Medizin-Skandal Todesstudie von Tuskegee

Medizin-Skandal: Todesstudie von Tuskegee Fotos

Es war ein schockierender Menschenversuch: 1932 startete in den USA die Tuskegee-Studie. An Syphilis erkrankte afroamerikanische Landarbeiter hofften auf Hilfe - und wurden Opfer eines grausamen Experiments. Denn die Regierungsärzte heilten nicht, sie sahen den ahnungslosen Menschen beim Sterben zu. Von Johanna Lutteroth

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Durch Zufall schnappte Peter Buxtun im Herbst 1965 beim Mittagessen einen Gesprächsfetzen auf, der sein Leben verändern sollte. Ein Kollege des jungen Sozialarbeiters und Epidemiologen sagte: "Als der Mann wahnsinnig war, brachte man ihn zu einem Arzt außerhalb von Tuskegee." Buxtun wurde neugierig und hörte weiter zu: "Der Arzt erkannte sofort, dass der Mann an Syphilis im Endstadium litt. Er verschrieb ihm Penicillin - und bekam deshalb furchtbaren Ärger von der Seuchenschutzbehörde. Ihm wurde vorgeworfen, er habe jemanden behandelt, der nicht behandelt werden durfte. Kein Wunder, er wusste nichts von der Studie."

Peter Buxtun, der damals für den staatlichen Gesundheitsdienst (PHS) Syphilis-Kranke in den Problemvierteln San Franciscos behandelte, sah seine Kollegen fassungslos an. Warum hatte dieser Mann nicht schon vorher Penicillin bekommen? Seit den vierziger Jahren wurden Syphilis-Kranke damit nicht nur behandelt, sondern auch geheilt. Und was für eine Studie? Warum verbot die Seuchenschutzbehörde eine Behandlung? Entrüstet quetschte er seine Kollegen weiter aus. Was er daraufhin zu hören bekam, zerstörte nicht nur sein Weltbild. Er verlor auch sein Vertrauen in den PHS - und kündigte 1967 schließlich seinen Job.

Denn jener Wahnsinnige, von dem seine Kollegen gesprochen hatten, war Opfer des längsten und grausamsten Menschenversuchs, den es je unter staatlicher Aufsicht in den USA gegeben hat: Um den Verlauf einer unbehandelten Syphilis ungestört beobachten zu können, schottete der PHS zwischen 1932 und 1972 insgesamt 399 syphiliskranke Afroamerikaner aus Macon County in Alabama mit perfiden Methoden von allen gängigen Therapien ab. Offiziell hieß das Experiment "Tuskegee-Syphilis-Studie". In Wirklichkeit war es ein staatlich verordnetes qualvolles Sterben, dem Behörden und Regierungsärzte ungerührt zusahen.

Ein geschlossenes Laboratorium

Ungebremst fraß sich die Syphilis jahrzehntelang durch die Körper der 399 Probanden. Mit grauenhaften Folgen: Bleibt die Krankheit unbehandelt, können sich überall im Körper entzündliche Wucherungen bilden, die schließlich das Herz angreifen können. Irgendwann ist auch das Nervensystem betroffen. Die Menschen leiden unter Lähmungen, erblinden und werden schließlich wahnsinnig.

Wie menschenverachtend das Experiment war, offenbart ein Brief, den Oliver Wenger, einer der Studienleiter, an seinen Kollegen Raymond Vonderlehr schrieb, der die Studie von Tuskegee aus koordinierte: "So wie ich das sehe, haben wir kein weiteres Interesse mehr an diesen Patienten, bis sie sterben." Letztlich ging es ihnen nur um die Autopsie der Leichen, um bis ins kleinste Detail zu sehen, was die Syphilis im Körper anrichtet.

Im November 1965 machte Buxtun seiner Empörung über das menschenverachtende Experiment in einem internen PHS-Bericht Luft: "Warum sollten Forscher in aller Ruhe den Tod unbehandelter amerikanischer Syphilispatienten abwarten, wenn sie doch eigentlich nur die Arbeit irgendeines Arztes aus Dachau kopieren?" Doch sämtliche Kollegen im PHS winkten ab, wie Susam M. Reverby in ihrem 2009 erschienenen Buch "Examining Tuskegee" schrieb. Alles habe seine Ordnung, hieß es. Buxtun stellte schnell fest, das nichts in Ordnung war. Denn Wenger und Vonderlehr hatten den 399 Männern nicht nur verschwiegen, dass sie an fortgeschrittener Syphilis litten - sie verheimlichten den Probanden auch, dass sie Teil eines grausamen Experiments waren.

In Macon County lebten Anfang der dreißiger Jahre hauptsächlich bettelarme Landarbeiter. Die meisten waren Analphabeten. Ein Drittel der Bevölkerung litt an Syphilis - ohne es zu wissen. Denn einen Arztbesuch konnten sie sich nicht leisten. Also kurierten sie die Symptome mit Hausmitteln. Aus Sicht von Vonderlehr und Wenger waren das ideale Voraussetzungen für ihre Studie: Die Gegend war eine Art "geschlossenes Laboratorium mit Hunderten von syphiliskranken Schwarzen im medizinischen Urzustand - nämlich unbehandelt", wie es der SPIEGEL 1981 formulierte. Eiskalt und berechnend nutzten die beiden Ärzte die Unwissenheit der Menschen aus.

"Keine moralischen Bedenken"

1932 durchkämmten Wenger und Vonderlehr auf der Suche nach Probanden Macon County und köderten kranke Landarbeiter mit dem Versprechen, sie kostenlos zu behandeln. Sie gaukelten den ahnungslosen Menschen vor, sie würden an "schlechtem Blut" leiden. Unter Afroamerikanern war das ein Sammelbegriff für verschiedene chronische Leiden und als Diagnose durchaus akzeptiert. Also fanden sich bald genug, die sich "behandeln" lassen wollten.

Gutgläubig und voller Vertrauen kamen sie regelmäßig zu den anberaumten Untersuchungen ins John Andrew Memorial Hospital in Tuskegee und schluckten die Placebos und Aspirin, die ihnen die Ärzte verabreichten, um den Schein der Behandlung zu wahren. Keiner von ihnen ahnte, dass sie in Wahrheit menschliche Versuchskaninchen waren.

Obwohl Buxtun innerhalb des PHS nichts erreichen konnte, um die Studie zu stoppen, gab er nicht auf. 1966 beschwerte er sich schriftlich bei der US-Seuchenschutzbehörde. Auch hier wimmelte man ihn ab. Das Experiment werde "bis zu seinem projektierten Ende" weitergeführt, also bis zur Autopsie des letzten Probanden, hieß es dort. Als er drei Jahre später noch einmal nachhakte, teilte die Behörde ihm mit, man habe "keine moralischen Bedenken".

Ein Experiment entgleist

Tatsächlich war das Programm in Macon County 1929 unter überaus positiven Vorzeichen gestartet. Die Rosenwald-Stiftung, die sich vor allem für eine bessere Gesundheitsversorgung und Bildung der Afroamerikaner einsetzte, finanzierte das Projekt unter der Maßgabe, dass die Syphilis-Kranken aufgeklärt und behandelt werden. Damals gab es zwar noch kein Penicillin, aber mit dem arsenhaltigen Salvarsan waren beachtliche Erfolge erzielt worden. Die Syphilis sollte in Alabama gänzlich ausgerottet werden. Doch der Börsencrash 1929 brachte auch den Rosenwald-Fund in finanzielle Schwierigkeiten. Er konnte die Studie nicht mehr finanzieren und übergab sie dem PHS. Damit nahm das Unheil seinen Lauf.

Anstatt das "Macon-County-Projekt", wie es anfangs hieß, im Sinne des Rosenwald-Funds weiter zu führen, machte der Gesundheitsdienst daraus 1932 die "Tuskegee-Syphilis-Studie", die in die Medizingeschichte einging als "das längste nichttherapeutische Experiment mit Menschen", wie es James H. Jones in seinem 1981 erschienenen Buch "Bad Blood" formulierte. Hauptverantwortlich für die Entgleisung des Projekts waren Vonderlehr und Wenger.

Schon die Grundannahme der beiden Ärzte war von tiefem Rassismus geprägt: Beide glaubten, dass sich die Syphilis bei Schwarzen anders auswirkt als bei Weißen. Bei Weißen, so die These, seien eher das Gehirn und das Nervensystem betroffen, bei Schwarzen die Herzkranzgefäße, weil das Gehirn für eine gravierende Schädigung zu wenig ausgebildet sei. Wenger und Vondelehr fanden schließlich gewichtige Fürsprecher in der staatlichen Gesundheitsbehörde, die ihr absurdes Forschungsvorhaben über Jahrzehnte bedingungslos unterstützten. Keiner fragte, welcher therapeutische Nutzen sich daraus ergeben könnte. Letztlich ging es darum, belegen zu können, dass Weiße und Schwarze sich nicht nur in der Hautfarbe unterschieden.

Moralisch nicht mehr vertretbar

Selbst als 1942 die ersten Syphilis-Fälle mit Penicillin geheilt wurden und der PHS Mitte der vierziger Jahre das Medikament als Standardtherapie genehmigte, dachte keiner an die Versuchskaninchen von Macon County. Im Gegenteil: Vonderlehr und Wenger achteten akribisch darauf, ihre Probanden gegen jeden Einfluss von außen abzuschirmen. Sie durften in kein anderes Krankenhaus gehen und keine anderen Ärzte konsultieren. Es galt um jeden Preis zu verhindern, dass sie das lebensrettende Penicillin in die Hände bekamen. Die Götter in Weiß nahmen ihnen jede Chance auf Heilung. Und der PHS spielte mit, obwohl der Sinn des Experiments angesichts einer wirksamen Therapie noch fragwürdiger wurde.

Wichtigster Verbündeter in diesem abgekarteten Spiel war die schwarze Krankenschwester Eunice Rivers, die mit viel Energie für den reibungslosen Ablauf der Studie sorgte. Sie kannte jeden einzelnen Probanden persönlich und genoss großes Vertrauen. Regelmäßig holte sie die Männer zu den Untersuchungen in der Universitätsklinik ab und überzeugte sie wenn nötig, sich nicht in die Hände anderer Ärzte zu begeben. Es gelang ihr auch fast immer, von den Angehörigen die Genehmigung für die Autopsie einzuholen. Bis zum Ende war sie die Seele des Experiments.

Weil alle seine Versuche scheiterten, dem Treiben von Tuskegee auf offiziellem Weg ein Ende zu bereiten, weihte Buxtun 1972 schließlich die Journalistin Jean Heller in seine Rechercheergebnisse ein. Zu diesem Zeitpunkt lebten nur noch 74 der Männer, die 40 Jahre zuvor für das Experiment rekrutiert worden waren. Der Rest war bereits verstorben. Am 25. Juli 1972 veröffentlichte Heller schließlich im "Washington Evening Star" ihren Artikel unter dem vergleichsweise nüchternen Titel "Syphilis-Patienten starben unbehandelt". Welche Lawine der Artikel ins Rollen brachte, hätte selbst Buxtun nicht erwartet.

"Ekelerregende Gefühllosigkeit"

Die Nation befand sich im Schockzustand. Sämtliche US-Zeitungen berichteten am nächsten Tag über die Tuskegee-Opfer. Der Vergleich mit den Menschenversuchen in deutschen Konzentrationslagern war in aller Munde. Ein New Yorker Journalist fasste die allgemeine Fassungslosigkeit treffend zusammen: "Wie ist eine solch ekelerregende Gefühllosigkeit außerhalb Nazi-Deutschlands überhaupt möglich?" Die Öffentlichkeit hatte sich innerhalb kürzester Zeit eine klare Meinung gebildet: Die Studie war nicht nur unmoralisch, sondern auch zutiefst rassistisch. Denn welchem Weißen wäre jemals über Jahrzehnte die rettende Penicillin-Behandlung vorenthalten worden?

Sowohl der PHS als auch die Seuchenschutzbehörde gerieten mächtig unter Druck und setzten einen Untersuchungsausschuss ein, der den Tuskegee-Fall bewerten sollte. Der Ausschuss brauchte volle drei Monate, um den Abbruch der Studie zu beschließen. Endlich, nach sieben Jahren zähen Kampfes, hatte Buxtun sein Ziel erreicht. Die Bürgerrechtsorganisation NAACP erstritt mit Hilfe des Staranwalts Fred Gray, der schon Martin Luther King vertreten hatte, vor Gericht schließlich außerdem eine Entschädigung von neun Millionen US-Dollar für die Überlebenden und eine lebenslange kostenlose medizinische Versorgung für die Opfer und ihre Familien.

Für sein menschenverachtendes Verhalten zur Rechenschaft gezogen, wurde jedoch keiner der Verantwortlichen der "Tuskegee-Syphilis-Studie". Und am Ende bestätigte sich, was sich von Anfang an abgezeichnet hatte: "Durch keines der Ergebnisse wird auch nur ein einziger Fall von infektiöser Syphilis verhindert, entdeckt oder besser behandelt", zog ein Arzt des PHS das Resümee der grausamen Studie.

Zum Weiterlesen:

Susan M. Reverby: "Examining Tuskegee: The Infamous Syphilis Study and Its Legacy (John Hope Franklin Series in African American History and Culture)." University of North Carolina Pr, 2009, 384 Seiten.

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1.
Ingvar Groenlaender 07.06.2012
Kann man die überlebenden Leiter dieser Studie - sofern vorhanden - nicht immer noch anklagen?
2.
Brigitte Arnold 07.06.2012
Ich spüre eine unbändige Lust nach Amerika zu gehen und einen Verantwortlichen zu erschiessen!
3.
Simone Schmidt 08.06.2012
Ich könnte kot... - vor allem weil immer alle so empört auf Nazi-Deutschland zeigen. Aber seit ich das Buch "Saat der Zerstörung" von F. William Engdahl gelesen habe, wundert mich kaum noch etwas. Sehr erschreckend, aber auch sehr empfehlenswert, wie ich finde. Da sieht man manches mit anderen Augen. Das beschriebene Experiment war nicht das einzige, das die Amerikaner durchgeführt haben.
4.
Klaus Wolf 08.06.2012
So macht man einzelne Ausführende verantwortlich für einen Befehl von oben, der noch viel Schlimmeres bewirkt hat. Lausiger Artikel.
5.
Hans Bartl 08.06.2012
Dies ist nicht der einzig "KZ Arzt Mengele Versuch" den die USA durchführte. Bis in die späten 60-er wurden mehr als 160 Schwangere gezielt radioaktiv verseucht um die Auswirkungen auf Ungebohrene zu "erforschen". Reparationszahlungen wurden nie geleistet. Nach Ende des Weltkrieges wurde japanischen KZ Ärzten Straffreiheit zugesichert, wenn diese ihr "medizinisches Fachwissen" der tödlich endenden Menschenversuche den USA zur Verfügung stellten. Hat man je davon gehört dass die USA für solche Verletzungen der Menschenrechte zur Rechenschaft gezogen wurden ??!!
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