Mein Führerschein Das Grauen der Lappen

Mein Führerschein: Das Grauen der Lappen Fotos
Redaktion einestages

Was für Haare! So jung! Wie wir damals aussahen! Der Führerschein: Das einzige amtliche Dokument, das man mit 18 fürs Leben bekommt. Das bizarrste Relikt der eigenen Jugend. einestages zeigt wunderbare Exemplare - und ihre Besitzer heute. Von

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Schließen Sie die Augen und holen Sie ihn raus, den grauen Lappen. Wie weich er sich anfühlt! Das Leben ist nicht spurlos an ihm vorüber gegangen, zum Glück. Zerknautscht und porös von diversen Schleudertouren in der Waschmaschine, ausgebleicht von der Sonne, mit Kaffeeflecken übersät: ein sinnlicher Genuss.

Dagegen wartet die 08/15-EU-Plastikfahrerlaubnis mit dem Charme einer Discount-Karte auf. Nicht ein Hauch von Sex-Appeal; glitschig flutscht sie einem aus der Hand, genormt, konturlos, langweilig. Die glatte Oberfläche des Kärtchens gleicht einem gelifteten Gesicht: Es vermag keine Geschichte zu erzählen, die Zeichen der Zeit prallen spurlos an ihm ab.

Der gute alte graue Lappen indes - unhandlich, zerfleddert, speckig - kann ein Liedchen vom Leben singen. Liebschaften kamen und gingen, der Lappen blieb, diskret in der Brieftasche versteckt oder klein zusammengefaltet in der Gesäßtasche der Jeans, doch immer ganz nah dran am Geschehen. Was für ein Tag, als man ihn das erste Mal in den Händen hielt! Endlich mobil, endlich unabhängig - endlich erwachsen. Der Papier gewordene Inbegriff der Selbstbestimmtheit und die Lizenz, um Träume wahr zu machen. Nur noch ein Tritt aufs Gaspedal, und schon ging es los, ab ins eigene Leben, weg von daheim, Richtung Rimini, Amsterdam, egal. Hauptsache raus zuhause, den alten Mief hinter sich lassen.

Licht anmachen bei Dunkelheit!

Natürlich gab es Verwegene, die sich auch ohne Fahrerlaubnis ans Steuer setzten, um sich aus dem Staub zu machen. Zum Beispiel die Gattin von Carl Benz. Kaum hatte der Ingenieur sein dreirädriges Automobil gebaut, bekam er im Jahr 1888, vor genau 120 Jahren, einen Führerschein verpasst - als weltweit erste Person überhaupt.

Genau vier Tage, nachdem Benz seinen Schein erhalten hatte, setzte sich Gattin Bertha mit ihren beiden Söhnen Eugen und Richard in Mannheim in die Motorkutsche und düste los - ohne ihren Mann vorher zu fragen. So grandios kann sich Freiheit anfühlen. Schon in Wiesloch allerdings ging Frau Benz das Benzin aus. Zudem musste sie eines ihrer Strumpfbänder opfern, um eine undichte Leitung zu flicken, erreichte aber dennoch am Abend wie geplant Pforzheim - und gilt damit bis heute als Pionierin der Überlandfahrt.

Während Bertha Benz sich Ende des 19. Jahrhunderts noch ohne Examen hinters Steuer klemmen konnte und keine Punkte in Flensburg riskierte, hatten es die Deutschen nach ihr schwerer. Die Mühlen der Bürokratie begannen im Kraftffahrzeugwesen zu mahlen, als Preußen 1903 eine Prüfungspflicht für Wagenlenker erließ. Sie bildete die Grundlage für einen ganz neuen Geschäftszweig: Im Jahr darauf eröffnete in Aschaffenburg die erste Fahrschule. Die Prüfung bestand allerdings bestand damals oft nur in der einen Frage, was bei Einbruch der Nacht zu tun sei. Genau: das Licht anmachen!

Hatte der Führer einen Führerschein?

Je weiter das 20. Jahrhundert voranschritt, desto mehr schmälerte die Regelungswut der Behörden den Fahrspaß. Verkehrsregeln, Verkehrszeichen und Autokennzeichen mussten her, 1910 wurden Führerscheinklassen eingeführt, und im gleichen Jahr richtete das Polizeipräsidium in Berlin die "Sammelstelle für Nachrichten über Führer von Kraftfahrzeugen" ein - Vorläufer der Flensburger Verkehrssünderkartei.

Immer mehr Autos bevölkerten die Straßen, die Zahl der stolzen Führerschein-Inhaber wuchs stetig an - Ausnahmen bestätigen die Regel: Ob der Führer tatsächlich keinen Führerschein besaß, wie das Bonmot unkt, ist nicht abschließend geklärt; allerdings ist gesichert, dass Adolf Hitler seit 1921/22 einen ADAC-Mitgliedsausweis sein eigen nannte.

Kultstatus erlangte der mausgraue Lappen in dem Moment, als es ihm ans Leder ging: 1986 erblickte sein EU-einheitliches, schweinchenrosa Geschwisterchen das Licht der Welt, 1999 stieß das rosa-grüne Plastikexemplar in Kreditkartengröße zur Führerschein-Familie hinzu. Was den Ärger im Ausland gelegentlich mindern half. Als Altersnachweis bei der Bierbestellung in amerikanischen Bars funktionierten die deutlich besser als die seltsamen gefalteten Lappen aus Old Europe, der schon mal Verständnislosigkeit oder gar Misstrauen hervorrief.

2032 kommt das Aus für den speckigen Lebensgefährten

Auch bei eigentlich verkehrsnahen Gewerben wie Autoverleihern oder Polizisten war der gute alte bundesdeutsche Führerschein immer für ungläubiges Gelächter gut. Mit spitzen Fingern drehen und wenden ausländische Ordnungshüter außerhalb des grauen Lappenlandes das gute Stück, beratschlagen sich, schütteln ernst die Häupter. Dabei hat die Europäische Kommission längst die gegenseitige Anerkennung aller nationalen Führerscheine innerhalb der EU vereinbart - bei rund 110 verschiedenen Dokumentsorten zwischen Finnland und Zypern eine kluge Entscheidung. Damit das keine graue Theorie bleibt, bieten die stets praktisch denkenden deutschen Verbraucherzentralen den Wortlaut der EU-Vereinbarung im Netz als Download an - in 20 Sprachen, maltesisch und lettisch inklusive.

Doch die Tage der Fahrerlaubnis im traditionellen Design sind gezählt. Um das europäische Führerschein-Dickicht ein für allemal zu lichten, gilt ab 2032 nur noch der EU-Scheckkartenführerschein. Der muss dann spätestens alle 15 Jahre gegen eine neue Karte getauscht werden - mit jeweils aktuellem Passbild.

Dann gibt es keine peinlichen Jugendfotos mehr, keine Knicke, keine verwaschenen Stempel. Das ganze Lebensgefühl, was uns mit dem unhandlichen Format, der schrecklichen Farbgebung, dem speckigen Material versöhnte, wird dann unwiederbringbar weg sein. Die Vokabel "graue Lappen" wird verschwinden. Wahrscheinlich ist das Fortschritt.

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1.
Hilmar Zeissig 28.02.2008
Als ich meinen Führerschein 1958 erwarb, musste ich am Tage der mündliche Prüfung auch eine Klausur für das bevorstehende Abitur schreiben. Meine Mutter musste mich dann von der Schule in Gronau, Westfalen, zur Kreisstadt Nordhorn, Niedersachen fahren. Sie hatte selbst gerade erst ihren Führerschein gemacht und hatte ihr ersten Auto, einen VW Käfer, erworben. Es schneite, und die 25 km Fahrt wurde recht dramatisch. So kam ich etwas verspätet zur Führerscheinprüfung an. Nachdem ich mich mit dem Hinweis auf die Abiturprüfung entschuldigt hatte, konzentrierte der gestrenge Fahrlehrer die meisten Fragen auf mich als den "klugen Herrn Abiturienten". Ergebnis: Ich fiel bei der mündlichen Führerscheinprüfung durch und musste sie ein paar Wochen später wiederholen. Das Abitur habe ich aber im ersten Anlauf bestanden. Mein grauer Lappen ist immer gültige, ich fahre aber seit 30 Jahren mit einem texanischen Führerschein, der nicht in Flensburg registriert ist!!!
2.
Hilmar Zeissig 28.02.2008
Habe ein Foto meines Grauen Lappens hochgeladen
3.
Stefan Drey 28.02.2008
Ich habe die Augen geschlossen, dann gesucht und tatsächlich meinen ersten Führerschein gefunden (permis de conduire) steht sogar ganz Polyglott darauf. Das Foto sieht maximal fatal aus. Er ist aber nicht grau, sondern hell rosa. Ooops, was ist geschehen? Ich gestehe, ich komme aus der Zone. Ich erinnere mich auch noch an das Gesicht der bayrischen Beamtin, bei der ich diesen Fletten (oder Fleppen), wie wir ihn damals in Brandenburg, besser im Bezirk Frankfurt(Oder) nannten in ein gesamdeutsches Dokument umtauschen wollte. Ihr gelang es nicht, die Führerscheinnummer in ihren Rechner einzutippen, woraufhin ich mich entschuldigte, dass man Mitte der 1980er Jahre leider noch nicht wissen konnte, dass die DDR in Kürze von der BRD übernommen wird. Das war Mitte der 1990er Jahre und Ossis galten damals offenbar lediglich als soziale Bittsteller mit lustigem Akzent. Das keine Unklarheiten aufkommen: Mir geht es wunderbar in Gesamtdeutschland. Ich hatte eine berufliche Karriere, die ich im Osten nie gehabt hätte. Mir geht es wunderbar. Aber genau bei solchen nostalgischen Artikeln weiß ich immer ganz genau, warum ich in vielen Medien den Eindruck habe, dass man mich nicht anspricht, sondern meine Brüder und Schwestern im Westen. Der Spiegel gehört definitiv zu diesen Medien. Ich habe immer den Eindruck, dass ausschließlich aus der westdeutschen Perspektive geschrieben wird, manchmal auch über den Osten, aber nie aus dessen Sicht.
4.
Hans Michael Kloth 28.02.2008
Danke für die Anregung - einestages macht eine zweite Folge mit Ost-Lappen! Hat jemand schon mal eine gute Idee für eine Überschrift? "Das Grauen der Lappen reloaded" geht ja schlecht für hellrosa... Und wir brauchen natürlich viele schöne gescannte Exemplare von euch da draussen! Gruß, Redaktion einestages
5.
Hans Michael Kloth 28.02.2008
Aber waren die früehe DDR-Führerscheine nicht so kleine dunkelgraue Heftchen?
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