Mauerkonzerte Wummerbässe für den Osten

Wenn Bono und U2 am 5. November vor dem Brandenburger Tor aufspielen, sind sie in Wahrheit ganz schön spät dran. In den achtziger Jahren traten Weltstars wie Genesis, Michael Jackson und Pink Floyd gern direkt an der Mauer auf - hinter der es deswegen regelmäßig zu Krawallen kam.


Kennt noch jemand Barclay James Harvest? Die inzwischen ziemlich vergessenen Softrocker aus Großbritannien waren in den achtziger Jahren mit Hits wie "Life is for Living" unbestrittene Weltstars, deren Schmusesongs auf keiner Kellerfete fehlen durften. Dabei haben die Mannen um Sänger und Keyboarder Les Holroyd ein besonderes, allerdings wenig bekanntes historisches Verdienst: "BJH", wie die Gruppe unter Fans heißt, sind sozusagen die Erfinder der Mauerkonzerte.

Am 30. August 1980 schaufelten insgesamt 250 Busse der Berliner Verkehrsbetriebe im Ein-Minuten-Takt Popfans vor das Berliner Reichstagsgebäude, wo Barclay James Harvest ein Gratiskonzert angekündigt hatten. Weitere 130 Fernreisebusse hatten überdies Fans aus Westdeutschland durch die DDR nach Berlin gebracht. Anlass für das größte Konzert, das die Band im Verlauf ihrer Karriere gab: der Wunsch der Musiker, sich bei ihren Fans für deren jahrlange Treue zu bedanken.

Dieses Dankeschön hätten damals auch mehrere hundert ostdeutsche Musikfreunde gerne gehört - doch Stasi und Volkspolizei riegelten sämtliche Ost-Berliner Straßen zwischen Brandenburger Tor und Reichstag ab, einschließlich des Boulevards Unter den Linden. Rund 40 Jugendliche, die die Sperren trotzdem überwanden, um in den Genuss der Live-Musik aus dem Westen zu kommen, wurden verhaftet und weggekarrt - zur Empörung der westlichen Öffentlichkeit.

Wenn die Stones für Ossis spielen

Richtig schöne kostenlose PR, die die spaßfeindliche DDR-Obrigkeit den Konzertveranstaltern da bescherte. Und vielleicht ein Grund, warum Rock- und Popkonzerte in Mauernähe, am liebsten auf der Riesenwiese vor dem Reichstagsgebäude am Spreeufer, in den achtziger Jahren zu dem großen Ding für internationale Weltstars wurden: Pink Floyd, Michael Jackson, Genesis - alle spielten sie im Schatten der Mauer und in Hörweite für Ost-Berliner.

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Mauerkonzerte: Wummerbässe für den Osten

Die DDR-Oberen vermuteten dahinter natürlich ein abgefeimtes System. Die harmlosen Musikveranstaltungen hielten sie in ihrer Paranoia für eine vom kapitalistischen System gezielt eingesetzte Waffe im internationalen Klassenkampf. Das rührt vermutlich schon von einem skurrilen Vorfall aus dem Jahr 1969. Damals hatte der West-Berliner Radiosender RIAS gemeldet, zum 20. Geburtstag der DDR am 7. Oktober würden die Rolling Stones auf dem Dach des Axel-Springer-Hauses, direkt am Mauerstreifen in Kreuzberg gelegen, ein Konzert speziell für DDR-Bürger geben.

Das war zwar Kokolores, wie die Stasi schnell herausfand. Doch die sensationelle Nachricht verbreitete sich unter ostdeutschen Stones-Fans wie ein Lauffeuer und war nicht mehr einzudämmen. Und so versuchten Tausende ostdeutsche Jugendliche, an diesem Tag nach Ost-Berlin zu gelangen. Schon parallel zur offiziellen DDR-Geburtstagsparade am Alexanderplatz kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und Freunden der Beatmusik. Volkspolizisten mit Gummiknüppeln jagten die Jugendlichen durch die Straßen. 383 wurden verhaftet, 621 "erkennungsdienstlich behandelt", viele von ihnen anschließend abgeurteilt oder sonst wie bestraft.

Tod durch Wummerbässe?

Seither waren die Mauerkonzerte den SED-Genossen ein Dorn im Auge gewesen - es kam nämlich fast regelmäßig zu Krawallen. So auch Pfingsten 1987, als David Bowie, Genesis und die Eurythmics vor dem Reichstagsgebäude aufspielten. Vielleicht tausend Ost-Berliner wollten sich das nicht entgehen lassen und versuchten, in die Nähe der Ostseite der Mauer zu gelangen. Doch sie trafen auf Polizeiketten, die ihnen den Durchgang verwehrten, und bald eskalierte die Situation. Die gellenden Pfiffe, mit denen die Ost-Fans die Vopos bedachten, waren noch auf der Westseite der Mauer zu hören. Ab 22 Uhr, so berichteten später Augenzeugen, seien Flaschen und Dosen geflogen. Und es wurde ein DDR-Tabu gebrochen: An irgendeinem Punkt begann die Menge, einen unerhörte Parole zu skandieren: "Die Mauer muss weg!"

Als 1988 Pink Floyd erstmals an der Mauer auftraten, versuchte die Ost-Berliner Führung, Druck auf den Senat von West-Berlin auszuüben, um Popkonzerte an der Mauer generell zu unterbinden. Das scheinheilige Argument: Im nahe gelegenen Krankenhaus Charité könnten Schwerkranke durch die Vibrationen der wummernden Bässe zu Tode kommen. Da schon 30.000 Karten abgesetzt waren, blieb es bei dem Ort, aber Veranstalter Peter Schwenkow musste die Band vergattern, leise zu spielen und nur den Westen zu beschallen. Die britischen Rocker rächten sich auf ihre Weise - beim Soundcheck ließen sie ihre Boxen gen Osten ausrichten und donnerten "The Wall" in Richtung Mauer.

Zwei Jahre später war die Mauer gefallen, und Pink Floyd kehrten noch einmal nach Berlin zurück. Sozusagen am Originalschauplatz, auf dem ehemaligen Mauerstreifen zwischen Brandenburger Tor und Potsdamer Platz, ließ Pink-Floyd-Mastermind Roger Waters noch einmal die riesigen Marionetten tanzen und "The Wall" symbolisch zusammenkrachen.

Jetzt treten Bono und U2 noch einmal am Brandenburger Tor auf, das einst die Trennlinie zwischen Ost und West markierte - auch in musikalischer Hinsicht. Weltpolitik mit dem Lautsprecher lässt sich dort nicht mehr so machen wie früher. Aber immerhin daran erinnern, dass es einmal möglich war, mit Gitarren Mauern zum Zittern zu bringen.

insgesamt 10 Beiträge
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Christian Gunzelmann, 05.11.2009
1.
Nur als kleiner Hinweis zur Fotogalerie: Peter Gabriel war 1987 schon 12 Jahre kein Genesis-Mitglied mehr, das Bild zeigt ihn bei einem Solo-Auftritt. Und das "Wall" - Konzert von Roger Waters 1990 dauerte selbstverständlich keine zwei Tage, wie kommen Sie darauf?
Olaf Bach, 05.11.2009
2.
Peter Gabriel mit Genesis 1987 in Bremen und in Berlin? Das wüßte ich gern genauer. Nach meiner Erinnerung wandelte der Meister zu jener Zeit bereits seit über zehn Jahren auf Solopfaden. Das letzte gemeinsame Konzert in Berlin war 1975. Weiss ich so genau, weil ich da war . . .
Manuel John, 05.11.2009
3.
Peter Gabriel hat Genesis 1975 verlassen...
Gunter Amonn, 05.11.2009
4.
Peter Gabriel war 1987 schon lange kein Band-Mitglied mehr bei Genesis und somit auch nicht am Konzert vom 08.06.1987 vor dem Reichstag beteiligt. Er hat im Rahmen seiner "So"-Tour am 11.09.1987 sein eigenes Konzert in Berlin gespielt, allerdings in der Waldbühne. Das gezeigte Foto aus Bremen stammt übrigens aus einem Konzert-Bericht auf einestages: http://einestages.spiegel.de/static/authoralbumbackground/2317/big_time_in_bremen.html
Hans Michael Kloth, 05.11.2009
5.
Ups, was für ein blöder Fehler, danke für die Richtigstellungen. Natürlich war Peter Gabriel seit 1975 nicht mehr Genesis-Mitglied und darum 1987 in Berlin nicht mit dabei! Er spielte (fast) zur selben zeit in Bremen. Die Bildlegende ist korrigiert - sorry, Fans!
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