Mauerfall Die wahren Revoluzzer

Ein Multimediaspezial von und

7. Teil: Klugheit: Wissenschaftler Jens Reich über die Stimmung, die alles ändern sollte



"Ein gut motivierter Boxkämpfer kann auch nicht in den Ring steigen und Angst haben. Der muss so motiviert sein, dass ihm die Gefahr, in der er jetzt ist, egal ist und er handeln will. So ähnlich fühlten wir uns."

Jens Reich war nicht der typische Revolutionär mit langem Bart und Gitarre, keiner, der heimlich Plakate schmuggelte oder Fahrraddemos organisierte. Der Molekularbiologe, geboren 1939 in Göttingen, arbeitete lange Jahre an der Akademie der Wissenschaften in Berlin. Für das System ging er einige Zeit in die Sowjetunion, traf in Polen auf kritische Kollegen. Der Käfigeffekt, den Ostforscher alle kannten - abgeschlossen zu sein vom Fortschritt der Welt, ohne Aussicht auf Teilhabe an wesentlichen Entwicklungen - war ihm irgendwann unerträglich.

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Schon immer hatte er sich in einem Freitagskreis mit Freunden ausgetauscht, junge Menschen mit akademischer Ausbildung kamen regelmäßig zusammen, um unbeaufsichtigt kulturelle, philosophische und literarische Themen zu besprechen. Diese Treffen fanden immer im Privaten statt. Doch Mitte der Achtzigerjahre begann Reich, auch auf oppositionellen Veranstaltungen zu sprechen.

Er trat bei Protestversammlungen auf, übersetzte Enthüllungen und Analysen aus sowjetischen und polnischen Zeitungen und bot sie den Zeitschriften der Oppositionsszene an. Das blieb nicht ungestraft. Beruflich wurde er herabgesetzt. Der Direktor der Akademie ließ über seinen Adjutanten ausrichten, dass Reich nicht länger Leiter seiner Arbeitsgruppe sei.

Da hatte Reich sich längst entschieden, für die Freiheit einzutreten, auch für die Zukunft seiner Kinder.

Unter einem Pseudonym publizierte er im Westen Artikel, auch zum Gründungstreffen des Neuen Forums kam er. Die erste Versammlung dieser wichtigen Vereinigung der Wendezeit fand am 9. und 10. September in Grünheide bei Berlin statt. Reich brachte einen Textentwurf mit. Nach zahlreichen Debatten entstand daraus der berühmte Aufruf des Neuen Forums - Reich wurde zu einem der bekanntesten Vertreter des Aufbruchs.

Der Aufruf des Neuen Forums richtete sich an Männer und Frauen aller sozialen Gruppen und jeden Alters. Das Neue Forum verband, in dem Wunsch, dass sich etwas ändern muss:

"Das Neue Forum hatte kein politisches Programm, aber natürlich hatte es doch eins: Freizügigkeit, Freiheit, freie Meinungsäußerung, dass die DDR ihre eigene Verfassung erhält, dass man auswandern darf. Dass die Zensur aufhört, dass in der Schule der Druck aufhört, die Militarisierung der Kinder in der Schule, das waren alles Forderungen. Da war das politische Sofortprogramm, was ungeheuer populär war."

Am 4. November 1989 sprach Jens Reich auf der großen Kundgebung am Berliner Alexanderplatz. Es wurde die größte staatlich nicht gelenkte Demo, Hunderttausende Menschen kamen. Mit seiner besonnenen Art verlieh der Wissenschaftler der Opposition jenes Ansehen, das viele Menschen einer Bürgerbewegung nicht zugetraut hatten.

"Und wir waren auf einmal nicht mehr so verdrossen, wie in den Momenten, als alle über Ungarn weggelaufen sind. Jetzt geht was los, das ist die Stimmung und die ist toll und ohne Angst, ohne irgendwelche Sorgen. Wir waren 20 Jahre jünger, als wir eigentlich waren."
1994 kandidierte Reich als Parteiloser für die Grünen für das Amt des Bundespräsidenten, was ihm viele Symphatien einbrachte. Dass er nicht gewinnen würde, war allen klar - es ging mehr um das Symbol: ein Kandidat aus dem Osten für das höchste politische Amt im vereinten Deutschland.

Der Forschung blieb Reich treu. Für einige Zeit arbeitete er in den USA, später als Gastprofessor am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, war Forschungsgruppenleiter am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin, wo er sich bis zu seiner Emeritierung 2004 mit der Genom-Forschung beschäftigte.

Reich war Mitglied des Deutschen Ethikrats, seit 1990 ist er Mitherausgeber der politisch-wissenschaftlichen Monatszeitschrift "Blätter für deutsche und internationale Politik".



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Frank Adler, 08.11.2014
1. Es geht...ohne Technik...nur der Wille ist nötig!
Zitat:"Wie gelingt eine konzertierte Aktion - ohne Handy, Computer und SMS?...". Doch das geht - wenn sich eine Entwicklung lange vorher aufbaut, viele Menschen den Kanal voll haben, sich einig sind und wenige "Organisatoren des Widerstands" sich finden und über die Stadt hinaus persönlich Kontakte mit anderen Gruppen aufnehmen um die Ziele zu bündeln und den öffentlichen Widerstand vernünftig(!!) organisieren. Das wird aber wieder kommen, denn Internet, SMS und soziale Netzwerke sind jetzt angreifbar, manipulierbar oder abschaltbar. (Der Schwarze Block/die bestellten Kaoten im Netz sind bei jeder Demo dabei) Ich habe damals die Ereignisse als Ostdeutscher selbst miterlebt - hatte am 9.11.89 gerade Spätschicht - keiner bekam etwas mit. Erst im Autoradio auf dem Heimweg musste ich anhalten, weil ich nicht begriff was los war....und am 11.11.89 bin ich zu "Besuch" mit langen Staus auf der A2 in Braunschweig gewesen - noch nie war ich vorher im Westen - die Nacht war kalt, man hatte nichts zu Trinken mitgenommen - aber wir wurden herzlich empfangen und versorgt.
Kevin Prollmann, 09.11.2014
2. Damals und heute
Damals gab es zwar kein Internet oder Handy - aber es gab die Westmedien, die über die Proteste berichtet haben. Ein sehr großer Teil der DDR-Bürger haben sich regelmäßig über Tagesschau & Co. informiert. Die Medien hatten aber noch einen anderen Wert: Sie haben den DDR-Bürgern eine alternative Lebensweise aufgezeigt. Es gab Waren im Überfluss, irgendwelchen Luxus, es gab Reisefreiheit ... und viele Dinge, die in DDR keine Selbstverständlichkeit waren. Die Westmedien haben in der Wendezeit eine wichtige Rolle gespielt. Heute haben wir zwar Internet usw., Vernetzungen sind sehr einfach. Es gibt aber (im Gegensatz zur Wendezeit) keine Beispiele oder Visionen, wie unsere heutige Gesellschaft positiv verändert werden könnte. Niemand lebt uns eine bessere Gesellschaft beispielhaft vor. Viele Mißstände werden kritisiert, Totalüberwachnung gegen unsere eigenen Gesetzte durch BND/NSA, Vermögensumverteilung von unten nach oben, ein marodes Finanzsystem, ... Viele Medien haben die kritische Distanz zur Politik verloren. Dazu kommt eine allgemeine Reizüberflutung aller Bürger. Stündlich werden wir mit Horrormeldungen berieselt, nach einer momentanen Betroffenheit ist kurze Zeit später das Thema durch. Kaum jemand läßt sich auf ein Thema vertiefend ein. Es gibt viele Gründe, warum heute gesellschaftliche Veränderungen mindestens genau so schwer sind, als zur Wendezeit.
david nuglisch, 09.11.2014
3. Müde
Ich war 1989 23 Jahre alt, Student, und vom ersten Tag an dabei am Dresdner Hauptnahnhof. Ich fühle mich nicht als Held, wenn die Polizei geschossen hätte, hätten es viele von uns nicht überlebt. Wie auch immer - diese mediale Ausschlachtung nervt nur noch und wird zunehmend unerträglich.
Werner Sobek, 09.11.2014
4. frau merkel war nicht dabei
und auch heute zeugt die tatsache, dass sie nichts gegen den milionenfachen verstoss der NSA gegen unssere grundrechte unternimmt, dass sie offensichtlich keinen bezug zu inhalten wie freiheit und gerechtigkeit hat.
Adam Ende, 09.11.2014
5. Die Revolution...
...fraß ihre Kinder. Die wirklich beste Zeit war Ende 89 bis zur Wi(e)dervereinigung. Eigentlich nur bis zur Währungsunion. Das war dann der Verkauf der Revolution. Verkauft mit Bananen und leeren Versprechungen. Über gewisse profilierungssüchtige Politiker aus dem Westen wurden die Ideale der Veränderung im Osten verscherbelt. Der Verdurstende in der Wüste gab alles für etwas Wasser. Schade, die DDR war nicht Polen oder Tschechien. Keine Chance auf ein besseres Land mit eigenen Gesetzen, ohne übergestülpte Rechtsformen mittels Paragraph 23. Wenigstens hatte auch die Bonner Repuplik keinen Bestand mehr und die Ex DDR lag schwer im Magen. Die blühenden Landschaften gründeten sich durch Abriß und Schrumpfung. Noch heute sind die Folgen zu sehen.
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