Mein erstes Auto Elegie auf den Sommer des Bluesmobils

Mein erstes Auto: Elegie auf den Sommer des Bluesmobils Fotos

Sein Ford Fiesta vom Baujahr '79 war für Thorsten Knops das Auto schlechthin. Nicht wegen der Ausstattung oder des Designs - es waren die Sounds, Gerüche, Emotionen mit denen er den Sommer 1993 unvergesslich machte. Von

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Bluesmobile gibt es viele, leider. Bei ihnen schwingt immer dieses furchtbare Attribut "kultig" mit - ich höre schon aus dem Off heraus das nie tot zu bekommende "Uhh, I´m a soulman" von den Blues Brothers, sehe die immergleichen langen Chevvies mit ihren überdimensionalen Frontpartien, abturnenden Chromaccessoires und die immer gleichen Typen mit Ray-Bans neben ihren "Früher-war-alles-super"-Freundinnen hinter dem Steuer sitzen. Puh, damals wie heute nichts für mich.

Mein Bluesmobil war ein ehrliches Stück Blech auf vier sehr schmalen Rädern. Es war gleichzeitig auch mein erstes Auto, ein Geschenk meines Opas zum 18. Geburtstag: ein roter Ford Fiesta von 1979 mit V-16-Aufkleber und Fortuna-Düsseldorf-Wimpel. Kein Wagen, mit dem man Eindruck schinden konnte, eine kleine Karre mit Busfahrerschaltung und hakendem ersten Gang, den nur eingefleischte Fahrer vernünftig bedienen konnten.

Das Design war nicht weiter erwähnenswert: eckig, mit Metallschienen als Stoßstangen vorne und hinten. Die fielen schon bei der Mindestanforderung - der Aufhübschung des Autos - mit Pauken und Trompeten durch. Ein wichtiges Ausstattungsmerkmal war der Choke - hilfreich nicht nur bei Temperaturen ab 10 Grad abwärts, sondern insbesondere an Steigungen ließ sich damit den 40 PS etwas unter die Arme greifen. Ob dies tatsächlich half oder nur eine Art Placeboeffekt eintrat, erinnere ich nur noch dunkel.

Unmengen an Zeit und an Wahnsinn grenzende Selbstüberschätzung

Die Alltagstauglichkeit des Fiesta war sicherlich in Ordnung - aber sie war nicht der Grund, warum mir dieses Auto so nachhaltig in Erinnerung blieb. Es war vielmehr die grandiose "D-XK 819"-Tour (nach meinem alten Nummernschild) quer durch Europa, die dieses kleine Auto für mich zu einer Legende machte.

Angefangen hat es direkt nach dem Abi. Die plötzlichen Unmengen an Zeit und eine an Wahnsinn grenzende Selbstüberschätzung veranlassten ein paar Freunde und mich zu dem irrwitzigen Gedanken, die Grenzen von Mensch und Material zu testen: mit einer sechswöchige Fiesta-Trophy-Tour durch die europäischen Staaten Holland, Belgien, Luxemburg, Frankreich, Spanien und Portugal. Jede einzelne Minute davon war purer Rock. Einige jedoch brannten sich für immer in mein Hirn ein und werden mich in alle Ewigkeit an mein erstes Auto erinnern.

Es waren nicht allein die landschaftlich schönen Strecken, die lustigen Abenteuer oder Knutschspiele auf der Rückbank. Was wieder hochkommt, wenn ich einen'79er Fiesta auf der Straße sehe, ist die Erinnerung an Gerüche und Geräusche, an Sounds, die mir immer präsent sein werden, Emotionen. Nicht zwischenmenschelnd, Emotionen im Ford Fiesta sind hart, roh, existentiell. Kein Blümchensex, keine Flower-Power-Tapeten, keine Lava-Lampen - nur der zwanghafte Wille, in dieser Karre bestmöglich weiterzukommen, nicht liegenzubleiben oder - noch schlimmer - den ADAC holen zu müssen. Immer weiter, und wenn wir auf dem Blech fahren. Nur das Auto und wir, in einer immerwährenden Hassliebe.

Die Musik zählt, nicht die Strecke

Jede gute Tour beginnt nicht mit der Auswahl der Strecke, sondern der Musik. Sie ist es ist es, die mich mit dem Bluesmobil verbindet, speziell die in liebevoller Kleinarbeit aufgenommenen D-XK-Tapes. Ein Freund und Crewmitglied, der einen fast schizophrenen Musikgeschmack zwischen Punk und Blues hatte, frickelte mit mir zusammen die ersten Tour-Tapes zusammen. Nicht, dass ich dem Punk nicht zugänglich war - der Blues passte aber besser zu meinem Fiesta. Er wurde DAS BLUESMOBIL.

Der Blues in seiner ursprünglichen Form ist als Anklage und Trauergesang zu verstehen - er erzählte von Resignation, finanzieller Not, Untreue und harter Arbeit. Alles Charakterisierungen, die für den Fiesta erfunden schienen. Fiestafahren ist wie harte körperliche Arbeit: ehrlich, aufopferungsvoll und resultatorientiert. Nie wieder hat ein Name besser zu einem Gegenstand gepasst Immer wenn ich John Lee Hooker höre oder die Ramones denke ich unweigerlich an einen Ford Fiesta, Baujahr '79.

Mein Auto war ein Pflichtraucherauto - jeder Beifahrer musste rauchen, ob er wollte oder nicht. Unser Motto war, frei nach Otto Waalkes, "klar rauchen wir, unser Auto raucht ja auch". Aus heutiger Sicht vielleicht etwas platt, 1993 aber ganz großes Kino. Nur irgendwann gehen auch dem stärksten Raucher mal die Kippen aus und so fanden wir uns an der Staatengrenze zwischen Spanien und Portugal ohne Zigaretten wieder. Als hätte uns der Auto-Gott persönlich erhört, tauchte mitten im Nirgendwo ein sprechender Zigarettenautomat auf, der billige "Ducados" in seinem Blechbauch trug. Unser ganzes Geld verprassten wir an diesem Automaten:

Die Gabe der Freundschaft

Denn das Rauchen, und insbesondere die Dekoration des Innenraumes mit Rauchmaterial aller Art, führte unweigerlich zur Symbiose mit meinem Fiesta. Und das wollten wir schließlich. Unser Auto war für den Sommer '93 unser Zuhause. Dazu gehörte das Rauchen ebenso. wie der resultierende Grundgeruch im Innenraum des Fiesta, in dem sich Qualm mit Schweiß durch eine mir unbekannte chemische Reaktion zu einem undefinierbaren Duft verband. Gelegentlich steigt mir dieser Geruch noch heute in die Nase, gleich einer Fata Morgana ersteht dann am Horizont meiner Erinnerung das Bluesmobil auf.

Selbstverständlich hat der Fiesta auch ein seinem Charakter entsprechendes Ende genommen. Das trat erstaunlicherweise nicht auf der Fiesta-Trophy-Tour ein, sondern erst Jahre später. Als Schlussauto in einem Autobahnstau hat es sein Dasein beendet - kurz, knapp, schmerzlos. Ich würde sagen es war sofort tot. Als Prellbock für einen mit 80 km/h anrauschenden Wagen hat ein Fiesta nicht mehr viel zu melden. Dem Fahrer ist überraschenderweise nichts passiert, bis auf ein paar leichte Blessuren.

Was blieb, war der Verlust eines Wagens, der den besten Urlaub seines Fahrers erst möglich gemacht hatte. Und der Dank an ein Auto, welches womöglich nicht zu den großen Automobile seiner Zeit gezählt werden wird, das seinen Besitzer aber glücklich gemacht hat: Ein Fahrzeug ohne nennenswerte Zicken und ohne divenhaftes Auftreten, ein einfaches Auto mit der Gabe, Freundschaften zu festigen - und Erinnerungen zu schaffen, die bis heute wach sind. Das Bluesmobil prägte einen Sommer, dessen Sound, Gerüche und Freundschaften bis heute präsent sind und unvergesslich bleiben.

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