Mekkas der Moderne Auferstehung auf Knopfdruck

Mekkas der Moderne: Auferstehung auf Knopfdruck Fotos
REUTERS

Wenn Science Fiction wahr wird: Technische Visionäre machten sich in den sechziger Jahren daran, ihr Leben nach dem Tod persönlich in die Hand zu nehmen. In der Wüste Arizonas arbeiten sie seither an der Abschaffung des Todes. Gundolf Freyermuth besuchte die Zentrale der Kryonik-Bewegung. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
    3.9 (35 Bewertungen)

Auf den ersten Überblick gleicht die Wüstenstadt Phoenix einer weitläufigen Raumstation auf einem bizarr geformten Planeten. Eine Raumstation, deren Klimaanlage ausgefallen ist. Das Thermometer zeigt 42 Grad Celsius. Im Schatten. Im Air Park, dem Gewerbegebiet nicht weit vom Sky Harbor Flughafen, findet sich freilich kaum Schatten, nur kahle Flachgebäude und dazwischen kahlgeschorene Rasenflächen, auf denen Sprinkler surren.

Das Acoma Building ist ein nahezu fensterloser Doppelblock aus dunkelgrauem Beton. Hinter seiner abweisenden, ein wenig unheimlichen Betonfassade verbirgt sich die Alcor Life Extension Foundation, eine gemeinnützige Einrichtung: einige Verwaltungsräume, ein gut ausgestatteter Operationssaal und ein eisgekühltes Lager, in dem einige Dutzend vom Leben suspendierter Zeitgenossen bei minus 196 Grad Celsius ihrer Rückrufung ins Diesseits harren.

Diese Hightech-Praxis - den zumindest auf den ersten Blick exotisch, wenn nicht exzentrisch anmutenden Versuch, dem Tod durch Tiefkühlung zu entkommen - treibt eine zentrale Anstrengung der Aufklärung: die Säkularisierung des Lebens und damit auch Sterbens. Christlichem Denken sicherte der Eingang ins Paradies ein Überleben nach dem Tode. Rationalem Denken allerdings kam im Verein mit der Verabschiedung aus selbstverschuldeter Unmündigkeit diese uralte Gewissheit abhanden.

Mit Gott verging das Jenseits. Folgerichtig betrieben weltliche Utopien - seit Campanella und Morus - die Verlagerung paradiesischer Zustände vom Leben nach ins Leben vor dem Tode. Das von den Religionen viel geschmähte Diesseits erfuhr so im Prozess der Aufklärung eine steile Karriere: Vom irdischen Jammertal, dem man in richtiger Richtung gen Ewigkeit zu entkommen hatte, avancierte es zur finalen Destination menschlichen Seins, zum Sehnsuchtsort allen Glücks. In der Konsequenz konnte aufs irdische Streben nichts mehr folgen als das Nichts, die vollständige Auslöschung individueller Existenz.

Wenn aber, wer stirbt, dem aufgeklärten Verständnis nach endet, dann können Alter und Tod per se nichts anderes als ein zu beseitigender Systemfehler sein, der intelligente Individuen voller Sehnsüchte und Wissen, voller Leidenschaft und Gefühl, in ein Stück Müll verwandelt. "Aufklärung, nämliche fortschreitende Naturbeherrschung" (Horkheimer /Adorno) fand so ihren fürchterlichsten Gegner im Tod, dem Vernichter des einzigen Lebens, das der aufgeklärten Menschheit blieb.

Lange konnte die zeitgenössische Medizin gegen ihn wenig ausrichten. Wo die industriellen Mittel dem Tod ein vorläufiges Schnippchen schlugen, insbesondere in der Intensivmedizin der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, geriet das Überleben nur zu oft elender als jeder Tod. Die Idee, sich vor dem Rückstand medizinischen Wissens und Könnens in ein besseres - das heißt zukünftiges - Diesseits zu retten, lag aufgeklärtem Denken insofern nahe.

"Wir müssen nur dafür sorgen, dass unsere Körper nach unserem Tod in entsprechenden Kühltruhen gelagert werden, bis eine Zeit gekommen ist, in der die Wissenschaft uns helfen kann", heißt es im Kryonik-Kultbuch "The Prospect of Immortality": "Was immer uns heute tötet, sei es das Alter oder eine Krankheit, und auch wenn die Gefriertechniken zur Zeit unseres Todes noch sehr primitiv sein sollten, früher oder später werden unsere Freunde in der Zukunft der Aufgabe gewachsen sein, uns wiederzubeleben und zu heilen."

Mit diesen programmatischen Sätzen des amerikanischen Physikprofessors und Science Fiction-Fans Robert T. W. Ettinger begann 1964 eine Bewegung, deren Anhänger sich Kryoniker nennen; nach "kryos", dem griechischen Wort für kalt. Unter den Organisationen, die sich der Realisierung kryonischen Utopie eines ewigen Diesseits angenommen haben, ist Alcor in Phoenix, Arizona, die älteste und erfolgreichste. Der Name Alcor verweist auf einen der acht Sterne des Großen Wagens, und zwar auf den dunkelsten. In der Antike diente Alcor als Augentest: Wer ihn sehen konnte, bewies damit Scharfblick und Weitsicht.

In der Eingangshalle des Acoma-Building war es, als ich Alcor zum letzten Mal besuchte, klinisch kalt. Von Ferne aber schwang in der Eisluft ein zarter, süßer, verrottender Geruch, gegen den die Klimaanlage vergeblich ankämpfte. In der Lobby stand ein weißer Behälter, einem Propangastank nicht unähnlich. Über ihm hingen Erinnerungsfotos, ähnlich den Straßenrand-Schreinen, die in südlichen Ländern der Verkehrstoten gemahnen. Sie zeigten den ersten Menschen, der mit Professor Ettingers fixer Idee Ernst machte, den kalifornischen Arzt Dr. James Bedford. Am 12. Januar 1967 ver-starb er an Krebs. Seine Familie begrub ihn nicht, sondern folgte seinem Wunsch und "suspendierte" ihn.

Suspension heißt laut Duden "zeitweilige Aufhebung". Ihre kryonische Variante findet, nach vorheriger Abkühlung des "Patienten", in einem Bad aus flüssigem Stickstoff statt. Bedfords Vorbild folgten seitdem nicht viele, doch einige. Ende 2009 zählte allein Alcor rund tausend Mitglieder, darunter 89 Suspendierte. In der Regel freilich suchen sie, anders als Dr. Bedford, nicht mehr ihre gesamte physische Existenz für die Zukunft zu bewahren. Gerettet werden soll allein, was dem digitalen Denken menschliche Identität ausmacht: der im Gehirn gespeicherte Informationsgehalt.

Für die - im Übrigen auch billigere - "Neuropräservation" trennt das Alcor- Operationsteam den Schädel zwischen dem fünften und sechsten Rückenwirbel ab und packt ihn in eine Art Spaghettitopf, während der Restkörper entsorgt wird. Als Sondermüll, weil von Gefrierschutzmittel vergiftet.

Hinter dieser Bewahrungs-Prozedur steht die digitale Eskalierung des aufklärerischen Bildes vom Menschen. Seit dem 18. Jahrhundert folgt es in radikaler Säkularisierung dem Vorbild der jeweils zeitgenössischen Technologien. Begriffen Aufklärer wie Descartes und La Mettrie den Menschen als perfekte mechanische Maschine, primär nach dem Modell des Uhrwerks, so wandelte sich diese Ansicht mit der Industrialisierung etwa bei Freud zu weniger glücklichen, weil unfallträchtigen pneumatisch-industriellen Modellen, mitsamt den immer noch beliebten Bildern von Triebdruck oder Ventilfunktion.

Zur Mitte des 20. Jahrhunderts mündete dieser Diskurs angesichts der überlegenen Qualität industrieller Maschinen und ihrer Ersatzteilkultur bei Günther Anders in die Ansicht vom Menschen als einer unzulänglichen, also imperfekten Maschine.

Die Elite der digitalen Wissensarbeiter nun begreift den Menschen als digitale Maschine, als ein Wesen also, dessen Hard- oder Wetware von peripherer Bedeutung ist und dessen Identität in Software wurzelt: in der genetischen Programmierung einerseits, im Erinnerungswissen andererseits, gespeichert im neuropräservierten Gehirn.

Von Marvin Minskys "Society of Mind" (1986) über Hans Moravecs "Mind Children" (1988) und Gregory Stocks "Metaman: The Merging of Humans and Machines into a Global Superorganism" (1993) bis zu Ray Kurzweils "The Age of Spiritual Machines" (1999) etablierte sich die informationstheoretische Definition individueller Identität. Sie aber impliziert die Möglichkeit zur Umspeicherung auf andere Medien, etwa den biologischen Klon oder technische Medien. "Die Essenz einer Person, mein Selbst", schreibt Hans Moravec, "ist das Muster und der Prozess, der in meinem Gehirn und Körper abläuft, nicht die Maschinerie, die diesen Prozess ermöglicht. Wenn der Prozess erhalten wird, werde ich erhalten. Der Rest ist einfach Brei."

Unter dieser Perspektive ist die bei Alcor praktizierte Neuropräservation mit dem Ziel zukünftiger virtueller Wiederbelebung oder Umspeicherung - auf welches biologische oder technische Medium auch immer - Aufklärung pur.

Die Apologeten der Kryonik, überwiegend Angehörige der an der amerikanischen Westküste konzentrierten Hightech-Intelligenz, sind sich denn auch gewiss, dass wir am Vorabend eines Evolutionssprungs stehen, einer Singularität, zu deren heute noch schwer vorstellbaren Kennzeichen die Abschaffung des Todes und damit - nach der Herstellung politischer Souveränität - auch biologische Emanzipation zählt: "Wir werden kein hilfloses Vieh mehr sein", heißt es in einer kryonischen Broschüre, "das sich von einem gleichgültigen Universum zur Schlachtbank führen lässt."

Vorerst jedoch, beim aktuellen Rückstand der Medizin, bedarf es pragmatischer Übergangslösungen. Das Alcor-Zwischenlager für Verwandte und Freunde, die vom unzeitigen Tod ereilt werden, verbirgt sich im hinteren Teil des Acoma-Gebäudes. Die fast fünf Meter hohe Halle dient der Aufbewahrung der Suspensions-Tanks. In den Isolierbehältern, allesamt Spezialanfertigungen aus glitzerndem rostfreien Stahl und bis zum Rand mit flüssigem Stickstoff gefüllt, treiben die derzeit "deanimierten" Alcor-Mitglieder.

Die schlanken, knapp drei Meter hohen Thermosflaschen auf Rädern heißen "Bigfoot Dewars". Sie enthalten die Ganzkörper-Patienten sowie in ihrer Mitte - wie aus Pharaonengräbern bekannt - tiefgefrorene Haushunde und -katzen, auf die ihre Besitzer auch in der Zukunft nicht verzichten mögen. Die Spaghetti-Töpfe mit den Schädeln der Neuropräservierten ruhen in den kleineren truhenähnlichen Kühlern.

Hoffnung auf die nicht allzuferne Wiederbelebung der Suspendierten weckt bei den Kryonikern insbesondere die Nanotechnologie, die für die tiefgekühlten Gehirne Zellreparatur Atom für Atom verspricht. "Die Überwindung des Altersprozesses und das Ende des unfreiwilligen Sterbens", sagt Extropianer-Vordenker und Alcor-Mitglied Max More, "sind die wichtigsten und lohnendsten Aufgaben unserer Zeit. Der Tod ist nichts Gutes, kein normaler Bestandteil des Lebens. Der Tod ist eine Krankheit, er zerstört uns gerade, wenn wir zu reifen beginnen".

Die heutigen Spötter, meinen denn auch die Alcorianer, werden am Ende genauso wenig Recht behalten wie ihre kleinmütigen Kollegen, die vor hundert Jahren noch Flugzeuge und Raumraketen für physikalisch unmöglich erklärten. Wie die Menschheit die Schwerkraft überwand, so werde man auch bald dem Tod ein technisches Schnippchen schlagen und damit in einer zweiten Aufklärung biologisch vollenden, was die erste einst philosophisch begann: die Realisierung des Paradieses im Diesseits.

Zum Weiterlesen:

Hilmar Schmundt, Milos Vec und Hildegard Westphal: "Mekkas der Moderne - Pilgerstätten der Wissensgesellschaft". Böhlau-Verlag, 2010, 424 Seiten.

Das Buch erhalten Sie bei Amazon.

Artikel bewerten
3.9 (35 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH