Medien Goebbels für alle

Original Nazi-Zeitungen an Ihrem Kiosk? Ab sofort überall in Deutschland. Der britische Verleger Peter McGee bringt alte NS-Kampfblätter aus den Jahren 1933 bis 1945 als Faksimile in die Regale. Bekannte Historiker erteilen dem Projekt ihren Segen.

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Zeitungszeugen

Was für ein bizarres Szenario. Es ist Donnerstag, der 8. Januar 2009 und an den deutschen Kiosken steht eine Zeitung, in der gleich auf der ersten Seite einem gewissen Joseph Goebbels Platz für eine Kolumne gegeben wurde. "Reinen Tisch machen", fordert er schon gleich in der Überschrift, und ebenso markig geht es weiter. "Der Nationalsozialismus wird keine halben Sachen versuchen ... wir sind bereit, den kranken deutschen Volkskörper zu heilen und wieder Lebensfähig zu machen."

Dabei handelt es sich allerdings nicht um einen makabren Irrtum, im Gegenteil: Die neueste Publikation auf dem deutschen Zeitschriftenmarkt, seit Donnerstag am Kiosk erhältlich, heißt "Zeitungszeugen". Die Zielgruppe: Alle, die immer schon mal "einen fundierten Blick auf die Medienlandschaft von 1933 bis 1945" werfen wollten.

Der britische Verleger Peter McGee setzt darauf, dass die alte Journalistenweisheit "Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern" nicht für Blätter von vorvorgestern gilt. Jede Woche können die Deutschen nun für 3,90 Euro in drei Tageszeitungen aus der NS-Zeit blättern - komplett mit Sportteil und Klatschmeldungen. Für Hartgesottene gibt es ein Jahresabo, dann reduziert sich der Preis auf 3,30 Euro.

Rückendeckung von namhaften Historikern

Die Idee hinter "Zeitungszeugen" ist simpel: Die Leser sollen sich geschichtliche Großereignisse von Hitlers Machtergreifung bis zum Weltkriegsende durch zeitgenössische Kommentare und Schlagzeilen selbst "erlesen". In der Startausgabe finden sich drei Zeitungen vom 30. Januar 1933, dem Tag, an dem Adolf Hitler Reichskanzler wurde. Sie stehen für die unterschiedlichen politischen Strömungen der damaligen Zeit: Die nationalkonservative "Allgemeine Deutsche Zeitung", die von Joseph Goebbels herausgegebene NS-Gauzeitung "Der Angriff" sowie das Kommunistenblatt "Kämpfer".

Die zweite Ausgabe, die ausnahmsweise erst in zwei Wochen erscheint, wird sich um den Reichstagsbrand drehen. Nachgedruckt sind die "Vossische Zeitung", das SPD-Blatt "Vorwärts" und der "Völkische Beobachter" vom Tag nach dem Feuer.

Es ist das erste Mal in der Bundesrepublik, dass Primärquellen aus jenen Jahren in solcher Ausführlichkeit auf dem Massenmarkt zugänglich sind. Damit das NS-Gedankengut nicht unkommentiert unters Volk kommt, ist das Archivmaterial jeweils von einem mehrseitigen Mantel umgeben. Darin finden sich Analysen von namhaften Historikern, die das Ganze für den Laien einordnen sollen. Der Verlag ist sich bewusst, dass die Veröffentlichung von Nazi-Hetze heikel ist. Darum hat McGee sich das Projekt von der Crème de la Crème der deutschen Geschichtswissenschaft absegnen lassen. Koryphäen wie Wolfgang Benz, Hans Mommsen und Peter Longerich sind als Berater an Bord und verleihen der Reihe das Unbedenklichkeitssiegel.

Wollen wirklich Hunderttausende Goebbels-Zeitungen lesen?

Die Kritik an dem neuen Wochenblatt ist denn auch bisher gedämpft. Die Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, hat sich skeptisch geäußert, ebenso wie der Publizist Ralph Giordano. Doch so richtig dagegen sind selbst diese beiden nicht. Befürchtungen, dass "Zeitungszeugen" zum Kultblatt für Neonazis werden könnte, werden im Verlag beiseitegewischt. "Der moderne Rechtsextreme kann mit der Sprache der dreißiger Jahre nichts anfangen", sagt ein Sprecher. "Der bedient sich im Internet aus Amerika."

McGee, ein leidenschaftlicher Hobbyhistoriker, spricht von einer "machtvollen Idee", sein Berater Mommsen etwas vorsichtiger von einem "interessanten Experiment". Vor allem wird interessant sein, ob die Deutschen das Heft kaufen. Die Startauflage ist mit 300.000 recht optimistisch. Wollen wirklich Hunderttausende die komplette Ausgabe einer Goebbels-Zeitung von 1933 lesen?

Die Redaktion verweist auf die Erfahrungen in anderen Ländern. Deutschland ist bereits das neunte europäische Land in neun Jahren, in dem das auf ein Jahr begrenzte Geschichtsprojekt startet. Vergangenes Jahr war Österreich dran. Die Zeitschrift "NachRichten" verkaufte sich im Schnitt 10.000-mal pro Woche, die Startauflage lag bei 30.000. Da Deutschland zehnmal mehr Einwohner hat, geht der Verlag davon aus, im Schnitt 100.000 Exemplare pro Woche abzusetzen.

Insgesamt wird es 51 Ausgaben von "Zeitungszeugen" geben, also rund 150 nachgedruckte Zeitungen. Für die ersten Jahre des Zeitraums von 1933 bis 1945 ist es noch einfach, kontrastierende Meinungen in der deutschen Presse zu finden. Später, mit zunehmender Gleichschaltung, wird dies schwieriger. Darum tauchen in den späteren Ausgaben auch deutsche Exilzeitungen auf, in denen Emigranten die Zustände in der Heimat kritisieren. Sogar einige Ausgaben der "Neuen Zürcher Zeitung" finden sich, in denen Gastautor Thomas Mann aus Kalifornien das NS-Regime attackiert.

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insgesamt 5 Beiträge
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Ulrich Hartmann, 09.01.2009
1.
Die Grundidee ist gar nicht so neu. Bei meinen Eltern stehen mehrere Bände der "Facsimile-Querschnitte" aus den siebziger Jahren, darunter auch vom "Völkischen Beobachter". Allerdings sind dort immer nur einige ausgewählte Seiten nachgedruckt. Eine ganze Zeitung von früher, einschließlich aller "Nebensächlichkeiten" in der Hand zu haben, bringt einem die Zeit noch ganz anders nahe. Befremdlich finde ich allerdings die Beschränkung auf die Jahre 1933-1945. Hat denn deutsche Geschichte nur in diesen zwölf Jahren stattgefunden? Zeitungen etwa aus den zwanziger Jahren oder aus der Nachkriegszeit, bei denen es ein weites Meinungsspektrum gab, stelle ich mir auch interessanter vor als die gleichgeschaltete Presse der NS-Zeit.
Theo Homann, 10.01.2009
2.
Ist doch ganz einfach. Nicht nur unter BRD-Bedingungen gilt: NS sells, diese 12 Jahre sind im Verwertungsgeschwurbel von Politsex & Genozidcrime buchstäblich Gold wert. Der Markt hat entschieden: NS, Faschokram, Gitlerey sind besonders wertvoll, zumindest was Profitabilität anlangt. Wir sind im Kerngebiet des Liberalismus: das ewige Hamsterrad von Geld und Moral, Wohlleben und gutes Gewissen inklusive. Im online-Zeitalter alte Zeitungen in den Kiosk zu hängen - das hat was von Leichenfledderei. Falls es sein Geld bringt, na gut, es leben halt auch ein paar Leutchen von sowas. Womit wir dem derzeitigen Namen Gottes nicht mehr fern sind: Arbeitsplätze, Arbeitsplätze...und noch nichtmal in Form von Autobahnen. Überhaupt: Gazetten zu Pflugscharen !
Florian Geier, 11.01.2009
3.
Ist es Absicht, daß die Titelseite vom 22.07.1944 als pdf unleserlich ist?
Michael Müller, 13.01.2009
4.
Ist eben nicht so einfach! NS Sells... nein, es ist nicht NS sells sondern erlebbare Geschichte die hier möglicherweise verkauft! Wenn ja, wäre es meiner Meinung nach ein Erfolg! Hier ist es möglich Artikel zu lesen, die geschrieben sind ohne das Wissen, welches wir heute besitzen!!! Es Ist teilweise Erschütternd und unglaublich... Ja, teilweise wirklich bitter!! Außerdem sollte man beachten das jeder Ausgabe drei Zeitungen bei liegen! Politisch links, mitte und rechts!! Also kann man nicht sagen das es einseitig wäre! Ich finde es spannend!
Tom Buntrock, 14.01.2009
5.
Wenn man sich heute mit seinen Mitmenschen über das Dritte Reich unterhält, gehen die meisten davon aus damals selbstredend in den Widerstand gegangen zu sein. Ich denke, dass ich, aufgewachsen unter den selben Bedingungen wie mein Großvater, auch Offizier geworden wäre, unabhängig von meiner politischen Anschauung. Zeitungszeugen gibt uns die Möglichkeit anhand der Original-Zeitungen selber zu überdenken, welches Bild wir uns damals, ohne das Wissen von heute, gemacht hätten. Grandios!
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