namen "Trompete" verzeichnet. Dass er exmatrikuliert wurde, störte ihn nicht.

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Was Läßig, heute Jurist mit eigener Kanzlei, immer noch begeistert, ist die Stimmung unter den Demonstranten in jener Zeit, etwa am 15. Januar 1989 in Leipzig. Es war vielleicht die größte Protestaktion vor dem Mauerfall. Die Angst war weg.

"Das war ein erhebendes Gefühl, in so einer Masse zu marschieren, einfach fantastisch, weil das so einen Schutz bewirkte."

Am Ende, sagt Läßig, war es ein Siegeszug. Gemeinsam mit Freunden hatte er zu der Demo aufgerufen, 10.000 Flugblätter gedruckt und verteilt. "Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden." Rund 800 Menschen nahmen an dem Protestzug teil, die Polizei löste die "illegale Versammlung" auf, 53 Demonstranten wurden verhaftet, auch Läßig.

"Man wusste: Da schießt keiner rein. Oder man hat es gefühlt. Man hat es für möglich gehalten, aber man dachte einfach, so wie man den Staat kannte: Er war nicht so brutal wie der chinesische Staat."

Nach der Wende blieb Läßig politisch aktiv, arbeitete als Stadtrat. Besondere Aufmerksamkeit wurde ihm 1990 zuteil: In der Nikolaikirche griff er Bundespräsident Richard von Weizsäcker wegen dessen angeblicher Verstrickung in Rüstungsgeschäfte öffentlich an. Es war die Zeit, als der Revolutionär spürte, geistig enteignet zu werden, schrieb später der Journalist Thomas Mayer. Einige Jahre später wurde Läßig dennoch für seine Verdienste geehrt.



insgesamt 15 Beiträge
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Frank Adler, 08.11.2014
1. Es geht...ohne Technik...nur der Wille ist nötig!
Zitat:"Wie gelingt eine konzertierte Aktion - ohne Handy, Computer und SMS?...". Doch das geht - wenn sich eine Entwicklung lange vorher aufbaut, viele Menschen den Kanal voll haben, sich einig sind und wenige "Organisatoren des Widerstands" sich finden und über die Stadt hinaus persönlich Kontakte mit anderen Gruppen aufnehmen um die Ziele zu bündeln und den öffentlichen Widerstand vernünftig(!!) organisieren. Das wird aber wieder kommen, denn Internet, SMS und soziale Netzwerke sind jetzt angreifbar, manipulierbar oder abschaltbar. (Der Schwarze Block/die bestellten Kaoten im Netz sind bei jeder Demo dabei) Ich habe damals die Ereignisse als Ostdeutscher selbst miterlebt - hatte am 9.11.89 gerade Spätschicht - keiner bekam etwas mit. Erst im Autoradio auf dem Heimweg musste ich anhalten, weil ich nicht begriff was los war....und am 11.11.89 bin ich zu "Besuch" mit langen Staus auf der A2 in Braunschweig gewesen - noch nie war ich vorher im Westen - die Nacht war kalt, man hatte nichts zu Trinken mitgenommen - aber wir wurden herzlich empfangen und versorgt.
Kevin Prollmann, 09.11.2014
2. Damals und heute
Damals gab es zwar kein Internet oder Handy - aber es gab die Westmedien, die über die Proteste berichtet haben. Ein sehr großer Teil der DDR-Bürger haben sich regelmäßig über Tagesschau & Co. informiert. Die Medien hatten aber noch einen anderen Wert: Sie haben den DDR-Bürgern eine alternative Lebensweise aufgezeigt. Es gab Waren im Überfluss, irgendwelchen Luxus, es gab Reisefreiheit ... und viele Dinge, die in DDR keine Selbstverständlichkeit waren. Die Westmedien haben in der Wendezeit eine wichtige Rolle gespielt. Heute haben wir zwar Internet usw., Vernetzungen sind sehr einfach. Es gibt aber (im Gegensatz zur Wendezeit) keine Beispiele oder Visionen, wie unsere heutige Gesellschaft positiv verändert werden könnte. Niemand lebt uns eine bessere Gesellschaft beispielhaft vor. Viele Mißstände werden kritisiert, Totalüberwachnung gegen unsere eigenen Gesetzte durch BND/NSA, Vermögensumverteilung von unten nach oben, ein marodes Finanzsystem, ... Viele Medien haben die kritische Distanz zur Politik verloren. Dazu kommt eine allgemeine Reizüberflutung aller Bürger. Stündlich werden wir mit Horrormeldungen berieselt, nach einer momentanen Betroffenheit ist kurze Zeit später das Thema durch. Kaum jemand läßt sich auf ein Thema vertiefend ein. Es gibt viele Gründe, warum heute gesellschaftliche Veränderungen mindestens genau so schwer sind, als zur Wendezeit.
david nuglisch, 09.11.2014
3. Müde
Ich war 1989 23 Jahre alt, Student, und vom ersten Tag an dabei am Dresdner Hauptnahnhof. Ich fühle mich nicht als Held, wenn die Polizei geschossen hätte, hätten es viele von uns nicht überlebt. Wie auch immer - diese mediale Ausschlachtung nervt nur noch und wird zunehmend unerträglich.
Werner Sobek, 09.11.2014
4. frau merkel war nicht dabei
und auch heute zeugt die tatsache, dass sie nichts gegen den milionenfachen verstoss der NSA gegen unssere grundrechte unternimmt, dass sie offensichtlich keinen bezug zu inhalten wie freiheit und gerechtigkeit hat.
Adam Ende, 09.11.2014
5. Die Revolution...
...fraß ihre Kinder. Die wirklich beste Zeit war Ende 89 bis zur Wi(e)dervereinigung. Eigentlich nur bis zur Währungsunion. Das war dann der Verkauf der Revolution. Verkauft mit Bananen und leeren Versprechungen. Über gewisse profilierungssüchtige Politiker aus dem Westen wurden die Ideale der Veränderung im Osten verscherbelt. Der Verdurstende in der Wüste gab alles für etwas Wasser. Schade, die DDR war nicht Polen oder Tschechien. Keine Chance auf ein besseres Land mit eigenen Gesetzen, ohne übergestülpte Rechtsformen mittels Paragraph 23. Wenigstens hatte auch die Bonner Repuplik keinen Bestand mehr und die Ex DDR lag schwer im Magen. Die blühenden Landschaften gründeten sich durch Abriß und Schrumpfung. Noch heute sind die Folgen zu sehen.
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