Medien Weiter Streit um Nazi-Nachdrucke

"Zensiert" - mit diesem Aufdruck auf dem Titel, dafür ohne beigelegte Nachdrucke von NS-Zeitungen ist die dritte Ausgabe des umstrittenen Blatts "Zeitungszeugen" erschienen. Trotz des Teilrückzugs glaubt Verleger Peter McGee, die besseren juristischen Argumente zu haben - und verteilt schon mal Gutscheine für komplette Ausgaben.

Zeitungszeugen

Der Zusatz auf dem Cover der aktuelle Ausgabe der Zeitschrift "Zeitungszeugen" ist als Anklage gemeint: "Zensiert" prangt dort in großen roten Lettern unter dem Titel. Das umstrittene Projekt des britischen Verlegers Peter McGee, wöchentlich nachgedruckte Zeitungen aus der NS-Zeit mit historischer Kommentierung an die Kioske zu bringen, hat eine turbulente Woche hinter sich.

Nachdem das Bayerische Finanzministerium als Rechteinhaber den Nachdruck vergangene Woche untersagt hatte und zudem Strafantrag wegen der Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen stellte, ruderte Initiator McGee diese Woche zurück - ein klein wenig jedenfalls: Die dritte Ausgabe der "Zeitungszeugen" erschien ohne eine faksimilierte Zeitung aus der NS-Zeit.

Mit dem "Zensiert"-Aufdruck will Verleger McGee allerdings klarmachen, dass es sich um einen taktischen Rückzug handelt. In seinen Augen geht der Streit nicht um Urheberrechte oder NS-Symbole, sondern um die Freiheit der Presse. Der Nachdruck von NS-Publikationen sei durch die wissenschaftliche "Zitatfreiheit" gedeckt, so McGee: "Wir führen das Projekt fort und bemühen uns zugleich um eine abschließende wissenschaftliche Klärung."

Die aktuelle, beilagenlose "Zeitungszeugen"-Augabe Nummer 3 wird zu einem reduzierten Preis verkauft und enthält außerdem einen Gutschein für die vollständige Ausgabe inklusive aller Beilagen. "Die bekommen die Leser dann, wenn alle Rechtsfragen geklärt sind", erklärte McGee. Bis dahin werde es keine Nachdrucke von Veröffentlichungen mehr geben, die zu einer Konfrontation mit der bayerischen Staatsregierung führen könnten.

Juristisch stützt sich der "Zeitungszeugen"-Initiator auch auf ein Gutachten des Berliner Urheberrechtsexperten Professor Bernd Heinrich, nach dem der Abdruck durch die wissenschaftliche Zitatfreiheit gedeckt ist. Als "wissenschaftliches Großzitat", so die Linie der "Zeitungszeugen"-Macher, dürften auch ganze Werke wiedergegeben werden.

Das strafrechtliche Vorgehen der Bayern, hinter das sich vergangene Woche auch der Zentralrat der Juden gestellt hatte, hält McGee für abwegig. Dokumente mit Hakenkreuzen oder anderen NS-Symbolen, die vor Gründung der Bundesrepublik angefertigt worden seien, heißt es in einer vom Verlag verbreiteten "Zusammenfassung der Rechtsfragen", würden als sogenannte "vorkonstitutionelle Schriften" nicht unter das Strafrecht fallen. Das gelte insbesondere, wenn sie "ohne weiteres erkennbar der Berichterstattung über Vorgänge der Geschichte" dienten.

Der renommierte Historiker Hans Mommsen wandte sich gegenüber SPIEGEL ONLINE ausdrücklich gegen die Kritik des Generalsekretärs des Zentralrats der Juden, Stephan Kramer, "Zeitungszeugen" liefere "Kopiervorlagen für Nachwuchsnazis". Es handelt sich "um seriöses Material, von dem Herr Kramer offensichtlich nichts versteht", erklärte Mommsen, der auch im 19-köpfigen Beirat des Projekts sitzt. Dass mit den "Zeitungszeugen" nationalsozialistisches Gedankengut verbreitet werde, sei "doch absurd". Die Nachdrucke seien ein wertvolles Instrument, um Zeitgeschichte zu verstehen. "Der direkte Zugang zu den damaligen Tagesblättern gibt einen einmaligen Einblick in die damalige Lebenswelt." Das Vorgehen der bayerischen Behörden hält Mommsen für "eine Justizgeschichte dümmster Art."

Das bayerische Finanzministerium wollte zu der neuen Entwicklung nicht Stellung nehmen, seine Position sei unverändert.

hmk/tht

Mehr zum Thema


insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Michael Schmidt, 29.01.2009
1.
Ich habe mir die vorherige, bereits in Beschlagnahme begriffene Ausgabe gekauft. Es ist sehr interessant, endlich mal die bekannten Artikel im Zusammenhang mit dem restlichen Geschehen und vor allem in verschiedenen Sichtweisen aus den drei Zeitungen "Vorwärts", "Vossische Zeitung" und dem "Völkischen Beobachter" zu lesen. Das einzige, was ich merkwürdig fand, war das DIN-A3 Poster in der Mitte der Zeitung "Zerstampft den Kommunismus, zerchmettert die Sozialdemokratie...wählt Hitler" Als Poster? Soll sich das jemand an die Wand hängen?
Dirk Landau, 31.01.2009
2.
McGee? Kenn ich nicht, die Ziele ebenfalls unbekannt, aber dieses Projekt wirkt interessant und birgt Potential für geschichtlich Interessierte - zudem das Material kommentiert ist. Schlimm wäre es aber, wenn die Leser dann die von uns Deutschen so lieb gewonnene, weil bequeme, Sichtweise ad acta legen müssten, dass dieser Hitler und seine Verbrecherkumpanen das deutsche Volk quasi hypnotisiert hätten; Dem war nicht so! Denn immerhin musste ein damals starkes Bürgertum überzeugt werden und mit welchen Mitteln aus welcher Stimmung heraus ist ein Aspekt, den die deutsche Geschichtswissenschaft gerne dem heutigen "Volke" vorenthält. Siehe dazu auch die Anfeindungen gegen , z. B., Götz Aly, der genauso nichts anderes versucht hat, als die Vorkommnisse und das durchaus schmerzhafte Warum ohne diese Dämonisierung zu durchleuchten. Unumwunden muss man also McGee zustimmen: Zensur!! (s. dazu GG 5.1) - unter dem üblichen Deckmäntelchen der "Urheberrechte" der Bayern.
Thomas Gröhn, 31.01.2009
3.
Kann mich dem nur Anschliessen. Das Lesen der ersten beiden Ausgaben war wirklich sehr interessant vor allem im direkten Vergleich der Schreibstile und des gesetzten Fokus der unterschiedlichen Zeitungen zu einem gleichen Erscheinungszeitpunkt. Das "Hitler-Poster" ist ein wenig ungeschickt plaziert worden. Mir hätte es mit meinem Ansinnen für authentische Informationen persönlich gereicht, einen kleineren Nachdruck mit z.b. einem Queraufdruck "Nachdruck für wissenschaftliche Zwecke" zu haben. Das ganze im Posterformat kratzt schon ein wenig an der Intention nur zu Aufklärungszwecken zu veröffentlichen. Als Leser fühle ich mich durch die Zensur der aktuellen Ausgabe regelrecht entmündigt. Ich möchte selbst entscheiden können, wie ich einen Text oder eine ganze Zeitungsausgabe interpretiere, auswerte und bewerte. Wenn das Zeigen eines Hakenkreuzes, das Nennen des Namens der nicht genannt werden darf oder das Nachdrucken "böser" Texte dazu führen, dass man Angst vor politischen Umstürzen und Rückkehr in alte Zeiten hat, sollte man sich überlegen, welches Bild man eigentlich heute von der Mehrheit der BRD-Bürger hat. Vielleicht hat man aber auch "Angst", dass die kleinen Dinge am Rande zu neuen Diskussionen führen. In den kürzeren Artikeln und auch in den Kleinanzeigen stehen natürlich neben profanen Dingen auch immer wieder Namen und Marken, die in mehr oder weniger positivem Zusammenhang mit den "Autoritäten" der damaligen Zeit standen. Z.B. gab es in der letzten Ausgabe im "Völkischen Beobachter" noch eine Werbeanzeige eines Getränkeherstellers, der heute noch als Marke bekannt ist. Zu dieser Zeit gab es noch die Wahl der Veröffentlichung in verschiedenen Medien, aber damals wie heute ist natürlich Werbung vor allem zielgruppenorientiert und versucht eine Identifikation mit einem Produkt zu erreichen. Vielleicht ist das Verbot auch ein Versuch Stillschweigen über die alten Dinge über "die genug geredet worden ist" zu verbreiten. Die großen Schlagzeilen kennt mittlerweile jeder, die kleinen Geschichten im Hintergrund allerdings nicht...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.