Meine Griechenland-Krise Nie wieder Drachmen!

Meine Griechenland-Krise: Nie wieder Drachmen! Fotos
Marko Schubert/Sylvie M.

Westurlaub im Wunderland: Für den Ossi Marko Schubert war Griechenland im Sommer 1990 das Ziel seiner Träume. Knapp 20 Jahre später kehrte er dorthin zurück - und stellte fest, dass auch zwei Jahrzehnte europäischer Unionierung den Hellenen wenig anhaben konnten.

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Drei Wochen hatten Kospi und ich im Juli 1990 - kurz nach der Währungsunion - bei einem Lebensmittel-Großhandel in Berlin-Tempelhof geschuftet. Es war keine angenehme Zeit gewesen, denn die Westberliner Kollegen hatten uns sofort als ernstzunehmende Konkurrenz der Zukunft ausgemacht. Wir waren für sie ostdeutsche Lohndrücker und billige Arbeitstiere, die im Akkord alles viel zu schnell und korrekt erledigten. Egal, wir wollten uns lediglich unseren großen Traum ermöglichen: den ersten Westurlaub.

Mit ostdeutscher Sparsamkeit kauften wir ein One-Way-Ticket nach Sofia und fuhren per Bus weiter nach Griechenland. Es war ein unbeschreibliches und erhabenes Gefühl, als ich an der Grenze die vielen Drachmen nachzählte. Zum ersten Mal in meinem Leben hielt ich eine andere westeuropäische Währung in den Händen.

Die Reise sollte die bis dato schönste meines Lebens werden. Obwohl ich mich stets dagegen wehre, die DDR im Rückblick nur als trist und grau zu reflektieren - die griechische Farbenpracht überwältigte uns: Zwischen endlosen Olivenhainen breiteten sich riesige Blütenteppiche aus. In kleinen Gärten wuchsen Zitronen, Orangen und - für mich, den kleinen Ossi, besonders wichtig - Bananen auch! Die Häuser und Sandstrände waren so weiß und das Meer so blau wie die Flagge des Landes. Auf bunten Märkten, in Restaurants und an Kiosken trafen wir nur freundliche, braungebrannte Menschen, die lächelnd unsere Drachmen entgegennahmen und uns zu sagen schienen: Die DDR war grau!

Feuchte Augen

Mit sonnenverbranntem Körper lief ich bei 35 Grad im dicken grünen Jogginganzug durch Athen und betrachte staunend die antiken Monumente der Akropolis. Obwohl der gewaltige Parthenon-Tempel fast vollständig eingerüstet war, meinte ich, noch nie zuvor ein so altes, glanzvolles und schönes Bauwerk gesehen zu haben. Mit Tränen in den Augen schaute ich auf die vor mir liegende Millionenmetropole. Genau in diesem Moment wurde mir - im Gegensatz zum tristen West-Berlin - zum ersten Mal bewusst, was Reisefreiheit wirklich bedeutete.

Bis heute steht diese Fahrt durchs Land der Hellenen auch für äußerst glückliche Fügungen - denn wir trafen unsere Götter: zwei Bayern. Die Jungs hatten uns beim Trampen aufgesammelt und uns nicht nur in die Geheimnisse "ihres" Griechenlands eingeweiht. Mit viel Humor, Ouzo und Retsina wurden wir bei diversen Fünf-Liter-Fässern Warsteiner aus ihrem Kofferraum auf ein Leben in der Europäischen Gemeinschaft vorbereitet.

Auf den Zeltplätzen der Peloponnes erfuhren wir so endlich auch, dass wir komische Schlafsäcke, komische Klamotten und vor allem komische Frisuren hatten. Wir erlebten - schon wieder mit feuchten Augen - dass es bedeutendere Kulturdenkmäler, andere Sonnenuntergänge, angenehmere Wassertemperaturen, höhere Wellen, wildere Schluchten, dichtere Wälder, eine größere Essensvielfalt, geheimnisvollere Frauen und ausgeglichenere Menschen auf dieser Erde gibt. Ich wollte Griechenland nie wieder verlassen!

23 Mal Mallorca

Als wir die Fähre in Korfu nach Italien bestiegen, hatten wir bis auf 20 D-Mark unser komplettes Geld im Land gelassen. Auf abenteuerlichen Wegen trampten wir zurück nach Berlin.

Auch meine nächsten Urlaube wollte ich im Land meiner Träume verbringen. Ich hielt das zunächst für ein typisches Ossi-Ding - bis ich begriff, dass 23-mal hintereinander nach Mallorca zu fliegen, durchaus ein gesamtdeutsches Phänomen war. Doch da war meine Griechenland-Euphorie auch schon verschwunden. Erst als ich 2002 die ersten griechischen Euro-Münzen in den Händen hielt - und nachdem Otto Rehhagel 2004 den Europameistertitel für das Land mit der blau-weißen Fahne geholt hatte - wurde ich innerlich ermahnt, dass es mal wieder an der Zeit wäre.

Im Frühjahr 2008 waren Sylvie und ich bereit. Ich wusste, es würde eine schwierige Reise, da sich Gefühle und Eindrücke niemals per Knopfdruck wiederholen lassen, und wie zur Bestätigung musste ich in der Oberstadt - der Akropolis - diesmal wahrlich nicht weinen. Aber schmunzeln.

Drei Wochen Nauplia?

Vor dem Parthenon entdeckte ich ein Schild, das besagte, dass an diesem Abschnitt des Tempels bereits seit 1990 gearbeitet wird. Ich starrte auf die Metallrohre und bildete mir ein, genau vor diesem Gerüst schon einmal gestanden zu haben, während Sylvie aufgeregt versuchte, ein Foto ohne ein solches und andere Touristen zu schießen. Es gelang ihr nicht. 1975 hatten die Restaurierungsarbeiten der Akropolis-Monumente begonnen - und ein Ende war nicht in Sicht. Das Geld dafür floss - völlig zu Recht - zum Teil aus Töpfen der EU. Doch die Vollendung des Symbols unserer gemeinsamen Kultur ließ auf sich warten.

Die Athener hetzten statt dessen wie eh und je bei Smog und hektischem Verkehrslärm durch die vermüllten Straßen ihrer Stadt. Hatte ich diesen Teil der Erinnerung verdrängt? Nach etlichen Fahrten in neu erbauten U-Bahnlinien entdeckten wir endlich auch ruhigere Ecken. Uns Stadtkinder zog es hinaus aus der Metropole - aufs Land.

Doch nach nur zwei Tagen auf Peloponnes mussten wir unsere Reise unterbrechen. Es klang wie ein Scherz, was uns die alten, rauchenden Opas vor den Tankstellen zuriefen, war aber keiner: Es gab kein Benzin. Mit dem letzten Tropfen Sprit erreichten wir Nauplia. Der Ort mit seinem klassizistisch geprägten Stadtbild gehört zweifelsohne zu den schönsten auf dem gesamten Festland - doch drei Wochen hatten wir dafür nicht eingeplant.

Außer Saison

Wir erfuhren, dass es seit Tagen einen großen Lieferantenstreik gäbe, mit dem die Fahrer der Tanklaster um höhere Vertriebsgebühren kämpften. Auf keiner meiner Reisen - nicht einmal in abgelegene Dritte-Welt-Staaten - hatte ich so etwas je erlebt: Jeden Morgen liefen wir zur Tanke, um nachzusehen, ob es wieder Treibstoff gäbe. Nach drei Tagen ging es weiter.

Endlich konnten wir nach Epidauros, in das wohl besterhaltene Amphitheater Griechenlands fahren und von den steinernen Treppenstufen den phantastischen Blick auf die Berglandschaft der Argolis genießen. Wegen der guten Akustik lauschten wir dem Geplapper einer Touristen-Gruppe auf der Bühne. Auch sie wollte noch am gleichen Tag weiter zur Ausgrabungsstätte Mykene, in der der Archäologe Heinrich Schliemann 1876 Gold gefunden hatte. Wir aber schafften es nicht, durch das berühmte Löwentor zu schreiten. Stattdessen standen wir kurz nach 15 Uhr vor - sprichwörtlich - geschlossenen Toren.

Erst in Mystras, das malerisch über Sparta thront, und endgültig im weltweit bekannten Olympia erfuhren wir, dass der griechische Staat Mitte Mai noch nicht genügend Leute für längere Öffnungszeiten eingestellt hatte. Es wäre ja auch noch keine Hauptsaison. Da wir im Urlaub gerne länger schlafen, blieb uns somit nur ein sehr enges Zeitfenster, um mit Touristen aus der ganzen Welt die Eindrücke zu teilen. Im unfassbar spektakulär gelegenen Delphi wurden wir Tage später sogar von einem selbstherrlichen Typen per Trillerpfeife vom Gelände gejagt.

Ausgestreckter Mittelfinger

Doch so schnell ließen wir uns nicht abschrecken. Wir fuhren weiter in Richtung Mani, dem Mittelfinger der Südpeloponnes. Praktisch an jeder zweiten, im Bau befindlichen Straße und Brücke sahen wir ein blaues Schild mit den Sternen der Europaflagge. Darauf stand, mit welcher Summe dieses Projekt von der EU finanziert wird. Wegweiser und Straßenschilder mit unseren Schriftzeichen wurden im gleichen Verhältnis proportional immer weniger. Doch ich meckere ja auch nicht über die wunderschönen Straßen in Ostdeutschland: In Richtung Rügen und Dresden gibt es keine Hinweistafeln in griechischer Sprache.

Mani bezaubert durch eine urwüchsige, wilde und gleichzeitig romantische Landschaft. Aufgrund seiner Abgeschiedenheit diente es den Menschen seit Jahrhunderten als Rückzugsraum auf der Flucht vor fremden Eroberern. Noch heute leben die Manioten in turm- und festungsähnlichen Wehrbauten, zu denen keine EU-finanzierten Eselspfade führen. Die Manioten gelten als unberechenbar, anarchistisch und frei - sie leben nach eigenen Gesetzen. Bis zum EU-Beitritt soll es noch die Blutrache gegeben haben.

Obwohl die Manioten Sylvie und mich sehr gastfreundlich aufnahmen, bewirteten und lächelnd unsere Euro entgegennahmen, zeigen sie dem Rest des Landes den ausgestreckten Mittelfinger. Wir waren begeistert, dass so eine Gegend im geeinten Europa überhaupt zu finden ist.

Nie wieder Drachmen!

Und dann wurde es richtig schön: Bis hoch auf die Pilion-Halbinsel in der Mitte des Landes entdeckten wir unzählige Bilderbuchstrände, Bergmassive, Schluchten, Höhlen und gemütliche Orte. Getrübt wurde der Anblick durch die Male der Zerstörung, die die großen Brände 2007 auf den einstmals so grünen Hängen und Hügeln hinterlassen hatten. In Olympia sahen wir, dass die Feuerbrunst sogar unmittelbar vor der antiken Stätte gewütet hatte. Unvorstellbar, dass sie fast abgefackelt wäre. Armes Griechenland.

Doch nein. Dies ist kein Bericht des Mitleids oder gar der Häme. Ich war 2008, wie schon viele Jahre zuvor, durch das vielleicht schönste und abwechslungsreichste Land Europas gereist. Ein fast unberührtes Wunderland. Schaut es euch an! Fahrt zu unseren geistigen Vorfahren, kurbelt den Tourismus an, helft der kollabierenden griechischen Wirtschaft - und sorgt vor allem dafür, dass ich nie wieder griechische Drachmen tauschen muss!

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insgesamt 6 Beiträge
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1.
Christian Vollrath 02.05.2010
Ehrlich gesagt werde ich aus diesem Beitrag nicht ganz schlau... Was ist denn jetzt eigentlich die genaue Aussage? Aus "aktuellem Anlass" ein eher belangloser Reisebericht, garniert (auch nach 20 Jahren wohl unerlässlich) mit typischen aber in diesem Zusammenhang vollkommen fehlplatzierten Spitzen gegen die Wessis, die natürlich im Gegensatz zu den Ossis arbeitsscheu und unzuverlässig ihre Arbeit im tristen Westteil Berlins verrichteten. Aha... das lasse ich jetzt mal unkommentiert... Vielleicht verfasse ich demnächst auch mal einen Beitrag über meine Kindheitserinnerungen an unser erstes Kaninchen als Haustier. Darauf hat die Welt bestimmt schon lange gewartet...
2.
Stephan Bartholomä 02.05.2010
Ich lebe seit 15 Jahren in Griechenland und finde Ihren Artikel sehr treffend. Ich persönlich würde nur doch die Drachmen wieder nehmen... Ich denke, dass selbst 140 Milliarden (oder mehr?) den Hellenen wenig anhaben werden.
3.
torsten steinbeck 02.05.2010
Tja, ich kann nur hoffen, dass es die Drachme bald wieder gibt, denn anders als Herr Schubert bin ich seit 20 jahren alle 2 Jahre nach Griechenand gefahren und kann nur sagen, seit Einführung des Euro ist Griechenland nicht mehr das urige originale Reiseziel das es vorher war. Der Euro hat sie verdorben, die meisten haben mehrere Jobs um an das Geld zu kommen das Sie für den Konsumwahn benötigen der dort ausgebrochen ist. Das Preis/Leistungsverhältnis ist so miserabel geworden, dass ich mir geschworen habe, bis zur Widereinführung der Drachme das Land nicht mehr zu besuchen ! Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Gebt Griechenland seine Seele und die Drachme zurück, damit es nicht länger diesem Konsumterror verfällt und wieder zu seinem gemächlichen Leben zurück kehren kann das es ausmacht. Wir sparen damit ausserdem Milliarden für ein Faß ohne Boden !
4.
Tilo Kemp 02.05.2010
Der Bericht ist zwar fesselnd geschrieben, offenbart jedoch eine köstliche Naivität.
5.
Dirk Schmidt 02.05.2010
>Ehrlich gesagt werde ich aus diesem Beitrag nicht ganz schlau... Was ist denn jetzt eigentlich die genaue Aussage? Aus "aktuellem Anlass" ein eher belangloser Reisebericht, garniert (auch nach 20 Jahren wohl unerlässlich) mit typischen aber in diesem Zusammenhang vollkommen fehlplatzierten Spitzen gegen die Wessis, die natürlich im Gegensatz zu den Ossis arbeitsscheu und unzuverlässig ihre Arbeit im tristen Westteil Berlins verrichteten. Aha... das lasse ich jetzt mal unkommentiert... > >Vielleicht verfasse ich demnächst auch mal einen Beitrag über meine Kindheitserinnerungen an unser erstes Kaninchen als Haustier. Darauf hat die Welt bestimmt schon lange gewartet... So geht es mir auch. Werde auch aus dem Beitrag nicht richtig schlau? Where is the beef? Allerdings bin ich über den Hinweis mit den blauen Schildern dankbar. Ich dachte schon, ich wäre der einzige, der der Meinung ist, an jeder Ecke wird mit Geldern der EU gebaut. Mann, die Griechen haben die EU aber sowas von vorgeführt und als Dilettantenhaufen entlarvt...
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