Mein erster Besuch im Weser-Stadion Anfang und Ende zugleich

Mein erster Besuch im Weser-Stadion: Anfang und Ende zugleich Fotos
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Es war eine unglaubliche Erfahrung mit viel Körperkontakt: Als Neunjähriger besuchte Lars Wöhrmann 1987 zum ersten Mal ein Fußballspiel im Weser-Stadion. Im Einsatz: Rudi Völler - zum letzten Mal für Bremen. Völler schießt und jubelt. Und Wöhrmann kann sein Glück nicht fassen.

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Für mich war es eine Premiere, für Rudi Völler ein Abschied. Für mich war es der erste Besuch im Bremer Weser-Stadion, für Völler der letzte im Dress der Grün-Weißen. Ein absolut bewegender Nachmittag - auch wenn mir das damals noch nicht so bewusst war.

1987 waren die Sportstätten noch Sportstätten und meilenweit von den Multifunktionsarenen mit VIP-Logen und Farbanzeigentafeln entfernt. Die Kartenabreißer hatten noch Charme, die Getränke und Speisen waren bezahlbar und man konnte reguläre Karten im Vorfeld vollkommen stressfrei über die Vorverkaufsstelle kaufen. Dennoch - oder gerade deshalb? - fand ich es ganz faszinierend bei meinem ersten Besuch im Weser-Stadion am 17. Juni 1987.

Mein elf Jahre älterer Bruder, der Stammgast im Weser-Stadion war, hatte die Karten für unseren Vater und mich besorgt. Daher war von vorn herein klar, dass unser Platz in der Ostkurve sein würde. Die Ostkurve war und ist bis heute Heimat der Treuesten der Treuen. Hier wird die Stimmung gemacht, hier wird der Verein unterstützt, hier werden die grün-weißen Flaggen geschwenkt. Ich weiß noch ganz genau, wie ich von dieser kleinen Gruppe von Fans beeindruckt war, die mit schier unendlicher Stimmgewalt die Mannschaft unterstützte. Ich glaube, ich habe öfter zu diesen Fans geschaut als auf das Spielfeld - ich kannte Sprechchöre bis dahin nur aus den nicht ganz optimalen Lautsprecher unseres Telefunken-Fernsehers. Aber live war das ganz anders - Wahnsinn! Und ich mittendrin statt nur dabei.

Wow! Jubel, Gedränge - Panik!!

Werder musste im letzten Spiel der Saison 1986/1987 gegen den 1. FC Köln antreten. Für Köln - mit 35 Punkten ein echter Mittelfeldkandidat und jenseits von gut und böse, schließlich galt noch die Zwei-Punkte-Regelung - ging es um nicht mehr viel. Für Werder musste ein Sieg her, um nicht noch von Leverkusen von Platz fünf und dem damit verbundenen UEFA-Cup-Platz verdrängt zu werden. Es war ein bewölkter Tag - das weiß ich noch ganz genau, da die Ostkurve kein Dach hatte.

Die damaligen Teams waren mir trotz einer gewissen Fußballverbundenheit dank meiner fußballbegeisterten Familie und einem ersten vollständig gefüllten Panini-Album nicht ganz präsent. In erster Linie freute ich mich natürlich darauf, endlich einmal Rudi Völler live spielen zu sehen. Doch auch der blonde Wirbelwind Manni Burgsmüller, der aus der Sicht eines Neunjährigen unglaublich riesige Rune Bratseth sowie der schon für mich legendäre Dieter Burdenski hatten einen gewissen Reiz für einen Stadion-Neuling.

Das Spiel selbst war für mich äußerst aufregend. Die erste Halbzeit bestach durch Dynamik, Action und laute Fangesänge. Auch Tore gab es in den ersten 45 Minuten satt. Werder ging früh durch ein Tor von Frank Ordenewitz in Führung - wow! Ich war begeistert und verängstigt zugleich. Ein Tor live mitzuerleben war das eine - den Jubel, das Gedränge und die Verschiebung im Stehplatzbereich das andere. Eine leichte Panik überkam mich: Wo war eigentlich mein Bruder? Wieso stand nun dieser Typ mit Mütze und Kutte an dem Platz, wo vorher mein Vater stand? Nach leichten Irritationen fanden sich glücklicherweise beide wieder an.

Ein wenig leiser wurde es im Stadion nach dem Ausgleich in der 37. Minute durch einen gewissen Klaus Allofs. Die Ruhe hielt jedoch nicht lange an, denn nur drei Minuten später erzielte tatsächlich Rudi Völler in seinem letzten Spiel für Werder sein letztes Tor - und ich war live dabei. Auf den ausbrechenden Jubel war ich diesmal besser vorbereitet - wenn auch von einer Routine sehr, sehr weit entfernt. Ich sehe noch genau Rudi Völler vor mir auf dem Platz die Arme heben und ebenfalls jubeln - dieses Bild hat sich fest in mein Gehirn gebrannt. Ich selbst konnte mein Glück nicht fassen. Toll, einfach toll.

Wieder dieses Kribbeln

Die zweite Halbzeit entpuppte sich als vollständiger Langweiler - aus spielerischer Sicht. Bis auf eine Auswechslung - Thomas Schaaf ging, der spätere Weltmeister ohne eine Minute Spielpraxis Günther Hermann kam - spielte sich nicht mehr viel ab. Zeit für mich, das Stadion genauer zu betrachten. Es wirkte auf mich wie eine Baustelle, ein unvollendetes Werk moderner Architektur. Warum man ausgerechnet in dem Teil des Stadions, in dem die treuesten Fans standen, das Dach vergessen hatte, ergab für mich keinen Sinn. Wieso diese Anzeigetafel per Hand bedient wurde, obwohl Bilder von elektronischen Leinwänden aus dem Olympiastadion in München während der guten alten Sportschau mit "Guten Abend allerseits" Heribert Fassbender einen anderen Standard vermuten ließen, verstand ich nicht. Auch die Spieler waren viel kleiner als im TV, die Laufbahn zwischen Tribüne und Spielfeld kam mir vor der Bildröhre nie so breit vor.

Das Spiel endete tatsächlich 2:1 für Werder, Rudi verabschiedete sich mit einer Ehrenrunde und hielt lange vor der Ostkurve inne. Nach dem Spiel brachten Sonderbusse die Fans in die verschiedenen Stadtteile, und auch dieses Gedränge gehört zu meinen nachhaltigsten Eindrücken - genau wie die "Fachgespräche" im Inneren des Busses, die mich damals vermuten ließen, dass die meisten Anhänger über einen großen Fußballsachverstand verfügen mussten.

Das damalige Staunen ist teilweise in ein Kopfschütteln übergegangen. Heute, über 20 Jahre später, gehe ich noch immer ins Weser-Stadion, noch immer in die Ostkurve. Zwar habe ich den Steh- gegen einen Sitzplatz getauscht und mittlerweile gibt es ein Dach, aber selbst 2008 ist vieles wie 1987. Ich spüre immer noch dieses Kribbeln, das stetig steigt, wenn ich dem Stadion näherkomme. Ich bin nach wie vor von der Kulisse überwältigt und finde es faszinierend, die Menschen im Stadion zu beobachten. Sogar Thomas Schaaf und Klaus Allofs sind nach wie vor bzw. wieder mit von der Partie. Und Rudi Völler übergab in seiner Funktion als Teamchef 2004 Werder die Meisterschale. Irgendwie finden alle immer wieder den Weg ins Stadion. Und ich habe das Gefühl, sie kommen gerne wieder. Genau wie ich - ganz sicher beim nächsten Heimspiel.

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