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Mauerkunst Atelier für alle

Mauerkunst: Atelier für alle Fotos
Heinz J. Kuzdas

Bunte Bilder statt Beton: Die Berliner Mauer wurde in den achtziger Jahren zum kollektiven Kunstwerk. Sprayer, Künstler, Schulklassen - alle verewigten sich an dem monströsen Bau. Dann fiel ihre Leinwand und mit ihr verschwanden einzigartige Werke. Heinz J. Kuzdas hat sie dokumentiert.

Honecker hatte doch recht. Im Januar 1989 hatte er seinen Untertanen erklärt, die Mauer werde "auch in 50 oder auch in 100 Jahren noch bestehen". So wird es wohl kommen. Dort in Berlin, wo man einen herrlichen Blick von Friedrichshain über die Spree nach Kreuzberg genießen könnte, trennt sie Ost und West auf ewig. Die Mauer steht unter Denkmalschutz.

Kein Berlin-Besucher will es sich entgehen lassen, jenes Bollwerk zu sehen, das einst die deutsche Teilung zementierte und die Bewohner dieser Stadt 28 Jahre lang auf so unmenschliche Weise voneinander trennte. In knalligen Farben mit plakativen Bildern buntbemalt gibt die wuchtige Betonwand ein hervorragendes Fotomotiv ab. Fast jeder kennt die East Side Gallery. Dabei ist sie im Grunde fast ein Stück Geschichtsfälschung. Denn das, was viele Berlin-Besucher heute als die Mauerkunst zu sehen bekommen, entstand 1990 unter Mitwirkung der DDR-Grenzschutzbehörden.

Bei ihrer Entstehung war ich dabei. Und ich war auch dabei, als die echte Mauerkunst über Nacht verschwand.

Absurde Zeiten

Kurz nach der Öffnung der Berliner Mauer hatte es am Potsdamer Platz Ärger gegeben. Mit blutrot triefender Farbe hatte eine ostdeutsche Künstlerin versucht, ihrer Abscheu gegenüber dem DDR-System Ausdruck zu geben. Doch ihre Slogans wurden von DDR-Grenzern sofort wieder übermalt. Die Reaktion stieß auf Unverständnis. Warum durfte zwar die West-, nicht jedoch die Ostseite der Mauer bemalt werden? Ein Psychologe der Grenztruppen versuchte, die Situation zu beruhigen. Er schlug eine alternative Fläche vor - die heutige East Side Gallery.

Künstler sollten künftig an der bislang noch schlicht grauen Hinterlandmauer an der Ost-Berliner Mühlenstraße malen dürfen, dort, wo das Bauwerk den Bezirk Friedrichshain von der Spree und dem Blick auf Kreuzberg abschirmte. Vor der Öffnung der Mauer rauschten hier nur Autos vorbei, deren Fahrer sich verdächtig machten, sobald sie das Tempo drosselten. Dort, auf einem rund 1,3 Kilometer langen Streifen, sollte nun auch ostseitig Mauerkunst entstehen - vorausgesetzt, die Entwürfe würden vorab von Behörden der noch existierenden DDR genehmigt. Eine neugegründete Werbeagentur in Ost-Berlin organisierte Künstler und Malerei. Auch ich wurde gefragt, ob ich mitmachen wolle, denn ich galt als Experte für Mauerkunst - seit gut einem Jahrzehnt war ich ihr Chronist.

Nach West-Berlin war ich 1972 gekommen, an der Freien Universität wollte ich Philosophie studieren. Der Status quo der Stadt hatte mich aufgewühlt. Ich hatte bereits in Paris gearbeitet und dort 1968 die Studentenunruhen miterlebt, ich war durch die USA, Kanada und Südamerika gereist. Die siebziger Jahre waren für mich, 1948 in Künzelsau in Baden-Württemberg geboren, eine Zeit der grenzenlosen Freiheit - und großer Absurditäten: Amerikaner und Russen flogen zum Mond und kooperierten sogar in der Weltraumtechnik. Aber mit dem Fahrrad von West- nach Ost-Berlin zu fahren - das ging nicht.

Mich wunderte, dass damals kaum jemand die Mauer überhaupt in Frage stellte und sich andererseits Menschen in Stuttgart oder Frankfurt nicht vorstellen konnten, wie wir in Berlin mit ihr lebten. Irgendwann fing ich an, die Mauer zu fotografieren - und war überrascht von der Farbigkeit und den Details, die man finden konnte. Nun hatte ich auch ein Vehikel für das Problem Mauer gefunden. Ich stellte die Fotos aus - und plötzlich schauten sogar junge Leute hin.

Explosion der Farben

Ab Anfang der achtziger Jahre war ich mindestens einmal pro Woche mit der Kamera unterwegs - meist zwischen Brandenburger Tor und Köpenicker Straße, dann weiter über den Checkpoint Charlie hinaus. Dort passierte am meisten. Angefangen hatte es mit dem "Running Man", dem mauerhohen weißen Mann von Jonathan Borofsky, einem amerikanischen Künstler, direkt neben dem Gropius-Bau. Drinnen hatte Borofsky seine Arbeit ausgestellt, draußen diesen Läufer gemalt. In den folgenden Monaten entstanden um die Figur herum explosionsartig neue Motive.

Und nicht nur dort. Im Rauch-Haus, dem besetzten ehemaligen Schwesternwohnheim des Bethanien-Krankenhauses, wohnten damals unter anderem die Künstler Thierry Noir und Christoph Bouchet, zwei Franzosen. Als Ausländer hatten sie vermutlich nicht diese emotionale Nähe zur Mauer, sahen es eher locker, wenn man ihnen vorwarf, die Mauer durch bunte Bilder zu verniedlichen. Viele deutsche Künstler hatten offenbar Hemmungen, sich dieser Kritik auszusetzen. Deshalb waren nur wenige Deutsche unter den Mauerkünstlern.

Ich selbst habe auch gemalt, 1985 am Checkpoint Charlie. Mein Bild entstand nachts, wie die meisten Werke, weil ihre Künstler fürchteten, von DDR-Grenzern fotografiert zu werden und dann beim Transit Schwierigkeiten zu bekommen. Ich nannte es "Positiv Vibration", weil es mich an meine Zeit in San Francisco erinnerte - Flower-Power und Hippiewelle. Ich stellte mir vor, dass nur eine positive Schwingung die Mauer in Bewegung setzen und beseitigen könnte. Mein Bild hielt gerade einmal zwei Wochen, dann war es von anderen übermalt worden.

Anruf aus Tokio

Denn nicht nur Künstler aus dem Ausland, auch ganze Schulklassen hatten sich auf ihren Berlin-Besuch gut vorbereitet - und reisten mit Pinsel und Farbe an. Oft wurden vorhandene Stile und Bruchstücke neu verwendet und in das eigene Bild integriert. Die Mauer war zu einem kollektiven Kunstwerk geworden, das sich über Nacht veränderte.

Dann kam der 9. November 1989. An diesem Abend hatte ich Schabowskis Pressekonferenz gesehen, war aber trotzdem schon zu Bett gegangen. Als die "Tagesthemen" zeigten, wie der erste Ost-Berliner an der Bornholmer Straße über die Grenze kam, sprang ich auf, zog mir einen Mantel über den Pyjama und fuhr Richtung Brandenburger Tor. Weit kam ich nicht, schon an der Siegessäule, etwa anderthalb Kilometer davor, gab es keinen freien Parkplatz mehr. Ich ließ das Auto stehen, griff die Kamera und fuhr per Anhalter weiter. Das Fotografieren habe ich dann aber fast vergessen, als ich die Menschenmassen sah. Ich wollte nur noch auf die Mauer - und feiern.

Wahnsinn! Die Grenze war offen, und ich fühlte mich ein bisschen so, als hätte ich ein klein wenig daran mitgedreht. Nun würden auch meine Ausstellungen zur Mauerkunst ein Ende haben und ich könnte mich anderen Dingen widmen - dachte ich. Wenige Tage später wurde ich mitten in der Nacht von einem Anruf geweckt. Er kam aus Japan. Ich solle mit meiner Ausstellung rasch nach Tokio kommen - und bitte originale Mauersteine mitbringen.

Aufgezeichnet von Solveig Grothe.

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