Mauertote Kugel ins Herz

Er wollte endlich in den Westen, hielt seinen Plan für sicher. Ein fataler Irrtum: 1989 kam Chris Gueffroy im Kugelhagel an der Berliner Mauer ums Leben. Er war das letzte Opfer des DDR-Schießbefehls, doch auch nach ihm starben noch Menschen auf der Flucht - sogar kurz vor der Wende.

DDP

Eigentlich scheint alles klar und ziemlich simpel. Von einem Freund hat Chris Gueffroy gehört, der Schießbefehl an der Mauer sei aufgehoben. Der Tippgeber dient selbst als DDR-Grenzsoldat, dann stimmt das ja wohl. Also zieht der 20-jährige Kellner aus Ost-Berlin mit einem Freund los, um 'rüberzumachen. Zur Nationalen Volksarmee eingezogen werden will er jedenfalls nicht, auf keinen Fall.

Es ist der 5. Februar 1989. In der Deckung einer Schrebergartensiedlung in Treptow arbeiten sich die beiden Mauerflüchtlinge an die Grenzsperren heran. Ohne größere Schwierigkeiten überwinden sie die ersten beiden Hindernisse. Kein Alarm, nirgendwo Posten unterwegs - es scheint zu stimmen: An der Zonengrenze wird offenbar nicht mehr gezielt Jagd auf Flüchtlinge gemacht.

Sie nähern sich dem letzten Zaun. Eine Gartenhacke soll ihnen über das Metallhindernis helfen. Dann geht alles ganz schnell: Grelles Flutlicht erhellt auf einmal den Grenzstreifen, Soldaten mit Kalaschnikows rennen herbei. Gueffroy bleibt stehen, gibt auf. Dann fallen Schüsse. Der junge Mann sackt zusammen, getroffen von nicht weniger als zehn Kugeln. Eine durchbohrt sein Herz. Sein Freund wird verletzt festgenommen.

Zwischen den Zeilen einer Todesanzeige

Im Westen wird Chris Gueffroys gewaltsamer Tod im Mauerstreifen erst Wochen später bekannt. Zunächst heißt es in dürren Pressemeldungen über den Zwischenfall, ein Flüchtling sei unverletzt abgeführt worden. Die DDR dagegen bestreitet rundheraus, dass überhaupt geschossen worden sei; das Ost-Berliner Außenministerium erklärt lapidar, ein westlicher Augenzeuge müsse sich geirrt haben: Es sei nur eine "rote Leuchtkugel" abgefeuert worden und "keine zehn Schüsse".

Und doch gerät Chris Gueffroys Tod zum Politikum. Im damaligen SED-Blatt "Berliner Zeitung" erscheint eine Todesanzeige, in der von einem "tragischen Unglücksfall" die Rede ist - eine Umschreibung für den Tod an der Mauer, die in Ost-Berlin jeder zu lesen versteht. Und so erscheinen zur Beerdigung auf dem Friedhof Baumschulenweg, unweit des Tatorts, 120 Trauergäste - Freunde und Familie, aber auch Unbekannte, die "aus Solidarität" da sind. Und die dafür in Kauf nehmen, dass die Stasi vor dem Friedhof ihre Personalien feststellt.

Am selben Tag trifft sich SED-Generalsekretär Erich Honecker nur wenige Kilometer entfernt im Zentrum der "Hauptstadt der DDR" mit Lothar Späth, dem Ministerpräsidenten Baden-Württembergs. Westzeitungen haben inzwischen über den Fall Gueffroy berichtet, voran die alternative "taz". Auch Späth will von Honecker Auskunft. Es gebe keinen Schießbefehl, schimpft der, für westliche Pressemeldungen über Vorgänge an der Mauer sei er nicht verantwortlich. Im Übrigen lasse er den Fall überprüfen. Dann kündigt er vorsichtshalber noch Reiseerleichterungen für DDR-Bürger an.

"Wenn man schon schießt ..."

Dass kein Tötungsbefehl gegen Flüchtlinge existiert, ist eine glatte Lüge. "Zögern Sie nicht mit der Anwendung der Schusswaffe, auch dann nicht, wenn die Grenzdurchbrüche mit Frauen und Kindern erfolgen", heißt es unzweideutig etwa in einer siebenseitigen Dienstanweisung vom 1. Oktober 1973 für eine DDR-Spezialeinheit. Viele andere Dokumente und weitere Belege untermauern die Gültigkeit dieser Anordnung, auch wenn die SED-Funktionäre schon damals gerne ihre Spuren verwischen.

Ironischerweise ist es wohl auch Gueffroys Tod, der in der SED-Spitze zum Umdenken führt, bei manchen wenigstens. Anfang April 1989 setzt Honecker die Anwendung des angeblich doch gar nicht existierenden Schießbefehl aus: "Lieber einen Menschen abhauen lassen, als in der jetzigen politischen Situation die Schusswaffe anzuwenden", so der Diktator. Sein Motiv ist nicht neuentdeckte Menschenliebe, sondern rein taktisch - allerdings versagt der Apparat beim Durchstellen der ungewöhnlichen Order: Nur fünf Tage nach dem Honecker-Ukas werden an einer DDR-Grenzübergangsstelle zwei Flüchtlinge wieder per Warnschuss gestoppt, schlechte Presse im Westen ist die unausweichliche Folge. Stasi-Chef Erich Mielke hat für Honeckers Taktiererei ohnehin nur Häme übrig: "Wenn man schon schießt, dann muss man das so machen, dass nicht der Betreffende noch wegkommt."

Wie viele DDR-Bürger ihr Leben verloren, als sie die Grenze zwischen Ost und West zu überwinden versuchten, ist bis heute umstritten. 270 Mauertote aus 38 Jahren hat die Berliner Staatsanwaltschaft in ihren Akten gezählt, die private "Arbeitsgemeinschaft 13. August" kommt auf über 1200. Die Unklarheit ist auch eine Folge der gezielten Verschleierung der Todesschüsse durch die DDR-Führer: gefälschte Totenscheine, manipulierte Grabbücher, vernichtete Beweisstücke. Und es kommt auch drauf an, wie man zählt: Geschossen wurde auf flüchtende DDR-Bürger ja nicht nur im geteilten Berlin oder an der innerdeutschen Grenze - auch die Grenzer sozialistischer "Bruderländer" wie Bulgarien nahmen mit Billigung der Ost-Berliner Machthaber ostdeutsche Flüchtlinge unter Feuer. Und an der Grenze durch Berlin und Deutschland selbst kamen Menschen nicht nur durch Kugeln aus den Kalaschnikows der DDR-Grenzsoldaten zu Tode. Sie traten auf Minen, wurden von Selbstschussanlagen zerrissen, ertranken oder stürzten ab.


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Der letzte Mauertote

So wie Winfried Freudenberg, der als letzter DDR-Bürger sein Leben beim Überwinden der Berliner Mauer lässt - fast auf den Tag einen Monat nachdem Chris Gueffroy das letzte Opfer des Schießbefehls geworden war. Der Ingenieur aus Lüttgenrode im Harz hat gemeinsam mit seiner Frau nachts heimlich einen Heißluftballon gebaut. Mit Ballons waren bereits einige spektakuläre Fluchten aus der DDR geglückt - eine, die der Familie Wenzel von 1979, war sogar von Hollywood verfilmt worden.

Am frühen Morgen des 8. März 1989 startet Freudenberg von einer Schrebergartenkolonie in Blankenburg, auf einem 40 Zentimeter langen Rundholz sitzend, das mit rosa Gardinenstrippen und einem Plastikgürtel an der selbstgebastelten Ballonhülle befestigt ist.

Gegen halb acht Uhr wird Winfried Freudenberg zum letzten Mal lebend gesehen, Spaziergänger wundern sich über das seltsame Ding, das in etwa 500 Metern Höhe über den Teufelsberg schwebt. Nur Minuten später hört ein Anwohner der Limastraße im West-Berliner Stadtteil Zehlendorf ein "plumpsendes Geräusch", dem er keine weitere Beachtung schenkt. Acht Stunden später wird draußen im Garten der leblose Körper Winfried Freudenbergs gefunden. Er hatte die Grenze schon zweieinhalb Kilometer hinter sich gelassen, als er über dem freien Teil Berlins doch noch in den Tod stürzte.

Aber auch mit Freudenbergs tragischem Ende war das Sterben an den Grenzen der DDR mitnichten vorbei. Noch im Oktober 1989 starben mindestens vier DDR-Bürger beim Versuch, die DDR zu verlassen. Sie hatten nicht nach Westen fliehen wollen, sondern - Ironie der Geschichte - Richtung Osten, nach Polen. Dort nämlich war bereits im Juni die unabhängige Gewerkschaft Solidarnosc an die Regierung gekommen, woraufhin Ost-Berlin die Grenze zum Nachbarn dichtmachte.

Die Leiche des letzten bekannten Opfers des DDR-Grenzregimes, Frank M. aus Bad Freienwalde, wurde Anfang November 1989 aus der Oder gezogen. Nur Tage später fiel die Mauer.



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Seite 1
Rainer Schinzel, 06.02.2009
1.
Daß so viele Menschen an dieser Grenzen ihr Leben verloren, ist tragisch. Die DDR war kein Staat, dem man nachtrauern muss. Mir selbst gelang es, 1963 zu flüchten, über ein Minenfeld nach Bayern. Ich hatte Glück. Nichts kennzeichnet die heutige Situation besser als ein Gedicht von Stephan Krawczyk: Das ist nie gewesen Das ist nie gewesen, das war niemals wahr, ach, wir war'n im Leben niemals in Gefahr, aus den offenen Wunden fliesst jetzt roter Wein, nur, die schon verblutet, können nicht verzeih'n. Könn' sich nicht besaufen an Vergesslichkeit, weil sie sich verletzten vor der rechten Zeit, konnten halt nicht warten, ach, du, das ist dumm: Was uns heut gesund macht, bracht' uns gestern um. Gedicht: Stephan Krawczyk
Thorsten NYC, 30.09.2010
2.
So, so, die Formulierung »tragischer Unglücksfall« verstand also jeder Ost-Berliner Zeitungsleser unmissverständlich als Tod an der Mauer. Ist das reine Spekulation oder hat der Autor dafür verifizierbare Quellen? Ich habe zu der Zeit in Ost-Berlin gelebt; eine solcher Todesannoncen-Code war mir aber unbekannt. Wieso hätte die Formulierung nicht für, sagen wir mal, einen tödlichen Betriebs- oder Haushaltsunfall stehen können ? oder für einen anderen Unfall, der der politischen Führung peinlich war? (Ich kenne z.B. einige Fälle, in denen Motorrad- und Autofahrer auf öffentlichen Landstraßen von sowjetischen Panzern zermalmt wurden, die plötzlich und ohne jede Sicherung aus dem Wald kamen.) Die Vorstellung, dass Hunderte Berliner ? die von Chris Gueffroy noch nie etwas gehört hatten ? allein auf Grund dieser Formulierung zu seiner Beerdigung erschienen sein sollen, erscheint mir jedenfalls absurd. Die tragische Geschichte hat sich eben herum gesprochen.
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