Medienereignis Mauerfall Die "Tagesthemen" in Bildernot

Medienereignis Mauerfall: Die "Tagesthemen" in Bildernot Fotos
Adriano Coco/Redaktion einestages

Wo bleiben die Ostdeutschen? Seit der historischen Nacht am 9. November 1989 gehen TV-Bilder um die Welt, auf denen jubelnde Menschenmassen aus der DDR strömen und begeistert von ihren Landsleuten im Westen umarmt werden. Als sich der erste Schlagbaum an der Bornholmer Brücke in Berlin hob, sah es dort aber ganz anders aus. Von

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Einsam, fast verträumt wie eine Dorfstraße, dämmert das Weddinger Ende der Bornholmer Straße in Berlin vor sich hin. Eine Frau führt an der Bornholmer Brücke, die in Wirklichkeit zu Ehren des hingerichteten Hitlergegners Wilhelm Böse, Bösebrücke heißt, ihren kleinen Hund Gassi. Es ist der 9. November 1989, kurz vor 21 Uhr. Wie es scheint, ein Abend wie jeder andere seit 28 Jahren, an dem hier über Nacht eine pulsierende Hauptstraße zum trostlosen Ende zweier Welten wurde. Und doch liegt noch etwas anders an diesem Abend in der Luft als der dumpf-feuchte Herbstgeruch von den Laubenkolonien diesseits und jenseits der Mauer.

"Sagen Sie", frage ich den Polizisten, der auf der funzelig beleuchteten Brücke kurz vor der weißen Demarkationslinie steht, "sind hier schon Ost-Berliner rüber gekommen?" "Nee", lässt mich der Uniformierte in seinem grünen Nylonanorak wissen. Und sein herablassender Tonfall gibt mir zu verstehen, wie verspinnert er mein Interesse empfindet. "Haben Sie denn nicht die Nachricht gehört, dass DDR-Bürger seit heute Abend unbürokratisch in den Westen dürfen sollen?" "Ja schon", sagte er und fängt doch noch an zu plaudern: "So gegen 20 Uhr gab's eine große Ansammlung vor dem ersten Schlagbaum. Die Menschen sollen dann aber zum nächsten Polizeirevier geschickt worden sein, um sich ein Visum zu holen."

Die kommen wieder! Das ist mir sofort klar. Die Reviere sind zu. Der Gang dort hin würde an diesem Abend, in dieser aufgewühlten Zeit, die letzte Anordnung sein, der zu folgen die Ost-Berliner bereit sein würden. Ein Blick von der erhöhten Brücke über die S- und Eisenbahngleise macht mich sicher: Bis weit hinter die Hochbahnbrücke der U-Bahn in der Schönhauser Allee fast bis Prenzlauer Allee strahlt ein Lichtermeer von Autoscheinwerfern auf die Mauer zu. Intuitiv spüre ich: Diese Menschenmassen werden nicht mehr aufzuhalten sein.

"Nimm mich mit!"

Die meisten West-Berliner sitzen zu dieser Stunde jedoch vorm Fernseher. Sie sind sich der Nähe des Mauerfalls nicht bewusst. In der ARD läuft das DFB-Pokalspiel Stuttgart gegen Bayern (3:0) - keine zehn Schaulustigen haben sich bislang an der Bornholmer Brücke auf der westlichen Seite eingefunden.

Mein Aufbruch an die Mauer hatte kurz nach 19 Uhr begonnen. Im Autoradio hörte ich die Pressekonferenz von SED-Politbüromitglied Günter Schabowski. Bei Schabowskis Gestammel um 18 Uhr 55: "Jetzt, sofort", durchzuckt es mich blitzartig: Die Mauer ist auf! Da muss ich hin! Rein in eine Eckkneipe, ran ans Telefon und die Berliner Morgenpost anrufen. Meinen Bericht ankündigen.

Die Gäste, die mein Telefonat mithören, halten mich für völlig durchgedreht. Nur Nat Fleischer nicht, ein pensionierter Polizist. Er sagt: "Ich habe den 17. Juni erlebt und den 13. August, ich glaube Dir" und bittet: "Nimm mich mit."

"Nichts rührt sich."

Der damalige Chefredakteur der Berliner Morgenpost, Bruno Waltert, hält mein Vorhaben, an die Mauer zu fahren und auf deren Öffnung zu warten, für Unsinn. Durch seine Sekretärin lässt er mir mitteilen, dass vor morgen acht Uhr gar nichts passieren würde. Das habe er angeblich vom damaligen Regierenden Bürgermeister Walter Momper (SPD) erfahren, mit dem er gerade am Rande der Verleihung des Goldenen Lenkrades im Axel-Springer-Verlag gesprochen hatte.

Mein Glaube an die bevorstehende Maueröffnung ist da jedoch nicht mehr zu erschüttern. Mein erstes Ziel ist der Grenzübergang Invalidenstraße. Dort haben internationale TV-Teams und auch die ARD schon hohe Scheinwerferkräne und Kameras aufgebaut. Der Polizeiposten an der vordersten Linie versichert mir aber, dass sich auf der anderen Seite "nichts rührt."

Es ist mittlerweile 20 Uhr 30. Da kommt mir der Gedanke, dass die Ost-Berliner, sollten sie Schabowskis Worte ebenso verstanden haben wie ich, dort zur Mauer strömen würden, wo sie dicht besiedelte Bezirke durchtrennt. Meine nächstliegende Hoffnung: Die Bornholmer Brücke. Diese Überlegung teile ich beim Wegfahren auch den wartenden Reportern mit. Sie sind mit ihrer schweren Technik aber viel zu unbeweglich, um noch kurzfristig den Standort wechseln zu können.

"Da kommen welche!"

Ungefähr um 21 Uhr kommen wir an der Bornholmer Brücke an. Gähnende Leere. Im fahlen Licht unter den massigen Brückenbögen ist nichts von dem Geschehen hinterm Schlagbau zu sehen. Immer öfter ist von den wenigen Schaulustigen zu hören: "Die lassen die nicht durch."

Um 21 Uhr 25 ein ungläubiges Raunen: "Da kommen welche." Tatsächlich. Die ersten Ostdeutschen, die seit dem 13. August 1961 ohne Antrag, ohne Visum, ohne Todesangst die Mauer durchschreiten können, laufen plötzlich auf uns zu. Mit Freudentränen fallen sie uns auf der weißen Linie der Sektorengrenze zwischen Prenzlauer Berg und Wedding um den Hals. Unter den etwa zehn Ankömmlingen ein Ehepaar aus dem damaligen DDR-Bezirk Neubrandenburg. Jubelnd schwingt das Paar eine Sektflasche.

Überglücklich und stolz, wie in Trance, halten die Mecklenburger uns ihre Ausweise entgegen. Über den Passbildern prangt deutlich ein frischer Stempel "Güst Bornholmer Straße". Den hatten ihnen Kontrolleure von der

Grenzübergangstelle (Güst) noch verpasst - das letzte Aufbäumen der DDR-Staatsmacht gegen den in dieser Stunde beginnenden Mauerfall. Denn als sich immer mehr Menschen gegen die ersten Sperranlagen drängen, die Situation immer mehr außer Kontrolle gerät, erhält die Grenztruppe telefonisch die Weisung: Aufsässigste aus der Menge greifen, Stempel aufs Lichtbild drücken und Niemanden mit diesem Zeichen je wieder in die DDR lassen.

"Wir fluten jetzt."

Etwa 200-Personen-lang halten die Grenzposten die Ad-hoc-Ausweisungen durch. Dann öffnet der Oberstleutnant der DDR-Volksarmee Harald Jäger Punkt 22 Uhr eigenmächtig den Schlagbaum, weil Zigtausende immer bedrohlicher drängen. "Wir fluten jetzt", so seine historische Entscheidung.

Bald tuckern die Wartburgs und Trabants nicht mehr nur Stoßstange an Stoßstange gen Westen, sondern in umgekehrter Richtung. "Wir wollen nur testen, ob wir tatsächlich rüber und wieder zurück dürfen", klärt mich einer auf.

Jetzt will ich sehen, was inzwischen an der Invalidenstraße passiert ist. Welch' ein Unterschied nach dem Wahnsinnserlebnis vor wenigen Minuten an der Bornholmer Brücke. Die Stimmung an der Sandkrugbrücke ist gedämpft, ja enttäuscht. Die Mauer ist noch zu. Nur ARD-Reporter Robin Lautenbach ist in hektischer Aufregung. Und aus einem Lautsprecher im Übertragungswagen ist die ungeduldige Stimme von Tagesthemen-Moderator Hanns Joachim Friedrichs zu hören, der in seiner Sendung um 22 Uhr 30 das Sensationsinterview mit den ersten DDR-Ankömmlingen präsentieren möchte.

ARD in Bilder-Not

Als um 22 Uhr 42 immer noch keine Ost-Deutschen gekommen sind, beginnt Friedrichs die Tagesthemen mit den Worten: "Die Tore in der Mauer stehen weit offen..." Doch Live-Bilder dieses Jahrhundertereignisses gibt es immer noch nicht. Stattdessen wird ein aufgezeichneter Bericht vom Brandenburger Tor eingespielt. Einsam steht der Reporter davor. Noch jubeln keine Menschen auf der Mauerkrone.

Ungläubig, ja fast verärgert, hört das ARD-Team währenddessen unsere Schilderungen von der Bornholmer Brücke. Und in der Live-Bilder-Not machen die TV-Reporter meinen Begleiter Nat Fleischer zum Mann des Tages. So berichtet der Ur-Berliner um 22 Uhr 50 einem Millionenpublikum, wie er kurz zuvor, wenige Autominuten entfernt, tatsächlich das Wunder der Maueröffnung erlebt hat und von überglücklichen Ost-Deutschen unter Freudentränen umarmt worden war. Die Mauer hinter ihm war da immer noch zu.

Zwar gehen von dieser historischen Nacht Fernsehbilder um die Welt, die zeigen, wie Berlins Regierender Bürgermeister Walter Momper jubelnde Ost-Berliner an der geöffneten Mauer in der Invalidenstraße begrüßt. Doch der Schein trügt. Momper, Markenzeichen roter Schal, fuhr erst viel später gezielt zu diesem Übergang, weil dort die wichtigsten internationalen TV-Teams auf die sensationellen Bilder vom ersten Loch in der Mauer gewartet hatten - wenn auch erfolglos.

"Sofort aufstehen!"

Vom ebenfalls noch geschlossenen Ausländer- und Diplomatenübergang Checkpoint Charlie in der Friedrichstraße telefoniere ich meine Freundin aus dem Schlaf: "Wenn du eine historische Nacht erleben willst, musst du sofort aufstehen!", kriege ich sie wieder aus dem Bett. Mitternacht ist schon vorbei, als ich sie in Charlottenburg abhole.

Die menschenleeren Straßen auf dem Weg nach Wedding lassen nichts von den revolutionären Veränderungen ahnen. Erst an der Prinzenallee herrscht ein heilloses Verkehrschaos. Zu Fuß kämpfen wir uns von dort entgegen dem Menschenstrom zur offenen Mauer durch. Um 0 Uhr 40 drängeln wir uns auf der Bornholmer Brücke nach Osten. Denn, so denke ich, was für die Ost-Berliner gilt, muss nun auch für West-Berliner möglich sein.

Es klappt. Freundlich grüßt der Grenzposten und lässt uns ohne Kontrolle durch. Mir fällt auf, dass die Soldaten unbewaffnet sind. Nur zusammengerollte Wasserschläuche an den Hydranten lassen vermuten, dass es Pläne gegeben haben muss, die anstürmenden Menschenmassen unblutig zu stoppen.

Angst und Bange wird mir, als ich sehe, wie zwei angetrunkene junge Männer die DDR-Fahne vom Mast holen und darauf herumtrampeln. Niemand schreitet ein. Wie leicht hätte es dadurch in dieser glücklichen Nacht zu einer Katastrophe kommen können.

Dame im Nachthemd

Gegen zwei Uhr beobachte ich unterhalb der Brückenrampe, auf dem neonlichtüberfluteten Autokontrollgelände eine Szene, die sich mir unauslöschlich einprägen wird: Eine alte Dame im Wintermantel, mit einem knöchellangen Nachthemd darunter, spaziert, gebückt und eingehakt bei einer jungen Frau, sichtbar glücklich auf dem bisher verbotenen Gelände umher.

Vielleicht hatte sie jahrzehntelang von ihrem Fenster aus sehnsüchtig auf die verbarrikadierte Brücke geschaut und sich dabei daran erinnert, wie sie als junges Mädchen mit wehendem Rock von einer zur anderen Seite hin- und her gerannt war. Jetzt braucht sie nicht mehr länger davon zu träumen, endlich wieder ungehindert von Berlin nach Berlin gehen zu dürfen - in dieser Nacht erfüllt sich der große Traum.

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