Mauerschicksal "Ich wollte mich nicht einsperren lassen"

Mauerschicksal: "Ich wollte mich nicht einsperren lassen" Fotos

Nur ein paar Wochen sollte Jan-Aart de Rooij in den Ferien auf dem Lande verbringen. Doch als der 14-Jährige im August 1961 nach Berlin zurückkehrt, ist die Stadt geteilt, und von seinen Eltern im Osten trennt ihn eine Grenze. Auf einestages erzählt er, wie er erst die Mauer einreißen wollte - und dann eine Entscheidung fürs Leben traf. Von

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Eigentlich habe ich gern in der DDR gelebt. Ich wuchs in den fünfziger Jahren in Köpenick auf. Die Schuttberge und die zerbombten Häuser, die der Krieg in Berlin hinterlassen hatte, waren für uns Kinder ein riesiger Abenteuerspielplatz. Auch sonst gab es jede Menge zu erleben.

Meine Mutter arbeitete als Kürschnerin in einem privaten Betrieb in Köpenick. Gelegentlich kamen dort russische Soldaten vorbei, die für ihre Frauen Persianer kaufen wollten. Da es solche Pelze nur im Westen gab, fuhr meine Mutter mit mir zu einem Großhändler nach West-Berlin, wo mir die Felle um den Bauch gebunden wurden. In der S-Bahn zurück in den Osten der Stadt musste ich mich dann immer schlafend stellen, wenn Grenzkontrolleure auftauchten.

Unsere Schmuggeleien fand ich ziemlich aufregend und auch die Ausflüge, die wir als Kinder in den Westen machten, um im Kino Mickymaus-Filme zu sehen. West-Berlin war für mich der goldene Teil Deutschlands, der, in dem man tun konnte, was man wollte. Dennoch mochte ich mein Leben in der DDR, wir hatten viel Spaß - etwa in der Schule und als Junge Pioniere. Später einmal wollte ich bei der Wasserschutzpolizei arbeiten, das war mein großer Traum.

Meine Eltern fanden das nicht so gut. "Keine Partei, kein Militär, halt dich aus allem raus. Du kriegst nur Stress und Ärger", meinte mein Vater. Der DDR gegenüber war er, genau wie meine Mutter, eher kritisch eingestellt. Mehrere Jahre hatte er nur Jobs als Hilfsarbeiter bekommen. Es hatte mit dem Krieg zu tun. Ich erinnere mich an Fotos, die ihn in den italienischen Bergen zeigen, im Zelt liegend, im Schnee, zusammen mit deutschen Soldaten. Mein Vater war Holländer und in den dreißiger Jahren nach Deutschland übergesiedelt. Er war überzeugter Nationalsozialist. Im Krieg hatte seine Einheit in Italien Partisanen gejagt und erschossen, wie ich viele Jahre später von meiner Mutter erfuhr. In Deutschland galt er als Kriegsverbrecher. Ich selbst habe ihn auch später nie danach gefragt. Ich wollte es nicht wissen.

Ferienreise ohne Heimkehr

Meine Eltern waren einer kirchlichen Organisation beigetreten. An den Namen erinnere ich mich nicht mehr, nur daran, dass man sich oft traf und diskutierte. Das war 1960, und ich als 13-Jähriger war immer mit dabei. Die Gruppe hatte Kontakte nach West-Berlin zu einer Organisation, die Stadtkinder zur Erholung aufs Land schickte. Da ich selbst ziemlich klein und schmächtig war, wollten meine Eltern, dass auch ich dort mitfuhr. Sie besorgten mir westdeutsche Papiere, indem sie mich bei einer Freundin, die wir Tante Erna nannten, anmeldeten. Nun hatte ich auch einen Wohnsitz in West-Berlin und konnte mit dem Pass im Sommer in die sogenannte Kinderverschickung.

Auch 1961, im Jahr des Mauerbaus, hatte ich die Chance, mitzufahren. Es sollte nach Niebüll in Schleswig-Holstein gehen. Meine Mutter aber wollte das nicht. Sie war beunruhigt, weil um sie herum immer mehr Leute die DDR verließen. Ich aber setzte mich durch - und fuhr mit. Ich ahnte nicht, dass es ein Abschied für sehr lange Zeit werden würde.


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Eine Woche vor meiner geplanten Rückreise hörte ich im Radio, dass die DDR West-Berlin abgeriegelt hatte. An der Sektorengrenze würden Straßensperren errichtet und Stacheldraht gezogen, eine Mauer werde gebaut. Ich war schockiert und dachte: Meine Mutter hatte recht mit ihrer Vorahnung. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie man mitten durch eine lebendige Stadt eine Grenze ziehen konnte. Ich hatte Angst vor der Rückfahrt. Schließlich war es nicht ganz legal, was wir taten - und auf dem Weg nach West-Berlin mussten wir mit dem Bus durch die DDR.

Es ging jedoch alles gut. Zurück in West-Berlin wurden die meisten Kinder von ihren Eltern abgeholt. Nur meine konnten nicht kommen, sie waren ja im Osten. Gleich nach der Ankunft lief ich deshalb zu Tante Erna, die im Zentrum nahe an der Mauer ein Milchgeschäft hatte. Kontakt zu meinen Eltern konnten wir nicht aufnehmen, sie hatten kein Telefon. Daran, ihnen zu schreiben, dachte ich zunächst nicht. Tante Erna bot mir an, bei ihr zu bleiben. Sie sagte, sie könne verstehen, wenn ich nicht zurück in den Osten wolle.

Tage an der Mauer

Ich lief erst einmal sofort zur Grenze, um zu sehen, was dort vor sich ging. Viele Leute, jüngere und ältere, waren dort unterwegs. Wir beobachteten die Soldaten und die Baufahrzeuge und versuchten, die frisch gesetzten Hohlblocksteine wieder herunterzustoßen, so dass sie auf die Ostseite zurückfielen. Die DDR-Grenzer wollten uns vertreiben und warfen Tränengasgranaten zu uns herüber. Wir flüchteten in den nächsten Hauseingang und banden uns zum Schutz nasse Handtücher vor das Gesicht. Das ging über Tage so, immer wieder rannten wir zur Mauer, es war aufregend und wie eine Sucht. Ich war ja noch ein Kind.


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Ich sah, wie Menschen aus den Fenstern der Grenzhäuser in den Westen kletterten, wie manche sogar aus den oberen Stockwerken sprangen und wie sie von der Feuerwehr oder von Passanten mit gespannten Tüchern aufgefangen wurden. Ich fasste auch selbst mit an, um die Tücher zu halten. Sowohl im Osten als auch auf Westseite gab es Lautsprecheransagen, man solle sich von der Grenze fernhalten, doch uns interessierte das nicht. Schließlich kamen US-Soldaten mit ihren Jeeps an die Grenze. In Höllentempo fuhren sie an der Mauer auf und ab und vertrieben so die Leute.

Bereits zwei oder drei Tage nach meinem Eintreffen in West-Berlin standen West-Berliner Polizisten bei meiner Tante vor der Tür. Sie suchten nach mir. Meine Eltern hatten bei den Ost-Berliner Behörden einen Antrag gestellt, dass ich zurückgebracht werden sollte. Von einem hinteren Zimmer aus hörte ich das Gespräch mit an. In dem Moment hatte ich mich entschieden: Ich ließ alles stehen, sprang aus dem Fenster in den Hinterhof und rannte davon. Nach all dem, was ich in den zurückliegenden Tagen gesehen hatte, war mir klar: Ich wollte mich nicht einsperren lassen.

Ein neues Zuhause

In den nächsten Tagen und Wochen habe ich mich kaum noch in die Nähe von Tante Ernas Wohnung getraut. Ich fürchtete, die Polizei würde mich festnehmen. Also lebte ich auf der Straße, zusammen mit anderen Leuten, einige aus dem Osten, andere aus dem Westen. Ich kannte sie kaum. Wir übernachteten dort, wo sich gerade ein Platz für uns fand: in Hausecken, auf Dachböden und in Hinterhöfen, ab liebsten dort, wo ein Lüftungsschacht Wärme ausströmte. Ich fing an zu rauchen, klaute Zigaretten und Essen. Manchmal hatte ich auch ein wenig Geld. Damals konnte man noch zu den Menschen sagen, "gib mir mal ne Mark, ich komm aus dem Osten". Und hat auch was gekriegt. Es war eine Zeit wie im Rausch. Angst hatte ich keine, es war einfach nur aufregend.

Nach einigen Wochen überlegte ich, dass ich einen Pass brauche. Ich ging zur Kommandantur der US-Armee, weil ich der am ehesten traute. Dort bekam ich einen Pass und wurde dann nach Friedland bei Göttingen ins Flüchtlingslager gebracht. Massen von Menschen waren dort. Man entschied, dass ich in ein Heim gebracht werden sollte, aber ich wollte das nicht. Glücklicherweise erklärte sich dann die Familie im norddeutschen Niebüll, bei der ich schon den Sommer verbracht hatte, bereit, mich aufzunehmen. Das war eine wohlhabende Bauernfamilie mit fünf Kindern; da war immer etwas los, was mir sehr gefiel. Und dort wurde ich bald heimisch.

An meine Eltern habe ich damals gar nicht mehr so viel gedacht. Als 15-Jähriger fühlte ich mich fast erwachsen. Ich ging dort zur Schule und danach in die Lehre als Radio- und Fernsehtechniker. Mit 21 Jahren begann ich schließlich ein Studium zur Sozialarbeit.

Wiedersehen mit Vater und Mutter

Meine Mutter habe ich erst 1970 wiedergesehen - da war sie gerade Rentnerin geworden. Nicht lange nach dem ersten Treffen ist sie selbst nach Westdeutschland übergesiedelt. Mein Vater hatte sich von ihr getrennt, und sie wollte wohl in meiner Nähe sein. Für sie war ich immer noch der kleine Junge, den sie bemuttern wollte. Doch im Grunde gab es keine persönliche Verbindung mehr, ich hatte ja meine Pflegeeltern. Am Anfang hatten wir uns noch alle zwei Wochen Briefe geschrieben, dann immer seltener. Ich hatte mich immer zwingen müssen, ihr zu antworten, meine Pflegeeltern bestanden darauf. Ich wusste nicht, was ich ihr schreiben sollte. Sie wollte immer, dass ich zurückkomme. Das kam für mich nie in Frage.

Meinen Vater habe ich erst um das Jahr 2000 herum wiedergetroffen. Da lebte er als Rentner in West-Berlin. Ich hatte nie das Bedürfnis, ihn zu sehen. Nur einmal hatte ich Kontakt zu ihm aufgenommen. Das war noch in meiner Studienzeit. Ich bat ihn, mir Geld zu leihen. Er lehnte ab. Danach wollte ich ihn nicht mehr sehen. Nur mein jüngster Sohn wollte ihn kennenlernen. Also fuhren wir ihn besuchen. Mein Vater war sehr distanziert, aber immerhin redeten wir miteinander. Nicht lange nach unserem Treffen ist er gestorben.

Ich habe es nie bereut, damals in den Westen gegangen zu sein. Auch wenn es immer mal traurige Stunden gab, in denen ich mich gefragt habe, ob es richtig war. Ich bin nicht so der Typ, der zurückschaut, sondern eher nach vorn. Als die Mauer schließlich fiel, fuhr ich nahe Coburg an den Grenzübergang zum thüringischen Sonneberg. Zusammen mit anderen räumte ich dort den Schlagbaum zur Seite, und dann kamen die Menschenmassen aus dem Osten. Der Grenzübergang wurde fast überrollt. Es war eine unwahrscheinliche Freude. Ich stand auf der Kreuzung und regelte den Verkehr.

Aufgezeichnet von Matthias Winkelmann

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insgesamt 4 Beiträge
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1.
Karsten Peter 10.08.2011
Mit großem Erstaunen habe ich diesen Artikel gelesen. Einerseits ist die Entscheidung sehr mutig für einen 15jähriegen gewesen. Andererseits bin ich erschrocken. Ich vermisse eine Erklärung, warum Sie keinen Kontakt mehr zu ihren Eltern haben wollten! Man könnte meinen, das sie ihre Eltern für den Mauerbau verantwortlich machten, weil sie im Osten geblieben sind.
2.
Stefan Wegner 10.08.2011
Auch mein Erstaunen ist groß. Ich kann nicht verstehen, wie man sich als Jugendlicher in einer solchen Lage von seinen Eltern lossagen konnte. Da wäre mit Sicherheit eine Möglichkeit gewesen, zu ihnen zurückzukehren. Dubios erscheint mir auch die Kontaktaufnahme zum Vater in der Studienzeit. Was für Geld sollte der denn schicken? Mark der DDR?
3.
Nathalie Schon 10.08.2011
Ja, das ist schon erstaunlich. Anfangs verstehe ich es ja noch. Es ist alles neu, aber man meine fast die Eltern hätten etwas verbrochen. Die Verbindung zum Osten wahrscheinlich, denn es scheint so, dass der Junge keinerlei Erinnerung mehr an den Osten wollte. Schade. Es muss schwer für die Eltern gewesen sein.
4.
Peter Bäßler 11.08.2011
Peter Bäßler 10.August 2011, 22.20 Ich besuchte 1976 meine Eltern, als Familienvater mit zwei Kindern, anläßlich ihrer Silberhochzeit. Nach sofortiger Ausreiseantragstellung besetzte ich im November 1977 die deutsche Botschaft in Warschau. Ich nahm noch eine befreundete mit. Mit Hilfe der deutschen Delegation unter Kanzler Schmidt konnten wir und die zweite Familie im April 1978 in den Westen ausreisen. Meine Frau hatte nur entfernte Verwandte in der DDR und meine Familie war im Westen bis Australien verstreut. Ich will sagen: Seit meiner "bewußten" Kindheit wollte ich ausreisen. Doch nur, weil ich keine Familie in der DDR hatte. Wäre es anders gewesen und ich oder meine Frau wären in einem Familienverband integriert gewesen, wir hätten niemals die DDR verlassen. Eine Mutter/Vater oder vertraute Geschwister heimlich verlassen, empfinde ich als das Letzte. Ganz gleich, wie alt man ist oder welch vermeintliche Karriere man ansteuern möchte. Man bedenke: Für ALLE war sicher: Die DDR besteht 1.000 Jahre. Wer etwas anderes sagt lügt. Das ist der Hindergrund...
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