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09. November 2014, 09:18 Uhr

Mauerfall

Die wahren Revoluzzer

Ein Multimediaspezial von und

Wer brachte Deutschland den Mauerfall? Viele Helden waren damals gerade mal Anfang 20, SPIEGEL ONLINE hat sie getroffen.

Am Abend des 9. November 1989 verkündet Günter Schabowski als Vertreter der DDR-Führung auf einer internationalen Pressekonferenz die liberalste Reiseregelung der DDR seit dem Mauerbau. Eigentlich soll die Reiseerlaubnis mit Pass und Visum erst vom nächsten Tag an gelten. Doch das Westfernsehen meldet schon am Abend: "DDR öffnet Grenze". Danach gibt es kein Halten mehr.

Immer mehr Ost-Berliner drängen zu den Übergangsstellen der Berliner Mauer und verlangen von den überraschten Grenzposten, die neue Reiseregelung sofort umzusetzen. Kurz nach Mitternacht sind alle Grenzübergänge offen. Der Kalte Krieg und die Teilung der Welt in zwei feindliche Blöcke sind beendet.

Es waren nicht Politiker oder Diplomaten, die dies geschafft haben. Kein Helmut Kohl, kein Michail Gorbatschow, kein Machthaber hat am 9. November einen Schalter umgelegt. Es waren viele Menschen, vor allem junge Ostbürger, die Tage und Wochen auf diesen Moment hingearbeitet haben. Sie wollten das Ende des Altherren-Regimes, sie wollten, dass sich die Dinge in ihrem Land ändern.

Sie demonstrierten überall im Land, trotz Angst vor Gewalt, persönlichen Nachteilen oder drohender Inhaftierung. Sie sagten offen ihre Meinung, schrieben sie auf Plakate oder sangen - obwohl Stasispitzel jedes angebliche Vergehen notierten und Einzelne verhaftet wurden. Die Menschen wurden immer lauter und forderten Dinge, die ihnen ein Leben lang verwehrt worden waren - und gemeinsam schafften sie das Wunder.

25 Jahre nach dem Mauerfall hat SPIEGEL ONLINE einige der wichtigsten Revoluzzer getroffen. Wir wollten wissen: Wie schafft man eine friedliche Revolution? Wie gelingt eine konzertierte Aktion - ohne Handy, Computer und SMS? Was gehörte zu den Zutaten?

Es gab mehr Demonstrationen in der DDR als gemeinhin bekannt. In den neun Monaten zwischen August 1989 und April 1990 gab es mehr als 3500 Protestaktionen im SED-Staat. Die Menschen gingen in kleinen und kleinsten Städten genauso auf die Straße wie in Ost-Berlin, Dresden oder Leipzig.

Mut: Gesine Oltmanns über die Stasi-Gewalt

"Vor uns positionieren sich durchtrainierte junge Kerle in Zivil, solche 1,90-Leute, die rannten auf uns zu und rissen uns mit einer unheimlichen Aggressivität die Plakate runter."

Es war der 4. September 1989. Das Friedensgebet in der Nikolaikirche in Leipzig war gerade beendet, die Menschen strömten aus dem Gotteshaus. Gesine Oltmanns entrollte gemeinsam mit Katrin Hattenhauer ein Bettlaken. Darauf stand: "Für ein offenes Land mit freien Menschen".

Wenige Sekunden später stürzten sich Stasi-Spitzel auf die jungen Frauen, rissen das Banner herunter. Die beiden Frauen hielten sich an dem Laken fest, Hattenhauer fiel zu Boden und wurde ein paar Meter mitgeschleift.

Die westdeutschen Kamerateams, die an jenem Montag auch wegen der Leipziger Messe in der Stadt waren, nahmen die Szene auf. Die Bilder wurden zu einem historischen Dokument. Sie wurden am Abend in der "Tagesschau" gezeigt.

Katrin Hattenhauer wurde verhaftet. Gesine Oltmanns hatte Glück, sie kam dieses Mal davon.

Das brutale Vorgehen der Staatsgewalt schreckte Oltmanns nicht, längst war sie eine Vordenkerin der Oppositionsgruppen, organisierte Demos und Protestaktionen, ließ Luftballons fliegen, auf denen Filmtitel prangten, die die Stasi verboten hatte.

"Das war denen wirklich ernst. Das kam bei denen aus dem Innersten heraus, dass wir die Staatsfeinde sind und dass das beseitigt werden muss."

1983 war Oltmanns nach Leipzig gekommen, das erhoffte Biologiestudium wurde ihr trotz mehrfacher Bewerbung nicht genehmigt. In der Folge schlug sie sich mit Gelegenheitsjobs durch, arbeitete etwa bei der Volkssolidarität und beim Deutschen Verlag für Musik.

Spätestens 1987, als die Stasi die Umwelt-Bibliothek - gegründet und betrieben durch Oppositionsgruppen - durchsuchte, entschied sich Oltmanns, aktiv zu werden. Sie war fortan nicht nur Mitläuferin, sondern eine wichtige Organisatorin des Protests. "Eine Frontfrau", nannte sie später der Journalist Thomas Mayer.

Nach der Wende zog sich Oltmanns aus der politischen Arbeit zurück. Ihre Stasi-Akte - verzeichnet wurde sie als "Madonna" - hat sie bis heute nicht gelesen. Zu mühselig.

Mit ihrem Mann, den sie in Revolutionszeiten kennenlernte, hat sie acht Kinder.

Demos: Katrin Hattenhauer über Theater und Musik bei den Protesten

" Wir haben oft darüber gesprochen, dass wichtiger als Flugblätter noch Aktionen sind, die man fühlen und sehen kann. Die sich in Bilder verwandeln, die jeder sofort versteht."

Katrin Hattenhauer wollte eigentlich Pfarrerin werden. Doch mit 20 brach sie, gezwungen vom Staat, ihr Studium ab und widmete sich der oppositionellen Arbeit. Sie wollte, dass sich etwas verändert in ihrem erstarrten Land.

Ab und zu verdiente sie sich Geld mit Straßenmusik. Dabei wurde sie immer wieder erwischt, es hagelte Geldstrafen. So viele, dass sie fürchtete, sie müsse die Strafe im Gefängnis absitzen. Schließlich kam sie mit ihrem Mitstreiter Jochen Läßig auf die Idee, etwas zu kombinieren: die Möglichkeit, im größeren Stil Geld einzusammeln, um die Strafen bezahlen zu können, mit einer politischen Aktion. Ein Straßenmusikfestival mit Musikern aus der ganzen Republik!

Ein unabhängiges Musikfestival auf die Beine zu stellen war nicht so einfach, in einer Zeit ohne Telefonanschluss, ohne E-Mail oder Facebook. Sie besorgten sich Namen und Adressen von Musikern. Doch angesichts der geheimdienstlichen Postkontrolle konnten sie die Künstlern nicht einmal per Brief einladen. So besuchten sie die Gruppen in den verschiedensten Städten persönlich. Die Vorbereitung dauerte etwa ein dreiviertel Jahr.

Von kaum einem der Angesprochenen bekamen sie eine klare Zusage. Hattenhauer musste sich auf die Musiker verlassen, auf ihr Wort, dass sie vielleicht in einem halben Jahr, am 10. Juni um 10 Uhr, mit dabei sein würden in der Leipziger Innenstadt.

Tatsächlich: Das Wunder geschah. Sie kamen mit Kerzen und Gitarren. Die beiden Initiatoren spielten als Erste. Läßig mit Gitarre und Bongobegleitung, Hattenhauer im Duett mit einer Freundin auf der Flöte. Es war das Startsignal für alle anderen, die trotz eines ausgesprochenen Verbots angereist waren. Sie musizierten, sangen, führten kleine Theaterstücke auf.

Doch was friedlich begann, endete mit Gewalt. Die Musiker wurden auseinander getrieben, 84 Menschen wurden festgenommen.

" Jeder, der dabei war, hat es verstanden und hat gesagt: 'Ja, dann ist unser Land wirklich nicht in Ordnung. Wenn die nicht einfach hier nur stehen können und Musik machen können - dann ist was nicht in Ordnung!' Und ich hab mich so darüber gefreut.

Natürlich, sagt Hattenhauer, hatte sie damals Angst. Die politischen Untergrundgruppen in Leipzig hatten organisiert, dass die Räumung fotografiert und dokumentiert wurde. Etwa vom Turm der Thomaskirche aus.

Hattenhauer wurde eine Woche nach einer Protestaktion in der Leipziger Nikolaikirche am 4. September 1989 verhaftet. Sie kam erst nach der Massendemonstration vom 9. Oktober wieder frei.

Heute malt die Künstlerin farbenfreudige Bilder, politisch ambitioniert. Sie sagt: "Wir haben tatsächlich geschafft, etwas zu erkämpfen, und wir haben gedacht: Wir werden dieses Land erobern und es wird deins sein. Übernommen hat es dann ein System, das da war. Eine Demokratie, die existierte, sagte: Danke für deine Arbeit. Alles Weitere machen wir jetzt."

Derzeit lebt und arbeitet Katrin Hattenhauer als Künstlerin auf einem Hausboot in London.

Musik: Jochen Läßig über die entscheidende Demonstration

"Die eigentliche Ursache der Revolution war die Müdigkeit des Systems. Wie ein Kartenhaus stand es noch da, gegen das einer stoßen musste. Und das waren wir, die Bürgerrechtler."

Jochen Läßig war Mitte Zwanzig, als er es wagte, offen gegen das DDR-System zu demonstrieren. Er trug einen üppigen Bart, langes Haar, sein Geld verdiente er mit Straßenmusik. Er wollte den Umbruch, unbedingt.

Eigentlich studierte Läßig Theologie, doch der Revoluzzer, geboren 1961 im Erzgebirge, hatte nie ernsthaft in Erwägung gezogen, als Pfarrer zu arbeiten. Aus der Nische des Theologischen Seminars in Leipzig startete er mit Gleichgesinnten seine Aktionen.

Im Sommer 1989 organisierte er ein großes Fest in der Stadt - ohne staatliche Genehmigung. 20 Bands spielten, tausend Polizisten und noch einmal so viele Zivilbeamte gingen gegen die Musiker vor, die Party wurde barsch beendet. Läßig erhielt einen Strafbefehl über 1000 Mark. Längst war er einer der entscheidenden Protagonisten der stillen Revolution, bei der Stasi unter dem Namen "Trompete" verzeichnet. Dass er exmatrikuliert wurde, störte ihn nicht.

Was Läßig, heute Jurist mit eigener Kanzlei, immer noch begeistert, ist die Stimmung unter den Demonstranten in jener Zeit, etwa am 15. Januar 1989 in Leipzig. Es war vielleicht die größte Protestaktion vor dem Mauerfall. Die Angst war weg.

"Das war ein erhebendes Gefühl, in so einer Masse zu marschieren, einfach fantastisch, weil das so einen Schutz bewirkte."

Am Ende, sagt Läßig, war es ein Siegeszug. Gemeinsam mit Freunden hatte er zu der Demo aufgerufen, 10.000 Flugblätter gedruckt und verteilt. "Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden." Rund 800 Menschen nahmen an dem Protestzug teil, die Polizei löste die "illegale Versammlung" auf, 53 Demonstranten wurden verhaftet, auch Läßig.

"Man wusste: Da schießt keiner rein. Oder man hat es gefühlt. Man hat es für möglich gehalten, aber man dachte einfach, so wie man den Staat kannte: Er war nicht so brutal wie der chinesische Staat."

Nach der Wende blieb Läßig politisch aktiv, arbeitete als Stadtrat. Besondere Aufmerksamkeit wurde ihm 1990 zuteil: In der Nikolaikirche griff er Bundespräsident Richard von Weizsäcker wegen dessen angeblicher Verstrickung in Rüstungsgeschäfte öffentlich an. Es war die Zeit, als der Revolutionär spürte, geistig enteignet zu werden, schrieb später der Journalist Thomas Mayer. Einige Jahre später wurde Läßig dennoch für seine Verdienste geehrt.

Kontakte: Kathrin Mahler-Walther über die Bedeutung der Telefone

"Niemand von uns hatte privat ein Telefon in seinem Wohnraum, das heißt wir brauchten Orte - auch, um uns zu vernetzen und Informationen zu tauschen, brauchten wir feste Telefone, wo man sich zu bestimmten Zeiten verabreden konnte, um miteinander zu telefonieren ."

Kathrin Mahler-Walther war 17 Jahre alt, als sie in die Mariannenstraße 46 in Leipzig zog. Das besetzte Haus war eine Wiege des Widerstands. Mahler-Walther wollte etwas tun gegen den Stillstand und die Unterdrückung im Land. Gemeinsam mit ihren Mitbewohnern arbeitete sie daran, dass der Protest gegen den SED-Staat immer lauter und frecher wurde. Die Bewohner der Mariannenstraße 46 und ihre Freunde waren immer in den ersten Reihen der Demonstrationen zu finden, die sie schon seit dem Sommer 1988 organisierten.

Im Gemeindezentrum von Christoph Wonneberger war im Herbst 1989 ein Kontakttelefon installiert. Alle Westjournalisten hatten die Nummer, genauso Freunde anderer Oppositionsgruppen. Es gab regelmäßige Telefondienste, um sich auszutauschen, um neue Aktionen zu planen - zu tun gab es genug.

Kathrin Mahler-Walther arbeitete an den Untergrundschriften und Flugblättern. Oft tippte sie denselben Text immer wieder auf neue Matrizen, da jede einzelne nur ein paar Hundert Abzüge erlaubte. Ihre Mitstreiter verbreiteten die Aufrufe nachts in der Stadt. Die Leipziger fanden sie dann in ihren Briefkästen, in Telefonzellen oder auf den Sitzen der Straßenbahnen.

Heute ist Mahler-Walther geschäftsführendes Vorstandsmitglied der EAF Berlin und berät Politik und Wirtschaft zur Förderung von Vielfalt und Chancengleichheit. Nach dem Mauerfall hat sie ihr Abi gemacht, Sozialwissenschaften in Jena, Berlin und New York studiert.

Was die Bewohner der Marianne 46 damals antrieb, beschreibt Mahler-Walther so:

"Die Frage, wie man Demokratie erlangen könnte und warum, das spielte eine Rolle für uns. Unsere Aktivitäten in den Kirchen, auf der Straße, in unseren Veröffentlichungen - das gab uns die Möglichkeit der Erfahrung von Selbstwirksamkeit, der Übung in öffentlicher Sprache und Auftreten, wie das selten möglich war in der DDR."

Wut: Uwe Schwabe über die Wut, die ihn auf die Straße brachte

"Der Großteil der Leute, die im Herbst 1989 zu den ersten Demonstrationen gekommen sind, waren nicht die Intellektuellen, nicht die Studenten. Es waren zum größten Teil normale Arbeiter, die hautnah jeden Tag den Untergang dieses Landes erlebt haben. Das waren Leute, die haben so die Nase voll gehabt, die wollten das nicht mehr."

Eigentlich war Uwe Schwabe, geboren 1962 in Leipzig, ein ganz normaler DDR-Bürger: Jungpionier, trug rote Halstücher, fuhr ins Ferienlager und ertrug die dortigen Pionierappelle. Es kam die Jugendweihe, das obligatorisch gesprochene Gelöbnis von der Liebe zur DDR war selbstverständlich.

Doch seine Mutter hatte ihn und seine drei Geschwister zur Selbstständigkeit erzogen. Selbst wenn sie ihn zu einer sozialistischen Person hätte machen wollen, sagt Schwabe, "sie hätte keine Zeit dazu gehabt".

Die Mutter war alleinerziehend und arbeitete im Dreischichtsystem in einem Großbetrieb. Nach Feierabend machte sie ihren Facharbeiterbrief in der Abendschule.

Anfang der Achtzigerjahre kam Schwabe immer wieder in Konflikt mit dem Staat. Als Lehrling hatte er sich geweigert, Mitglied der Gesellschaft für Sport und Technik zu werden, diese war für ihn nicht mehr als eine "paramilitärische Organisation", die Jugendliche auf den Militärdienst vorbereiten sollte. Erst nach heftigem Mobbing durch seine Lehrer trat er der Gesellschaft bei.

Ärger gab es auch, weil Schwabe nicht Mitglied der "Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische-Freundschaft" werden wollte, wie es bei seiner ersten Arbeitsstelle verlangt wurde, um die Prämie als "Kollektiv der Sozialistischen Arbeit" zu sichern. Schwabe wollte sich seine Freunde lieber selbst aussuchen - und wurde gänzlich ausgeschlossen.

Alles dies habe seinen Widerspruchsgeist geweckt, sagt Schwabe. Er wollte der gleichgeschalteten Uniformität etwas entgegensetzen. Er kündigte 1987, war arbeitslos, auf dem Weihnachtsmarkt verkaufte er Imbisse und Glühwein.

"Und es waren die Eltern der Kinder, die ausgereist sind, die den Mut hatten, diesen Weg zu gehen und gesagt haben: Ich mache hier nicht mehr mit."

Obwohl kein Christ, hatte er schon länger Kontakt zur Jungen Gemeinde der Nikolaikirche und beteiligte sich an deren Aktionen. Die Möglichkeiten der geistigen Freiheit, die die Kirche ihm bot, nahm er an. Er engagierte sich in der AG Umweltschutz und gründete 1987, weil ihm die Umweltproblematik allein nicht genug war, die Initiativgruppe Leben.

Ob Pleiße-Gedenkumzug (1988) oder Gegenprotest anlässlich der staatlichen Liebknecht-Luxemburg-Demonstration (1989), Uwe Schwabe war dabei.

Wegen des Verteilens von Flugblättern wurde er im Januar 1989 für zehn Tage inhaftiert. Im Herbst 1989 engagierte er sich fürs Neue Forum und gründete das Archiv Bürgerbewegung, das wichtige Erinnerungsarbeit leistet. Heute ist er dessen Vorsitzender.

Klugheit: Wissenschaftler Jens Reich über die Stimmung, die alles ändern sollte

"Ein gut motivierter Boxkämpfer kann auch nicht in den Ring steigen und Angst haben. Der muss so motiviert sein, dass ihm die Gefahr, in der er jetzt ist, egal ist und er handeln will. So ähnlich fühlten wir uns."

Jens Reich war nicht der typische Revolutionär mit langem Bart und Gitarre, keiner, der heimlich Plakate schmuggelte oder Fahrraddemos organisierte. Der Molekularbiologe, geboren 1939 in Göttingen, arbeitete lange Jahre an der Akademie der Wissenschaften in Berlin. Für das System ging er einige Zeit in die Sowjetunion, traf in Polen auf kritische Kollegen. Der Käfigeffekt, den Ostforscher alle kannten - abgeschlossen zu sein vom Fortschritt der Welt, ohne Aussicht auf Teilhabe an wesentlichen Entwicklungen - war ihm irgendwann unerträglich.

Schon immer hatte er sich in einem Freitagskreis mit Freunden ausgetauscht, junge Menschen mit akademischer Ausbildung kamen regelmäßig zusammen, um unbeaufsichtigt kulturelle, philosophische und literarische Themen zu besprechen. Diese Treffen fanden immer im Privaten statt. Doch Mitte der Achtzigerjahre begann Reich, auch auf oppositionellen Veranstaltungen zu sprechen.

Er trat bei Protestversammlungen auf, übersetzte Enthüllungen und Analysen aus sowjetischen und polnischen Zeitungen und bot sie den Zeitschriften der Oppositionsszene an. Das blieb nicht ungestraft. Beruflich wurde er herabgesetzt. Der Direktor der Akademie ließ über seinen Adjutanten ausrichten, dass Reich nicht länger Leiter seiner Arbeitsgruppe sei.

Da hatte Reich sich längst entschieden, für die Freiheit einzutreten, auch für die Zukunft seiner Kinder.

Unter einem Pseudonym publizierte er im Westen Artikel, auch zum Gründungstreffen des Neuen Forums kam er. Die erste Versammlung dieser wichtigen Vereinigung der Wendezeit fand am 9. und 10. September in Grünheide bei Berlin statt. Reich brachte einen Textentwurf mit. Nach zahlreichen Debatten entstand daraus der berühmte Aufruf des Neuen Forums - Reich wurde zu einem der bekanntesten Vertreter des Aufbruchs.

Der Aufruf des Neuen Forums richtete sich an Männer und Frauen aller sozialen Gruppen und jeden Alters. Das Neue Forum verband, in dem Wunsch, dass sich etwas ändern muss:

"Das Neue Forum hatte kein politisches Programm, aber natürlich hatte es doch eins: Freizügigkeit, Freiheit, freie Meinungsäußerung, dass die DDR ihre eigene Verfassung erhält, dass man auswandern darf. Dass die Zensur aufhört, dass in der Schule der Druck aufhört, die Militarisierung der Kinder in der Schule, das waren alles Forderungen. Da war das politische Sofortprogramm, was ungeheuer populär war."

Am 4. November 1989 sprach Jens Reich auf der großen Kundgebung am Berliner Alexanderplatz. Es wurde die größte staatlich nicht gelenkte Demo, Hunderttausende Menschen kamen. Mit seiner besonnenen Art verlieh der Wissenschaftler der Opposition jenes Ansehen, das viele Menschen einer Bürgerbewegung nicht zugetraut hatten.

"Und wir waren auf einmal nicht mehr so verdrossen, wie in den Momenten, als alle über Ungarn weggelaufen sind. Jetzt geht was los, das ist die Stimmung und die ist toll und ohne Angst, ohne irgendwelche Sorgen. Wir waren 20 Jahre jünger, als wir eigentlich waren."
1994 kandidierte Reich als Parteiloser für die Grünen für das Amt des Bundespräsidenten, was ihm viele Symphatien einbrachte. Dass er nicht gewinnen würde, war allen klar - es ging mehr um das Symbol: ein Kandidat aus dem Osten für das höchste politische Amt im vereinten Deutschland.

Der Forschung blieb Reich treu. Für einige Zeit arbeitete er in den USA, später als Gastprofessor am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, war Forschungsgruppenleiter am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin, wo er sich bis zu seiner Emeritierung 2004 mit der Genom-Forschung beschäftigte.

Reich war Mitglied des Deutschen Ethikrats, seit 1990 ist er Mitherausgeber der politisch-wissenschaftlichen Monatszeitschrift "Blätter für deutsche und internationale Politik".

Keine Gewalt: Christoph Wonneberger über Unfreiheit und Perspektiven

"Unfreiheiten gibt's überall. Und gegen die Unwahrheit muss man immer was tun, egal wo man lebt. Wenn man nicht bloß den Kopf in den Sand stecken will, dann muss man es versuchen. Als aufrechter Mensch muss man was tun."

Am 9. Oktober erschien um 22.30 Uhr ein Foto von ihm in den "Tagesthemen", Christoph Wonneberger berichtet per Telefon in den Westen. Der Moderator, Hanns-Joachim Friedrichs, fragte ihn nach "den Demonstrationen heute Abend in Leipzig", die habe es "in diesem Maß noch nie gegeben". Wonneberger schätzte die Teilnehmer auf bis zu 80.000 Menschen. Friedrichs: "Die waren alle friedlich?" Wonneberger: "Es hat keine Auseinandersetzung gegeben… Wir waren in großer Angst heute und haben in allen Kirchen einen Appell verbreitet, auf Gewalt zu verzichten."

Gewaltlosigkeit hat Wonneberger immer wieder gepredigt, wie viele seiner Kollegen auch.

In der DDR haben viele keine Perspektive mehr gesehen. Es gab einige, die dann plötzlich den Zugang zu unseren Gruppen gefunden haben, die dann gesagt haben: Ach, wenn ich das gewusst hätte, dass es so was gibt! Dass es Gruppen gibt, die daran arbeiten, dass sich was verändert! Das war ja immer an der Grenze dessen, was geduldet wurde, sowohl in der Kirche als auch im Staat."

Wonneberger hat ein Lieblingsbuch: Das Essay "Versuch, in der Wahrheit zu leben". Geschrieben hat es der tschechische Schriftsteller Vaclav Havel, der vom Oppositionellen zum Staatspräsidenten wurde. Es ist eine Anleitung, wie man sich unter den widrigen Bedingungen einer Diktatur anständig verhalten kann. Wonneberger hat sich für das konsequente Einmischen entschieden und wurde zu einer der prägenden Figuren der Revolution. Schon in seiner ersten Pfarrstelle in Dresden kämpfte er gegen die Militarisierung im SED-Staat für einen zivilen Ersatzdienst und begründete die Tradition der Friedensgebete. 1985 wechselte er nach Leipzig und wurde der Koordinator in der Nikolaikirche. Wonneberger war immer streitbar und unbequem, für den Staat ebenso wie für seine eigene Kirche.

"Der größte Freiraum, den ich gesehen habe, war Pfarrer zu sein. So viele Freiheiten hat niemand gehabt wie ein Pfarrer in der DDR. Ich war auch gegenüber der Kirche nicht angepasst, und da gab es natürlich ständig Auseinandersetzungen."

Heute ist Wonneberger nicht mehr politisch aktiv, aber nicht unpolitisch. Er kritisiert die Waffenexporte der Bundesregierung und tritt vehement für eine friedliche Lösung von Konflikten ein. Mit 70 Jahren fuhr er mit seinem Rad recht zügig mal eben von Paris nach Moskau.

Liebe und Zorn: Uwe Kulisch über verbotene Bücher

"Ich wollte nicht ins Gefängnis, und ich wollte auch nicht nach dem Westen. Es hat mir Spaß gemacht, ein bisschen rumzutricksen gegen DIE. Die Stasi hat mich ja auch observiert - ich habe sie dann gern abgehängt. Das hat mir Spaß gemacht."

Verbotene Dinge ausprobieren, das hat ihn immer gereizt. Wie damals, in der zehnten Klasse. Bei einer Solidaritätsveranstaltung der FDJ hängte der Schüler Uwe Kulisch ohne Genehmigung ein Portrait von Che Guevara in der Polytechnischen Oberschule im Stadtteil Trotha von Halle auf. Dies war den Realsozialisten zu revolutionär. Kulisch wurde aus der FDJ ausgeschlossen. Abitur war nicht mehr möglich. Den Wehrdienst verweigerte er und hielt sich lieber in Untergrundzirkeln auf oder gründete selbst welche.

"Es war eine bewusste Handlung von mir, zu sagen, ich finde mich mit diesem System, so wie es ist nicht ab. Ich will, dass es sich verändert. Es war nicht nur Abenteuerlust, ich war schon erwachsen zu der Zeit. Ich wusste schon, mit wem ich's zu tun hatte!"

Weil der Staat ihn nicht wollte, ging er nach Ost-Berlin und studierte bei der Kirche Jugendsozialarbeit. In Berlin-Friedrichshain war er bei der offenen Jugendarbeit mittendrin bei den Ost-Punks, den Langhaarigen und den Kurzgeschorenen, den Bluesmessen und den Werkstätten.

Er betreute Haftentlassene, besetzte Wohnungen, gründete eine Kommune und entwickelte Gegenkonzepte zu den staatlichen Krippen und Kindergärten. Bei staatlichen Übergriffen organisierte er die Aufklärungsarbeit und die Solidarität.

Bei einem Job im VEB Küchengerätewerk versuchte Kulisch, eine unabhängige Gewerkschaft nach polnischem Vorbild zu gründen. Legal, illegal - es war ihm egal. Kulisch ließ nicht locker und wurde zum Initiator und Organisator des Kirchentages von Unten und Autor der Untergrundzeitung "Kopfsprung". Leute wie er gehörten zu den umtriebigen Motoren der landesweiten Oppositionsbewegung.

Nach dem Fall der Mauer ging Kulisch nach Jena, dann nach Erfurt, wo er noch heute in der Offenen Arbeit und im Thüringer Archiv für Zeitgeschichte aktiv ist.

"Von Liebe und Zorn. Jung Sein in der Diktatur" nennt er eine Wanderausstellung, die er auf die Reise durchs Land schickt. Es geht um DDR-Jugendliche Anfang der Achtzigerjahre, die Jeans und lange Haare tragen, in die Ferne trampen, Westmusik hören und unliebsame Fragen stellen. Seine Augen blitzen noch immer, wenn Kulisch davon erzählt, wie es damals war, als er Che in seiner Schule brachte und wusste, dass es verboten war.

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