Mein erster Besuch in der UdSSR Kalte Ohren und heiße Hotels

Kulturschock Russland: Als Detlev Crusius 1988 das erste Mal seinen Fuß auf Moskauer Boden setzte, fand er sich in einer fremden Welt wieder. So hatte er sich den Sozialismus nicht vorgestellt.

dpa

Es war Januar, als ich auf dem Flughafen Scheremetjevo landete. Eines Tages gegen Ende 1987 hatte mich ein Geschäftspartner gefragt, ob ich nicht Lust hätte, nach Moskau zu kommen. Und ob ich das hatte! Jetzt sah ich durch die beschlagenen Scheiben des Kabinenfensters auf eine weiß-grau verschneite Landschaft. Die Maschine kam zum Stehen, die Passagiere verließen über eine fahrbare Gangway die Maschine und gingen zum Bus, der uns zum Terminal bringen sollte.

Kälte ist nicht das richtige Wort für das, was mich auf dem kurzen Stück zum Bus erwartete. Es war eine trockene extreme Kälte, die Luft klirrte, schnitt in die Gesichtshaut, meine Lungen protestierten, die Nase verkrustete sofort, meine Ohren schmerzten.

Bis dahin hätte es jeder beliebige Flughafen in einem sehr kalten Winter sein können, aber ab der Passkontrolle wusste ich - jetzt bist du in der UdSSR. Der Beamte der Passkontrolle nahm mit absolut unbeteiligtem Gesichtsausdruck einen genauen Abgleich meiner Gesichtszüge mit dem Passbild in meinem Pass und im Visum vor. Das Visum war nicht in den Pass gestempelt, es war ein separates dreiteiliges graues Blatt. Er machte nicht eine einzige überflüssige Bewegung. Ein Blatt riss er ab, zwei der Blätter erhielt ich wieder zurück, nachdem er alles gestempelt hatte. Zum Schluss machte er eine schiebende Handbewegung, so als ob er mich weiter schieben wollte.

Sozialismus hinter dem Horizont

Die Empfangshalle des Terminals war nur unzureichend beleuchtet, niedrig, gelb und rotbraun gestrichen, unter der Decke hingen die dicken Rohre der Klimaanlage, Elektrokabel baumelten bogenförmig herunter.

Der deutsche Geschäftsführer der Moskauer Außenstelle einer westdeutschen Exportfirma holte mich ab. Er fuhr damals für einige Tage einen Volvo. "Meinen Mercedes habe ich nach Helsinki zur Inspektion fahren lassen", erklärte er fast entschuldigend, "wir haben hier in Moskau keine Mercedes-Werkstätten. Die hiesigen Werkstätten können das nicht."

Wir fuhren quer durch Moskau ins Hotel. Die Straßen dorthin waren gesäumt von den typisch sozialistischen Einheitsplattenbauten, Chruschtschow-Häuser genannt. Chruschtschow hatte diese Wohnblöcke für 30 Jahre Lebensdauer gebaut. Dann sollte der Sozialismus endgültig über den Rest der Welt gesiegt haben, dann wollte man endgültig für die sowjetische Ewigkeit bauen. Chruschtschow lag schon lange auf dem Friedhof des Neujungfrau-Klosters, die Wohnblöcke standen immer noch, wenn auch nicht mehr in allerbestem Zustand, und der Sozialismus war hinter dem Horizont verschwunden.

"Endlich mal jemand, der lächelt"

Von weitem sah ich das Außenministerium, noch zu Stalins Zeiten im Zuckerbäckerstil gebaut. Es gibt mehrere solcher Bauten in Moskau, das Außenministerium ist das größte. Während unserer Fahrt sah ich auf den verschneiten Bürgersteigen Menschen mit Schlitten, die Hausrat und sonstige Ladungen hinter sich her zogen. Kinder spielten im Schnee. Wegen der extremen Kälte hätten die Schulen schon einige Zeit geschlossen, sagte man mir.

Das Hotel, in dem ich untergebracht war, war ein 35 Stockwerke hoher Bau im südlichen Teil Moskaus. Das Einchecken war ein komplizierter Vorgang. Die Schlange der Neuankömmlinge war zwar nicht so lang, nur etwa zehn Personen, aber an der Rezeption war eine ähnlich aufwendige Gesichtskontrolle, wie ich sie bereits im Flughafen hinter mich gebracht hatte. Formulare mussten ausgefüllt werden. Die Formulare gingen durch die Hände mehrerer Personen hinter der Rezeption, die Notizen machten, immer wieder mit meinem Pass inspizierten. Dann wurde ein weiteres Blatt von meinem Visum abgerissen, der verbleibende dritte Teil wurde nochmals gestempelt und in meinen Pass geheftet. "Immer bei sich tragen", sagte man mir.

Ich fuhr mit dem Fahrstuhl in den 15. Stock. Die Aufsicht über die Etage hatte eine ältere Frau in einem uniformähnlichen Kostüm. Sie musterte mich, lächelte, ich lächelte zurück, sie gab mir meinen Zimmerschlüssel. Endlich mal jemand, der lächelt, dachte ich. Schweigend wies sie auf einen Gang, dem ich bis zu meinem Zimmer folgte. Das Zimmer war klein und etwas staubig, der Fußboden bestand aus grauem, ziemlich durchgetretenem Linoleum, es roch nach Desinfektionsmitteln. Es war heiß im Zimmer, die Heizung lief mit voller Stärke und ließ sich auch nicht herunter drehen, es gab keine Ventile und die Fenster ließen sich nicht öffnen.

Frühstücksorgie

Im oberen Teil eines Fensters erblickte ich schließlich ein kleines Fenster, das ich schräg stellen konnte. Das Bad war in Ordnung, nicht überwältigend, aber fließend warmes und kaltes Wasser. Ein typisches russisches Hotelzimmer. Mehr wollte ich nicht - an diesem Abend.

Das Frühstück am nächsten Morgen war überwältigend. Kein Mensch auf dieser Erde konnte das alles auch nur annähernd essen. Was da angeboten wurde, war ein Querschnitt durch die Vielfalt der gesamten russischen Küche. Das alles musste extra bezahlt werden und kostete, umgerechnet zum Schwarzmarktkurs, etwa 35 Pfennig.

Der offizielle Kurs war 1 DM = 3,60 Rubel. Die Kellner tauschten schwarz etwa eins zu sieben bis zehn, draußen auf der Straße erzielte man eins zu 20, sogar eins zu 30. Aber das war gefährlich, denn manche Schwarzhändler waren in Wahrheit verdeckte Ermittler der Miliz.

Kontoeröffnung auf Russisch

Die Russen nannten jede Fremdwährung Valuta und ihre eigene Währung Holzrubel. Damit wollten sie wohl zum Ausdruck bringen, dass sie ihrem Rubel nicht vertrauten, was sich ja durch mehrere Rubel-Abstürze, der krasseste 1998, später auch bewahrheiteten sollte.

Ich richtete mir bei meinem Besuch in Moskau ein Rubel-Konto ein. Heute weiß ich nicht mehr, bei welcher Bank das war, aber ich glaube, die Prozedur war damals überall ähnlich. Es gab bei der Bank keine Computer und natürlich keinen Anschluss an den internationalen Zahlungsverkehr. Die gesamte Kontoeinrichtung und Registrierung meiner Person erfolgte handschriftlich in einem großen Buch, einer Art Hauptbuch. Mir wurde eine ebenfalls teilweise handschriftlich ausgefüllte Karte mit dem Kontostand ausgehändigt. Ich zahlte 1000 Rubel ein, was damals für russische Verhältnisse gar nicht so wenig war.

Das waren meine ersten Eindrücke von Moskau. Russen lernte ich erst später während meiner zahlreichen weiteren Besuche in Russland kennen, und noch später sollte ich die russische Gastfreundschaft und Herzlichkeit kennenlernen.



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