25 Jahre Mauerfall Die wahren Revoluzzer

Ein Multimediaspezial von und

9. Teil: Liebe und Zorn: Uwe Kulisch über verbotene Bücher



"Ich wollte nicht ins Gefängnis, und ich wollte auch nicht nach dem Westen. Es hat mir Spaß gemacht, ein bisschen rumzutricksen gegen DIE. Die Stasi hat mich ja auch observiert - ich habe sie dann gern abgehängt. Das hat mir Spaß gemacht."
Verbotene Dinge ausprobieren, das hat ihn immer gereizt. Wie damals, in der zehnten Klasse. Bei einer Solidaritätsveranstaltung der FDJ hängte der Schüler Uwe Kulisch ohne Genehmigung ein Portrait von Che Guevara in der Polytechnischen Oberschule im Stadtteil Trotha von Halle auf. Dies war den Realsozialisten zu revolutionär. Kulisch wurde aus der FDJ ausgeschlossen. Abitur war nicht mehr möglich. Den Wehrdienst verweigerte er und hielt sich lieber in Untergrundzirkeln auf oder gründete selbst welche.

Privat

"Es war eine bewusste Handlung von mir, zu sagen, ich finde mich mit diesem System, so wie es ist nicht ab. Ich will, dass es sich verändert. Es war nicht nur Abenteuerlust, ich war schon erwachsen zu der Zeit. Ich wusste schon, mit wem ich's zu tun hatte!"

Weil der Staat ihn nicht wollte, ging er nach Ost-Berlin und studierte bei der Kirche Jugendsozialarbeit. In Berlin-Friedrichshain war er bei der offenen Jugendarbeit mittendrin bei den Ost-Punks, den Langhaarigen und den Kurzgeschorenen, den Bluesmessen und den Werkstätten.

Er betreute Haftentlassene, besetzte Wohnungen, gründete eine Kommune und entwickelte Gegenkonzepte zu den staatlichen Krippen und Kindergärten. Bei staatlichen Übergriffen organisierte er die Aufklärungsarbeit und die Solidarität.

Bei einem Job im VEB Küchengerätewerk versuchte Kulisch, eine unabhängige Gewerkschaft nach polnischem Vorbild zu gründen. Legal, illegal - es war ihm egal. Kulisch ließ nicht locker und wurde zum Initiator und Organisator des Kirchentages von Unten und Autor der Untergrundzeitung "Kopfsprung". Leute wie er gehörten zu den umtriebigen Motoren der landesweiten Oppositionsbewegung.

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Pfingsten 1987: Als die Ost-Berliner ungehorsam wurden
Nach dem Fall der Mauer ging Kulisch nach Jena, dann nach Erfurt, wo er noch heute in der Offenen Arbeit und im Thüringer Archiv für Zeitgeschichte aktiv ist.

"Von Liebe und Zorn. Jung Sein in der Diktatur" nennt er eine Wanderausstellung, die er auf die Reise durchs Land schickt. Es geht um DDR-Jugendliche Anfang der Achtzigerjahre, die Jeans und lange Haare tragen, in die Ferne trampen, Westmusik hören und unliebsame Fragen stellen. Seine Augen blitzen noch immer, wenn Kulisch davon erzählt, wie es damals war, als er Che in seiner Schule brachte und wusste, dass es verboten war.

TV-Tipp: Sondersendung zum Mauerfall am Sonntag,
9. November, 22.45 Uhr, RTL



insgesamt 15 Beiträge
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Frank Adler, 08.11.2014
1. Es geht...ohne Technik...nur der Wille ist nötig!
Zitat:"Wie gelingt eine konzertierte Aktion - ohne Handy, Computer und SMS?...". Doch das geht - wenn sich eine Entwicklung lange vorher aufbaut, viele Menschen den Kanal voll haben, sich einig sind und wenige "Organisatoren des Widerstands" sich finden und über die Stadt hinaus persönlich Kontakte mit anderen Gruppen aufnehmen um die Ziele zu bündeln und den öffentlichen Widerstand vernünftig(!!) organisieren. Das wird aber wieder kommen, denn Internet, SMS und soziale Netzwerke sind jetzt angreifbar, manipulierbar oder abschaltbar. (Der Schwarze Block/die bestellten Kaoten im Netz sind bei jeder Demo dabei) Ich habe damals die Ereignisse als Ostdeutscher selbst miterlebt - hatte am 9.11.89 gerade Spätschicht - keiner bekam etwas mit. Erst im Autoradio auf dem Heimweg musste ich anhalten, weil ich nicht begriff was los war....und am 11.11.89 bin ich zu "Besuch" mit langen Staus auf der A2 in Braunschweig gewesen - noch nie war ich vorher im Westen - die Nacht war kalt, man hatte nichts zu Trinken mitgenommen - aber wir wurden herzlich empfangen und versorgt.
Kevin Prollmann, 09.11.2014
2. Damals und heute
Damals gab es zwar kein Internet oder Handy - aber es gab die Westmedien, die über die Proteste berichtet haben. Ein sehr großer Teil der DDR-Bürger haben sich regelmäßig über Tagesschau & Co. informiert. Die Medien hatten aber noch einen anderen Wert: Sie haben den DDR-Bürgern eine alternative Lebensweise aufgezeigt. Es gab Waren im Überfluss, irgendwelchen Luxus, es gab Reisefreiheit ... und viele Dinge, die in DDR keine Selbstverständlichkeit waren. Die Westmedien haben in der Wendezeit eine wichtige Rolle gespielt. Heute haben wir zwar Internet usw., Vernetzungen sind sehr einfach. Es gibt aber (im Gegensatz zur Wendezeit) keine Beispiele oder Visionen, wie unsere heutige Gesellschaft positiv verändert werden könnte. Niemand lebt uns eine bessere Gesellschaft beispielhaft vor. Viele Mißstände werden kritisiert, Totalüberwachnung gegen unsere eigenen Gesetzte durch BND/NSA, Vermögensumverteilung von unten nach oben, ein marodes Finanzsystem, ... Viele Medien haben die kritische Distanz zur Politik verloren. Dazu kommt eine allgemeine Reizüberflutung aller Bürger. Stündlich werden wir mit Horrormeldungen berieselt, nach einer momentanen Betroffenheit ist kurze Zeit später das Thema durch. Kaum jemand läßt sich auf ein Thema vertiefend ein. Es gibt viele Gründe, warum heute gesellschaftliche Veränderungen mindestens genau so schwer sind, als zur Wendezeit.
david nuglisch, 09.11.2014
3. Müde
Ich war 1989 23 Jahre alt, Student, und vom ersten Tag an dabei am Dresdner Hauptnahnhof. Ich fühle mich nicht als Held, wenn die Polizei geschossen hätte, hätten es viele von uns nicht überlebt. Wie auch immer - diese mediale Ausschlachtung nervt nur noch und wird zunehmend unerträglich.
Werner Sobek, 09.11.2014
4. frau merkel war nicht dabei
und auch heute zeugt die tatsache, dass sie nichts gegen den milionenfachen verstoss der NSA gegen unssere grundrechte unternimmt, dass sie offensichtlich keinen bezug zu inhalten wie freiheit und gerechtigkeit hat.
Adam Ende, 09.11.2014
5. Die Revolution...
...fraß ihre Kinder. Die wirklich beste Zeit war Ende 89 bis zur Wi(e)dervereinigung. Eigentlich nur bis zur Währungsunion. Das war dann der Verkauf der Revolution. Verkauft mit Bananen und leeren Versprechungen. Über gewisse profilierungssüchtige Politiker aus dem Westen wurden die Ideale der Veränderung im Osten verscherbelt. Der Verdurstende in der Wüste gab alles für etwas Wasser. Schade, die DDR war nicht Polen oder Tschechien. Keine Chance auf ein besseres Land mit eigenen Gesetzen, ohne übergestülpte Rechtsformen mittels Paragraph 23. Wenigstens hatte auch die Bonner Repuplik keinen Bestand mehr und die Ex DDR lag schwer im Magen. Die blühenden Landschaften gründeten sich durch Abriß und Schrumpfung. Noch heute sind die Folgen zu sehen.
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