Meine erste Platte Ritual mit Rillen

Ob Led Zeppelin, Depeche Mode oder Westernhagen: Die erste eigene Schallplatte war irgendiwe etwas ganz Besonderes, das Symbol für den Beginn des Erwachsenwerdens. Gesche Sager erinnert sich noch genau an ihre erste Vinylscheibe - und hält sie bis heute in Ehren. Sie auch?

Redaktion einestages

In den Achtzigern war die Welt noch eine andere. Helmut Kohl war Kanzler, Deutschland geteilt, und unsere Sicherheit wurde an der innerdeutschen Grenze verteidigt. Wir hatten Angst vor saurem Regen, Tschernobyl - und Musik kaufte (!) man auf Schallplatten. Heute ist Herr Kohl Rentner, Deutschland wiedervereint und unsere Sicherheit wird in Afghanistan verteidigt. Wir haben Angst vor dem Klimawandel, vor Arbeitslosigkeit und einem Heer chinesischer Arbeiter, die alles billiger produzieren als wir selbst.

Und Musik?

Musik lädt man heute herunter. Aus dem Internet. Losgelöst von physischen Trägern, zerhackt in Einsen und Nullen, beliebig oft kopierbar, virtuell. Wer Anstand hat oder Angst vor Strafe, bezahlt zwar noch dafür, aber auch das ist wohl bald Vergangenheit.

Heute hört man Musik, indem man sich durch Listen scrollt und Titel anklickt, auf dem Bildschirm oder auf dem Display eines iPods, dem Fetisch der Web-2.0-Generation.

Tesafilm statt Diamantnadel

Natürlich gibt es auch heute noch Leute, die Platten kaufen: DJs und solche, die sich dafür halten, Redakteure von Audio-Fachzeitschriften, Abgrenzungssüchtige, die auf jede Rille im Vinyl schwören und auf den analogen Klang als solchen. Sektierer, die meinen, digital komprimierte Musik sei ungesund und anstrengend, weil das Gehirn ständig damit beschäftigt sei, die Lücken zu füllen, Nostalgiker oder einfach ältere Menschen.

Als ich Kind war, in den Achtzigern, waren Leute mit Platten noch ganz normale Menschen. Wie meine Eltern. Die hatten einen riesigen Plattenspieler und einen Haufen Platten, die ich alle nicht anfassen durfte. Ich konnte die Cover mit den vielen bunten Bildern von langhaarigen Männern nur heimlich bestaunen. Musik hören war etwas fest ritualisiertes. Nur Erwachsene durften die schwarz schimmernden Vinylscheiben aus ihren Hüllen nehmen, sie - nur den Rand berührend! - auf den Plattenteller legen und vorsichtig den Arm mit der Diamantnadel darauf setzen.

Ich musste mich vorerst damit begnügen, bei meinen Kinder-Hörspielkassetten Tesafilm über den Kopierschutz zu kleben und Musik aus dem Radio darüber zu spielen. Meistens fehlte den Stücken der Anfang und das Ende, und wenn man Pech hatte, war noch die Stimme des Moderators oder ein Werbe-Jingle mit drauf.

Erster Kuss im Partykeller

Als ich schließlich meine erste Schallplatte bekam, war das ein einschneidendes Erlebnis. Ein Junge aus meiner Klasse schenkte sie mir 1988 zum Geburtstag. Rückblickend markierte dieser Tag das Ende meiner Kindheit und den Anfang der Teenagerzeit. Die erste Platte ist ein Symbol, ein Symbol für abends länger weg bleiben, mit Freunden ins Kino gehen, den ersten Kuss in irgendeinem Partykeller und heimlich hinter der Turnhalle die erste Zigarette rauchen.

Leider war die Platte diesem wichtigen Ereignis alles andere als angemessen.

Es handelte sich nicht um "Bad" von Michael Jackson, um "Sign 'O' the Times" von Prince oder "Music for the Masses" von Depeche Mode, sondern um "Hold me in your Arms" von Rick Astley, dem Typ mit der Tolle und der Froschstimme. Nicht, dass ich mich damals nicht wahnsinnig darüber gefreut hätte. Ich musste sie mir zwar erst von meinen Eltern auf Kassette überspielen lassen, da ich keinen eigenen Plattenspieler hatte und ihren auch weiterhin nicht anfassen durfte, aber es war trotzdem meine erste, meine eigene Platte. Ein paar Jahre später gab es eine Zeit, in der ich den Besitz dieses Machwerks schamhaft verschwieg, aber das sollte sich wieder geben.

Ich habe bis heute nie einen Plattenspieler besessen und sollte es auch nie zu einer Plattensammlung bringen. Die CD kam ziemlich bald auf den Markt, verbreitete sich schnell, war einfach praktischer und ein CD-Player leichter zu bedienen als ein Plattenspieler. Aber der Umstieg von analoger auf digitale Musik war auch der erste Sargnagel für das haptische Erleben von Musik und damit auch für das Prinzip Plattensammlung. Denn schließlich ist eine Plattensammlung nicht nur eine Sammlung von Platten.

Oder etwa doch?



insgesamt 8 Beiträge
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Ronald Stephan, 26.10.2007
1.
Platten hatte ich immer schon ein paar, alle geschenkt bekommen oder "geerbt". Unter anderen auch eine Single von France Gall (Ein bißchen Goethe, ein bißchen Bonaparte), die damit meine Mädels-Präferenz für lange Zeit geprägt hat :-). Die erste "richtige" Platte, also eine "Ell-Pie", die ich auch selbst kaufte (1975), war eigentlich gar nicht für mich. Sie sollte ein Geschenk sein für ein Mädchen, das, für mich bis dahin wenig nachvollziehbar, heftig auf Queen stand. Die hatten gerade den Megahit "Bohemian Rhapsody", dem man leider weder bei den Kumpels noch im Radio entkommen konnte. Aber was nutzte es: Die LP mußte her. Edel sah das Teil ja aus. Damals wurden noch richtig aufwendige Cover produziert, im Falle von Queen mit spezieller Mattierung, Prägedruck und diesem irgendwie "adlig" wirkenden Logo, von Meister Mercury höchstselbst entworfen. Jedenfalls merkwürdig, und sicher nicht cool (oder wie wir dazu gesagt haben, keine Ahnung mehr ...) Jedoch, der Händler hatte das Ding nicht. Vergriffen, wegen Riesenerfolges eben ausgegangen, mindestens bis zum Wochenende. Die vorhergehende jedoch, die wär noch am Lager, und ob ich mal reinhören wollte, weil ich offensichtlich nicht wußte, von was er sprach. Tja. Die Platte hieß "Sheer Heart Attack", fing mit dem knackigen "Brighton Rock" an, enthielt Brenner wie "Flick of the Wrist" und "Stone Cold Crazy", aber auch tear jerker wie "Lily of the valley" und blockierte meine Gehörgänge von diesem Moment an für etliche Tage. Ein Geschenk gabs dann keins; das Geld hat nur für eine Platte gereicht. Mit Queen war auch bald Schluß. Alles nach "Day at the Races" war nur noch Operetten-Disco-Kram, fast so schlimm wie die Bee Gees kurz danach. Aber die "Sheer Heart Attack" hat lang gehalten, vermutlich, weil man sich sowas dann auch immer schöner denkt mit der Zeit, von wegen "das erste Mal". Auf der CD, später, war der Sound dann übrigens anders, wattiger, irgendwie nicht mehr so toll ... 2003 habe ich endgültig die letzten Vinylplatten entsorgt. Verschenkt, zwei Umzugskisten voll. Auf den Ebay-Stress hatte ich keine Lust und außerdem mußte ich die Angelegenheit schnell über die Bühne kriegen. Am Abend vor der Übergabe an einen netten Kollegen wollte ich fast kneifen: Mir waren zufällig noch mal "Tumbleweed Connection" von Elton John und das "Flight Log" von Jefferson Airplane in die Finger geraten. Das waren ja richtige Bücher, kiloschwer, mit zig Seiten zwischen den Coverhälften! Die Dinger hatte ich jahrelang nicht mehr in der Hand gehabt. Es war knapp. Aber als der Kollege am anderen Abend die Kisten sah, und ich dann sein Gesicht, war es doch okay. Er würde sie gut behandeln und würdigen, mehr als ich inzwischen, wahrscheinlich. Mein Sohn möchte später sicherlich unter keinen Umständen mehr eine Nadel von Hand auf eine Platte führen (und sich ärgern, weil das Ding nicht mehr so richtig plan ist. Und außerdem: Was wohl den Kid später mal gefallen wird ..?). Schluß, vorbei. Jetzt, wo ich grade dran denke: Die "Sheer Heart Attack"-CD könnte man mal wieder einlegen, nach, keine Ahnung, 15 Jahren? Wenn sonst keiner Zuhause ist. Wenn ich sie noch finde. Wenn sie nicht inzwischen zerbröselt ist.
Walter Stecher, 26.10.2007
2.
Hallo zusammen, auch ich hatte irgendwann Ende der 60er meine erste LP gekauft, es war die DoppelLP "Best of Shadows". Auch mir ist es ergangen wie dem Schreiber des Artikels, es gab eine Zeit, zu der es mir peinlich war, das Ding zu besitzen. Trotzdem habe ich die Scheibe nie hergegeben und freue mich auch darüber, sie immer noch im Plattenschrank stehen zu haben. Es sind natürlich noch sehr viele Platten dazugekommen (ca 1100), aber die erste ist immer noch etwas besonderes. Ich höre auch noch Schallplatten und zwar mit "dem Plattenspieler überhaupt", nämlich dem Technics SL1210 MKII. Natürlich steht bei mir inzwischen auch eine SD-Sammlung von beachtlichem Umfang und wenn ich einfach so abends mal Musik höre, dann kommt diese von der Festplatte, auf der mein Musikbestand inzwischen gesichert ist, weil es bequemer ist. Wenn jedoch alte Freunde da sind, dann wird das Vinyl auf den Teller gelegt, weil es eben doch etwas anderes ist, Musik nur zu hören, oder das alte Ritual mit der Scheibe zu zelebrieren. Ich habe übrigens noch keinen einzigen Song aus dem Netz geladen, wenn mir ein Album gut gefällt, dann kaufe ich es auch. Nicht, dass ich Gewissensbisse hätte wegen der armen, darbenden Musikindustrie, sondern einfach deshalb, weil ich den physikalischen Tonträger in der Hand halten will, das Cover betrachten und die Interpreteninformationen, wenn vorhanden, auch die Texte lesen will. Grüße an die Generation iPod, die wissen gar nicht was sie mit ihrem schnellebigen Gedudel alles versäumen. Walter Stecher
Michael Jalakas, 27.10.2007
3.
Ich habe einen "plattentechnisch" ähnlichen Werdegang wie Ronald, geschenktes, "geerbtes", von meinem großen Bruder "entliehenes" - meist Dauerleihgaben. Darunter viel Peinliches aber auch einige echte Schätze, wie Deep Purple's "In Rock" und "Made in Japan". Irgendwann gab die Sammlung des großen Bruder nichts mehr her und die Leidenschaft des Eigenwerbs begann. Vom Geschmack des älteren Mitbewohners geprägt, musste das gesammelte Taschen- und Zeugnisgeld für die aktuelle Queenscheibe "A night at the opera" geopfert werden. Beim Auspacken erlebte ich dann etwas mir völlig Unbekanntes: dieses Knistern, dieses elektrisiernde Gefühl eine neue LP aus der Innenhülle herausgleiten zulassen. Eine CD, eine DVD, eine mp3-Datei kann dieses Gefühl nicht vermitteln. Niemals. Schade.
Torben Degen, 29.10.2007
4.
Hallo zusammen, ich kann mich meinem Vorredner nur anschließen. Allerdings mit einer Einschränkung. Ich bin Jahrgang 82 und bin daher nicht wirklich mit LP´s aufgewachsen, habe mir aber dennoch im Laufe der Jahre eine betrachtliche Sammlung zugelegt, die ich für kein Geld der Welt verkaufen würde. Dieses Gefühl, das oben angesprochen wurde, kann ich dennoch nachvollziehen, denn natürlich habe auch ich im Zeitalter der Computer durchaus mp3-Dateien, aber es geht nichts über eine Original-CD, mit Booklet, Hülle, sowie schlicht und ergreifend die originale CD! Das erste Mal, als ich dieses erhabene Gefühl vernehmen durfte, war bei der CD "Tommy" von The Who. Wir hatten diese Songs damals, natürlich in abgespeckter Form, in unserer Schulband gespielt und seitdem lassen mich diese Musiker, lässt mich gute Rock-Musik nicht mehr los... Wahnsinn! Musik ist etwas wunderbares! Jedes Mal wenn ich am Schlagzeug sitze und die alten Songs spiele, bekomme ich Gänsehaut. So soll es sein, so muss es sein. Danke Musik!
Patric Bachert, 25.01.2008
5.
Meine erste Platte durfte ich mir als Kind von einem Wühltisch aussuchen. Heraus kam eine LP einer Softsoulband namens "The Tymes" für damals zwei (2!) Mark. Kurze Zeit später wurde ich dann ein Fan von AC/DC. Die erste Platte nach dem Tode ihres ersten Sängers Bon Scott hieß "Back in Black" und kam ungefähr 1980 heraus. Ich hatte buchstäblich Tränen in den Augen, als ich sie als 13-jähriger gekauft habe. Mit hat der neue Sänger und der etwas modernisierte Sound dann allerdings nicht mehr gefallen, und ich hab keine Platten mehr von AC/DC gekauft. Heute höre ich Back in Black allerdings manchmal wieder, und sie gefällt mir mittlerweile besser. Wie ich neulich festgestellt habe, hat es ein Lied aus Back in Black übrigens sogar in den Soundtrack von "Ritter aus Leidenschaft" geschafft, eine Komödie mit dem eben gestorbenen Heath Ledger in der Titelrolle. Was CDs einfach fehlt, ist die Vorfreude, wenn die Nadel in der Rille kratzt, bevor das Lied anfängt. Eigentlich schon der Ton, wenn man die Nadel aufsetzt. Allerdings fällt mir im Vergleich zur CD auch oft auf, wie schlecht viele (jedenfalls meiner) Platten produziert wurden.
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