Mein 11. September Nichts geht mehr

Wildes Jaulen, hektisches Blinken und immer wieder Schreie - Alltag in der Münsteraner Spielothek, in der Michael Wildberg als Student jobbte. Auf einestages erinnert er sich an den Tag, an dem in New York Flugzeuge ins World Trade Center stürzten - und die Spielhölle verstummte.

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Montag, 10. September 2001, 6-Uhr-Schicht.

Körper irren durch Rauchschwaden. Wie konzentrierte Hochleistungssportler hasten sie zwischen den Automaten hin und her, Gestalten, die in Blaumännern schon frühmorgens ihr Gehalt, die Rente und das Leben verzocken. Chefs kleiner Firmen, fernab geblieben von Baustelle und Familie, manche von ihnen mit vier Automaten alleine. Sie schieben kleine Plättchen mit lachenden Sonnen zwischen die Knöpfe, um die Hochrisikospiele zu spielen. "Unter 100 Sonderspielen mach ich es nicht", wird einer von ihnen sagen und sich den nächsten 50-Mark-Schein in Münzen eintauschen lassen, bevor es wieder ins Spiel und die Rauchschwaden geht.

Im Bistro hängen Menschen mit aschfahlen Gesichtern an der Theke herum und starren gelangweilt dem Fernsehbildschirm entgegen, ein paar Asiaten verschanzen sich in der Ecke und entwickeln absurde Theorien über das Verhalten der Spielautomaten. Überall zucken Laufschriften und kündigen die nächsten Gewinnchancen an. Die Sonne ist aus diesen Gefilden schon längst verschwunden. Kein einziger Strahl dringt von irgendwoher in den Laden, das Licht kommt von Glühbirnen und Lampen, von Wänden und Decken und überall diese dümmlichen Melodien, die aus unzähligen Lautsprechern dringen, "Gewinne, Gewinne, Gewinne", während die meisten vor lauter Freude, Gier und Langeweile auch noch den nächsten Lohnstreifen verspielen.

Der Jackpot wird ausgelöst und mit ihm ein wildes Jaulen. Eine Lampe dreht sich auf dem Automaten mit der gesprungenen Scheibe einsam um sich selbst und 345 Mark gehen an den glücklichen Sieger, Kaffee inklusive. Er nimmt das Geld mürrisch entgegen. "Direkt alles in Münzen", dann füttert er weiter seine morgendlichen Gefährten und gibt sich wieder den Drehscheiben hin.

"Gewinne, Gewinne, Gewinne"

Mary sitzt mit mir hinter der Scheibe. Wir tragen beide dieses bescheuerte Kostüm, sie eine gelb-schwarze Bluse, ich weißes Hemd, schwarze Hose, Krawatte. Drei- bis viermal pro Woche turne ich hier herum, mitten in Münster, vormittags der Versuch in Philosophie und Germanistik, in der Spielothek dann die Lebenslektionen. Ich starre auf den Überwachungsbildschirm und beobachte Alex, den Kasachen. Ich beobachte Roman, den Jugoslawen und Can, den Türken. Ich beobachte Fadenspieler, wie sie uns reinlegen wollen und Menschen, die auf die Drehscheiben einschlagen, immer dieses Hoffen auf "Gewinne, Gewinne, Gewinne", und immer wieder nur Schreie und Schreie.

"Warum Menschen ihr Geld hier verspielen?", fragt Mary in gebrochenem Deutsch, während ich mir eine Zigarette anstecke und sie neuen Kaffee aufbrüht. Sie kommt aus Ghana, Namibia, Nigeria, irgendwo dort, hat sich hier einen Job besorgt für eine bessere Wohnung und eine bessere Zukunft. Einen Teil ihres Gehalts schickt sie über "Western Union" zurück in die Heimat, ihr Mann ist in Amerika und arbeitet dort. "Ich hoffen, mein Mann nicht spielen", sagt sie lachend. "In zwei Jahren ich wieder verschwinden, ich wieder nach Hause", sagt sie und nickt, glücklich, zufrieden, hier, wo sonst alle Träume zwischen den Drehscheiben verschwinden.

Mary erzählt mir, wie sie alle zwei Tage von einem Callshop aus mit ihrem Mann telefoniert, sie zeigt mir Fotos von ihm und ihren Kindern, "wir Familie, verstehst du". Dann macht sie sich auf ihre Runde, die Aschenbecher zu säubern, hinter ihr immer wieder dieses Gesäusel "Das ist aber eine Süße...", und "Na, du schwarze Perle", das Gelaber der Frustrierten, die hier nach und nach ihre Blaumänner durchschwitzen, um nachher zu erzählen, wie anstrengend ihnen dieses Dasein erscheint.

Dienstag, 11. September 2001, 16.30-Uhr-Schicht.

Um 14.45 Uhr sitze ich in meiner Wohnung. Im Hintergrund läuft Viva, ich lese in einem Buch und bereite mich auf die Schicht vor. Ich habe die Klamotten sortiert, das Hemd und die Hose, die Krawatte hängt noch im Laden. Irgendwann bricht das Bild weg, ich bemerke es nicht, erst die plötzliche Stille lässt mich hellhörig werden. Auf dem Bildschirm erscheint der Hinweis, auf die Nachrichtensender umzuschalten, die Kapelle spielt ihr Lied nicht zu Ende. Als ich durch die Kanäle wechsle, rauschen die Laufschriften vorbei, diesmal keine Gewinne, diesmal anscheinend Katastrophen und Tote.

Ich schalte auf N-Tv und sehe, wie der Nordturm des World Trade Center brennt. Ich höre Stimmen, die von Sportflugzeugen, von Passagiermaschinen erzählen, der Moderator in gefasster Haltung mit bebenden Lippen. Das Programm ist geteilt in Bild, Schrift und Stimme. Während die Kamera auf dem Monolithen verweilt, laufen die Informationen von links und rechts, erzählen die Experten von Terrorangriffen und durchdrehenden Maschinen, die nicht funktionierten, vom Nahen Osten, vom Irak, Iran und Afghanistan, von Nordkorea und Japan. Das Hirn arbeitet nicht mehr mit, der Körper verweilt in seiner Haltung, während die Mutmaßungen und Informationen sich wie Krater im Denken auftun.

Etwa eine Viertelstunde später sieht die Welt dabei zu, wie ein zweites Flugzeug in den Südturm einschlägt, wie es zielgerichtet über New York fliegt, wie es eine kleine Kurve einschlägt und dann im Monolithen verschwindet, bevor von da an der Aufschrei die Welt in eine neue Hackordnung einteilt. Das letzte Bild, das ich mit auf die Straße nehme, ist das Bild zweier brennender Türme.

Keine Gewinner, keine Verlierer

Es ist diese beängstigende Stille, die um sich greift. Auf dem Weg zur Arbeit fahre ich mit dem Bus, Männer und Frauen, die schweigen, manche nervös um sich blickend, andere beängstigend gefasst mit verschränkten Armen und starren Blicken, ins Nirgendwo oder auf die Fenster gerichtet. Im Körper nistet die Ahnung, sich im Krieg zu befinden, "So fühlt sich das also an", denke ich mir, ohne zu wissen, wie sich das anfühlt, ein Krieg.

Ich steige an der Hammer Straße aus, gehe über die Straße. Von der Tür aus kann ich ins Bistro sehen, wo die Männer in ihren Blaumännern verweilen, auf den Bildschirm starren, kein Gemurmel und kein Gekreische, keine Gewinner, keine Verlierer. Dichtgedrängt gruppieren sie sich um die Barhocker, machen Platz, wenn einer dazustößt, schließen mit kleinen Seitenschritten die Reihen, wenn ein anderer sich aus dem Pulk löst. Alex, Can und Roman stehen dort. "Das Pentagon wurde angegriffen", wispert der Kasache, während die anderen beiden etwas von Flugzeug vier, fünf und sechs erzählen, von Angriffen auf die Welt und anderen Katastrophen. Es ist immer noch das Bild mit den zwei brennenden Monolithen, die Laufschriften, die vom Terror berichten, die Moderatoren mit ihren bebenden Lippen.

Als ich durch die Halle gehe, bemerke ich nur verwaiste Geräte. Keine Lampe kündigt mehr vom Jackpot und großen Träumen, ein paar Eimer mit Münzen stehen an den Automaten, während halb aufgerauchte Zigaretten, hektisch liegengelassen, in den Mulden der Aschenbecher versinken und die Melodien der Spielgeräte noch dümmlicher klingen als sonst. Sie stehen alle im Bistro herum, die Körper heruntergefahren, die Hirne auf Hochtouren, stehen und gucken, drängen sich immer dichter aneinander. Und dann sehen wir dabei zu, wie der Südturm verschwindet, aus der Ferne ein ruhiges Ineinandersacken, sehen, wie sich anstatt Stahl und Beton eine Rauchwolke erhebt, in dem Turm versenktes Papier und geschmolzener Stahl, tausend zerstörte Leben und brennende Körper. „Ach du scheiße“, sagt Can. Der Rest ist nur Schweigen und Hände, die sich über Augen und auf die Münder legen, nichts sehen wollen, nichts sagen. Nur Stille.

"Ich muss sprechen meinen Mann!"

Ich sehe Mary dabei zu, wie sie hektisch auf das Telefon einschlägt. Wie sie immer wieder versucht, diese eine Nummer zu wählen. "Ich muss sprechen meinen Mann", sagt sie wie zur Entschuldigung, als ich neben ihr stehe, geistesabwesend und verwirrt, und nicht weiß, wie das funktionieren soll, dieser Tag und anschließend die Welt. Sie wartet auf ein Zeichen, alle Leitungen zusammengebrochen. Mary zittert am ganzen Leib, ihre Hände treffen kaum die Tasten. Dann versucht sie sich zu beruhigen, setzt sich auf den Mülleimer, erhebt sich kurz darauf und alles beginnt wieder von vorne, das Getippe und das "Ich muss sprechen meinen Mann" mit zitternden Lippen. Sie sieht jetzt selbst aus wie ein Spieler, der kurz seine Niederlage verdaut und dann doch alles wiederholt, jeden Ruck und jede Bewegung. Immer wieder tippt sie auf den Tasten herum, immer wieder dieselben gleitenden Finger, legt auf, nimmt ab und legt auf.

Minutenlanges Spiel, in seiner Verzweiflung absurd, auch in einer Viertelstunde wird sie niemanden in dieser Stadt oder sonst wo erreichen, wird nicht wissen, ob ihr Mann noch lebt und wo ihr Sohn sich befindet. Die Welt ist stillgelegt in diesem Moment, nur die Betroffenen sind in Hektik vereint, schreien und kreischen, um ihr Leben, um das ihrer Lieben, versuchen, etwas in Bewegung zu setzen, obwohl sich nichts mehr bewegt, versuchen Freunde und Bekannte zu erreichen, "muss sprechen" und können doch niemanden zum Sprechen bewegen.

Kein Flugzeug fliegt mehr über New York, kein Telefon ist mehr zu bedienen. Die Geräte und Straßen verwaist. "Mary, willst du nach Hause?", frage ich leise, lege meine Hand auf ihre Schulter, bemerke, wie bescheuert das klingt, sage "Geh bitte nach Hause", und nehme sie in die Arm, während sie schluchzt und wimmert, sich losreißt und zum Telefon eilt, während ein verzweifeltes Raunen aus dem Bistro die nächste Katastrophe verkündet, als der Nordturm in der Erde versinkt und mit ihm tausend weitere Leben. "Geh nach Hause", wiederhole ich, ohne zu wissen, wo das ist, ihr Zuhause, "Geh einfach nach Hause". Dann reihe auch ich mich ein zwischen die Menschen, stelle mich neben die Süchtigen und die Kaputten, neben die brennenden Körper und starre auf den Bildschirm, nicht wissend, ob die Welt in zehn Minuten einfach verschwindet, einfach so, alles aus und vorbei, keine Gewinne, dann nur noch eisige Stille, die niemand mehr hört.



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Lisa Sonne, 12.09.2011
1.
Ich glaube jeder kann sich ziemlich genau erinnern, wo er diesen Moment erlebt hat. Ich war im Research einer Bank und hab das zweite Flugzeug Live in den Turm fliegen sehen. Fassungslosigkeit überall!
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