Mein Weg zum Onliner "Wo ist denn hier das Internet?"

Mein Weg zum Onliner: "Wo ist denn hier das Internet?" Fotos
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YouTube, Facebook, Wikipedia - wie die meisten ihrer Generation verbringt Doris Dippold täglich mehrere Stunden im Netz. Dabei ist sie keineswegs die geborene Netzwerkerin. Auf einestages erzählt sie, wie sie vor 13 Jahren zum ersten Mal Bekanntschaft mit dem Internet machte - und ihrer eigenen Mailadresse. Von

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Ich muss zugeben: Liebe auf den ersten Blick ist anders. Als Kind der späten Siebziger gehöre ich noch zu der Generation, die auf der Schreibmaschine das Zehn-Finger-System lernte und die das Vorabendprogramm aus genau drei Kanälen auswählte. Erst Mitte der neunziger Jahre bekam meine Familie einen Computer, der mehr konnte als alle 15 Minuten "The Great Giana Sisters" und "Olympic Winter Games" zum Absturz zu bringen.

Als meine Freunde und ich dann 1997 nach der Abi-Feier in alle Richtungen versprengt wurden, waren es noch immer fast ausschließlich Postadressen und Telefonnummern, die ausgetauscht wurden. Eine E-Mail-Adresse und einen Netzanschluss besaßen zu diesem Zeitpunkt nur die paar Nerds, deren Computer leistungsfähig genug gewesen war, um darauf die Abi-Zeitung zu gestalten.

Im Herbst des gleichen Jahres packte ich meine Sachen in einen uralten Fiat und fuhr in die auserwählte Universitätsstadt, die in den nächsten Jahren meine Heimat sein sollte. Dort nahm ich einige Tage später im Rechenzentrum einen Zettel mit Nutzernamen, Passwort und E-Mail-Adresse entgegen. Doch was tun damit? Ich, eine Germanistik-Studentin, ahnte, dass nur ein Besuch in einem jener Computerräume, in denen damals mächtige Bildschirme die Arbeitsplätze blockierten und die Füße ständig an surrende Tower stießen, die Begriffe "Internet" und "E-Mail" mit Semantik füllen konnten.

Sie haben Post!

Auf meine unbedarfte Frage, wo denn hier das Internet sei, war es eine studentische Hilfskraft, die mir den Weg ins weltweite Datennetz wies. Das erste Erfolgserlebnis ließ nicht lange auf sich warten: Prompt entdeckte ich eine E-Mail meiner Schwester, die - Physikstudentin im höheren Semester - schon seit längerem eine eigene Homepage betrieb und meine Mailadresse geraten hatte.

Doch der geborene Netzwerker war ich wohl nicht. So verpasste ich im ersten Semester leider die Nachricht meines brasilianischen Brieffreundes, der seinen Aufenthalt in Deutschland per E-Mail angekündigt hatte - weil ich mein elektronisches Postfach nur alle paar Monate öffnete. Wir hatten den Kontakt wohl ein wenig voreilig von Papier und Tinte aufs Netz verlegt - desculpe, meu amigo!

Es war der Versuch, Verwandte in den USA wiederzufinden, der uns beide, das Internet und mich, wirklich zusammenbrachte. Über Yahoo People Search und einen Stapel ganz altmodischer Briefe, ins Blaue hinein geschrieben an einige ahnungslose US-Bürger namens "Walther" in Jefferson City, Missouri. So nämlich schaffte ich es, Kontakt aufzunehmen zu einem älteren Herrn, der zwei Jahre zuvor überraschend vor unserer Haustür gestanden und sich als Nachfahre des Bruders meines Urururgroßvaters vorgestellt hatte - und wieder von dannen gezogen war, ohne dass ich ihn in der Aufregung nach seiner Adresse gefragt hatte.

Im Internet-Wunderland

Das Internet entfaltete seine Reize: Ich freute mich wie Oskar über den elektronischen Blumenstrauß eines Kommilitonen und entlastete fortan selbst das studentische Budget durch elektronische Grußkarten. Ich wurde Kundin von www.telebuch.de, einem der ersten großen Buchhändler im Netz. Und ich begann, regelmäßig E-Mails zu lesen, zu schreiben - und dann auch zu bekommen. Nun auch von den einstigen Abi-Kollegen.

Dank eines Online-Stipendiums bekam ich schließlich sogar einen kostenlosen Internet-Zugang fern der stets umlagerten und funktionsuntüchtigen Computer-Krücken in den Uni-Räumen, wenn auch nur über eine schrecklich langsame Tut-tut-tut-tut-tut-tut-tut-tut-tut krrrrrrrrchhhhhh krrrrrrrrchhhhhh krrrrrrrrchhhhhh Dial-up-Verbindung. Die zehn kostenlosen Online-Stunden pro Monat schmolzen schneller zusammen als gedacht - vor allem als ich begann, Unis für ein Masterstudium in den USA zu recherchieren.

Endlich in den Staaten angekommen tat sich mir das Internet-Wunderland auf: Computerräume, in denen alle Geräte funktionierten, Breitband-Internet-Anschluss auch zu Hause, ein hochmodernes Sprachlabor, in dem jeder Arbeitsplatz mit einem Computer ausgestattet war und in dem ich Deutsch unterrichten sollte. Und mit dem ich, nebenbei bemerkt, zunächst einmal rein gar nichts anfangen konnte.

Virtuelles Klassenzimmer

Sicher bin ich nicht die Einzige, für die der 11. September 2001 die Initialzündung für ein noch intensiveres Online-Leben war. Für mich begann der Tag mit der Meldung auf yahoo, dass vermutlich ein kleines Verkehrsflugzeug in einen der Twin Towers geflogen sei. Ein Unfall. Bald jedoch gab es mehr Klarheit und begann ein hektisches Hin-und Herspringen zwischen Laptop und Fernseher.

Um die Mittagszeit eine E-Mail aus dem internationalen Studentenbüro: Als internationaler Student solle man vorsichtig sein, da Provokationen zu erwarten seien. Es dauerte etwas, bis mir klar wurde, dass meine Haut- und Haarfarbe mich wohl kaum zu einem Objekt des Hasses machen würden. Den ganzen Tag über erreichten mich Anrufe und E-Mails von zu Hause, von Familie und Freunden, und ich versuchte, über deutschsprachige Online-Seiten Nachrichten aus einer anderen Perspektive zu bekommen als die von Fox und CNN.

Als ich schließlich 2003 nach England ging, hatte sich das Internet-Wunderland schon erheblich ausgebreitet: Ich wollte promovieren und nebenbei Deutsch unterrichten - und entdeckte virtuelle Lernplattformen. Ich lehrte in einem Klassenzimmer, das mit einem elektronischen Whiteboard direkt mit Internet-Anschluss ausgestattet war und verbrachte Stunden im Netz zur Unterrichtsvorbereitung.

Echte Blumen

Im ganzen Eifer verpasst habe ich dann irgendwie den Anschluss zum Web2.0, dem großen Mitmachnetz mit YouTube, MySpace, Blogger, Wikipedia, twitter und wie sie alle heißen.

Heute ist meine Internet-Welt damit voller Widersprüche: Ich habe eine Website, die trotz guter Absichten noch immer so flach ist wie das Web anno 1997. Und über mein Facebook-Profil verfolge ich zwar das Leben von Freunden, die ich schon zehn Jahre nicht mehr gesehen habe, an meinem eigenen Leben lasse ich sie aber nur selten teilhaben. Ich suche auf YouTube den einen oder anderen Song für meinen Unterricht, habe in meinem Leben aber noch kein einziges Video hochgeladen.

Selten bekomme ich bei der Arbeit weniger als 40 E-Mails am Tag - wie nur bin ich früher mit zehn Online-Stunden im Monat ausgekommen? Und wie hatten es meine Freundin und ich eigentlich als 17-Jährige geschafft, eine dreiwöchige Reise durch Italien zu organisieren - so ganz ohne Internet? Das Netz macht vieles einfacher, es ist aber auch ein gemeiner Zeitdieb. Und fest steht auch: Echte Blumensträuße sind viel schöner.

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1.
Karsten Schramm 14.02.2011
Unser Rechner hatte seit ca. 1992 ein Modem (14400er) und ich hab damals viele Nächte in lokalen Berliner Mailboxen verbracht. Dort kam ich auch immer wieder mit dem Begriff Internet in Verbindung, aber selbst als es mir einer erklärt hatte, habe ich das Konzept irgendwie nicht begriffen. Erst um ca. 1995 (dann schon mit dem 33600er [oder gar 566ß00er?] als die Welt von AOL-CDs überschwemmt wurde, hatte ich meinen fairen Antail an "16h gratis online". Ironischerweise habe ich da auch zum ersten Mal gelernt, was der Begriff "Reform" wirklich bedeutet. So um 1994 herum (nagelt mich nicht fest) stellt die Telekom ihre Telefontarife um. Hatte man bisher 23 Pfennig je 12 Minuten in der Nacht bezahlt, kostete es jetzt 12 Pfennig je 4 Minuten - der Stundenpreis sprang von 1,15 DM auf 1,80 DM - für die selbe Dienstleistung.
2.
Georg Oehl 14.02.2011
Was fuer ein nichtssagends Panoptikum aus Erinnerungen der 90er Jahre. What a waste of my time.
3.
Ralf Steffens 14.02.2011
Wie wahr. - Das Internet kann ein echter Zeiträuber sein. So hat schon Michael Ende die Grauen Herren in Momo beschrieben. Meine *automatischen Benachrichtigungen* sind ausgeschaltet. Privat sehe ich alle paar Tage in meine E-Mails und bei der Arbeit alle paar Stunden.
4.
Karl Wahrhuber 14.02.2011
Sicherlich ist das Internet eine wirklich sinnvolle Sache, gerade in den heutigen rastlosen Zeiten. In vielerlei Hinsicht! Die Beispiele hier anzuführen, würde wahrscheinlich den Rahmen sprengen. Ich persönlich erfreue mich der Möglichkeit, seltene Bücher übers Netz zu beziehen, die sonst aus verschiedenen Gründen nicht mehr erhältlich bzw. aufzufinden sind. Doch sobald ich die Namen wie Facebook und Myspace etc. höre- wird mir übel. Diese Bestandteile dieser Web 2.0- Hydra, ist mitunter das Schlimmste was die technologische Entwicklung in den letzten Jahrzehnten hervorgerufen hat. Dass hiermit die meisten Jugendlichen verführt werden mitzumachen ist auch nicht verwunderlich, wenn man die labile jugendliche Psyche kennt. Sie ahnen auch nicht, wofür alles deren persönliche Daten, Angaben über Vorlieben, Verhaltensweisen, sowie Ess- und andere Verhaltesweisen missbraucht werden. Natürlich genauso wie die von Erwachsenen arglosen Benutzern.
5.
Dieter Mathes 14.02.2011
The Great Giana Sisters gab es doch nur für ca. 4 Wochen zu kaufen, dann wurde es vom Markt verbannt. Rechtsstreit Nintendo. Gab es aber nur für den Amiga und C64. Atari bin ich mir jetzt nicht so sicher.
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