Mauergeschichten "Ich bin aus Ostberlin. Bitte helfen Sie mir!"

Mauergeschichten: "Ich bin aus Ostberlin. Bitte helfen Sie mir!" Fotos
Marko Schubert/K. Schubert

Pubertierend in einer geteilten Stadt - kann das gut gehen? Für Marko Schubert und seine Freunde war das Teenager-Dasein im Ost-Berlin der achtziger Jahre eine bittersüße Angelegenheit, mit DDR-Zigaretten aus Camel-Packungen und selbstgeangelten Möwen als Brieftauben für Westpost.

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Wir standen in der Raucherecke auf unserem Schulhof in Ost-Berlin und Tessi bot mir gerade eine Kippe an. Wie gewohnt hatte er seine Cabinet-Zigaretten in eine Camel-Schachtel umgefüllt, und wieder einmal wunderte ich mich, dass diese gelbe Packung immer noch wie neu aussah. Warum aber tat er überhaupt so, als ob er West-Zigaretten rauchen würde? Das war doch albern.

Wir stellten uns zu Thomas, Bergi und Bommel, pafften gemeinsam Rauchschwaden in die Luft und schauten hinüber zu Lars. Der stand allein, etwa zehn Meter entfernt, am Zaun und kaute mürrisch auf einer mitgebrachten Stulle. Lars war kein besonders großer Streber (ich hatte bessere Noten), war weder zu dick noch zu klein (Tessi war richtig fett und Bommel ein Zwerg), aber er hatte sich kurz vorher für 25 Jahre bei der Nationalen Volksarmee verpflichtet.

Das konnte und wollte selbst in unserer Vorzeigeschule niemand in unserem Alter verstehen. Bei uns im Regierungsviertel konnte man sich einiges leisten, ohne dafür Prügel oder Häme von der Clique zu beziehen, doch 25 Jahre NVA galten auch hier als die größtmögliche Arschkriecherleistung. Wir reagierten darauf so, wie Schüler in unserem Alter es nun mal taten: Niemand von uns wollte irgendwas mit ihm zu tun haben.

Kräftiger Anschiss

Tessi deutete gerade mit Kippe in der Hand zu ihm hinüber. "Jetzt wird das Arschloch ja sicher auch noch unser Gruppenführer im GST-Lager", sagte er, als es geschah: Wir hörten ein lautes "Platsch!" und sahen, wie Lars erschreckt zusammenzuckte und sich fast an seiner Stulle verschluckte. Aus wohl hundert Metern Höhe war er vom Kot einer dort oben herumkreischenden, riesigen Möwe getroffen worden.

Es war das Bild des Jahres 1986. Bommel lag heulend vor Lachen auf dem Boden und brüllte immer wieder: "Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr!", während Lars mit einem riesigen Möwenschiss auf seinem fast kahlen Kopf wie angewurzelt dastand. Als sich die grünlich-graue Scheiße langsam verflüssigte und über seinen Hals auf die Schultern hinuntertröpfelte, begann er tatsächlich leise zu jammern und dicke Tränen kullerten ihm über die Wangen.

In der Raucherecke gab es kein Halten mehr. Ich bildete mir ein, dass wir noch nie so herzhaft gelacht hatten. Mit feuchten Augen bot ich Tessi eine Cabinet aus meiner Cabinet-Schachtel an und fragte ihn, ob das eine Lachmöwe gewesen sei? Bommel, der das hörte, bekam sofort seinen nächsten Anfall und steckte uns alle von neuem an. Okay, das war richtig fies von uns. Heulend zog Lars von dannen. Niemand von uns begriff in diesem Moment, dass genau diese angeschissenen Menschen in den nächsten Jahren unsere militärischen Vorgesetzten sein würden.

Möwen kennen keine Grenzen

Aber warum hatte sich dieser schmuddelgraue Vogel eigentlich genau über Lars entleert? Damals glaubten wir noch nicht an Zufälle. Ich kenne wenige Leute, die Möwen mögen. Für viele sind es fiese Stadtvögel, die über Müllkippen kreisen und versuchen, einander vor Futterneid die Augen auszuhacken. Wenn sie einem nicht auf den Kopf kacken, schnappen sie drolligen Singvögeln und niedlichen Enten die zugeworfenen Brotkrumen weg. Ihr Kreischen kündet vom nahen Weltuntergang.

Für mich stehen Möwen jedoch für etwas ganz anderes. Wenn sie weiß und grazil durch die Luft gleiten, verströmen sie ein unbeschreibliches Gefühl von Unabhängigkeit und Freiheit. Manchmal beobachtete ich sie an den Ufern der Spree. Auf unseren Dampferfahrten mit der Weißen Flotte von Treptow zum Müggelsee durfte ich sie während der Fahrt im Fluge füttern.

Mein kleiner Bruder Benny mochte keine Möwen und aß die harten Brotkrumen lieber heimlich selbst, doch ich warf die Krusten mit Schwung von Bord in die frische Brise und betrachtete begeistert die Kamikaze-Flugschau der kreischenden Vögel. Noch heute sehe ich besonders am Meer gerne zu, wenn sie in Scharen die ein- und auslaufenden Schiffe begleiten. Möwen kennen keine Grenzen.

Selbstmord oder Konstruktionsfehler?

In Berlin gab es 1986 eine unüberwindliche Grenze, und die überraschend vielen Möwen der Stadt konnten mühe- und gefahrlos vom kapitalistischen ins sozialistische System fliegen. Genau vor unserem großen, geöffneten Wohnzimmerfenster im 9. Stock der Mollstraße schienen sie sich besonders gerne aufzuhalten. Sobald man auch nur ein kleines Stück Schrippe in den grauen Himmel warf, kamen 20, 30 strahlend weiße Möwen angeflogen und forderten uns klagend auf, ihnen den Familienvorrat an Brot zuzuwerfen.

Obwohl das natürlich Spaß machte, hatte ich dabei ein Problem: Noch heute halte ich mich äußerst ungern an den diversen Fenstern der elterlichen Wohnung auf. In luftiger Höhe von etwa 30 Metern hatte ich als Kind von Jahr zu Jahr mehr Angst davor, einfach nach vorne aus dem Fester zu kippen, falls ich mich zu weit hinauslehnte. Die Fensterbretter im Kinderzimmer senkten sich, je mehr ich wuchs, immer mehr in Schwindel erregende Nähe meines Bauchnabels, sodass ich mit 14 eigentlich nicht mehr direkt vor diesem Abgrund stehen konnte.

Meine Höhenangst wurde noch dadurch verstärkt, dass für mein Gefühl fast wöchentlich Leute aus den Fenstern der unmittelbaren Umgebung fielen und als "Möwenschiss", wie Thomas es nannte, tot auf dem Bürgersteig landeten. Besonders viele plumpsten aus dem sogenannten S-Block, der schlangenförmigen Mietskaserne und aus dem Hochhaus am Leninplatz. Für mich waren dies natürlich alles tragische Unfälle von Menschen, die sich aus Versehen beim Fensterputzen zu weit hinaus gelehnt hatten. Selbstmorde gab es in dieser schönen DDR nicht, lediglich zu tief eingebaute Fensterfronten.

Angeln im 9. Stock

Trotzdem öffnete ich manchmal todesmutig so eine Klappe in den Abgrund. Einmal zeigte ich meinem Kumpel Torte, wie das bei uns mit den Möwen funktionierte. Ich ahmte den Schrei der Vögel nach, warf dabei Brot aus dem Fenster, und bereits nach ein paar Minuten umkreiste ein riesiger Schwarm unsere Wohnung. Mein Freund hatte sofort eine Idee, die ich spannend fand. Er rannte hinunter in den dritten Stock und kam mit seinem Angelkasten zurück.

Blitzschnell hatte Torte, der ein besserer Angler und auch sonst wesentlich geschickter war als ich, eine Möwenangelgarnitur gebastelt. Zunächst befestigten wir das Brot am Haken, warfen die Sehne ähnlich wie ein Lasso aus dem neunten Stock und hofften, dass eines der Tiere anbiss. Zusätzlich warfen wir als Köder Krumen zum Anfüttern aus dem Fenster. Doch irgendwie schienen die listigen Möwen den Braten gerochen zu haben, denn die Viecher schnappten sich ausschließlich die Brocken, welche nicht auf einem Haken steckten.

Also nahm Torte das Brot wieder herunter und verstärkte die Sehne mit etwas Senkblei. Durch das größere Gewicht konnten wir jetzt viel weiter und präziser werfen und begannen, anstatt zu angeln, gezielt die Möwen mit Würfen zu attackieren. Nur kurze Zeit später hatte Torte die erste tatsächlich am Flügel erwischt - sie hing an der Angelstrippe, er zerrte mit aller Macht, doch der Vogel riss wie wild in die andere Richtung. Torte atmete angestrengt und ich ahnte, dass sich die Schnur immer tiefer in seine Finger schnitt. Nach keinen 30 Sekunden ließ er schnaufend los. Mit erregter Stimme erzählte er mir, welche Kraft dieses Tier entwickelt hatte. Mit Haken und Sehne im Federkleid flog sie davon.

Fliegender Scherzbold

Bei unserem zweiten Fangversuch gingen wir schlauer vor, und bereits nach wenigen Minuten zappelte eine fette Möwe an unserer Schnur, die wir diesmal sofort an den Festerrahmen banden. Der Vogel flatterte in seinem eingeschränkten Flugradius und machte fürchterliche Geräusche, kreischte und schrie in seiner Panik. Wiederum hatte Torte das Tier perfekt unter dem Flügel erwischt und als ich die Sehne in die Hand nahm und ein wenig zu mir heranzog, konnte ich deutlich die unbändige Kraft spüren, welche von der riesigen, zappelnden Möwe ausging.

Wir schauten uns an und wussten, dass wir jetzt langsam Schluss machen mussten. Nicht nur, weil von dem Vogel ein ohrenbetäubender Krach ausging. Ein bisschen leid tat uns die Möwe auch, doch vorher hatte ich noch eine Idee. Ich raste ins Kinderzimmer, holte ein weißes Din-A4-Blatt nebst einem schwarzen Fettstift und kritzelte etwas auf das Papier. Als Torte die Sehne vom Fensterrahmen löste, band er gleichzeitig vorsichtig meinen Zettel ans andere Ende der Schnur.

Mit einem letzten, erleichterten Schrei erhob sich die gestresste Möwe und flog aufgeregt in die Freiheit, Richtung Alex und Brandenburger Tor. Wir beobachteten, wie das stolze Tier trotz Sehne und Papier im Schlepptau mühelos davonflatterte. Torte war ein eher ruhiger Typ und obwohl er genau gesehen hatte, was ich geschrieben hatte, kugelte er sich zu meiner heimlichen Enttäuschung nicht auf dem Wohnzimmerboden vor Lachen. Ich ärgerte mich, dass Bommel nicht hier war, denn auf dem Zettel, der an der Möwe hing, stand: "Ich bin aus Ost-Berlin. Bitte helfen Sie mir!". Schon damals wusste ich: Möwen kennen keine Grenzen.

Was wurde aus Lars?

Die ersten paar Tage danach wünschten Torte und ich uns sehnsüchtig, dass einer unserer Kumpel aufgeregt angerannt käme um zu fragen, ob wir auch im RIAS von dieser abenteuerlichen Story mit der Briefmöwe gehört hätten. Doch es geschah nichts. Dafür dachte ich noch Wochen später an den armen Vogel, in der Hoffnung, dass es ihm trotz der Sehne in seinem Flügel irgendwie gut ging.

Denke ich heute an die Möwengeschichte zurück, muss ich zuerst immer an den bemitleidenswerten Lars denken. Ich bin ein anderer Mensch geworden, denn gerne würde ich ihm die Hand reichen. Aber was ist wohl aus ihm geworden, ohne die Möglichkeit, 25 Jahre in der NVA zu dienen? Wie haben sich seine Pläne in den Jahren der Wende geändert? Denkt er noch heute an die böse lachenden Jungs in der Raucherecke? Wird er heute als Ossi gemobbt, und welche Bedeutung haben Möwen für ihn?

Glaubt er an Zufälle?

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1.
Anna England 01.03.2010
Junge, Du musst echt ein Problem mit Deiner Vergangenheit haben. Auch ich habe am Leninplatz gewohnt, aber wenn ich Deine Geschichten aus Tausend und einer Nacht lese, dann muss das wohl ein anderes Berlin gewesen sein. Ich finde es schade, dass Spiegel Dir die Moeglichkeit gibt, Deine Geschichten zu publizieren. Und Dein Mitteilungsbeduerfnis ist ja gigantisch. Vielleicht bleibst Du mit den naechsten Geschichten einfach mal auf'm Teppich.
2.
Michael Schmidt 02.03.2010
Was für eine nette Geschichte. Ich fand sie schön.
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