Mekkas der Moderne - British Museum Wohnzimmer des Wissens

Wer diesen Ort betritt, braucht nicht den Hut zu ziehen oder die Kippa überzustreifen, nicht zu flüstern oder zu schweigen. Ein paar respektlose Fragen genügen - schon ist man Teil der Gemeinde. Willkommen im Lichthof des British Museum, dem Wohnzimmer der Götter - und dem Ort ihrer Entzauberung.

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    Katholiken haben den Vatikan, Juden die Klagemauer, Moslems Mekka. Aber wo sehen all jene ihren Mittelpunkt, die sich einem anderen Weltbild verpflichtet fühlen: weniger von einem Gott geprägt, sondern eher von Darwin, Newton und Einstein? Gibt es Orte, an denen sich wissenschaftlich orientierte Weltanschauungen manifestieren? Wo sind die Mekkas der Moderne? einestages stellt in Zusammenarbeit mit der Jungen Akademie mehrere dieser Orte vor.

"And let thy feet millenniums hence be set in midst of knowledge". Was für ein pathetisches Motto, möchte man zunächst meinen: Die Füße zukünftiger Generationen sollen also fest auf dem Boden des Wissens stehen? Dann dämmert der Hintersinn des Spruches, der mit schwarzem Stein auf dem strahlend weißen Marmorboden des Lichthofs eingelassen ist. Nicht über den Köpfen, sondern zu Füßen der Besucher, die tatsächlich inmitten der Wissensschätze aus aller Welt stehen, die in den umliegenden Galerien ausgestellt sind: "in midst of knowledge".

Das British Museum ist ein Tempel der Moderne. Das ist durchaus wörtlich gemeint, und in Stein gegossen: Die Fassade ahmt einen griechischen Tempel nach, im Innenhof steht als Allerheiligstes eine Rotunde - in der allerdings kein Götterbildnis stand, sondern der Lesesaal, in dem schon Karl Marx und Oscar Wilde und H. G. Wells recherchierten. Rechts vom Lichthof befindet sich die "Gallery of the Enlightenment", eine Art Inhaltsverzeichnis und Kurzzusammenfassung der schier endlosen Schätze des Museums. Insbesondere an schwülen Sommertagen gilt die Aufklärungsgalerie als "coolest place in town" - wegen der leistungsstarken Klimaanlage. An Regentagen dagegen ist der Aufklärungstempel einer der hellsten Orte der Stadt, denn der Lichthof wird überspannt von einer riesigen Glaskuppel, die viele Besucher zunächst sprachlos innehalten lässt, wenn sie das Museum betreten, geblendet vom weißen Marmor.

Dionysos und Hatschepsut, Jesus und Mohamed

Das British Museum ist ein modernes Pantheon. Hier sind sie alle versammelt: Dionysos und Apollo, Gilgamesh und Hatschepsut, Jesus, Buddha, Mohamed und Kozo, der doppelgesichtige Hundegott aus dem Kongo, sowie ägyptische Mumien, keltische Gefäße, aztekischer Kopfschmuck und chinesische Terrakotta. Hier wird die Vielfalt der Kulte und Kulturen gefeiert - und durch die Überfülle relativiert. Und im Zentrum, in the midst of knowledge, thront eben der lichte Innenhof, mit Tischen und einem Café und dazu einem Basar aus Aufklärungskitsch, vollgeramscht mit Sarkophagen aus Schokolade und griechischen Göttern als Briefbeschwerern.

Die Anfänge des Museums liegen in der Privatsammlung von Sir Hans Sloane, einem irischstämmigen Arzt, der die Schönen und Reichen seiner Zeit behandelte. Als Leibarzt des Gouverneurs von Jamaica hatte Sloane mit dem Sammeln begonnen. Zunächst baute er einfach ein Kuriositätenkabinett auf, wobei seine ungerichtete Neugier sowohl den Gallensteinen eines Pferdes galt als auch einem Landschaftsgemälde, gepinselt auf ein Spinnennetz. Als Sir Hans Sloane 1753 starb, kaufte das britische Parlament seine 80.000 Ausstellungsstücke auf, erließ den "British Museum Act", und widmete die Sammlung der Öffentlichkeit - "for the use and benefit of the publick". Das Motto gilt bis heute. Der Eintritt ist seit jeher kostenfrei. Und an sogenannten "Sleepover nights" findet in der Dämmerung eine Art Wachwechsel statt: Während die Tagesbesucher das Museum verlassen, stürmen Kinder mit Schlafsäcken die Ausstellungssäle, um Sarkophage zu basteln und unweit der ägyptischen Mumien zu übernachten.

Sarkophage aus Schokolade

Im Lauf der Zeit wurde es zu einem patriotischen Akt für Könige und Adlige, ihre besten Sammlungsstücke dem Museum zu vermachen. Immer wieder quollen die Arsenale über, und immer wieder fand so etwas wie eine Zellteilung statt, 1963 wurde das Museum of Natural History unabhängig ausgelagert, 1990 die British Library - beides ihrerseits Institutionen von Weltrang.

Wegen der Überfülle präsentiert das Museum neuerdings das Wichtigste zuerst: Gleich links, nur ein paar Schritte vom Souvenirladen mit den Schoko-Sarkophagen, steht ein Quader aus schwarzem Stein, fast eine dreiviertel Tonne schwer, über und über mit geheimnisvollen Schriftzeichen beschrieben, uralt, unnahbar und fremd, und doch vertraut seit Kindertagen: Der Stein von Rosette, eine Art heiliges Objekt - und ein Meilenstein der wissenschaftlichen Moderne.

Das Staunen gilt nicht nur dem Stein selbst, der über 2.000 Jahre alt ist, sondern vielmehr einer der großen Erfolgsgeschichten der Aufklärung. Die Stele ist dreisprachig beschrieben, auf Griechisch, Demotisch und mit Hieroglyphen. Inhaltlich ist sie relativ uninteressant, auf ihr lobt sich lediglich ein selbstverliebter Gottkönig ausgiebig selbst. Aber die beiden bekannten Sprachen ermöglichten wie eine Art Wörterbuch, die Bedeutung der ägyptischen Hieroglyphen zu entziffern, die in der Zwischenzeit längst in Vergessenheit geraten waren. In der Arena der Linguistik lieferten sich die beiden imperialen Supermächte der damaligen Zeit - Frankreich und Großbritannien - ein vielbeachtetes Duell, vergleichbar dem Wettlauf zum Mond zwischen den USA und der Sowjetunion.

Reliquie der Aufklärung oder Beutekunst?

Das Original ist heute eine Reliquie der Aufklärung - und ein Stein des Anstoßes: Ägypten fordert seit 2002 die Rückgabe des Quaders, weil er eine "Ikone der ägyptischen Identität" sei. Ursprünglich wurde der Stein von napoleonischen Truppen zufällig beim Verstärken einer Festungsmauer in der Festung Rosette im Nildelta gefunden, und mit der Niederlage Napoleons von London beansprucht. Dies sei "Kunstraub", wehrte sich ein französischer General, und kopierte in der Zwischenzeit eilig die Schriftzeichen, um sie nach Frankreich zu schicken. Während der Stein selbst längst in London war, triumphierte der Privatgelehrte Jean Francois Champollion über dessen Rätsel anhand von schlechten Kopien - und gewann den Wettlauf.

Doch die heroischen Schaukämpfe in der Arena des Geistes gelten vielen heute als Makel. Für Kritiker sind viele der britischen Sammlungsstücke nichts als Beutekunst indigener Völker, zusammengeraubt in den einstigen Kolonien. Griechenland etwa fordert die Parthenon-Reliefs zurück, China die über 23.000 Kunstwerke aus dem Reich der Mitte, auch jüdische Erben haben sich gemeldet.

Je stärker der moralische Druck wird, desto aggressiver inszeniert das Museum die Werte der Transparenz und des Universalismus. Die gigantische Glaskuppel ist auch eine Verteidigungsstrategie. "Wenn wir alle Fundstücke zurückgeben würden, gäbe es keinen Kulturaustausch mehr", wehrt sich der Direktor Neil MacGregor gegen die Rückgabeforderungen, "wir machen die Kunst aus aller Welt zugänglich für alle Welt."

Ordnung und Allwissenheit

Ein Schachzug im Kampf um die kulturelle Hoheit könnte der neue Internet-Auftritt werden: Die Besucher können sich dann online über die Bestände informieren, egal ob in Newcastle oder in Nairobi. Damit könnte endlich auch die leidige Debatte um die Rückgabe der Exponate an die Herkunftsländer vom Tisch sein, so mag der Direktor des Online-Museums insgeheim hoffen. Als symbolische Geste des guten Willens hat das British Museum aber dennoch den Stein von Rosette nach Kairo schicken lassen - als Abguss.

Doch der virtuelle Raum dürfte wohl kaum die Sehnsucht nach einer Pilgerreise zum realen British Museum und zum realen Stein von Rosette ersetzen; jenes erhabene Gefühl, in den hellen Lichthof zu treten und sich mit den Füßen auf das Wort "knowledge" zu stellen. Nicht jeder versteht das Motto des British Museum auf dieselbe Weise, sein Universalismus scheint nicht universell zu sein. Es macht eben einen erheblichen perspektivischen Unterschied, ob man von unten durch das Glas hinausblickt - oder von draußen hinein. Immer wieder kommt es zu tödlichen Missverständnissen, denn Transparenz birgt eigene Risiken. Möwen stoßen aus heiterem Himmel herab und zerschmettern mit tödlicher Wucht an den Scheiben. Im Museum geht man mit diesen Kollateralschäden pragmatisch um. Um Tauben und Möwen zu verjagen, wird Emu alle paar Wochen auf Patrouille geschickt, hoch droben im Luftraum über der Kuppel und über dem Union Jack. Emu ist ein Falke. Ein entfernter Verwandter des ägyptischen Falkengottes Horus also, dem Inbegriff von Ordnung und Allwissenheit.

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Stefan Gies, 28.04.2016
1. Mekka?
Das British Museum ist doch kein Ort der Unterwerfung unter imaginäre Himmelswesen, Realitätsverleugnung und roher Massenverdummung. Dieser Vergleich ist extrem beleidigend.
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