Mauerfall Nach dem Taumel

Go Ost: SPIEGEL-Reporter Matthias Matussek zog kurz nach dem Mauerfall ins Ost-Berliner Palasthotel und erlebte von dort die Auflösung des ZK, die Einführung der D-Mark, die ersten gesamtdeutschen Wahlen - und er lernte seine Ost-Berliner Frau kennen.

Detlev Konnerth

Als ich im November 1989 im Palasthotel am Alexanderplatz eincheckte, hatte ich ein Mobiltelefon dabei, das die Größe eines Werkzeugkoffers hatte. Das war die Gefechtslage, von heute aus gesehen: Wir waren rückständig, aber die anderen waren es noch viel mehr.

Alle Westjournalisten trugen diese Kästen. Wir sahen aus wie ein Trupp von Monteuren. Wenn Lenins Formel gilt, dass Kommunismus "Sowjetmacht plus Elektrifizierung" bedeute, war klar: Hier war er gescheitert - die Stadt war dunkel, die Fassaden blatternarbig.

Die Party schien gelaufen zu sein, der Mauertanz, der Jubel, die Verbrüderungen, das alles war der Verwirrung darüber gewichen, wie schnell dieser Staat sich auflöste, und der Bangigkeit darüber, wie es weitergehen solle.

Im Selbstbedienungsrestaurant neben dem Hotel hatte sich eine Schlange mürrischer Menschen mit ihren Soljankas vor einer unbesetzten Kasse angestellt. Sie warteten. Lange. Keiner von ihnen wagte zu protestieren. Warten schien ein DDR-Ritual zu sein. Das Land war offenbar wieder in die Verlangsamung zurückgefallen.

Die Empfangsdamen im Hotel nahmen schlechtgelaunt den Pass entgegen. Eins war klar, von Anfang an - da kam jemand aus dem Westen, und er war nicht besonders erwünscht. Das Zimmer war eine dunkle Höhle mit spinatgrün-braunen Blümchentapeten und rundem Bett. In die Lederkonsole am Kopfende war ein Radio eingelassen. Das sollte mein Basislager für das kommende Jahr werden.

Für den typischen Westler war die DDR bis dahin nur die Nation, die im olympischen Medaillenspiegel regelmäßig über uns stand. Ein grimmiger Lacher. Mit anderen Worten: Die DDR starrte auf den Westen, aber wir starrten selten zurück.

In den folgenden Wochen und Monaten lernte ich ein neues Land kennen. Ich fuhr mit Buchhändlerinnen aus Sachsen-Anhalt durch das sagenhafte "Leseland", in dem nur Mangel herrschte. Zog durch die daniederliegenden Defa-Studios und die Provinztheater, durch die Kulissen einer elenden, erledigten Inszenierung.

Ich sprach mit Redakteuren der "Berliner Zeitung" und des "Neuen Deutschland", die sich vorsichtig in die neue Zeit lavierten, hatte mit dem weinenden Theaterfunktionär Hans-Peter Minetti erlebt, wie das ZK aufgelöst wurde, und ließ mich noch einmal durch das Museum für Deutsche Geschichte führen, wo die DDR-Geschichte endgültig versiegelt war.

Wir West-Reporter waren damals Ethnologen, aber wir wurden behandelt wie Besatzungsoffiziere. Wir waren oft ratlos. Wir waren groggy, wenn wir mit Opfern sprachen, und nicht selten wütend über die Verschlagenheiten von Tätern. Es ist in diesen Tagen oft von der Melancholie der Ostdeutschen die Rede, als seien wir Wessis zu dieser Seelenlage nicht fähig.

Wir begegneten Verschämtheiten. Interviews bargen unbeabsichtigte Wahrheitsfallen. Ich fragte eine Schuldirektorin, ob sie in der Partei sei. Sie schüttelte den Kopf. Ob sie es war? Sie nickte. Wann sie ausgetreten sei? "Vor drei Wochen", sagte sie, den Tränen nahe. So was passierte laufend.

Wir begegneten Unverschämtheiten. Für den bulligen Vizechef des Museums für Deutsche Geschichte war die Flucht in den Westen in den Monaten zuvor "Ausdruck einer ganz normalen Völkerwanderung, wie sie in der Geschichte immer wieder vorkommt - schauen Sie sich die Goten an".

Wo sollte man da festen Grund fassen?

Mittlerweile hat sich nicht nur Deutschland verändert, sondern die ganze Welt. West und Ost sind gemeinsam in den rasenden Strudel der Globalisierung gerissen, das gleicht sie einander an. Mentale Überforderungen gibt es auf beiden Seiten, die Angst vor Arbeitslosigkeit ist in Rüsselsheim genauso groß wie in Zwickau.

Tatsächlich hat sich die Geschichte seit dem Mauerfall so sehr beschleunigt, wie es nur noch in der Phase von 1900 bis 1914 der Fall war. Der Historiker Philipp Blom hat jene Jahre, bevor die Menschheit in Blutbädern und im Packeis der Totalitarismen und Blöcke verschwand, in seinem faszinierenden Epochenüberblick "Der taumelnde Kontinent" beschrieben - das Tempo, die neuen Technologien, die Massenmedien, die zerbrechenden Rollenmuster - und einleuchtende Parallelen entdeckt.

"Damals wie heute waren die Menschen überwältigt von dem Gefühl, dass sie in einer sich beschleunigenden Welt lebten, die ins Unbekannte raste." Vor 1914 war es der taumelnde Kontinent, der Besorgnisse auslöste, heute ist es eine taumelnde Welt. Kollabierende Märkte, neue Mächte und Technologien, Fanatismen. Tauwetter, sicher, aber auch neue Dissipation, globaler Zerfall, und alle, Ost wie West, sind gleichermaßen betroffen.

Kopfschüttelnd begibt man sich heute in die Zeit des stabilen Grauens zurück. Und erzählt von Menschen, die aus dieser Stille an einen Scheitelpunkt der Geschichte getragen wurden, um sich kurz darauf wieder den Dingen zuzuwenden, aus denen sie die Politik gerissen hatte. Von Galionsfiguren wie Jens Reich.

Wir sitzen in der Lobby des Radisson-Hotels, das das Palasthotel vor ein paar Jahren verdrängt hat, in einem futuristischen Nirwana mit turmhohem Aquarium, in dem sich 5000 tropische Fische tummeln. Luftfische. Statt klobiger Telefone werden nun iPhones befingert, in die lässiges Lounge-Publikum E-Mails tippt. Postmoderne Fantasy, mehr an neuer Zeit geht gar nicht.

Ich hatte Reich im Dezember 1989 bei einer Diskussionsveranstaltung mit dem ehemaligen Spionagechef Markus Wolf kennengelernt. "Wolf war schon wieder obenauf", sagt Reich. Es begannen die Tage, in denen sich Täter unter Opfer mischten.

Wolf hatte bereits auf der großen Kundgebung am 4. November versucht, die Kurve zu kriegen, wurde aber ebenso ausgebuht wie Gregor Gysi. Reich hingegen war die Redlichkeit in Person. Und er war nervöser als Wolf. Als er die fünf Stufen hinauf zur Ladefläche des Lkw nahm, auf dem die Mikrofone standen, hatte er weiche Knie.

Die Veranstaltung war der Triumph der Bürgerrechtler, ihr Bastille-Moment. Reich war müde. Nun sah er unter sich die größte Menschenmenge, die er je gesehen hatte. 500 000, ein Polit-Woodstock.

"Ich kam mit den Lautsprecherechos nicht klar", erinnert er sich. "Deshalb habe ich zu langsam gesprochen." Er hatte sich einen mitreißenden Danton-Auftritt vorgestellt und diesen gründlich vermasselt.

Reich hatte einen langen Anlauf zu diesem Auftritt genommen. Er begann bereits in den siebziger Jahren, als er sich mit Freunden zu dem geheimen "Freitagskreis" traf. Er hatte Karriere gemacht, war zweimal zu Forschungszwecken in Moskau, war Professor für Biomathematik - doch in diesem Kreis im Spreewald sammelten sie sich, um einander Vorträge zu halten und um ihren Kindern die Möglichkeit zu geben, sich außerhalb der Indoktrinationen in der Schule auszutoben.

Sie diskutierten Chomsky und die Schriften des Club of Rome und Puschkin, und so, wie Reich darüber erzählt, noch immer begeistert und wissenshungrig, möchte man dabei gewesen sein. Erwachsene und Kinder in "einer Art Summerhill". Da war sie, die Nische, da war das richtige Leben in diesem falschen.

Reich funktionierte zunächst weiter. Angst hatte er bei seinen Aufenthalten in Moskau. Dort sah er Drogensüchtige, Afghanistan-Kämpfer, heruntergekommene Wohnungen, auch Kinder, die im Müll mit radioaktiven Abfällen spielten, ein Riesenreich im Zerfall. "Ich hatte Angst, dass Breschnew einen Krieg vom Zaun bricht."

Damals rechnete man mit dem großen Schlag, auf beiden Seiten. "Heute ist die Wahrscheinlichkeit von vielen kleinen Schlägen größer", sagt Reich. Gestohlenes Nuklearmaterial, aufrüstende Gangsterstaaten, Terrorismus - die Vernichtungsszenarien der multipolaren Welt nach dem Mauerfall sind nicht minder schrecklich.

In den achtziger Jahren wurde der Freitagskreis systematisch von der Stasi unterwandert, und Reich brach aus seinem "Schneckenhausleben" aus. Er unterzeichnete den Aufruf "Die Zeit ist reif".

Hätte es für die DDR eine Alternative gegeben zum Beitritt, die Möglichkeit eines dritten Wegs? "Nicht ernsthaft", sagt Reich. Als Gregor Gysi in der Volkskammer erklärte, "das Parlament hat soeben den Untergang der Deutschen Demokratischen Republik beschlossen", brandete Applaus auf.

Es hätte schlechter laufen können, bilanziert Reich, allerdings durchaus auch besser. Er kann sich vorstellen, dass einige der für den Aufbau Ost verwandten Milliarden besser in die Forschung gesteckt worden wären. "Da haben wir in den letzten 20 Jahren viel verschlafen, besonders in der Gentechnik."

Reich ließ sich noch vom Bündnis 90/Grüne zur Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten überreden, dann zog er sich wieder in die Wissenschaft zurück. Heute ist er nichts mehr als das, ein Biomediziner im Trenchcoat und mit abgewetzter brauner Aktentasche, ein stiller Beobachter.

Ein paar hundert Meter weiter ist eine Ausstellung über die friedliche Revolution von 1989 aufgebaut, ein bizarrer Alu-Stangenwald mit den Losungen des November, die lotrecht und rostfrei in die Platten des Alexanderplatzes gesetzt sind.

Das ist vorerst, was geblieben ist vom Aufruhr der 500 000, von Reich und Bohley, die bejubelt, und Markus Wolf und Gregor Gysi, die ausgebuht wurden. "Wir sind das Volk" im Schatten des Kaufhauses Saturn. Eisiger Wind, Imbissbuden und Handy-Shops, die wirken, als wären sie in Müllbeuteln hier abgeschmissen worden. Dazwischen die Gedächtnis-Stellwände mit Monitoren, Demonstrationslärm, hysterischen Schreien. "Meine Tochter hatte einen völlig entrückten Glanz in den Augen", erzählt Reich, "die war wie von Sinnen."

Da wird er angesprochen "Den kenn wa doch", sagt ein älterer Mann in Kunstlederjacke und lacht. "Wat war'n det für Zeiten." Reich lächelt. Mit seiner Aktentasche sieht er aus wie ein flüchtiger Passant. Dann verabschiedet sich die Galionsfigur des Aufstands und schlendert zum Bahnhof, zurück nach Berlin-Buch, in sein Forschungszentrum, wo die Geschichte keine Kapriolen schlägt.

Wer damals aus dem Westen durch den Osten fuhr, lernte eine neue Sprache kennen. Die Werbung zum Beispiel. "Decelith aus Eilenburg" oder "Küken aus Seegrehna - gesund, vital, leistungsstark". Sie richtete sich an niemanden außer ans Politbüro. Es gab die runden Tische der neuen Zeit und die beliebten verklemmten "Dessous-Shows" in den "Kulturzentren", und in einem Außenbezirk lief der Woodstock-Film.

In der Heinrich-Hertz-Oberschule, wo die naturwissenschaftliche Elite ausgebildet wurde, stellte man hastig die Lehrpläne um. Besonders im ideologischen Einpeitscherfach "Staatsbürgerkunde", wo es um die Kernfrage des historischen Materialismus ging: Wer macht Geschichte, das Individuum oder die Gesellschaft? Jetzt einigte man sich auf: beide.

Während der Lehrer seine primitive ideologische Dampfmaschine erklärte, gähnten die Schüler. Einer von ihnen war Jakob Hein, Sohn des Schriftstellers Christoph Hein, der auf dem Alexanderplatz vor allzu großer Euphorie gewarnt hatte.

Jakob Hein, schmal, mit runder Nickelbrille und Palästinensertuch, Typ Prenzlauer Berg, schien eher Mitleid mit dem Staatsbürgerkundelehrer zu haben. "Der ist auch nur ein Opfer", sagte er auf dem Schulhof.

Die Zeit der Parolen war bereits vorbei, es gab noch ein paar Protestdemos, aber diesmal nicht gegen Honecker und Co., sondern bereits gegen den Westen und seine "Kohl-onisierung", und Jakob und seine Spaßguerilla schlossen sich an mit einer Dada-Losung, die quer zu allen Lehrplänen lag: "Osten erglüht, China ist jung / Rote Sonne grüßt Mao Zedong".

20 Jahre später steht er vor dem Kaffee Burger in der Torstraße, wo der Osten noch ein bisschen aussieht wie früher. Die gleiche Nickelbrille. Immer noch schmal. Mittlerweile ist er verheiratet und hat zwei Kinder, aber er lebt nach wie vor am Prenzlauer Berg.

Jakob Hein gehört zu jener Ost-Generation, die sich Honeckers Losung "Überholen, ohne einzuholen" zu Herzen genommen hat. Ein Durchstarter. Bereits 1991 verabschiedete er sich aus Deutschland, lebte in New York und San Francisco, studierte in Boston und Stockholm Medizin, promovierte an der Humboldt-Universität und arbeitet heute als Oberarzt in der Psychiatrie der Charité.

Gleichzeitig begann er zu schreiben und vorzulesen, Romanskizzen, Satiren wie Honeckers "Antrag auf ständige Ausreise". Jetzt steht er jeden Sonntag mit anderen im Kaffee Burger mit den dunkelbraunen Tapeten auf der Bühne. Slam-Poetry, und am Schluss singen sie, immer noch Dada, gemeinsam einen Udo-Jürgens-Song.

Einige kennen sich noch aus Schultagen. "Der Staatsbürgerkundelehrer", erzählt Jakob vor dem Café, "stammte aus der Gruppe, die damals mit Guillaume ausgetauscht wurde." Das ist dann doch eine hübsche Pointe: ein Spion aus dem Westen, der den Jugendlichen aus dem Osten die sozialistischen Segnungen beizubiegen hatte und kurz darauf wieder umlernen musste.

Sie stehen auf dem Trottoir der Torstraße, teilen die Abendeinnahmen, 20 Euro für jeden. Ob sie die Spaltung in Ost und West noch wahrnehmen? Jakob sagt: "Ich möchte ganz sicher nicht als ostdeutscher Schriftsteller in die Urne gehen." Das allerdings ist dann doch wiederum sehr Osten: den Osten als Stigma loswerden zu wollen.

Zu Silvester 1990 gab es noch einmal Jubel und Feuerwerke, Sekt und Gegröle am Brandenburger Tor, aber diesmal lag eine eigenartige Aggressivität in der Luft. Man konnte nicht unterscheiden, ob sich Ost und West nun um den Hals fallen oder an die Gurgel gehen wollten.

Dem Gefühlsausbruch folgte Katzenjammer. Die Wiedervereinigung war überwiegend ein Traum der Kriegsgeneration, die ihn nie aufgegeben hatte, die Jüngeren ließ sie weitgehend kalt. Meine Frau, die ich erst ein paar Monate später kennenlernen sollte, studierte zu jener Zeit an der Moskauer Lomonossow-Universität. Ihre Neugier auf den Westen war begrenzt.

Umgekehrt interessierten sich meine Freunde aus Hamburg oder West-Berlin kaum für den Osten, überraschenderweise, denn hier wurde doch Geschichte gemacht, hier war zu erleben, wie eine Ordnung zerfiel. Die meisten Jüngeren im Osten waren wacher und hatten die weitaus spannenderen Biografien als diejenigen, die in den Kohl-Jahren aufgewachsen waren.

Damals traf ich Thomas Krüger, der aussah wie ein bärtiger Pope aus Sibirien. Alle aus dem kirchlichen Widerstand sahen damals so aus, Figuren wie aus Tarkowski-Filmen. Krüger hatte zudem schmale Mongolen-Augen und trug ein tintenblaues Riffelsakko mit fünf Plastikkugelschreibern in der Brusttasche.

Jetzt ist der Bart ab, der Anzug ist italienisch, die Schuhe "irgendwas Englisches", mit einem Wort: Er sieht aus wie alle anderen, enttäuschend. Mittlerweile ist er von Berlin nach Bonn gezogen. "Das hab ich ihm zu verdanken." Wir sitzen im Café Einstein Unter den Linden. Er nickt in die Richtung, in der Otto Schily seine Suppe löffelt. Der frühere Innenminister hatte entschieden, dass die Bundeszentrale für politische Bildung, der Krüger jetzt vorsteht, in Bonn verbleibt. Krüger liebt Bonn mittlerweile. Joggen im Kottenforst, die guten Weingeschäfte, Frankreich ist nah.

Als Vikar hatte Krüger in Eisenach und Berlin gearbeitet, hatte Künstlergruppen organisiert und sich der "Kirche von Unten" angeschlossen. Kurz vor dem Mauerfall gründete er den SPD-Ableger in der DDR. "Ich wollte gestalten", sagt er. Eine Blitzkarriere: Mit 31 war er letzter Oberbürgermeister Ost-Berlins.

Krüger hatte Ernst gemacht mit der Entstasifizierung im Roten Rathaus. Mit seinem "Beschluss 27/90" wurden Belastete zu Auskünften über ihre früheren Tätigkeiten gebracht und entsprechend degradiert oder relegiert. Draußen brüllten Altkader "Krüger raus!". Seine Mitarbeiter, unter ihnen meine gar nicht melancholische Frau, schenkten ihm zum Geburtstag einen Fallschirm.

Im Wochentakt wurden nun Stasi-Mitarbeiter enttarnt. Gysis PDS hatte Millionenbeträge auf Auslandskonten transferiert. Unübersichtliche Gemengelage.

Immerhin gelang es Krüger in einem Punkt, sich Klarheit zu verschaffen: 1983 hatte ihm der Betriebsschutz im Palast der Republik bei einem Konzert sein Hemd mit dem Sticker "Schwerter zu Pflugscharen" abgenommen. Er nahm Einblick in die Unterlagen. "Das Hemd war nicht mehr da", sagt er, "aber eine ordentliche Vernichtungsbestätigung von 1988."

Seinen Bart hat sich Krüger kurz nach einem Kuba-Besuch 1995 abscheren lassen. Plötzlich hatte er genug von bärtigen Männern. Gerade rechtzeitig - kurz darauf lernte er, bei einem Charity-Termin der Gethsemanekirche, seine Frau kennen.

Sie war die Tochter eines CSU-Abgeordneten - Wiedervereinigung ging also auch so rum. Allerdings: "Mit Bart, gestand sie mir später, hätte sie mich nie genommen."

In den Monaten bis zur Währungsunion lag eine Mischung aus Lethargie und Abschiedsmelancholie über dem Osten. Betriebe wurden geschlossen, die Menschen wurden abgewickelt, sie warteten ab, Glücksritter aus dem Westen tauchten auf.

Am 1. Juli 1990 um Mitternacht wurde die Filiale der Deutschen Bank am Alexanderplatz eröffnet, die die ersten D-Mark-Scheine ausgab. Gleichzeitig wurde in der Stasi-Zentrale in der Normannenstraße ein Fest mit Punkbands und Hans-Albers-Liedern gefeiert, von Kids, die noch ein paar Monate zuvor an den Haaren durch die Korridore gezerrt worden waren.

Die einen feierten den Abschied vom Sozialismus, die anderen den Startschuss in den Kapitalismus. Am Alex waren Straßensperren errichtet, schwarzrotgoldene Fahnen wurden geschwenkt, Sektflaschen zerbrachen auf dem Pflaster, von einem Dach erklang Abbas "Money, Money, Money". Knäuel aus Menschen vor der Schalterhalle, lange Schlangen, jeder wollte der Erste sein, der den Fetisch "D-Mark" berührte.

Selten habe ich das Kapital sinnlicher erlebt, es war ein trunkenes, schwarzes Bacchanal, eine Apotheose des Mammons, es war, als hätte sich eine Vene des sonst unsichtbaren Geldkreislaufs geöffnet.

Nun konnte jeder alles haben. Fast alles. Bis dahin war Luxus ein ideologisches Problem. Berüchtigt die Worte, die Hermann Kant den in den Westen gezogenen Schriftstellern hinterhergerufen hatte: "Wer nach Bestseller-Country verzieht, macht eine Rückwärtsbewegung."

Hermann Kant war Präsident des Schriftstellerverbandes, er schloss Kollegen wie Stefan Heym aus diesem aus, er war ZK-Mitglied. Genug, um ihn zu konfrontieren.

Im Interview, das ich zusammen mit meinem Kollegen Ulrich Schwarz mit ihm führte, behauptete er, der Klassenfeind habe die DDR besiegt und nicht etwa Unfähigkeit des eigenen Systems, Freiheit und Versorgung zu garantieren. Das Interview war ein ermüdendes Wechselspiel von Beleidigungen ("Das ist doch Unfug") und Sophistereien über Klassengegner.

Da, in einer Gesprächspause, hörte ich ein leises Ticken. Es war das Klick-Klick seiner künstlichen Herzklappe, die ihm gerade eingesetzt worden war. Kant sah aus wie Espenlaub. Dieses leise Ticken war entwaffnend. Es war eine Erinnerung daran, wie vergänglich alles war, die großen Systeme genauso wie das einzelne Leben.

Kurz nach dem Mauerfall hatte Heiner Müller empfohlen, die Fress-Etage des KaDeWe zu plündern. Nun wartet Hermann Kant ebendort, an der Imbissnische "Kartoffelacker". Es gibt hier französische Ecken, asiatische, italienische, doch Kant liebt das Bodenständige, auch wenn es luxuriöser verpackt ist. Gerade dann. Einmal im Monat fährt er in seinem Auto aus Prälank bei Neustrelitz hierher, nach einem Routinecheck bei seinem Arzt.

Mittlerweile ist Kant 83, und er lebt allein. Seine Frau, eine Ballett-Historikerin, ist mit den Kindern nach England gezogen. Ein Sohn lebt in den USA. Kant stochert in seinen Bratkartoffeln mit Schinken. Der "Kartoffelacker", das ist jetzt so eines der wenigen Highlights.

Die Krise hat inzwischen auch die Delikatessabteilung des KaDeWe erreicht. "Es sind deutlich weniger hier als früher", sagt er. Sollte jetzt, zwanzig Jahre nach dem Ende des Kommunismus, auch das Ende des Kapitalismus gekommen sein?

"Det könn' Se laut sagen", sagt eine Dame neben uns.

"Ach wissen Sie", sagt Kant, "Kuczynski hat das Ende des Kapitalismus alle drei Jahre verkündet, nun gibt es ihn immer noch, aber Kuczynski nicht mehr." Fast zwanzig Jahre habe man die Früchte des neuen Systems genossen, nun müsse man auch mit seinen Schattenseiten klarkommen.

Klingt abgeklärt und völlig unideologisch. Wie nennt man das? Altersweisheit?

Wer in diesen Tagen durch die neuen Bundesländer fährt, sieht ein Bild mit bizarren Übermalungen. Die Kopflehnen in den Regionalbahnen tragen in der ersten Klasse Lätzchen mit dem Aufdruck "Reisen wie auf Wolke 7", und auf Videomonitoren laufen Filmclips und Werbespots.

Die Bahnhöfe sind moderner als die im Ruhrgebiet und mit Service-Points und Internetcafés bestückt. "Überholen, ohne einzuholen". Ein neues Straßennetz führt an neuen Tankstellen vorbei, und neue Industrieanlagen haben die alten Giftschleudern in Schkopau oder Leuna ersetzt. Blühende Landschaften, allerdings weitgehend ohne Menschen.

Vor einigen Monaten hob das "Time Magazine" "Die deutschen Erfahrungen" auf den Titel. Darunter die Zeile: "Was man mit 2 Billionen alles machen kann". "Time" präsentiert eine gemischte Bilanz. Es gibt neue Technologiezentren und Schafsweiden mit Flutlicht. Dann wieder verödete Plattenbausiedlungen wie die in Halle-Neustadt, die trist auf den Tag warten, an dem sie "zurückgebaut" werden.

In Gedenkstätten wie dem "Roten Ochsen" in Halle versuchen bemühte Pädagogen vor lustlosen Schülergruppen, die Erinnerungen an den roten und den braunen Terror wachzuhalten.

Doch dass der Mauerfall 20 Jahre später fast bis zum Überdruss mit Staatsoberhäuptern, Banketten, Schicksalstränen und dem unvermeidlichen Thomas Gottschalk als uneingeschränkter Glücksfall gefeiert werden kann, zeigt, dass vieles richtig gelaufen ist.

Und das ist es wohl, was Jakob Hein meinte, als er ein paar Tage nach der Bundestagswahl sein eigenes Einheitsfazit zog. "Es hat überhaut keine Rolle mehr gespielt, woher die Kanzlerin kommt", sagte er. "Selbst die Linke ist mittlerweile in den Westen hineingewachsen."

Meine Frau und ich haben 1991 geheiratet. Unser Sohn ist 15. Er hört die alten Geschichten wie Legenden aus grauer Vorzeit, in der es noch keine virtuellen Welten und kein YouTube gab, und das gilt für die alte BRD genauso wie für die alte DDR.

Wo beide geblieben sind? Sie sind in die neuen Biografien eingegangen, in die der Einheitsgeneration. Für die ist die Frage, ob nun der Westen den Osten geprägt hat oder umgekehrt, völlig uninteressant geworden.

Zum Weiterlesen:

Seine Reportagen und Erlebnisse hat Matthias Matussek in dem Buch "Palasthotel oder Wie die Einheit über Deutschland hereinbrach" zusammengefasst.



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