Mekkas der Moderne: Cape Canaveral Das Kap der hohen Hoffnung

Mekkas der Moderne: Cape Canaveral: Das Kap der hohen Hoffnung Fotos
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"Three ... two ... one": In den fünfziger Jahren richtete die Welt ihre Augen nach Cape Canaveral - eine Startrampe in die Unendlichkeit! Peter Glaser erzählt, wie aus dem Himmel der Weltraum wurde und Schwarzpulver- Space- Shuttles den heimischen Garten verwüsteten. Von

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Katholiken haben den Vatikan, Juden die Klagemauer, Moslems Mekka. Aber wo sehen all jene ihren Mittelpunkt, die sich einem anderen Weltbild verpflichtet fühlen: weniger von einem Gott geprägt, sondern eher von Darwin, Newton und Einstein? Gibt es Orte, an denen sich wissenschaftlich orientierte Weltanschauungen manifestieren? Wo sind die Mekkas der Moderne? einestages stellt in Zusammenarbeit mit der Jungen Akademie in den kommenden Wochen mehrere Vorschläge vor - die von jedem ergänzt werden können: Veröffentlichen Sie Ihre Ideen, Fotos und Diskussionsbeiträge zum Thema auf einestages!
Aus dem Weltall sieht das Stück an der Atlantikküste aus wie ein griechisches Profil. Auf Höhe der Nasenwurzel sind zwei Flecken erkennbar. Beim Näherkommen, während man im Sturzflug auf die Ostküste Floridas niederfährt, die sogenannte "Space Coast", erscheinen sie wie zwei riesige Seerosenblätter - die Ränder, das Aderwerk, das Grün. Wenn man nahe genug über dem Boden ist, sieht man dann in der Mitte der vermeintlichen Blätter, deren Adern sich bereits in Straßen aufgelöst haben, jeweils eine gewaltige Stahlkonstruktion aufragen. Es sind die Startplattformen der Space Shuttles. Das ist Launch Complex 39.

Von den beiden Starttürmen führt eine lange, breite Straße auf eine wie ein Straßendorf hingestreckte Ansammlung von Gebäuden zu. Alles dort überragt ein imposanter Hallenwürfel, das Vehicle Assembly Building (VAB). Beim Aufmalen der 2.144 Quadratmeter großen amerikanischen Flagge und des NASA-Emblems auf eine der Seitenwände wurden mehr als 22.000 Liter Farbe verbraucht. Das VAB ist mit 3,6 Millionen Kubikmetern das am Volumen gemessen drittgrößte Bauwerk der Welt. Zum Vergleich: Die Cheops-Pyramide umfaßt 2,5 Millionen Kubikmeter. Im Zeitungsinnenteil der Micky Maus-Hefte wurde einmal berichtet, dass sich bedingt durch die gewaltige Größe der Raketenhalle manchmal eine eigene Wetterlage in dem Gebäude bildete. Eine eigene Wetterlage!

Der Himmel als technisches Problem

Das Nasenrückenküstenstück ist gesäumt von weiteren Raketenstartrampen, die meisten davon betreibt die US Air Force. Wo von der Nase ausgehend ein Augenlid sein müßte, erstreckt sich eine weitere, sehr lange Piste. Es ist die Landebahn für die Space Shuttles, sie wird selten benutzt. Der geografische Name des Areals ist Merrit Island. Der mythische Name ist John F. Kennedy Space Center.

Ursprünglich für das Apollo-Programm erbaut, wurde es später zum Startpunkt für die seit April 1981 durchgeführten Space Shuttle-Missionen umgebaut. In den fünfziger Jahren hatte der Himmel sich in ein technisches Problem verwandelt. Die Frage stand im Raum, wer ihn als erster befahren würde. Der Himmel hieß nun Weltraum und hatte sich aus der duftigen Sphäre der Religion zu einem handfesten politischen Interesse verdichtet. Im Oktober 1957 setzten die Russen Sputnik I aus, den ersten künstlichen Himmelskörper.

Die Eroberung des Firmaments durch die Raketenwissenschaft begleitete mein Heranwachsen wie eine natürliche Leidenschaft. Als kleiner Junge in den sechziger Jahren fühlte man sich ganz selbstverständlich aufgerufen, mit an der Eroberung des Raums teilzunehmen.

Raumkreuzer Orion

Cape Canaveral wurde der zentrale Ort dieser Erstürmung. Angeblich benutzte Wernher von Braun eine Geschichte des Science-Fiction-Autors Arthur C. Clarke, um Präsident Kennedy von der Notwendigkeit der bemannten Raumfahrt und von Flügen zum Mond zu überzeugen. Die Illustratoren populärer Magazine wie "Colliers" oder "Popular Mechanics" und Wunderwelten-Profis wie Walt Disney entwarfen grandiose Bilder von Raumstationen und Reisen durchs All, welche die Fantasien einer zukunftshungrigen Generation entzündeten. In den monumentalen Bauwerken auf Cape Canaveral kristallisierten die luftigen Gedanken.

Bald nachdem im deutschen Fernsehen Commander Cliff McLaine mit dem schnellen Raumkreuzer Orion zur ersten Raumpatrouille gestartet war, hatte das US-Raumfahrtprogramm mit Griffen in den Götterhimmel der alten Griechen - Mercury, Gemini, Apollo - das der Sowjets überflügelt. Eine zeitgemäße Dunkelheit verhüllte Orte weit jenseits des Eisernen Vorhangs, das Sternenstädtchen und Bajkonur; machtpolitischer Nebel nahm die Sicht auf Peenemünde und die Anfänge der Raketentechnologie im Deutschland des 2. Weltkriegs. Am Vormittag des 24. Juli 1950 wurde der Weltraumbahnhof auf Cape Canaveral mit dem Start der ersten mehrstufigen Rakete überhaupt, einer ausgebauten V2-Rakete namens "Bumper 8" von Rampe 3 des Long Range Proving Ground, eingeweiht.

Wir Jungs bauten unterdessen aus Draht und Isolierband die Strahlenwaffen der Orion-Crew nach und laserten einander damit draußen auf der Straße im Vorbeifahren von den Juniorfahrrädern. Wenn die Raumpatrouille flog oder ein Lift-off von Cape Kennedy anlag (das später wieder in Cape Canaveral rückbenannt wurde, da die Einwohner auf der 400 Jahre alten Namensgebung bestanden), galt eine Ausnahmeregelung entgegen der sonst strikt dosierten Fernseherlaubnis.

Schwarzpulver und Coca-Cola

So waren die Raketenstarts von Cape Kennedy zugleich auch die Einflugschneise hinauf ins Erwachsenwerden: Fernsehen nicht mehr nur bis zum Sandmännchen, sondern mit Open End, manchmal den ganzen Tag lang, während eine mächtige Saturn V-Rakete im Startturm wartete, Kältewolken von den Tankwänden wehten und Professor Heinz Haber physikalische, technische und astronomische Hintergründe erläuterte. Passend zu Countdowns lautet die Telefonvorwahl für Cape Canaveral übrigens 321.

Dem unausgesprochenen allgemeinen Aufruf zur Weltraumfahrt folgend, entwickelte ich in dem chemischen Laboratorium, das aus einem Chemiekasten im Keller des Elternhauses hervorgegangen war, Festtreibstoffe nach dem Grundrezept einer Schwarzpulvermischung. Die Mischung, etwa ein Pfund, füllte ich in einen Rundkolben aus Jenaer Glas und versuchte, das Geschoß im Garten aus einem gußeisernen Christbaumfuß zu starten. Das Glas schmolz, in der Wiese blieb ein verkohlter Fleck und ich zog mir den Zorn der Nachbarinnen zu, deren Wäsche mit Schwefelschwaden imprägniert wurde. Der Wissenschaft waren Opfer zu bringen.

Die erste Mondlandung sah ich in der Sommerfrische mit den Bauern in einem Landgasthaus. In dieser langen Nacht trank ich vor Aufregung zwei Liter Cola mit der Folge, dass ich Colageschmack bis heute nicht mehr vertrage.

Raumfahrer und Mumien

Der Überdruß am Raumfahren stellte sich alsobald ein. Die nachfolgenden Mondlandemissionen, mit denen die siebziger Jahre begannen, waren unbedeutend, langweilig, kalt und grau wie der Mond. Erinnert sich jemand an die zweite Mondlandung? Oder an die letzte? Der eine, entscheidende, himmlische Moment war längst verglüht, Cape Canaveral ein Riesenhaufen Zement und Stahl. Als die Ära der Space Shuttles begann, war der gewaltige Zauber verflogen, mit dem sich die Saturn-Raketen und die kleinen Apollo-Kapseln obenauf aus der Erdschwere erhoben hatten. Shuttle-Starts im Fernsehen waren banal, als würde man die Abfahrt eines Schnellzugs übertragen.

Das eigentliche Produkt der Mondlandemission war längst eingefahren. Es war nie um Forschung gegangen, sondern immer nur darum, Wolkenkratzer zu bauen, die fliegen können. Als der deutsche Raketenpionier Eugen Sänger 1958 sein Buch "Raumfahrt - technische Überwindung des Krieges" veröffentlichte, genügte zur Begründung der Raumfahrt ein Zitat des Papstes. Es war einzig darum gegangen, mit den riesigen Raketen den Stahlhochbau zu der selben Vollendung zu bringen, zu der die alten Ägypter mit dem Pyramidenbau die Steinbearbeitung geführt hatten. Als modernes Zentrum der Himmelfahrt war Cape Canaveral weit mehr als ein technologischer Brennpunkt.

Pyramidenbau und Raumfahrt gleichen sich in vielem. Die Ähnlichkeiten zwischen einem Astronauten in seinem weißen Schutzanzug und einer Mumie sind unübersehbar. Beide Großbauten, Pyramide und Rakete, dienen der Reise in die Unendlichkeit. Es ist Religion in der Maske von Maschinen - sofern Religion bedeutet, jenes besondere Gemeinschaftsgefühl hervorzurufen, jenes Gefühl, eine Menschheit zu sein, mit der wir uns dem unendlichen Schweigen der Natur entgegenstellen.

Mondstein für Milliarden

Die technische Himmelsbewältigung stagniert. Die Erde hat sich in einen Schleier aus Satelliten gehüllt, aber die phantastischen Verheißungen des Himmels vagabundieren nun wieder über die Erdoberfläche. Nach der Challenger-Katastrophe trat die Hoffnungslosigkeit der bemannten Raumfahrt unübersehbar zu Tage. Der Versuch, den exzessiv lebensfeindlichen Weltraum mit menschlichem Eroberungsdrang zu beleben, war nach dem milliardenteuren Einflug mehrerer Kilo Mondgestein längst in der Kälte des Kosmos verweht.

Im September 2004 wurden Teile des Kennedy Space Center von Hurrikan Frances schwer beschädigt. Ein Teil der Gebäudeverkleidung des VAB wurde weggerissen und der Bereich, in dem die Hitzekacheln des Space Shuttle montiert werden, schwer beschädigt.

Heute sehen wir in Cape Canaveral im "Rocket Garden" das paradoxe Gegenteil dessen, wozu die Anlage ursprünglich gebaut worden ist: liegende Raketen, die auch noch am Boden festgeschraubt sind. Längst wenden wir Himmel und All auf technologischem Weg nach Innen. Das Internet ist die Demokratisierung der Raumfahrt - nun kann jeder mitfliegen.

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