Mekkas der Moderne: Bologna Völlerei und Fantasie

Mekkas der Moderne: Bologna: Völlerei und Fantasie Fotos
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Rot, fett und gelehrt: Bologna ist der lebenslustige Motor Europas. Fresssucht und Gelehrsamkeit gehen in der italienischen Metropole seit Jahrhunderten Hand in Hand. Doch jetzt droht ein bürokratischer Prozess die geniale Symbiose zu vernebeln. Von

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Katholiken haben den Vatikan, Juden die Klagemauer, Moslems Mekka, Buddhisten den Berg Kailasch.

Aber wo sehen all jene ihren Mittelpunkt, die sich einem anderen Weltbild verpflichtet fühlen: weniger von einem Gott geprägt, sondern eher von Darwin, Newton und Einstein? Gibt es Orte, an denen sich wissenschaftlich orientierte Weltanschauungen manifestieren? Was sind die Mekkas der Moderne? einestages stellt in Zusammenarbeit mit der Jungen Akademie in den kommenden Wochen mehrere Vorschläge vor - die von jedem ergänzt werden können: Veröffentlichen Sie Ihre Ideen, Fotos und Diskussionsbeiträge zum Thema auf einestages!


Am Anfang war Bologna. Bologna "la dotta", die Gelehrte. Die älteste Universität. Na ja, jedenfalls dann, wenn man das europäische Mittelalter als Beginn der universitären Zeitrechnung nimmt. Also: Bologna ist die älteste Universität, jedenfalls Europas, was auch immer Europa heißen mag. Paris und die Sorbonne lassen wir mal beiseite. So genau weiß man das eben nicht, und es kommt wie immer auf die Interpretation an: Wann zum Beispiel ist eine Universität eine Universität und nicht bloß, sagen wir, eine Schule? Wie dem auch sei, 1088 ist ein feines Datum, also: Bologna 1088, das ist der Anfang.

Am Anfang war Bologna. Bologna "la grassa", die Fette. Spaghetti waren immer Spaghetti Bolognese. Irgendwelche Geschmackserweiterungen kamen später. Carbonara (nach Köhlerart), Vongole (Venusmuscheln), Puttanesca (nach Dirnenart). Am Anfang stand die Kinderart, Bolognese eben. In Bologna, woher die Bolognese kommt, ist Bolognese zwar eher ein Ragù, das zu allem möglichen gereicht wird, nur nicht zu Spaghetti, aber so ändern sich die Gebräuche, wenn Zeiten und Räume übersprungen werden. Seit der Zeit der Gastarbeiter essen Deutschlands Kinder Spaghetti Bolognese. Warum auch nicht. Wer Bologna sieht, ist schon in den Fleischtopf gefallen. Essen, Essen, Essen, und immer an den Esser denken - das ist das Motto der Stadt. Die Schinken hängen in den Fenstern, die Käse stapeln sich auf den Regalen und die Mortadella ist die beste, die es gibt. Eine Stadt, dem Fressen ergeben. Eine Stadt wie ein wunderbares, noch ein wenig blutiges Stück Fleisch. Zum Reinbeißen. Zum Niederknien. Bologna ist ein Mekka des Primärbedürfnisses des Menschen.

Der Anfang vom Ende

Am Anfang war Bologna. Die literarische Bibel der Moderne, die französische Enzyklopädie von Diderot und d'Alembert, widmet allerdings dem geographischen Bologna 1751 nur einen Satz: "Stadt Italiens, Hauptstadt Boloniens, am Ufer des Reno, verbunden mit dem Po über einen Kanal." Am Anfang der Aufklärung stand nichts Geographisches, sondern etwas Geologisches: der Bologneser Stein, immerhin mehr als eine halbe Spalte bei Diderot. Kein Wunder. Aufklärung heißt bei den Franzosen lumières, das heißt Leuchten, Lampen. In der Umgebung von Bologna gibt es solche Lampen aus Stein. Ein Bologneser Schumacher hat die Leuchtkraft dieser merkwürdigen Steine als erster bemerkt, so sagt man. Das war Anfang des 17. Jahrhunderts. Ein Wunderstein, der einmal der Sonne ausgesetzt, nachts glühte, ohne warm zu werden. Ein natürlicher Lichtträger. Aufklärung aus Phosphor, entdeckt von einem Handwerker, der Alchimist war, mit Folgen bis heute.

Denn die Geschichte geht weiter, vom Bologneser Stein zum Barium, und damit vom Schumacher Vincenzo Casciarolo über Carl Wilhelm Scheele, Robert Bunsen, Marie Curie bis zu Otto Hahn. Wenn das kein Anfang ist. Der Anfang von Aufklärung, Experiment, Wissenschaft. Der Anfang der modernen Welt. Der Anfang vom Ende eben. Jedenfalls wenn man an Hiroshima denkt, dem Menetekel des Modernen schlechthin.

"Am Anfang war Bologna". So ist im Oktober 2007 der Leitartikel einer umfangreichen Zeitungsbeilage "Bachelor, Master & MBA" betitelt. Der Anfang war 1999, heißt es dort. Es kommt, was kommen musste: die Bologna-Erklärung und der Bologna-Prozess. Damit ist nicht etwa ein Gerichtsverfahren wegen übler Nachrede gemeint, sondern die schöne, moderne, neue Welt der universitären Ausbildung. 1999 hockten die europäischen Bildungsminister in Bologna zusammen und unterschrieben die Bologna-Erklärung. Ein uniformes Studiensystem mit der Folge internationaler Vergleichbarkeit und Anerkennung universitärer Abschlüsse - darum ging es. Als ob es dem deutschen Diplomingenieur zuvor an internationalem Ruf ermangelt hätte.

Wenn alle studieren - wer backt das Brot?

Nun denn, von da an hieß es allerorten "Bologna, Bologna, Bologna - und immer an Bologna denken". 2010 wird die Umstellung der Studiengänge in Deutschland abgeschlossen sein, wenn man einmal von den renitenten Medizinern und Juristen absieht mit ihren alten, auch noch mehrfachen Staatsexamina. 2010 also wird es endgültig so sein: gestrafftes Studium, einheitlicher Stoff, Praxisbezug, jüngere Absolventen, mehr Absolventen und dank Bachelor und Master zudem noch internationale Durchlässigkeit. Merkwürdig nur, dass heute weniger Studenten ins Ausland gehen als früher. Um etwa ein Jahr nach Bologna zu gehen, brauchte man früher kein modulares Punktesystem, sondern vor allem Zeit. Diese Zeit hat heute kaum noch ein Student. Vollgepackt ist der modular-molekulare Stundenplan. Gezüchtet aufs Erlernen des immergleichen Stoffs, hat der Lernende auf dem Weg zum Praxisturboarbeitnehmer für Abschweifungen keine Zeit mehr. Jeder Mensch soll studiert haben - nur wer backt dann das Brot?

Bologna als Stadt ist durch Bologna als Prozess weit in die Ferne gerückt. Erst beim teuer zu bezahlenden MBA, nur den angeblich Besten vorbehalten, geht es in die große weite Welt. Dem Thema Auslandsstudium ist die letzte Seite der Bologneser Zeitungsbeilage gewidmet. Man versteht nichts. Da werden eine "QS World MBA Tour" und eine "QS World Grad School Tour" vorgestellt, wobei nach der Vorstellung nur klar wird: In Deutschland wird zukünftig Englisch gesprochen werden müssen. Eine neue Sprache, das Abreviationans, muss außerdem erlernt werden, wie sollte man sonst über INSEAD, IMD, HHL, ESMT, EMBA, GISMA, TUM reden können, ganz zu schweigen vom völlig rätselhaften QS. Nur Bologna selbst kommt nicht mehr vor.

Bologna 1088, das ist der Anfang. Und den Anfang machten vor allem die Juristen. Hier lehrte als erster Irnerius. Er markierte den Beginn der Lehre dessen, was man dann später Rechtswissenschaft nennen sollte, hier, in Bologna. Gerade war eine bemerkenswerte alte Handschrift aufgetaucht, die Digesten des Justinian, also des byzantinischen Kaisers aus dem 6. Jahrhundert, der das alte Römische Recht aufschreiben und sammeln lassen hatte. Irnerius nun versah dieses gewaltige Corpus alten Rechts mit Randbemerkungen - sogenannten Glossen - und stellte so die einzelnen Rechtssätze in eine neue Verbindung zueinander.

Rechtsprechung wichtiger als Gesetze

In Bologna wurde die Schule der Glossatoren begründet, die für das Bild vom Recht, das wir heute haben, bedeutungsvoller nicht sein könnte. Die Glossatoren und Kommentatoren des weltlichen und kirchlichen Rechts legten die Grundlage für das, was wir heute juristisches Argumentieren nennen. Rede und Widerrede, eine Meinung und eine andere, Auslegung so oder so. Die Unsicherheit des Rechts wurde zum Motor der Rechtsentwicklung. Da Recht und Gesetz partout nicht eindeutig festgestellt werden konnten, musste immer wieder und immer mehr über Recht und Gesetz nachgedacht und geredet werden.

Geschadet hat diese Welt des juristischen Arguments, die sich in "Unterscheidungen" und "Widersprüchen" und "Verbindungen" verzweigt, dem Recht nicht. Der Richter, der universitären Gedankenwelt enthoben, sagte ja schließlich immer ganz genau, was Recht ist. Er entschied. Und ein anderer Richter entschied etwas anderes. Womit wieder Stoff für die Universitätsjuristen gewonnen und erneut das Spiel der Distinktionen eröffnet war. Bis heute geht das so. Egal, welche Gesetze gelten. Das ist der großartige Anfang, der in Bologna gesetzt wurde: Recht ist ein Theater der Interpretation.

Am Anfang war Bologna. Seit 1999 wird es immer schwerer, vom Anfang um 1088 herum überhaupt noch etwas mitzubekommen. Und doch ist gerade in Bologna zu erfahren, dass ein Rückblick wohltut. Giacomo Casanova, Doktor beider Rechte, Kirchenrecht und Zivilrecht, und weltbekannt vor allem in außerjuristischen Zusammenhängen, ließ sich einst im 18. Jahrhundert in Bologna eine Fantasieuniform schneidern. Das bringt uns auf die richtige Fährte: Fantasie. Darauf kommt es an. Und Fantasie braucht Geschichte, sonst gäbe es kein Material für Geschichten.

Göttliches Ragù!

Deshalb: Am Anfang war Bologna. Man gehe zu einer der schönsten Kirchen der roten und gelehrten und fetten Stadt, der Basilika San Francesco. Wunderbare italienische Gotik. Im Garten die tombe dei glossatori, die Gräber der Glossatoren. Accursius liegt hier. Zum Beispiel. Niederzuknien braucht man nicht. Es gibt keinen Grund, waren es doch bloß Juristen, ganz normale Juristen. Aber mit Phantasie malt man sich aus, wie sie ihre Glossen phantasiereich ausdachten, entlegene Parallelstellen fanden, die Ränder vollschrieben. Juristisches Tagesgeschäft bis heute. Und hat man die Fantasie über die alten Macher des Rechts an der alten Universität von Bologna schweifen lassen und vielleicht sogar einen Zipfel von dem Gedanken erfasst, dass Recht nie modern sein kann, weil es immer nur das Feld des gerade stattfindenden menschlichen Lebens beackert - dann wende man sich ab von den Gräbern, trete hinaus und kehre ein, um ein göttliches, seit Urzeiten zubereitetes Ragù zu verschmatzen.

Rainer Maria Kiesow arbeitet am Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte in Frankfurt/Main

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