Mekkas der Moderne - Internationales Büro für Maße und Gewichte Zu Hause beim Meter

Kilo, Sekunde, Meter: Im täglichen Sprachgebrauch nutzen wir ganz selbstverständlich Maße und Gewichte. Aber wer legt fest, wie lang ein Meter, wie schwer ein Kilo oder wie kurz eine Sekunde ist? Milos Vec ist auf die Suche nach den wichtigsten Maßeinheiten der Welt gegangen - und hat sie in Paris gefunden.

AFP

    Katholiken haben den Vatikan, Juden die Klagemauer, Moslems Mekka. Aber wo sehen all jene ihren Mittelpunkt, die sich einem anderen Weltbild verpflichtet fühlen: weniger von einem Gott geprägt, sondern eher von Darwin, Newton und Einstein? Gibt es Orte, an denen sich wissenschaftlich orientierte Weltanschauungen manifestieren? Wo sind die Mekkas der Moderne? einestages stellt in Zusammenarbeit mit der Jungen Akademie mehrere dieser Orte vor.

Nein, sagt die Dame am Telefon, ein Besuch bei ihnen in Paris sei sehr unpassend. Es ist das Jahresende, und im Bureau International des Poids et Mesures (BIPM), dem Internationalen Büro für Maße und Gewichte, geht es emsig zu. Direktor Wallard ist vielbeschäftigt, Frau Jolly bittet um Verständnis. Im November tagte die große Generalkonferenz, ihre Resolutionen bilden eine Liste von zwölf Punkten auf der mit kleinen blauen Buchstaben überfrachteten Website. In diesem und den folgenden Jahren sollen mehrere physikalische Einheiten neu definiert werden. Standardisierer haben immer viel zu tun, ihre Arbeit nimmt nie ein Ende.

Hier, vor den Toren der französischen Metropole, liegt eine andere, eine internationale Hauptstadt. Seit 1875 residiert im Pavillon de Breteuil das BIPM. Zusammen mit drei anderen Gebäuden im westlichen Pariser Vorort Sevrès bildet das Büro ein aristokratisch wirkendes Ensemble, dessen Ursprünge bis zum Sonnenkönig Louis XIV. zurückreichen. Doch die Schauseite der repräsentativen Fassade täuscht über den harten sachlichen Kern hinweg: Das BIPM besorgt für die Weltgemeinschaft die Festlegung und Verbreitung der globalen Standards von Maß und Gewicht. Sie sind die Treuhänder der Präzision und Gleichmacherei.

Individualität versus Standardisierung

Dem BIPM liegt ein mehr als 130 Jahre alter "Weltvertrag" zugrunde. So bezeichneten die Zeitgenossen des 19. Jahrhunderts die 1875 geschlossene "Convention du Mètre" (etwa: "Festlegung des Metermaßes"). Damit bekräftigten sie von Anfang an den globalen Anspruch der gemeinsamen Mission. Diese Aufgabe hieß Metrifizierung aller Staaten der Erde, und der Vertrag wird bis heute als "Meterkonvention" bezeichnet. Aber das ist eine Untertreibung, denn sachlich und institutionell ging es um viel mehr. Die Meterkonvention war der Ausgangspunkt vielfältiger Bemühungen um die Standardisierung des Messens und Zählens. Sie beschränkte sich keineswegs auf Propaganda für das Metermaß. Das 1960 durch die Generalkonferenz der Meterkonvention eingeführte "SI-System" regelt sieben Basiseinheiten: Länge (Meter, Symbol: m), Masse (Kilogramm, Symbol: kg), Zeit (Sekunde, Symbol: s), elektrische Stromstärke (Ampere, Symbol: A), thermodynamische Temperatur (Kelvin, Symbol: K), Stoffmenge (Mol, Symbol: mol) und Lichtstärke (Candela, Symbol: cd).

Standardisierung hat heute einen schlechten Ruf, zumindest abseits von Spezialistenkreisen. Als Menschen wollen wir möglichst individuell sein, als Verbraucher schätzen wir Exklusivität und Seltenheit von Produkten, sind sehr vorsichtig, wem und welcher Marke wir uns in unserem konsumatorischen Herdentrieb anschließen wollen. Dass das DIN eine "Norm des Monats" kürt, erfüllt uns mit befremdetem Amüsement - im Oktober 2007 war es übrigens die ISO/IEC 28360. Aber von Elektro-Steckern erwarten wir selbstverständlich, dass sie genormt sind und passen. Wir rechnen Größen ungern um, und die krummen Zahlen angloamerikanischer Flächen- und Volumenangaben, die so entstehen, lassen uns ein schweres Seufzen entweichen.

Ohne Maße keine Herrschaft

Geht man historisch nur ein wenig hinter das 19. Jahrhundert zurück, gelangt man in eine Welt, die in vieler Hinsicht als das Gegenteil von unserer bis zum Überdruss verregelten und genormten Moderne erscheint. Man trifft allenthalben auf unbekannte Maße und Größen. Selbst wo gleiche Bezeichnungen vorliegen, bedeuten sie vielfach Unterschiedliches. Scheinbar klare Angabe wie "Fuß" liegen in Dutzenden von Variationen vor, je nachdem in welcher Epoche und an welchem Ort man sich befindet. Die historische Metrologie kann ein Lied davon singen.

Von hier aus bis zur internationalen Pariser Meterkonvention von 1875 war es ein langer Weg. Er verlief zunächst über die Nationalstaaten, die zunehmend ein Bedürfnis nach gleichen Einheiten verspürten. Denn ohne Gleichheit, ohne einheitliche Normen kein einheitliches Staatsgebiet, keine Herrschaft. Von den Nachteilen für Handel und Bürger ganz zu schweigen. Hätte es das Wort Verbraucherschutz damals schon gegeben, es wäre sicher oft bemüht worden, um die Missstände anzuprangern: Es gab Unklarheiten und Betrugsmöglichkeiten zuhauf.

Frankreich spielte beim bemühen um Standardisierungen eine Vorreiterrolle, und auch deswegen liegt das BIPM heute vor den Toren der französischen Hauptstadt. Frankreich "metrifizierte" den kompletten Staat und strebte zugleich nach der internationalen Verbreitung des als segensreich begriffenen Systems. Völkerrecht, nationales Recht und technische Normen mussten zusammenwirken, um dem neuen Standard eine Chance zu geben: Die französische Metrifizierung war die Summe aus wissenschaftlicher Aufklärung und politischer Revolution.

95 Prozent der Weltbevölkerung nutzen den Meter

51 Staaten sind momentan Mitglieder der Meterkonvention, 25 weitere sind der Generalkonferenz assoziiert. Die Meterkonvention war ursprünglich ein völkerrechtlicher Vertrag, geschaffen über alle politischen Grenzen hinweg, beseelt von dem Wunsch, möglichst viele Beitrittsländer zu finden, gleich welcher Staatsform und Weltgegend und welchem Kulturkreis sie angehörten. Auch im 19. Jahrhundert einigte man sich in den zwischenstaatlichen Beziehungen schwer auf gemeinsame Projekte, aber am ehesten doch auf jenen kleinsten gemeinsamen Nenner, den die Förderung von grenzüberschreitendem Handel, Verkehr und Kommunikation bildete. Abschotten wollte sich im Zeitalter von Weltwirtschaft und Weltausstellungen kaum jemand. Man wäre abgeschnitten gewesen. Noch heute gelten nicht-metrische Standards als "technische Handelshemmnisse", die es zu beseitigen gilt. Immerhin 95 Prozent der Weltbevölkerung benutzen heute von Staats wegen das metrische System.

Im Gründungsvertrag wurde das BIPM als eine internationale Behörde eingesetzt, die von den Staaten gemeinsam betrieben und finanziert wird. 2010 wird mit dem Hannoveraner Physikprofessor Michael Kühne erstmals ein Deutscher ihr Direktor sein. Er wird das Werk seiner Vorgänger fortführen, die Meterkonvention verwalten und das metrologische Forschungsinstitut leiten. Dort werden die Standards definiert. Freilich sind die Längenmaße längst nicht mehr auf menschliche Glieder zurückzuführen, sondern orientieren sich - wo es geht - an Naturkonstanten. Das beim Urmeter sichtbare Problem, wie Dinge, Referenzen und Bezeichnungen zueinander stehen, ist aber zumindest noch für die Philosophie aktuell.

Das Heiligtum des Meters bleibt verschlossen

Ein Meter ist heute eine Entfernung, die das Licht in einer 299.792.458stel Sekunde zurücklegt. Die Zeit, da der Meter durch sinnlich erfahrbare Prototypen verkörpert wurde, ist längst vorbei. Bei seiner Einführung wurde der Meter aber vielfach auf diese Weise popularisiert, für das gemeine Volk gab es ausgestellte Maße an öffentlichen Plätzen, für die internationalen Wissenschaftskollegen wurden in alle Welt Normalien veerschickt. Die DDR hatte zwei Kopien des Urmeters, Westdeutschland zunächst keine, durfte sich aber 1954 eine von Belgien kaufen.

Und nun die Frage: Kann man das verehrungswürdige Urmeter im Mekka der metrischen Standardisierung besichtigen?

Nein, sagt die Dame am Telefon, Sie können als Normalbürger das BIPM nicht besuchen, und es gibt auch keine öffentlichen Führungen. Frau Jolly bleibt auch auf Nachfrage hart. Man kann das verstehen, sie vertritt eine wissenschaftliche Institution mit einem Forschungsauftrag.

Das Urmeter zum Anfassen für französische Schulklassen und angloamerikanische Touristen, die endlich auf inch and foot verzichten sollen? In den Labors des BIPM arbeiten Wissenschaftler unermüdlich an der Verfeinerung der Standards und sind mit geradezu religiöser Inbrunst um die Reinheit der Prototype besorgt. Publikumsverkehr würde da nur ablenken oder anderes Unheil stiften. Ohnehin ist es schwierig genug, die Prototypen so aufzubewahren, dass sie ihre Funktion erfüllen. Beim Prototyp des Urkilo fehlen nach neuesten Messungen übrigens gerade mal 50 Mikrogramm. Aber man kann die Abschottung auch anders deuten: Den Uneingeweihten bleibt das Allerheiligste verborgen und verschlossen.

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Milos Vec arbeitet am Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte in Frankfurt/Main.



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